Chiapas: Wo die Vertriebenen sind

H.Bellinghausen 09.09.2007 10:43 Themen: Globalisierung Soziale Kämpfe Ökologie
Der genozitäre Rassismus in Mexiko gegen die indigene Bevölkerung nimmt immer extreme Ausmaße an. "Wenn die Regierung Vertriebene nicht als Gefangene hält, so wirft sie sie buchstäblich Müll". Das bisherige Schiksal der Vertriebenen der Montes Azules zeigt, dass dies -leider - nur allzu wörtlich genommen muss...
Zum Hergang der Vertreibungen in den Blauen Bergen/Montes Azules in Chiaps, Mexiko siehe: CHIAPAS: Verteibungen im Lacandone-Wald:
 http://de.indymedia.org/2007/08/191828.shtml und
 http://de.indymedia.org/2007/09/193179.shtml

DIE VERTRIEBENEN VON MONTES AZULES BEFINDEN SICH IN EINEM AUSGEDIENTEN BORDELL
La Trinitaria, Chiapas; 04. Septemebr 2007
von: Hermann Bellinghausen
Die selbsternannten "Freunde der Humanität", die behaupten, für die "gesamte" Welt die "wertvollen Reichtümer" des mystischen und jungfräulichen Urwalds erhalten zu wollen, haben im Zuge ihres Beschlusses, die Montes Azules (Blaue Berge) in Chiapas von den Maya-Indigenas leerzuräumen, die Tzeltal-Familien, die Nuevo San Manuel und Buen Samaritano bewohnt hatten, in einen verlassenen Holzbau geworfen. Diese Konstruktion befindet sich über der Müllhalde von Trinitaria, zuseiten des letzten Abschnitts der Panamericana vor Guatemala (Anmerkg. In Guatemala kam es in den letzten Tagen zu mindestens drei Toten und vielen Festnahmen durch Repressionen bei Protesten). Dort sind die Vetriebenen nun von den Verantwortlichen vergessen und sich selbst überlassen.

Eine dichte schwarze Rauchwolke die einem mit dem Ersticken ringen lässt, verschmischt mit dem stechenden Geruch nach Plastik, hüllt die Müllkippe vollständig ein. Ein paar hundert Meter weiter vorn und vor der baumpflanzung Tío Luis steht der Holzbau, der einmal der "Nachtclub" Las Vegas gewesen war. Dort wurden die "Umweltleute" von der Regierung "neu untergebracht". Diese Barracke war, "aus praktischen Gründen", ein Bordell der Armen. Das einzige Bad ist eine Latrine und als einzig verfügbares Wasser wird in einem Zementbecken Regen aufgefangen der Regen aufgefangen, der meist ununterbrochen fällt und gleichzeitig in Schwällen durch das Dach aus marodem Laminat ins Innere dringt. Der Abluss der als (ehemalige) "Toilette" verwendeten Holzsitze, fliesst auf dem erdenen Boden entlang. An keiner Seite gibt es das geringste Anzeichen eines Fensters.

In dieser Vorhölle befinden sich die 33 Indigenas, die vor mehr als zwei Wochen von der Staats,-und Distrikpolizei charakteristischerweise aus ihren Häusern geholt und in Helikopter gewzwungen worden waren: Zwei junge Männer, mehrere Mütter, einige junge Frauen und ein Haufen Kinder. Die zwei jungen Männer sind die einzigen, die Schuhe anhaben. Eines der Kleinen, keine zwei Jahre alt, possiert vor dem Reporter und mustert ihn, es ernst und kritisch, von oben bis unten. Es hat nur ein T-Shirt an was suggeriert: "Ich bin ebenso nackt wie mein Onkel". Das Kleine macht Meinung, wie man sieht, aber man bleibt zurückhaltend.

Alle wägen ständig die erlittenen Verlutse ab. In ihren Dörfern in der Selva (Urwald), wo sie 12 Jahre lang gelebt haben, sind ihre Hühner, Hunde, Häuser und Haushaltsgeräte, ihre Ernte und ihre Anbauflächen verlassen zurückgeblieben. Sie sind jetzt "exiliert". Die staatlichen,- und Bezirksautoritäten überlassen das "Paket" der Gemeinderegierung von La Trinitaria, die für die Indigenas nur diese, alte verlassene Barracke "bekommen hat" und eine ständige Überwachungsgruppe der Gemeindepolizei, die in der Baumpflanzung postiert ist.

In dem Raum, der zum Tanzen und als Kantine gedient hatte ("hier wird nicht angeschrieben" steht an der Wand ) stehen zwei Kisten mit Kartoffeln und eine mit Zwiebeln und ein paar kleine, flache Kochstellen aus Ton mit Tortillas und geröstetem Brot. Ausserdem hat es noch ein paar Kopfkissen, die von der katholischen Pfarrei des Ortes zusammen mit 20 Flaschen abgefülltem Wasser hergebracht worden sind. Zivile Gruppen bringen den Kranken Medikamente und sorgen dafür, dass sie ärztlich behandelt werden.

Die Meisten sind blass und von Sorge und Trauer erfüllt. Kaum Jemand spricht Spanisch. Die sechs Familienväter befinden sich als ofizielle Häftlinge im Gefängnis El Amate, Cintalapa. Es liegt an der gleichen Strasse, jedoch 200 km entfernt in den Zentraltälern. Ihre Familien hier haben keine Nachricht von ihnen und erst recht keine Möglichkeit, sie zu besuchen. Die Frauen fliehen vom Schweigen in Monologe und unterhalten ein Herdfeuer, obwohl es nicht viel gibt, um es auf die Kochplatte zu legen.

Die Autoritäten haben davon gesprochen, sie als nächste Station ihres Exils nach Ocosingo zu bringen. Die Indigenas wissen nicht, unter welchen Bedingungen diese Verlegung stattfinden soll und haben sie nicht akzeptiert. Und wie es ist, sind sie auch gar nicht erst nach ihrer Meinung gefragt worden. Wenn es nicht die christliche Karitas einiger TrinitarierInnen und die Solidarität von zivilen Organismen in San Cristóbal de las Casas geben würde, wären sie gänzlich der Verlasssenheit und und den Improvisationen und dem Vergessen der Funktionäre ausgeliefert.

Die Indigenas haben alles Vertrauen verloren und warten im Wolfsrachen der verfallenden Barracke, die in den den weissen und blauen Farben der Kneipen gestrichen ist darauf, dass Polizei und Soldaten kommen, um sie zu verteilen. Es bleibt nicht viel Raum für eine Allegorie: Diejenigen Indios der Montes Azules, die die Regierung nicht als Gefangene hält, werden von ihr auf den Müll geworfen.
Quelle: http://zapateando.wordpress.com/2007/09/05/confinan-en-antiguo-burdel-a-los-33-tzeltales-desalojados/
owie:
 http://www.jornada.unam.mx/2007/09/05/index.php?section=politica&article=019n1pol
Freie Übersetzung: tierr@

Protestbriefvorlage und Adressen der verantwortlichen Stellen unter:
 http://de.indymedia.org/2007/09/193179.shtml
Public Domain Dedication Dieses Werk ist gemeinfrei im Sinne der Public Domain
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen