Interview mit Mumia Abu-Jamal, Juli 2007

Margaret Prescod und Mumia Abu-Jamal 13.09.2007 18:00 Themen: Antirassismus Repression Weltweit
Margaret Prescod interviewte Mumia Abu-Jamal am Telefon für die KPFK-Radioserie „Sojourner Truth", welche am 7. August 2007 ausgestrahlt und auch im internet live zu hören war. Das englische Original wird demnächst auch auf  http://abu-jamal-news.com/ zu lesen sein. Der der dort tätige Journalist Michael Schiffmmann transkribierte das interview und übersetzte es auf deutsch.
„Wir kämpfen für ein neues Verfahren"


Margaret Prescod: Interview mit Mumia Abu-Jamal

für die KPFK-Radioserie „Sojourner Truth"

Juli 2007, ausgestrahlt 7. August 2007



Margaret Prescod: Mumia Abu-Jamal, für das Pacifica Radio Network möchte ich dir ganz herzlich für deine Teilnahme an der Sendung danken


Mumia Abu-Jamal: Danke für die Einladung, Margaret.


MP: Mumia, Leute fragen sich oft, als was man dich sehen sollte: als Taxifahrer, als investigativer Journalist, als Black Panther, als schwarzer Militanter, als Gefängnisanwalt – als was betrachtest du dich selbst?


MAJ: In gewisser Hinsicht als all das und noch mehr. Ich meine, wenn Leute sich solche Fragen stellen, wollen sie die Dinge oft möglichst einfach haben, während das Leben selbst selten so einfach ist. Das Leben ist eine komplexe Sache. Ich bin all das und vieles andere, ein Kräuterspezialist, ein Knastanwalt, ein Autor, ein Dichter – kein großer, aber ich gebe mein Bestes –, ein Vater, ein Großvater, ein Ehemann; ja, all das trifft auf mich zu.


MP: Kannst du uns sagen, wie du an die Informationen und die Hintergründe kommst, um die wöchentlichen Kommentare aufzunehmen, die von mehr als 100 Radiosendern im ganzen Land ausgestrahlt werden?


MAJ: Ich lese ziemlich viel, gute, interessante Bücher über politische, manchmal geschichtliche Themen, ich versuche, mehrere Zeitungen zu lesen, und außerdem versuche ich auch, im Auge zu behalten, was hier, um mich herum, passiert, denn manchmal ist eine Geschichte von vor Ort besser als ein Kommentar zum Krieg [lacht]. Man verliert also auch hier seinen journalistischen Blick nicht. Es ist sozusagen einfach ein besonderes Aufgabengebiet.


MP: Wie strukturierst du deinen Tagesablauf? Wie viele Stunden pro Tag bist du außerhalb deiner Zelle, und wie verbringst du diese Zeit?


MAJ: Der Todestrakt läuft in vielen Staaten auf das hinaus, was man Einzelhaft nennt. Das heißt, dass man ganz allein in einer Zelle ist. Und mit Ausnahme von zwei Stunden pro Tag, in denen man sich in einem Käfig befindet (einige Leute nennen das „Hof", aber meiner Ansicht nach ist die richtige Bezeichnung „Käfig"), ist man entweder allein oder zusammen mit einer einzigen anderen Person [was sich wohl auf die Wärter bezieht, A. d. Ü.].

Und 22 Stunden sind natürlich eine Menge Zeit zu Nachdenken, zum Lesen und zum Schreiben, und während das für viele vielleicht erstaunlich klingen mag, habe ich so vermutlich mehr Zeit [lacht] als der durchschnittliche Reporter, der für einen Radiosender oder sonst eine Publikation arbeitet.


MP: Das heißt, du verbringst diese 22 Stunden mit Lesen, Schreiben, Nachdenken usw., und dann hast du in den zwei anderen Stunden vielleicht Zeit für etwas körperliche Betätigung…


MAJ: Ja, genau. Nun ja, in einem Käfig bedeutet das solche Sachen wie etwas Joggen, Liegestütze machen und was sonst noch.. Ich selber bin in letzter Zeit zum Handballfan geworden. Das ist wie Tennis ohne Schläger [beide lachen], Und dabei geht es hoch her, es ist ein gutes Training, und meistens kann ich drei Tage die Woche ein gutes Spiel kriegen, und heute konnte ich früh am Morgen zum in die Gänge kommen ein sehr, sehr gutes Spiel machen.


MP: Wie hat sich das Gefängnisleben in den letzten 25 Jahren verändert?


MAJ: Auf eine Art, die noch vor etwa 30 Jahren nicht einmal vorstellbar war. Damals war undenkbar, dass wie einige Jahrzehnte später an die drei Millionen Gefangene haben würden – einen Zustand, bei dem in dem Staat, in dem du lebst, Kalifornien, zum jetzigen Zeitpunkt mehr Leute im Gefängnis sitzen als zum Beispiel in ganz Frankreich. Es ist Wahnsinn, ich meine, es ist un- – man konnte sich solche Zahlen damals einfach nicht vorstellen.

Was sich in den letzten 25 Jahren in Wirklichkeit entwickelt hat, ist das, was viele Leute mittlerweile als den Gefängnisindustriellen Komplex bezeichnen. Über die Gefängnisindustrie lassen sich eine Menge Geld, eine Menge Geschäfte, eine Menge gesellschaftlicher Macht akkumulieren, unter anderem, weil viele der Menschen, die die Gefängnisse bevölkern, ihre Insassen stellen, aus dem urbanen Kern des Landes, aus den Städten kommen und dann in die ländlichen Bezirke verbracht werden, die traditionell sehr spärlich besiedelt sind.

Viele Leute wissen allerdings gar nicht, dass jeder Gefangene nicht nur im Zensus, sondern auch bei der Aufteilung der politischen Bezirke mitgezählt wird, und wenn wir zum Beispiel von Besteuerung ohne politische Vertretung oder wie hier zumindest Mitgezähltwerden ohne Vertretung als Grund für eine Revolution [wie die amerikanische; „No taxation without representation" war das Schlagwort der Boston Tea Party, die die amerikanische Revolution auslöste; A. d. Ü.] – wir Gefangene werden in Kongressbezirken mitgezählt, aber natürlich spielen unsere Stimmen, unsere Bedürfnisse, unsere Lebensumstände, all unsere Interessen keine Rolle für die Politiker, die sozusagen mit unserer unfreiwilligen Hilfe, der Hilfe einer großen Zahl von Gefangenen, gewählt werden.


MP: Die Tatsache, dass du, Mumia, im Gefängnis bist und deine wichtigsten Unterstützerinnen und Unterstützer draußen, schafft natürlich ein echtes Problem. Wie sagst du deinen Unterstützern, was sie tun sollen?


MAJ: Normalerweise auf persönlichem Weg, und das heißt, indem ich Leuten Briefe schreibe oder sie anrufe und mit ihnen spreche, und oft auch über Unterstützer, die auf einer tieferen, intensiveren Ebene mit anderen, jüngeren Unterstützern kommunizieren können. Wir arbeiten auf der Basis von menschlichem, persönlichem Kontakt – das ist meiner Meinung nach die einzig wirklich wirksame Art, Leute für die sehr anstrengende Arbeit als Anti-Ge­fängnis-Aktivist zu rüsten.


MP: Wie beeinflusst dein Fall deiner Meinung nach die Fälle anderer Gefangener?


MAJ: Das ist für mich schwer einzuschätzen, weil es schwierig ist, mit Leuten außerhalb des eigenen Blocks Kontakt zu haben. Und Leute, die nicht im Gefängnis sind, können sich kaum vorstellen, wie isoliert die Menschen heute in manchen Gefängnissen sind, weil sich der Bau der neuen Gefängnisse so stark von dem der alten unterscheidet.

In den alten Gefängnissen konnten die Gefangenen sich viel besser und leichter bewegen und miteinander Kontakt halten als jetzt. Die neuen Gefängnisse sind eigens zu dem Zweck konstruiert, die Insassen voneinander zu isolieren. So kann es beispielsweise jemanden im nächsten Block geben, aber man bekommt diese Person ein halbes oder ein ganzes Jahr nicht zu Gesicht – es ist wirklich alles sehr stark isoliert, und so ist es schwer, mit Leuten außerhalb des eigenen Bereichs im eigenen Block Kontakt zu haben.


