"Ein Rezept für ein Desaster"

Ralf Streck 02.10.2007 12:28 Themen: Globalisierung Ökologie
In einem Bericht äußert der UNO-Berichterstatter für das Recht auf Nahrung seine "große Besorgnis, dass der Biosprit ( http://de.wikipedia.org/wiki/Ethanol-Kraftstoff) einen Hungersog" führt. Ende Oktober will der UNO-Berichterstatter für das Recht auf Nahrung der Vollversammlung einen Bericht vorlegen, der auf den Zusammenhang aufzeigt, der zwischen der steigenden Zahl der Hungernden und der massiven Produktion von Kraftstoffen aus Nahrungsmittelpflanzen hinweist.
Die spanische Nachrichtenagentur (EFE  http://www.efe.es) hat Zugang zu dem Bericht des Schweizers Jean Ziegler erhalten, worin der von gravierenden Auswirkungen spricht, welche die Produktion von so genanntem Biosprit haben kann. Die ohnehin hohe Zahl der Hungernden würde demnach noch stärker steigen, weshalb Ziegler seine "große Besorgnis" äußert, dass der "Biosprit zu einem Hungersog" führe. "Die schnelle Idee, Nahrungsmittel wie Mais, Weizen, Zucker oder Palmen in Kraftstoff zu verwandeln, ist ein Rezept für ein Desaster", zitiert EFE aus dem Bericht.

Der Berichtererstatter macht sich die Argumente zueigen, mit denen schon zuvor UN-Energy ( http://esa.un.org/un-energy) vor den Gefahren der exzessiven Produktion von Biosprit gewarnt hatte ( http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25285/1.html). "Es besteht eine ernste Gefahr, dass es zu einer Schlacht zwischen Nahrungsmitteln und Kraftstoffen kommt, welche die Armen und Hungernden in den Entwicklungsländern der Willkür der schnell steigenden Preise für Nahrungsmittel, Land und Wasser aussetzt". Die Produktion von Biosprit werde die Preise weiter steigen lassen, was den Ärmsten den Zugang zu Grundnahrungsmitteln verwehre, weil sie schon jetzt den größten Teil ihres Einkommens für die Ernährung aufwenden müssten. Dazu käme die Gefahr, dass zahllose Menschen von ihrem Land vertrieben werden, um großflächig Energiepflanzen anbauen zu können. Das könne zu einem Anstieg von Arbeitsverhältnissen auf Zuckerrohrplantagen führen, die der Sklaverei ähnlich seien.

Ohnehin haben die steigenden Preisen längst auch die Erste Welt erreicht ( http://de.indymedia.org/2007/04/173142.shtml) und zu ersten Krisen, wie in Mexiko ( http://de.indymedia.org/2007/01/167185.shtml), geführt und treibt auch hier die Umweltzerstörung voran ( http://de.indymedia.org/2007/09/193585.shtml). So ist es eigentlich keine Überraschung, wenn der Bericht anführt, dass die Zahl der Hungernden steigt und inzwischen bei 854 Millionen Menschen angelangt sei. Sechs Millionen Kinder sterben jährlich an Hunger oder an Krankheiten, die mit der Unterernährung in Verbindung stünden. Damit sei deutlich, dass es keinen Fortschritt bei den UN-Millenniumszielen gebe. 200 Staaten hatten sich darauf verpflichtet, die "globale Armut" bis 2015 zu halbieren. .

Erstaunlich ist, dass Ziegler nach Angaben von EFE den Biosprit als Möglichkeit sehe, um dem Klimawandel zu begegnen, wobei es inzwischen auch Hinweise darauf gibt, dass sogar das Gegenteil der Fall sein könnte. ( http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26253/1.html)
Allerdings fügt er an, dass es "inakzeptabel" sei, dafür die Ernährung von Menschen zu gefährden.

Der Bericht schlägt ein Moratorium über fünf Jahre vor, in denen die aktuelle Produktion von Biosprit nicht erhöht werden soll, "um Technologien und Regulierungsstrukturen zu entwickeln, die vor den negativen Auswirkungen für die Umwelt, die Gesellschaft und die Menschenrechte" zu schützen. Insgesamt müsste der Konsum von Kraftstoffen verringert werden und neue Technologien für die Produktion von Biosprit entwickelt werden, um die Konkurrenz zwischen Nahrungsmittelpflanzen und Energiepflanzen zu verringern.

© Ralf Streck, den 01.10.2007
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Ergänzungen

Hohe Nahrungspreise

jojo 03.10.2007 - 04:47
Kann nur zum Thema "Preiskrisen" bei Nahrungsmitteln ergänzen, dass hier in Bolivien im letzten Jahr der Brotpreis von 30 Centavos (ca. 3 Eurocent) pro Stück auf bis zu 60 Centavos angestiegen ist - aufgrund der extremen Preissteigerungen für Weizen auf dem Weltmarkt. Durch massiv subventionierte Mehlimporte liegt der Preis seit wenigen Wochen wieder bei durchschnittlich 40 Centavos.

Nachdenklich stimmen allerdings auch Berichte, dass die Unterernährung von Kindern gerade in Regionen besonders extrem ist, in denen Quinoa und Amaranth angebaut werden. Diese Getreide (mit außerordentlich hohem Nährwert und besonders günstiger Eiweißzusammensetzung) werden traditionell im Andenhochland bzw. den angrenzenden Tälern angebaut. Aber aufgrund der hohen Nachfrage in den "entwickelten" Ländern - dafür sind wohl v.a. Bioladenkäufer wie ich verantwortlich - verkaufen die Bauern ihre komplette Produktion für den Export und kaufen von ihren Einnahmen weißen Reis und weiße Nudeln, die besonders bei Kindern zu Mangelernährung führen.

Permafrostboden schmilzt !

Euronews 03.10.2007 - 15:47

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