Nachlese: Antikriegstag K'town

anderslautern-red. 06.09.2007 17:06 Themen: 3. Golfkrieg Militarismus Weltweit
Wer an den Antikriegstag denkt, denkt automatisch auch an den Krieg im Irak.
Wer an den Krieg im Irak denkt, denkt an automatisch an die USA.
Wer an die USA denkt auch an amerikanische Soldaten.
Wer an amerikanische Soldaten denkt, denkt an das Stadtbild von Kaiserslautern. Wer gegen den Krieg ist, ist gegen amerikanische Soldaten
- so einfach! - So einfach????

Der Beitrag enthält ein Interview und einen Redebeitrag von Cris Capps (Deserteur und Mitglied der
Iraq Veterans against the War)
Nachlese: Antikriegstag K'town

Wer an den Antikriegstag denkt, denkt automatisch auch an den Krieg im Irak.
Wer an den Krieg im Irak denkt, denkt an automatisch an die USA.
Wer an die USA denkt auch an amerikanische Soldaten.
Wer an amerikanische Soldaten denkt, denkt an das Stadtbild von Kaiserslautern. Wer gegen den Krieg ist, ist gegen amerikanische Soldaten
- so einfach!

So einfach????

Unser Noch-Bürgermeister Deubig sprach einmal davon, dass wir (damit meinte er Kaiserslautern) eine amerikanische Stadt wären.
Kürzlich wurde er sogar von „den Amis“ für seine besonderen Verdienste um die deutsch-amerikanische Völkerverständigung geehrt und ausgezeichnet.
Aber kann sich jemand daran erinnern, dass ihm jemals ein Wort über die Lippen gekommen wäre, in dem er die Kriegspolitik der USA verurteilt hätte? Bei deutsch-amerikanischer Freundschaft denkt er an Marching-Kapellen, an hot-dogs, peanutbutter, an football, an Arbeitsplätze und daran Geschäfte zu machen.

Aber so einfach ist das nicht mit Friede, Freude Eierkuchen. Denn es gibt keinen Frieden.

In den Schaltzentralen der US-Militärs in KL und Ramstein, werden kriegerische (=tödliche) Handlungen geplant. Jeden Tag donnern amerikanische Flugzeuge über unsere Köpfe und wir fragen uns, ob diese zu Kampf- oder zu Foltereinsätzen unterwegs sind. In den Flugzeugen, die uns den Schlaf rauben und oft dafür sorgen, dass man seine Unterhaltung unterbrechen muss, weil man sein eigenes Wort nicht mehr versteht, werden Soldaten, Waffen, Munition, Gerät und Logistik ebenso transportiert, wie scheinheilige US-Politiker und Generäle.

In ankommenden Flugzeugen landen zum Teil schwer Verwundete dieses Krieges, welche dann notdürftig, im gut bewachten Militärhospital der Amerikaner in Landstuhl, zusammengeflickt werden und in Plastiksäcken verschnürte junge amerikanische Männer und Frauen machen als tote Kriegshelden in diesen Flugzeugen Zwischenstation zu den überfüllten Soldatenfriedhöfen der USA.

Die Soldaten, die das Stadtbild von Kaiserslautern mitprägen
symbolisieren den Krieg. Sie tragen ihn zur Schau, stellen ihn dar. Sind menschliche Zeugen.

Sie sind aus Fleisch und Blut, sie sind jung. Vor ihren Einsätzen oder danach, ziehen sie oft grölend und besoffen durch die Stadt. Am liebsten durch die Steinstraße - von einer Kneipe zur nächsten. Sie pöbeln Passanten an und suchen Streit. Sie wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen, Krieg in echt und nicht nur im Videospiel erleben zu müssen. Sie sind fertig, traumatisiert - oft nur noch menschliche Wracks.

Viele sind zur Armee gekommen, weil sie falsche Vorstellungen davon hatten (haben) was ihr Job darin ist. Angelockt von falschen Versprechungen - von der Aussicht Arbeit zu haben oder eine Ausbildung machen zu können; angelockt von der Aussicht einmal im Leben ein bißchen Geld verdienen zu können und manchmal angelockt von der Versuchung raus zu kommen aus dem stickigen Kleinstadtmief amerikanischer Städte. ;-)

Wir fragen uns oft „- sind die wirklich so naiv - glauben die das wirklich ?“ Und die traurige Antwort ist leider nur all zu oft „JA“- die glauben das wirklich. Oft sehen sie auch keine Alternative zu Arbeitslosigkeit und krimineller Karriere.

