Strike-Bike und die Rolle der Gewerkschaften

Jens 08.10.2007 23:44 Themen: Soziale Kämpfe
In Deutschland wird eine Fabrik besetzt, die 135 ArbeiterInnen zeigen einen hierzulande fast nie da gewesenen Zusammenhalt, besetzen die Fabrik seit nun 3 Monaten und entscheiden sich zu einem in Deutschland für unmöglich gehaltenen Schritt; der Produktion in Selbstverwaltung. Wohlgemerkt in einem besetzten Betrieb. Damit überschreiten sie alle Grenzen, welche wir uns im Rahmen von Aktionen der DGB Gewerkschaften vorstellen können.
Und haben damit einen Erfolg welcher in die Geschichte eingehen wird.

Über google finden sich zwei Wochen nach dem Start der Kampagne sagenhafte 300.000 Einträge zu "Strike-Bike" aus der ganzen Welt. Und fast nirgends ein Wort über die IGM, sondern nur über die in Deutschland wirklich kleine anarchosyndikalistische FAU.

Mir drängte sich sofort eine Frage auf: Was bitte, außer Gejammer über „Heuschrecken“ und die dazu passende Demo in Frankfurt, hat „meine“ Gewerkschaft, die IGM, mit der Geschichte in Nordhausen zu tun?

Ein erster Artikel der das Thema überhaupt erwähnt, von Peter Nowak (Telepolis / Heise) vom 2.10.2007, lässt endgültig aufhorchen. Die IGM als Blockiererin dieser Aktion?

Zitat:
Die Tatsache, dass DGB-Gewerkschaften in dem Werk nicht Fuß fassen konnten, hatte die pragmatische Zusammenarbeit mit der FAU sogar erleichtert. Denn durch feste DGB-Strukturen wird in der Regel sehr streng darauf geachtet, dass Konkurrenten von links dort gar nicht erst Fuß fassen können. Dazu werden mitunter auch Verbote und andere administrative Maßnahmen angewandt. Die Arbeiter in Nordhausen haben sich hingegen immer gegen jegliche Bevormundung von Parteien und Gewerkschaften gewandt.
Zitat Ende....

Bei genauerer Recherche zu IGM und Strike-Bike findet man dann höchstens lokale Unterstützung, allerdings, wohl bezeichnenderweise, nie von der IGM-Verwaltungsstelle Nordhausen. Sondern z.B. von der IGM Leipzig. Und dort wird´s dann richtig peinlich, anscheinend allerdings ohne die Schuld der lokalen Aktiven, sondern durch den ihnen wohl zentral vorgegebenen Inhalt. In Aufruf des IGM-Leipzig Blogs wird versucht, die Zusammenarbeit der KollegInnen mit der FAU zu vertuschen:

Zitat:
Liebe KollegInnen,
fast wörtlich schreibt Ihr den Flyer zum Strike-Bike ab. Erstmal schön und gut. Im Original heißt es: “In konstruktiver Zusammenarbeit mit der Radspannerei Berlin Kreuzberg, der Cafe Libertad eG aus Hamburg und der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft der www.fau.org wurde das Konzept kurzfristig entwickelt. ” Warum verschweigt Ihr, die Zusammenarbeit mit der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft? Habt Ihr so wenig Selbstbewußtsein?
Zitat Ende

Am 4. Oktober in der "Jungle World" dann das erste Mal offene Kritik an der IGM durch Folkert Mohrhof von der FAU:
»Was wir als Mini-Gewerkschaft bekommen haben, ist internationale Solidarität«, sagt Folkert Mohrhof, der Pressesprecher des »Solidaritätskreises Strike-Bike« der FAU, im Gespräch mit der Jungle World. Nur die IG Metall kritisiert er. »Es ist eine absolute Sauerei, von der IG Metall kommt überhaupt nichts.« Und er fährt fort: »Wieso kaufen die eigentlich keine Strike-Bikes? Die hätten die Möglichkeit zu einer Großbestellung.«

Und im selben Artikel das Eingeständnis:
Astrid Schwarz-Zaplinski, die erste Bevollmächtigte der IG Metall Nordhausen, reagiert auf diese Frage ausweichend: »Einzelne Kollegen und Kolleginnen der IG Metall werden sicherlich bestellen.«

Wirklich beeindruckend.....

