Schrittchen zur Aufarbeitung des Franquismus

Ralf Streck 28.10.2007 20:49 Themen: Antifa Weltweit
Am Mittwoch wird im spanischen Parlament ein winziges Schrittchen zur Aufarbeitung des Franquismus gegangen. Doch mit dem Gesetz zur Rehabilitierung der Opfer ist niemand zufrieden. Die Kirche hat heute erneut in den Prozess interveniert und die größte Massenseeligsprechung von ermordeten katholischen Franco-Anhängern durchgeführt.
Mit großer Verspätung will die spanische Regierung ihr Gesetz zur Aufarbeitung der Franco-Diktatur noch den Wahlen im nächsten März verabschieden. Die neue Fassung soll am Mittwoch das Madrider Parlament passieren, das Opferverbände und Menschenrechtsorganisationen ablehnen.

Das "Gesetz zur Wiederherstellung der historischen Erinnerung" für die Opfer der Diktatur hat einen traurigen dreijährigen Weg hinter sich. Die Sozialdemokraten (PSOE) hatten für die zweite Regierungsperiode nach dem Tod des Diktators 1975 erneut die moralische Rehabilitation der Opfer versprochen. Von einer Bestrafung der Verantwortlichen, die noch heute hohe zum Teil höchste Ämter einnehmen, wurde ohnehin nie geredet.

Nur zaghaft wurde das Projekt gegen die starke Volkspartei (PP) vorangetrieben. Die Postfaschisten weigern sich weiter, den Putsch gegen die Republik und vierzigjährige Diktatur zu verurteilen. Dass erst mit dem Gesetz damit die Symbole des Faschismus entfernt werden sollen, zeigt 32 Jahre nach dem offiziellen Ende der Diktatur das spanische Problem mit seinen Altlasten an. Man stelle sich Hitler-Strassen mit Hakenkreuzen in Deutschland vor, wie sie analog in Spanien noch überall zu finden sind.

Für einen großteil der Opfer bringt das Gesetz gar nichts, sie sind ausgeschlossen, weil es kein Urteil gab, dass sie anfechten könnten. Die franquistischen Urteile wurden nicht einmal annulliert, wie die Opfer fordern, sondern nur als "illegitim" erklärt. Auch Amnesty International kritisiert das Gesetz scharf.

Hintergründe und wie die katholischen Unterstützer der Diktatur in den nur zaghaften Vorgang intervenieren, gibts zunächst in dem Artikel

Katholische Kirche stellt sich hinter Franquisten

Fast 500 Spanier wurden in Rom selig gesprochen, die im Bürgerkrieg von den Republikanern getötet wurden, während der Vatikan Opfer der Faschisten aussparte

 http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26502/1.html

© Ralf Streck, den 28.10.2007
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Ergänzungen

Verstehs ja nicht

Paul 29.10.2007 - 17:28
Fand alle drei Beiträge inhaltliche Erweiterungen. Jedenfalls gibt es auf der Seite der Graswurzelrevolution noch ein paar nette Artikel zum Thema, die auch zeigen, dass es bei den Anarchos nicht so richtig gut zuging.

 http://www.graswurzel.net/316/spanien.shtml

Anarchistische Verantwortung für Morde an katholischen Geistlichen im revolutionären Spanien 1936-1937
Während der sozialen Revolution in Spanien, die dem Putsch rechter Militärs vom 18. Juli 1936 folgte und die vor allem in Katalonien und Aragón deutlich libertäre Züge trug, kam es zu einem religiösen Massenmord: 7.114 Mitglieder des weltlichen und geistlichen katholischen Klerus verloren gewaltsam ihr Leben

 http://www.graswurzel.net/315/patxi.shtml

Der Priester der Milizen
Zum Seligsprechungsverfahren für den baskischen Priester Aita Patxi (1910-1974)
Die Rechtfertigungsstrategie der katholischen Kirche Spaniens für ihre unrühmliche Verwicklung in den Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) und die Diktatur Francos (1939-1975) besteht darin, dass sie 1936 unschuldig Opfer blutiger Verfolgung geworden sei und keine andere Wahl gehabt habe, als sich zu verteidigen. Wissenschaftliche Erkenntnisse, wie etwa, dass sich namhafte Kirchenführer schon vor Beginn der Verfolgungen klar auf Seiten Francos positionierten, haben diese Strategie nicht erschüttern können. Die gesamte Argumentation des konservativen Klerus leitet sich her von dieser Grundbehauptung: Nein, man habe sich niemals "politisch betätigt"; ja, extreme Gewalt sei notwendig gewesen usw. Seligsprechungen "spanischer Märtyrer" durch den Vatikan beglaubigten bisher diese Lebenslüge der spanischen Kirche. Das könnte sich ändern.