Ist Mann oder Frau aber erst mal in der Armee, sehen diese jungen Menschen plötzlich einer Realität ins Auge, die sie entweder nicht glauben, oder nicht wahr haben wollten. Einer mörderischen Realität. Der Realität des Krieges.

Es gibt eine ganze Menge junger Rekruten, die gerne die ganze Verpflichtung rückgängig machen wollten - aber ist man erst mal in der Armee, ist es schwer da wieder herauszukommen.

Trotzdem gibt es immer wieder Mutige unter den Soldaten, die den Entschluss fassen, nicht länger für eine imperialistische Politik des Profits und der Ausbeutung den Kopf hinzuhalten - die überlegen, wie sie der Army entkommen können.

Manche nehmen in Kauf über Monate arrestiert zu werden - in den Bau zu wandern oder hohe Geldstrafen zu zahlen. Andere gehen soweit, dass sie sich eigenhändig ins Bein schießen, um nicht weiter „dienen“ zu müssen.

Dass Soldaten desertieren - auch US-Soldaten - ist hier nicht sonderlich bekannt. Das Ansehen in der Bevölkerung ist ja nicht sonderlich hoch, gelten desertierende Soldaten und Kriegsverweigerer doch oft als Vaterlandsverräter oder Drückeberger.

Wir sehen das anders. Respekt vor jeder/ jedem der den Krieg verweigert, Respekt vor allen Deserteuren der Welt - das kostet mehr Mut und mehr Kraft als einen Panzer zu fahren oder aus einem Flugzeug Städte, Dörfer und Menschen zu bombardieren.

Deserteure verdienen Respekt und Unterstützung

So einfach!

anderslautern.de
zum Antikriegstag 2007


Interview mit Chris - einem Deserteur der US-Army

Einer dieser mutigen „Kriegs-Aussteiger“ ist Chris. Seine Geschichte spiegelt all das wider, was junge Menschen in den USA erleben, wenn sie sich für die Army verpflichten. Chris war in Deutschland stationiert und von Nov. 2006 bis Sep. 2007 als Kommunikationstechniker in Bagdad/Irak im Kriegseinsatz. Im März 2007 ist Chris von der US Army desertiert.

Im folgenden Interview erzählt er ein bisschen darüber, unter welchen Voraussetzungen er zur Army ging und was ihn dazu bewog zu desertieren:

AL: Hi Chris - schön, dass Du uns ein paar Fragen dazu beantworten willst.

Wir haben schon ein wenig dazu geschrieben, warum junge Menschen in der USA zur Army gehen. Du bist vor einem halben Jahr desertiert - uns interessiert natürlich brennend, wie das alles ablief und welche Du für Erfahrungen gemacht hast.
Vielleicht kannst Du am Anfang nochmal was dazu sagen was Dich dazu bewog, zur Army zu gehen. Wie lief das bei Dir ab, wie alt warst Du - was hast du sonst so gemacht ?

Chris: 2004 habe ich mich freiwillig zur Reserve der US-Army gemeldet. Ich war 20 Jahre alt, arbeitete als Pizzalieferant, ging nicht zur Schule und lebte noch bei meinen Eltern.
Ich wollte wirklich etwas an meinem Leben ändern, ich musste etwas ändern um aus diesem „Loch“ heraus zu kommen und kam dann zu dem Entschluss mich als Telekommunikationstechniker freiwillig bei der Reserve zu melden.

Ich dachte die Ausbildung als Telekommunikationstechniker wäre relativ kurz, ich müsste mit diesem Job nicht an irgendwelchen Kampfhandlungen teilnehmen oder ganz und gar in den Irak gehen.
Ich glaubte, ich wäre noch vor dem Sommer mit der Ausbildung fertig und dann in der Reserve, ich könnte mit meinem College weitermachen und dafür zusätzlich ein bisschen Geld von der Army bekommen.

AL: Wann wurde dir klar dass du in den Irak gehen sollst?