Und dann, einen Tag später und direkt hier auf Indy verlinkt (und auch über jede Suchmaschine leicht zu finden), der unfassbare Bericht eines Kollegen von der Radspannerei Kreuzberg über einen Besuch in Nordhausen.

Zitat:
als nachtrag noch einen kleinen wermutstropfen. die ig-metall, welche die belegschaft mehr als zwei monate hingehalten hatte, sie vielmehr noch zu überreden versuchte, den kampf aufzugeben im hinblick auf die konsequenzen, sozusagen angstmacherei betrieb, und die eigentlich in ihrer funktion selbstverständliche unterstützung versagte, sprang erst wieder auf den zug auf, nachdem die „tagesthemen“ der ard einen bericht über die werksbesetzung gesendet hatte. sie warb um die 65 noch nicht-mitgliederinnen ihrer organisation, bot ihnen, um die entscheidung zu erleichtern, zinslose darlehen an. 30 der jetzigen vereinsmitglieder vom bikes aus nordhausen e. v. traten ein. der mitgliedsbeitrag von 30,-€ wurde ihnen umgehend vom konto abgezogen, jedoch wurde bis heute kein einziges darlehen gezahlt. statt dessen wurden wimpel und ig-metall-girlanden aufgehängt, plakate gedruckt, die kaum erfüllbare forderungen an die heuschreckengesellschaft „lone-star“ richtet, welche in den usa residiert, und die unvermeidliche, weithin sichtbare ig-metall-flgge gehißt.
professionell und erfahren wie sie ist, wurde die fau mit der fehlinformation versorgt, die offizielle pressekonferenz am 02.10.2007 sei um 15:00 uhr angesetzt. eine information, die erstmal niemand anzweifelte, was sich im nachhinein als fataler fehler herausstellte. denn in wirklichkeit hatten sich mehrere fernsehteams und redaktionen einiger namhafter tageszeitungen schon um 12:00 im werk eingefunden, so daß die ig-metall allein mit auf dem podium saß, um sich als haupt-solidaritätsorganisations zu präsentieren. die initiatorinnen von cafe-libertad, die fau und viele andere, welche den kampf von anfang an tatkräftig unterstützt hatten, blieben außen vor. vertrauen ist gut, jedoch nicht in jedem fall.
Zitat Ende

Die Lektüre davon bedeutete für mich das Ende meiner Mitgliedschaft in diesem Apparat.
Was aber bedeuteten diese Geschehnisse für die Fortführung des vorbildlichen selbstorganisierten Kampfes der KollegInnen in Nordhausen? Hoffentlich werden sie zusammenhalten und sich von der IGM genauso wenig spalten lassen wie von LoneStar und der MIFA, dem Arbeitsamt oder dem Insolvenzverwalter. Den Versprechungen der IGM werden sie zukünftig jedenfalls sicher soviel Glauben schenken wie den Versprechen der „solidarischen“ PolitikerInnen, welche sich in den letzten Tagen der Aktion, als sicher war, was für ein Erfolg die Kampagne haben würde, auf dem Strike-Bike fotografieren ließen. Mit einer gemeinsamen Fortführung des Kampfes ohne sie instrumentalisierende Funktionäre würden sie noch mehr beweisen, als sie es bisher schon getan haben: nämlich, dass die allerbesten Aktionen immer von den Betroffenen selbst ausgehen und, dass dies, wenn konsequent durchgeführt, immer zum Erfolg verhilft. Durch eben dieses Vorgehen haben sie schon eine selten gesehene Solidarität von Unten ausgelöst. Und diese wird allen, die von der Geschichte gehört und gelesen haben, noch mehr Mut machen.