(Ändert sich leider nicht, sonst wär Patxi dabei gewesen)

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Verstecke die folgenden 3 Kommentare

Deutscher Papst

Christ 29.10.2007 - 10:58
Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet ein deutscher Papst jetzt Gegner der spanischen Republik in einer Massenseligsprechung ehrt (Die Seligsprechung ist die Vorstufe zur Heiligsprechung und erlaubt das regional begrenzte Anrufen der Seligen zur Fürsprache bei Gott für den Betenden).
Es ist aber darauf ausdrücklich hinzuweisen, dass die im spanischen Bürgerkrieg getöteten Mönche und Priester, die jetzt selig gesprochen wurden, eben nicht alle Faschisten oder Unterstützer der Faschisten waren. Viele waren einfach nur "zur falschen Zeit am falschen Ort" und wurden willkürlich ausgesucht. Das gehört auch zur Wahrheit.
Aber dennoch bleibt festzuhalten, dass gerade jetzt, wo in Spanien die Franco-Denkmäler endlich geschleift werden und wo die Faschisten mit den Opfern, die sie ermordeten, konfrontiert werden, dass also gerade jetzt exponierte Vertreter der (röm.-kath.) Kirche in Spanien verehrt werden. Die Kirche aber war von Anfang an Unterstützer Francos und wurde so zur Zielscheibe für die Republikaner im Bürgerkrieg. Das aufzuarbeiten wäre Aufgabe des Papstes.
Schade, es wurde eine große Chance für Ehrlichkeit und Versöhnung vertan. Tragisch, dass das ausgerechnet ein deutscher Papst zu verantworten hat, der einmal in der HJ war.
Es bleibt wirklich noch sehr viel aufzuarbeiten. Dieses Aufarbeiten der Geschichte muss auch konkrete Folgen im Handeln in der Gegenwart und ebenso in der Zukunft nach sich ziehen. Das geschieht aber gerade jetzt nicht.

@christ

Paul 29.10.2007 - 11:15
Du solltest mal lesen den wirklich guten Text auf Telepolis lesen, den Ralf hoffentlich hier auch noch postet. Die Symbole des Faschismus werden nicht geschliffen, das ist genaus sozialdemokratische Propaganda wie, dass die Opfer rehabilitiert werdern. Die Symbole können beseitigt werden und werden nicht verboten und die Mehrzahl der Opfer wird weder rehabilitiert noch erhalten sie Entschädigungen.

Die Mehrzahl der Christen waren auch sicher keine Unschuldigen. Die waren auch nicht einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort, sondern haben zum Putsch gehetzt und zum Teil aktiv teilgenommen, als Folterer. Ein Bischof wurde sogar General, klar er war zum falschen
Zeitpunkt am falschen Ort.

Keiner bestreitet, dass es auch Verbrechen in der Republik gab, aber die wurden sogar von öffentlicher Seite verfolgt. Genau das Gegenteil war aber bis heute der Fall mit Zehntausenden Republikanern, Anarchisten, katal., baskische und galizische Nationalisten die
ausgemerzt wurden, weil sie ne andere Meinung hatten.
Ich empfehle den Artikel aus dem auch das Bild stammt und da sieht man, dass das meist keine unschuldigen waren, sondern sogar bewaffnet vorgingen.  http://de.indymedia.org/2007/08/191743.shtml

denunziation und weihrauch

yomango 29.10.2007 - 11:49
@christ: ich kann nicht nachvollziehen, woher du die angebliche "Wahrheit" hergenommen hast.
Die "seliggesprochenen Märyter" sind allesamt nicht "zufällig am falschen Ort gewesen", sondern waren aktive Unterstützer der Franco-Dikatur. Viele denunzierten die WiderstandskämpferInnen vor Ort usw. nicht wahrheitsgemäss ist die in den deutschen Medien verbreitete Aussage, die "linken Milizen" hätte sie ermordet... oft wurden die Priester von den menschen der einzelnen dörfer erschossen, als die Milizen das Dorf von den Faschisten befreit hatte.... also literatur (auch sogenannte republikanisch-bürgerliche) gibts genug.

Es ist eine Ungeheuerlichkeit, daß zum einen die Seligsprechung überhaupt geschieht, und zum anderen die spanische Kirche bis heute sich in keiner weise für ihre Kollaboration entschuldigt hat.... zumal es auch priester, mönche und nonnen gab, die sich gegen den faschismus (mit-)gewehrt hatten.... die wären doch eher von seiten der katholischen kirche zu ehren