Chris: Gleich zu Anfang der Grundausbildung wurde es uns von den Ausbildern**** aber sehr schnell klar gemacht (buchstäblich um die Ohren gehauen)****, dass die Rekrutierer gelogen hatten und das ein Großteil von uns so oder so früher oder später in den Irak geschickt werden.
Ich schloss meine Grundausbildung als bester.****...ab und wurde dann zu dem AIT (advanced individual training = individuelle Weiterbildung) geschickt, wo ich meine eigentliche Ausbildung als Telekommunikationstechniker anfangen sollte.
Als ich dort ankam war das Erste, was ich erfuhr, dass das Training 9 Wochen dauern würde und nicht, wie es in dem Vertrag stand, den ich unterzeichnet habe, nur 3 Wochen.
Ich machte also die 9 Wochen Training und ging dann zurück nach New Jersey. Wieder zuhause angekommen befand ich mich so ziemlich in der gleichen Situation in der ich war, bevor ich mich zur Reserve gemeldet hatte, nur das ich jetzt noch zusätzlich einmal im Monat mit meiner Einheit trainieren musste und dafür weniger als 200$ bekam.
Außerdem erfuhr ich, dass eine Kompanie meiner Einheit bereits in den Irak geschickt war und dass meine Kompanie nur noch nicht im Irak war, weil sie noch unterbesetzt war.
Weil ich aber wirklich etwas an meiner Lebenssituation ändern wollte und ich mich bis dahin ganz gut in der Army-Reserve machte, entschloss ich mich von meiner alte Einheit in der Reserve zur aktiven Army zu wechseln.

AL: Wie kamst du mit der Army nach Deutschland?

Chris: Ich versuchte einen Platz in Korea zu bekommen, aber mir wurde gesagt, dass es keine freien Plätze für Korea gibt. Das war eine Lüge.
Sie sagten mir dann, es wäre aber möglich sich nach Deutschland versetzen zu lassen, weil dort freie Platze sind.
Ich lies mir das kurz durch den Kopf gehen und dachte dann, nach Deutschland versetzt zu werden wäre gar keine schlecht Idee, es war aber eine schlechte Idee.
Kurz nachdem ich in Deutschland angekommen war, erfuhr ich, dass die Einheit, der ich zugeteilt war, in den Irak gehen würde.
Das war also der eigentliche Grund mich nach Deutschland zu schicken.
Zu allem Überfluss stellte sich dann noch heraus, dass die Army versuchte mir die zustehende Geldprämie, die man bekommt, wenn man sich zur Army meldet, weg zu nehmen, weil ich ja nun einen neuen Vertrag geschlossen hatte und mein ursprünglicher Vertrag ja damit hinfällig sei.
Als ich in Deutschland ankam, wurde ich erst einmal auf „rear detatchment“ zurückgesetzt.
„rear detatchement“ ist der Status auf den alle gesetzt werden, die aus verschiedenen Gründen noch nicht mit der Mehrheit der Einheit in den Einsatz geschickt werden können.
Ich musste noch das für den Irak vorgeschrieben Training absolvieren.
Während dieser Zeit lernte ich meine jetzige Frau Meike und Kyle Huwer kennen. Kyle war in meiner Einheit und hatte einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen gestellt und hatte das Glück, dass die Army ihn nicht trotzdem in den Irak schickte. Über diese beiden lernte ich auch das Military Counseling Network (MCN) kennen.
Ich absolvierte mein Training und kam im November 06 im Irak an.

AL: Wie war das dann im Irak anzukommen? Wie hast du dort die Army erlebt?