Und noch ein letztes Wort zur FAU, über deren Rolle ja genug bekannt sein dürfte: neben ihrer beeindruckenden Aktivität in vielen Städten ist ihr hoch anzurechnen, dass sie die Informationen, die sie zweifellos über die Rolle der IGM hat, nicht gegen diese ausspielt, während die IGM anscheinend bereit ist, alle Mittel anzuwenden, um die Konkurrenz von links zu unterdrücken.
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Ergänzungen

Weder das erste noch das letzte Mal

FAUista 09.10.2007 - 09:49
Trotz der teilweise sehr guten Zusammenarbeit mit KollegInnen aus den gelben Gewerkschaften ist das nicht ungewöhnlich:

 http://www.fau.org/artikel/art_070604-003434

Ungewöhnlich ist eher, dass sich (radikale) Linke immernoch aufgerufen fühlen die gelben Gewerkschaften durch ihre Mitgliedschaft zu unterstützen, anstatt eigene Betriebsgruppen oder gar Gewerkschaften aufzubauen. Aber das wird noch nicht mal veruscht, stattdessen wird für eine "kämpferische ver.di" geworben.

Bei allen erwehrten Zielen: selbst die TrotzkistInnen wollen nicht mehr die SPD unterwandern, weil das vertane Energie ist - und seit dem Klimawandel sollten wir doch alle daran interessiert sein Energie zu sparen, oder?

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Verstecke die folgenden 6 Kommentare

Super PR für die FAU

unwichtig 09.10.2007 - 13:46
Grandiose, weltweite Werbung für die FAU! Es ist ihnen nur zu wünschen, dass sie dadurch ein gehöriges Stück wachsen werden. Alle anderen Gewerkschaften sind staatstragende, machtgeile Karrieresprungbretter und haben überhaupt gar kein Interesse daran, dass sich die Verhältnisse auch nur im Geringsten ändern!!!

So ist es!

Noobie 09.10.2007 - 14:50
Es wäre wünschenswert wenn die FAU durch den Erfolg die Kampagne endlich mal ein bisschen grösser werden würde! Davon ausgehend das Gewerkschaften das beste Mittel im Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung sind, und IGM, Verdi und Co. eher teil des Problems als Lösung sind, sollten sich die Leute die Interesse an linksradikaler Politik haben überlegen ob sie nicht eine neue Ortsgruppe gründen wollen(geht laut der Homepage ab 3 Leuten) oder sich einer schon bestehenden Gruppe anschliessen. Die Arbeitskämpfe nicht nur in der FAU nehmen derzeit stark zu, das endlich eine starke Gegenwehr nötig ist und unter anderem die herkömmlichen Gewerkschaften unter Druck von Links gesetzt werden müssen.

Und so Gruppen und Parteien wie DKP, die linke, Linksruck und verschiedene Antifagruppen usw. sind ein Haufen Schwätzer, praktische Arbeit hat die FAU vorgemacht wie man erfolgreich Widerstand leisten könnte, wenn man den grösser wäre.

Also in diesem Sinne; revolutionäre Gewrkschaften aufbauen und stärken!

hmmm sind trotzdem lahmarschig

irgendwer 09.10.2007 - 15:06
Kam etwas zu spät für das Strike Bike 1.0.
Meine Anfragen via Email an die auf der Homepage genannten Addressen ob und wie es denn weitergeht, und wann man den das Stike Bike 2.0 kaufen kann blieben unbeantwortet.
Meine Befürchtung ist, daß jetzt wieder jeder auf seinen Lorbeeren sitzen bleibt und es die Belegschaft eben nicht auf Dauer hinbekommt diese Firma am Laufen zu halten.
Wünsche zwar das Gegenteil aber ob die es hinbekommen... eher fraglich.

FDGB

Tim 09.10.2007 - 17:00
Möglicherweise handelt es sich um diese Frau Schwarz-S., der Nordhäuser IG Metall welche sich schon vor 1989 als Gewerkschaftsfunktionärin für den FDGB im VEB Kältetechnik Niedersachswerfen am Arbeiter des SED-Regims "verdient"gemacht hat.

Linksradikale Politik?