MP: Wie empfindest du die älteren Gefangenen im Vergleich zu den jüngeren? Ich meine, gibt es deines Erachtens einen Unterschied zwischen denen, die schon seit langem hinter Gittern sind, und den „neuen" Gefangenen, die erst später dazu kamen und kommen? Was für eine Art Mensch sind die jüngeren Gefangenen, wenn man sie etwa mit jemandem wie dir vergleicht?


MAJ: Als ich hierher kam, war ich schon um einiges älter als viele der Gefangenen, die jetzt hier ankommen. Ich war 27, 28 Jahre alt, was mir von heute aus gesehen wie ein Kind vorkommt, aber wenn man sich ansieht, dass viele derjenigen, die heute hier herein kommen, noch nicht einmal zwanzig oder vielleicht 20, 21 Jahre alt sind, wird klar, dass es einen großen Unterschied zwischen damals und heute gibt.

Viele der älteren Gefangenen – und ich sollte sagen, viele, nicht alle – sind tendenziell ruhiger, nüchterner und wohl auch geduldiger, bewusster – ich denke, dass man das schon sagen kann. Bei vielen der jüngeren Leute hier, vor allem in den letzten Jahren, dreht es sich nicht einfach darum, dass sie jünger sind, sondern darum, dass sie aus einer Lage kommen, die viel schlimmer viel explosiver ist als die derjenigen, die vielleicht schon vor 20 Jahren hierher kamen.

Damit will ich sagen, dass die Situation in vielen Gemeinschaften (und gerade Philadelphia ist ein gutes Beispiel dafür) heute viel gefährlicher und in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht viel instabiler und katastrophaler ist als noch vor 20 Jahren. Das merkt man, wenn man jungen Leuten begegnet, die sich meinem Empfinden nach wirklich in einem ständigen Zustand der Wut, in einem ständigen Zustand der Unfähigkeit und des Unwillens, befinden, Leuten, die älter als sie sind, überhaupt zuzuhören.


MP: Wenden wir uns jetzt deiner eigenen Situation zu. Könntest du uns vielleicht etwas über die jetzigen Bemühungen um einen neuen Prozess sagen? Dein Anwaltsteam und deine Unterstützer fordern ein neues Verfahren. Warum ein neuer Prozess, und warum jetzt?


MAJ: Warum jetzt? Nun, das Ganze hat natürlich nicht erst heute begonnen. Wir kämpfen darum schon seit etlichen Jahren, vor vielen Gremien im gesamten Staat und in vielen verschiedenen Gerichtssälen. Wir befinden uns erst seit zehn, oder seit fast zehn, Jahren auf der Ebene der Bundesgerichte, vor allem seit 2001, seit Richter Yohn seine Entscheidung [zur Aufhebung des Todesurteils, aber auch zur Aufrechterhaltung des Schuldspruchs wegen Mordes; A. d. Ü.] gefällt hat. Im Augenblick befinden wir uns natürlich vor dem Bundesberufungsgericht.

Wir kämpfen für ein neues Verfahren, und wenn ich an dieses neue Verfahren denke, erinnert mich das an das, was einer meiner früheren Anwälte immer gesagt hat: Wir kämpfen nicht einfach für einen neuen Prozess, sondern dafür, das es erstmals überhaupt einen echten Prozess gibt, weil vor dem ursprünglichen Richter Albert F. Sabo, der Mitglied des Polizeiverbands Fraternal Order of Police auf Lebenszeit gewesen war und den viele Juristen, die im Gerichtssaal mit ihm zu tun hatten, als „Staatsanwalt in Richterrobe" charakterisiert haben, keine Rede davon sein konnte, dass es sich in irgendeiner Weise um ein echtes, vernünftiges, faires und gerechtes Verfahren gehandelt hätte.


MP: Wenn du ein neues Verfahren bekommen solltest – können wir dann erwarten, etwas Neues zu hören?

MAJ: Ich denke, wir werden eine ganze Menge Neues hören. Ich habe schon vor vielen Jahren gesagt, dass die Jury etliche Dinge nicht gehört hat, und dass sie stattdessen Dinge gehört hat, die unfair, unwahr und nicht repräsentativ für die Fakten waren. Genau das habe ich schon 1982 den Geschworenen gesagt. Und ich denke, wenn wir einen neuen Prozess bekommen, können wir das auch beweisen.