Chris: Im Irak anzukommen war ein Schock. Sämtliches Training, das ich machen musste, war auf Kampfsituationen ausgelegt, verhalten in Konvoys, Reaktion auf indirektes Feuer, die Behandlung von feindlichen Kriegsgefangenen und so weiter und so fort.
Als ich im Irak ankam merkte ich schnell, dass ich all das Training einfach vergessen konnte, weil ich dies, dort wo ich war, überhaupt nicht gebrauchen konnte. Ich erwartete eine Wüste in Camp Victory, statt dessen waren dort wunderschöne Palmen, von riesigen Seen umgebene Paläste von Sadams Familie und im Frühling ziemlich viel Matsch. Ich erwartete spartanische Lebensverhältnisse, stattdessen zog ich nach drei Wochen aus einem Zelt in ein Zimmer mit Aircondition in einem Container.
Das Essen in der Cafeteria war viel besser als in der Cafeteria in Deutschland. Aber es gab dort zusätzlich einen Eisstand, eine Saftbar, eine riesige Salatbar, Gyros, man konnte Phillycheesesteak-Sandwiches und Hamburger bestellen, umsonst Cola trinken etc. etc. - und alles umsonst – natürlich. Ich musste meine Wäsche nicht selbst waschen, dafür waren für einen Hungerlohn philippinische Arbeiter eingestellt.
Im benachbarten Camp Liberty gab es einen gigantischen Shoppingcenter in der Größe eines Walmarts. Es gab dort einen Pizza Hut, Subways, Green Beans (so was wie Starbucks), Popeye's Chicken und Arby's (noch eine Fastfood-Kette)
Es war ein kompletter Schock für mich.
Endlich erkannte ich, um was es in diesem Krieg wirklich ging - um Business!

KBR (Kellogg Brown and Root - ehemals Tochtergesellschaft von Halliburton) unterhielt die Cafeteria, die Container, in denen wir wohnten und den Wäscheservice, den wir benutzen mussten und der amerikanische Steuerzahler bezahlt dafür Millionen und aber Millionen Dollar.
Gleichzeitig heuert KBR für einen Hungerlohn pakistanische und philippinische Arbeiter an, während die amerikanischen Angestellten hunderte tausende Dollar verdienten.

AL: Was war dein Job in Irak?

Chris:
1) Der Austausch von alten taktischen und kommerziellen Telekommunikationsnetzwerken gegen neue, viel dauerhaftere Netzwerke.
Dabei benutzte ich Cisco Router, Glasfaserkabel für das Basisnetz und Kategorie 5 Kupferkabel mit sehr hoher Übertragungsgeschwindigkeit für Telefon und Computer. Dies sind alles sehr teure auf Dauer angelegte Netzwerke, erst recht wenn man sich überlegt, wie viel die Army im Gegensatz zu normalen Käufern dafür bezahlt. Dies machte mir klar, dass die USA nicht plante diese Armeeeinrichtungen in naher Zukunft zu verlassen. Das war für die Ewigkeit gemacht.
Diese Netzwerke installierten wir in Plätzen wie dem Iraqi Airforce Hauptquartier, dem Teil des Army Criminal Investigation Commands, der für die Ermittlung von Korruption zuständig ist, dem Gelände der Kampfpioniere und in den Hausern verschiedener Generäle in einem Teil des Camps, die als die Strasse der Generäle bezeichnet wurde.
Ein Vorfall, der mir half mir klar zu machen, was ich da eigentlich mache, ereignete sich als ich zur Behebung einer Störung gerufen wurde, um eine Netzwerkkarte auszutauschen. Das Glasfaserkabel, das mit dieser Netzwerkkarte verbunden war, hatte die Aufschrift „Abu Graib“. Ganz offensichtlich hatte ich es mit meiner Reparatur möglich gemacht, die Kommunikation zwischen dem multinationalen Hauptquartier und Abu Graib wieder herzustellen.
2) Das Überwachen von irakischen Arbeitern, die auf das Camp kamen, um für amerikanische Subunternehmer zu arbeiten.
Beim Bewachen trug ich schusssicherere Westen, Helm und eine geladene M-16. Ich überwachre sie beim Arbeiten, um sicher zu stellen, dass sie nichts sabotieren oder vermeintlich überall Bomben legen. Dies war mein einziger direkter Kontakt zur irakischen Bevölkerung während meiner Zeit im Irak.
3) Das Bewachen der Cafeteria mit all diesem guten Essen.
Ich stand am Eingang der Cafeteria und kontrollierte Ausweise, um sicher zu stellen, dass niemand, der eigentlich nicht dort rein durfte, auch nicht hinein kam.

AL: Wie lief das nach deiner Rückkehr aus dem Irak weiter?