Syndikalist 09.10.2007 - 19:36
Hallo Noobi

Die FAU ist gerade deshalb stärker, weil sie eben nicht aus linksradikalen Verbalakrobaten und Schwätzern besteht. Sie ist eine Gewerkschaft und betreibt keine "linksradikale Politik". Auch begreift die FAU sich weniger als "links", sondern lehnt diese rein politische Kategorie für sich als politische Gewerkschaft ab. Mit den herkömmlichen Begriffen aus der Linken und der bürgerlichen Wissenschaft ist Anarcho-Syndikalismus nicht zu begreifen. Die FAU führt nicht nur einen gesamtgesellschaftlichen Kampf, sondern hat gesamtgesellschaftliche Perspektiven. Sie läßt sich folglich nicht ins politische Abseits (nach "links") stellen, sondern will mitten in der Gesellschaft und in den Betrieben wirken. Weil sie eine Selbstorganisation ist, läßt sie sich dabei von niemandem - auch nicht von "Linksradikalen" - bevormunden. Die FAU ist zwar offen für Menschen "aus der Linken", diese sollten allerdings begreifen, dass die FAU offen für vielerlei Mensch ist und auch aus solchen besteht. Die FAU ist keine "linksradikale Organisation"!

ArbeiterInnen statt Linksradikale

Prolo 10.10.2007 - 22:47
Kaum stellt sich ein Erfolg ein, wollen nicht nur die IGMler auf der Welle mitschwimmen, sondern da packen auch die Linksradikalen gleich ihre Surfbretter aus. Dieser Aufruf von Noobie (so ist es >>> siehe unten!) zur aktiven Unterwanderung der FAU durch sogenannte Linksradikale, zeigt deutlich sein völliges Unverständnis gegenüber dem Anarchosyndikalismus auf. Dies soll hier nur kurz erläutert werden.
Natürlich sollte die FAU massiv wachsen, und vor allem muss sie wachsen, um ihre gewerkschaftliche Schlagkraft zu erhöhen. Aber keine linksradikalen Avantgarde-SchwätzerInnen. NEIN --- ArbeiterInnen müssen Interesse an der FAU finden. Die FAU ist seit ihrem Bestehen immer und immer wieder Unterwanderungsversuchen durch linksradikale MeisterschwätzerInnen ausgesetzt gewesen. Dies hat sie zwar an und für sich immer wieder gut wegstecken können, aber es hinterließ trotzdem Spuren. Immer wieder haben sich die Leute damit aufgerieben. Was natürlich wiederholt zu organisatorischen Aderlässen führte. Besonders gerne wurde dies von Rätekommunisten, Trotzkisten, Autonomen, aber durchaus auch mal stalinistischen Maulwürfen betrieben. Die FAU ist anarchosyndikalistisch, das bedeutet die Ablehnung jeglicher Art von Partei und erst Recht staatssozialistischer Avantgarde. Die ArbeiterInnenklasse benötigt keinerlei solcher Arbeiterführerlein. Die FAU wird niemals in einer linksradikalen Querfront aufgehen.
Die FAU steht allen sozial engagierten Menschen offen, die offen sind für eine andere politische und vor allem gewerkschaftliche Strategie. Die FAU wird sich unter keinen Umständen für staatssozialistische Heilslehren und ihre rätekommunistischen, trotzkistischen, autonome etc. Protagonisten öffnen. Dies würde die FAU von innen heraus zerstören, dies würde nur dem Kapital und dem DGB von nutzen sein.
Linksradikale die bei der Unterwanderung des DGB keine Chance mehr sehen, sich als Gewerkschaftslinke durchzusetzen, mögen eine linksradikale Basisgewerkschaft nach ihren marxistischen Gewerkschaftsvorstellungen gründen und organisieren. Vielleicht wäre ja FDGB ein netter Name dafür, könnten sie sich ein bisschen freier fühlen und sich gleichzeitig links und radikal vom DGB postieren. In den allermeisten europäischen Ländern gibt es kommunistische Gewerkschaften die sich traditionell halten konnten und bis heute systemkompatibel geblieben sind.
Es kann und wird wohl in der Zukunft viele verschiedene Basisgewerkschaften neben der FAU geben, dann wird sich zeigen welche von ihnen nur linksradikal und avantgardistisch, und welche revolutionär und proletarisch sind.