MP: Und wenn man dir dein Recht auf ein neues Verfahren verweigert?


MAJ: Ich bin kein negativer Mensch, ich denke nicht negativ. Das entspricht einfach nicht meiner Natur. Ich kann aufrichtig sagen, dass ich auch nicht zu irgendwelchen Jubelprognosen neige – aber ich denke, dass wir gute, starke Argumente vorgelegt haben! Und ich denke, dass wir einem guten Ende entgegensteuern.


MP: Wie schaffst du es, all das durchzuhalten, Mumia? Das geht jetzt sei 25 Jahren, du hast all diese Ungerechtigkeiten der Justiz und den enormen Rassismus während des ersten Verfahrens erlebt – und doch bist du wieder hier in vorderster Front und kämpft für ein neues Verfahren. Wie hältst du das alles aus?


MAJ: Die Sache ist wohl einfach die, dass ich immer sehr beschäftigt bin. Das ist nicht Neues, aber es stimmt; ich hatte schon immer das Gefühl, dass der Tag nicht genügend Stunden hat und dass 24 Stunden auf keinen Fall genug sind. Da sind immer unvollendete Projekte, Bitten, die nicht erfüllt werden können, Briefe, die ich nicht [lacht] geschrieben habe, obwohl ich dachte, ich hätte es, künstlerische Sachen, die ich entwerfen oder zeichnen oder malen will, Artikel, die ich schreiben möchte – und so hat der Tag viele Stunden, und ich versuche, sie gut zu nutzen. Aber das habe ich immer getan, und ich glaube, das hat mir hier geholfen.

Und war immer von außergewöhnlichen Menschen umgeben. Ich bin außergewöhnlichen Menschen begegnet. Vom ersten Tag an, vor vielen Jahren, noch in Philadelphia, im Bezirk Philadelphia, überall hier im Staat. Ungewöhnlichen Männern, im Todestrakt. Und außerdem habe ich viele bemerkenswerte Menschen unterschiedlichster Art kennen gelernt, Männer wie Frauen, Schriftsteller, Aktivisten und viele andere. Das war wichtig für mich – sehr, sehr wichtig.


MP: Bist du optimistisch?


MAJ: Glaub' mir, das bin ich immer. [Beide lachen.] weißt du, man kann nun mal aus seiner Haut nicht raus. Ich habe ja schon gesagt, dass ich keine Wunder erwarte, aber ich bin immer optimistisch gewesen, und das ist nun mal meine Lebenseinstellung.


MP: Das merkt man! Möchtest du den Zuhörern unserer Sendung hier im ganzen Land, und online auf der ganzen Welt, sonst noch etwas sagen?


MAJ: Vor allem würde ich mir wünschen, dass sie wüssten, wie dankbar ich für die vielen Bekundungen von Liebe und Unterstützung bin, die ich im Lauf vieler Jahre bekommen habe, und wie außerordentlich wichtig sie mir sind. Ich bekomme jeden Tag Briefe. Leider kann ich sie nicht alle beantworten, aber ich versuche, sie alle zu lesen. In den letzten Wochen gab es da allerdings ein Problem, weil ich jede Woche Tag für Tag Briefe von Freunden aus Deutschland bekomme, aber bis heute immer noch kein Deutsch verstehe! [Beide lachen.] Also kann ich nicht behaupten, ich hätte alles gelesen!

Aber ich wünschte, ich könnte diesen Menschen, jedem einzelnen, danke sagen! Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt, mir zu schreiben, danke für eure Gedanken, danke für eure guten Wünsche, und danke für eure Liebe und Unterstützung. Dass ich all das zu schätzen weiß, dass ich es spüre und mitbekomme, und dass ich unendlich dankbar dafür bin.


MP: Mumia Abu-Jamal, vielen herzlichen Dank, dass du heute hier bei uns warst.


MAJ: Ich danke dir, Margaret.




Transkript und Übersetzung: Michael Schiffmann

www.againstthecrimeofsilence.de

www.abu-jamal-news.com
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Ergänzungen