Chris: Meine Einheit sollte nach der Rückkehr aus dem Irak aufgelöst werden und alle sollten auf andere Einheiten aufgeteilt werden.
Ich wollte aber in Deutschland bleiben und beantragte eine „consecutive overseas tour“ (ein Antrag, um ein weiteres mal außerhalb der USA stationiert zu werden), um zu einer Einheit innerhalb Deutschlands versetzt zu werden.
Als ich dann zurück in Deutschland war, fand ich heraus, dass die Einheit zu der ich gehen sollte, in weniger als einem Jahr nach Afghanistan geschickt wird, obwohl die Army den Soldaten verspricht, dass sie ein Jahr Pause zwischen ihren Einsätzen haben.
Ich erfuhr, dass zwar Einige zu Einheiten nach z.B. Japan gehen konnten, die meisten wurden aber zurück zu Einheiten in die USA geschickt, die sich schon wieder darauf vorbereiteten nach Afghanistan oder in den Irak zurück zu gehen.
Ich bekam immer öfter Ärger mit meinen Vorgesetzten und wurde zum "disciplin problem". Ich wollte raus. Ich wollte nicht mehr in der Army sein, ich wollte in Deutschland bleiben und ich wollte nicht noch ein Jahr meines Lebens damit verschwenden, wie im Irak auf einer Base eingesperrt zu sein.

AL: Wann hast du dich dann entschlossen zu desertieren und wie lief das ab?

Chris: Ich fing an mit Leuten über Möglichkeiten zu sprechen, wie ich da raus kommen könnte. Einer der ersten mit denen ich darüber sprach war Kyle Huwer, der Kriegsdienstverweigerer aus meiner Einheit, den ich kennengelernt hatte bevor ich in den Irak ging.
Kyle war mittlerweile ein Jahr nachdem er seinen Antrag gestellt hatte, als Kriegsdienstverweigerer anerkannt worden und aus der Army draußen.
Er erzählte mir von einem Weg raus zu kommen, den ich für komplett unmöglich hielt.
Wenn man außerhalb der USA stationiert ist und noch keine neue Order für den nächsten Einsatz hat, kann man „AWOL gehen“ - sich unerlaubt von der Truppe entfernen - also Fahnenflucht begehen, warten bis einem die Einheit von ihren Listen streicht und sich dann entweder in Fort Sill oder Fort Knox der Army stellen. Ich würde dort eine „andere als ehrenhafte“ Entlassung bekommen und wäre raus. (*dies ist eine zwischenstufe zwischen unehrenhafte Entlassung und ehrenhafter Entlassung. Bei unehrenhafter Entlassung ist man vorbestraft.)
Dies hörte sich für mich ziemlich gut an und ich fing an zu planen.
Als die Zeit für die Umzugsleute kam, um meine Sachen zu meiner nächsten Einheit zu bringen, haben Meike und ich meine Sachen selbst umgezogen und zwar in Meikes Keller.
Ich plante meinen Urlaub so, dass ich ihn in den Staaten verbringen würde, bekam ein Flugticket von der Army und musste so nicht über irgendwelche internationalen Grenzen, um mich in den USA zu stellen.
Ich hatte noch etwas Geld von meinem Einsatz im Irak und hatte einen Platz organisiert, an dem ich bleiben konnte, während ich untertauchte und darauf wartete von der Liste gestrichen zu werden.
Im Februar 2007 nahm ich also einen Monat Urlaub. Ich hatte im März bei meiner neuen Einheit antreten müssen, aber kam dann einfach nicht zurück. Dies machte mich zum Fahnenflüchtigen.
Eigentlich kann die Army Fahnenflüchtige bereits nach 30 Tagen zu Deserteuren erklären und die zuständige Einheit streicht den Fahnenflüchtigen von ihrer Liste.
Ich war genau 60 Tage fahnenflüchtig, bis die Army mich zum Deserteur erklärte. Anfang Mai stellte/übergab ich mich dann in Fort Sill Oklahoma der Army und wurde nach drei Tagen entlassen und auf unbestimmte Zeit beurlaubt, bis ich meine Entlassungspapiere von der Army zugeschickt bekomme.

AL: Wie schätzt du den Widerstand von Soldaten innerhalb der Army ein?

Chris: Ich denke, dass der Widerstand während des Vietnam Krieges viel größer und viel mehr ein Teil der in den 60' weitverbreiteten sozialen Bewegung war.
Heute ist der Widerstand der Soldaten ein noch eher kleines aber stetig wachsendes Phänomen dafür, dass es keine breite soziale Bewegung gibt mit der sie sich in Kontext setzen kann. Aber heute gibt es keine vergleichbar breite soziale Bewegung mit der man sich inhaltlich in Zusammenhang setzen kann.

AL: Hast du dich mit anderen Soldaten bzw. Ex-Soldaten organisiert?

Chris: Ich bin Mitglied der Iraq Veterans Against The War. Die Organisation „Irak Veteranen Gegen den Krieg“ fordert den sofortigen Rückzug der Truppen aus dem Irak, die volle Versorgung der heimkehrenden Veteranen und Reparationen für den Irak, um das wieder aufzubauen, was wir zerstört haben.
Seit dem Vietnam Krieg gibt es eine gleichartige Organisation, die „Vietnam Veterans Agains the War“.
Iraq Veterans Against The War wächst stetig (zur Zeit etwas über 500 Mitglieder) und hat sogar einen "Ortsverband" auf einem Army-Stützpunkt in Fort Drum, der nur aus noch aktiven Soldaten besteht.
Wir als Veteranen können aus unseren eigenen Erfahrungen sprechen und ich hoffe, dass wir die Kraft haben, die sich regende öffentliche Meinung gegen den Krieg zu stärken.

Military Counseling Network:
 http://www.getting-out.de/

Iraq Veterans Against The War:
 http://www.ivaw.org

GI_RIGHTS HOTLINE ( beratung fuer Gi's ) :
 http://www.objector.org/girights/


Rede von Chris Capps ( www.ivaw.org ) auf der Kundgebung des Antikriegstags in KL:

Thank You for having me here on Anti-War day in K-Town.

Danke, dass ihr mich zum Antikriegstag nach Kaiserslautern eingeladen habt.

My name is Chris Capps and last year I was deployed in support of one of the wars you are currently protesting.

Mein Name ist Chris Capps. Letztes Jahr wurde ich in einen der Kriege geschickt, gegen die ihr gerade protestiert.

I am not here to represent the conventional anti-war protester.

Ich bin nicht stellvertretend für andere „normale" Antikriegs-Protestierer hier.

I am here to speak for those who are in the military, who put their lives in harms way, are not allowed the freedom to resist the war, and are being used by their government to fight this war.

Ich spreche hier stellvertretend für diejenigen, die in der Armee sind, die ihre Leben aufs Spiel setzen, die nicht die Freiheit genießen, sich dem Krieg zu widersetzen und die von ihrer Regierung benutzt werden, diesen Krieg zu führen.

These are the people for whom the war effects them very directly, who often feel like they've been pushed into situations they wonder how they ended up in.

Das sind die Menschen, die direkt vom Krieg betroffen sind, die sich oft so fühlen, als hätte man sie in bestimmte Situationen gedrängt und die sich dann fragen, wie es dazu kommen konnte.

I'd like for all of you here on Anti-War day to have sympathy* for the soldiers that live among you.

Ich würde mir von den Anwesenden hier am Antikriegstag wünschen, dass ihr Mitleid* mit jenen Soldaten habt, die unter euch leben.

I'd like for you to have sympathy for the young, naive, foolhardy ones who believe themselves to be ready for battle only to chase an elusive enemy who kills and maims his friends indirectly by the use of roadside bombs and mortars.

Ich würde mir von euch Mitleid* wünschen mit den jungen, naiven, tollkühnen Jungs, die sich einbilden, kampfbereit zu sein, nur um einen undefinierbaren Feind zu jagen, der durch den Einsatz von Landminen** und Granaten indirekt ihre Freunde tötet oder verstümmelt.

I'd like you to have sympathy for the ones who have been injured, some of whom are right next door in Landstuhl. whose lives will be forever shattered by a moment of violence.

Ich würde mir von euch Mitleid wünschen mit den Verwundeten, einige leben hier gleich nebenan in Landstuhl, deren Leben durch einen Moment der Gewalt für immer zerstört wurden.

I'd like you to have sympathy for the father whose child doesn't recognize him because he has been away for so long.

Ich würde mir von euch Mitleid wünschen mit dem Vater, der von seinem Kind nicht wieder erkannt wird, weil er so lange weg war.

I'd like for you to have sympathy for the man who cannot come to grips with what he has done in Iraq, gets out of the army, comes home, finds his country completely oblivious to the war going on, and has too many mental problems to fit back into normal society.

Ich würde mir von euch Mitleid wünschen mit dem Mann, der nicht damit fertig wird mit dem, was er im Irak getan hat, der die Armee verlässt, nach Hause kommt und sein Land völlig ungerührt gegenüber dem immer noch andauernden Krieg vorfindet, und der zu viele psychische Probleme hat, um in die normale Gesellschaft zurück zu finden.

This place is the launching pad for the war in Iraq. Ramstein Airbase is a vital logistics hub to the war in Iraq and without it the military would have a much harder time supplying this war. The casualties of this war are brought back to Landstuhl medical hospital for treatment.

Diese Region ist die Abschussrampe für den Krieg im Irak. Die Airbase Ramstein ist ein wesentlicher logistischer Dreh- und Angelpunkt für den Krieg im Irak, und ohne sie fiele es dem Militär viel schwerer, diesen Krieg zu unterstützen. Die Opfer dieses Krieges werden zur Behandlung zurück nach Landstuhl in das Medical Hospital gebracht.

Speak to them, learn how they lost a leg, learn how they were placed in front of that IED (Improvised Explosive Device).

Redet mit ihnen, lasst euch erzählen, wie sie ein Bein verloren haben, wie es dazu kam, dass sie vor dieser Landmine Stellung bezogen.

I'm sure for the vast majority of them it wasn't because they signed a contract with the army in order to kill people, or because they ever thought they would get wounded.

Ich bin überzeugt: Für die meisten unter ihnen war der Grund nicht, dass sie einen Vertrag unterschrieben hatten, um Menschen umzubringen, oder weil sie jemals gedacht hätten, sie könnten verwundet werden.

The criminals are not in your town. Most of the people who perpetuate this travesty are in Washington DC, with nothing more then their short term political careers on the line.

Die wahren Verbrecher sind nicht in eurer Stadt. Die meisten der Leute, die diese Farce immer weiter treiben, sitzen in Washington DC und haben nichts als ihre eigenen zeitlich begrenzten politischen Karrieren im Blick.

If you want to help end the war in Iraq your goal here should be to let these soldiers know they don't have to participate in some politicians war.

Wenn ihr mithelfen wollt, den Krieg im Irak zu beenden, dann sollte euer Ziel hier sein, diesen Soldaten zu erklären, dass sie nicht in einem Krieg mitmachen müssen, den einige Politiker führen.

Talk to them about the Military Counseling Network which helps soldiers learn the rules and regulations, and helps soldiers who want out with discharges.

Erzählt ihnen vom Military Counseling Network, einem Netzwerk, durch das Soldaten Regeln und Vorschriften besser kennen lernen und das jenen Soldaten hilft, die aus der Armee raus wollen.

After I talked to them is when I learned it was possible to get out of the army by desertion, and be released without a court-martial or any kind of jail time.

Erst als ich mit denen gesprochen hatte, war mir klar, dass es möglich ist, von der Armee zu desertieren und ohne Kriegsgericht oder eine Gefängnisstrafe entlassen zu werden.

Thank You for being here.

Danke, dass ihr gekommen seid.

Übersetzung des Interviews: Thomas Schulz (DGB Kaiserslautern)

Anmerkungen der Redaktion:
* Bei der Übersetzung ist uns aufgefallen, dass der Begriff „Sypathy“ mit Mitleid übersetzt wurde. Treffender wäre unserer Meinung den Begriff „Mitgefühl“ statt dessen zu benutzen
** roadside bombs - frei übersetzt würde man Straßenrandbomben sagen - eine genaue Bezeichnung dafür scheint es nur im Englischen zu geben - Die Irakis basteln selbst Bomben, welche dann am Straßenrand deponiert werden - der Begriff Landminen ist falsch.

Video des Redebeitrags:
 http://video.google.de/videoplay?docid=-1542968245559190236&pr=goog-sl
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Ergänzungen

Iraq Veterans Against The War Germany

IVAW-Germany 15.09.2007 - 16:27
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