Das Problem ist Rassismus - Demo in Mügeln

ra0105 22.08.2007 17:36 Themen: Antifa

Bis zu 300 Antifaschisten setzten sich gestern (21.08.2007) nach Mügeln in Bewegung, um gegen die Vorkommnisse am Samstag lautstark zu protestieren. Mitten ins Sommerloch platzt nun wieder eine altbekannte Debatte: "Neonazis in Ostdeutschland". 15 Jahre nach den Krawallen von Rostock - Lichtenhagen scheint sich in einigen Gegenden Ostedeutschland nichts geändert zu haben. Oder doch?

[Nazis hier? Nein, die sind doch aus dem Nachbardorf!]

Man sollte sich keine Illusionen machen, im Westen der Bundesrepublik gibt es nicht wesentlich weniger Nazis als in den Neuen Bundesländern. In Ostdeutschland sind sie nur wesentlich gewalttätiger. Der Osten hat also kein Naziproblem sondern ein Gewaltproblem. Diesen Eindruck kann man bekommen, wenn man sich den Diskussionsverlauf anschaut. Da regt sich der Ministerpräsident auf, dass er es prinzipiell unerträglich findet, dass ein Mob von 50 Leuten 8 andere jagt.
Nun sicher, da kann man ihm zustimmen. Das Problem in Mügeln ist jedoch ein anderes. Gerade, dass bisher noch völlig offen ist, was letzlich der Auslöser dieser Hetzjagd war, beweist allein den rassistischen Grundkonsens, der auf diesem Stadtfest geherrscht haben muss. Offensichtlich rannte jeder aus einem anderen Grund den Indern hinterher. Der eine hat gehört, die hätten unsere Weiber angemacht. Der nächste meint, die hätten rumgestresst. Ausländer kennt man ja - können sich nicht benehmen. Erschreckend, was die Kombination Stadtfest, Alkohol und ganz normaler Rassismus so produzieren kann. Zumindestens wenn sich am Tag darauf in allen Zeitungen wiederfindet.
Es gab genug Hinweise, dass die "Rechten" auf das Stadtfest kommen wollten. Vielleicht wollten sie den eher als links geltenden Jugenclub plattmachen. Tatsächlich suchten sie wohl nur Streit. Die Polizei vermeldet, alle kommen aus der Gegend. Wenn also eine Horde Nazis aus den Nachbardorf kommt und die Bürger zuschauen, wie der Mob Leute durch die Straße hetzt. Na dann ist ja alles in Ordnung. Waren ja nicht unsere Jungs, meint dann der Bürgermeister. Und zweitens seien die Ausländer ja auch selber schuld, ergänzt der ein oder Anwohner im Fernsehinterview. "Die Ausländer haben ja halt auch mehr Rechte als wie wir" (ARD-Tagesthemen). Man fragt sich dann schon wie dumm man eigentlich sein muss, um so einen Quark von sich zu geben. Aber leider wird in solch einem Fall auch Bildung nichts nutzen. Fast 10% NPD-Wähler bei der letzten Landtagswahl, also guter sächsischer Schnitt. Gut? Es hätte auch schlimmer kommen können. Orte mit 20 oder 30% für die NPD hat es in Sachsen schließlich auch gegeben.
Fünf Ausländer wohnen in Mügeln. 5 auf 5000 Einwohner. Naja wenigstens hat niemand behauptet, die nehmen ihnen die Arbeitsplätze weg.
Wie weiter in Mügeln? Die Polizei ermittelt erstmal in alle Richtungen. Nur keine Vorverurteilungen, nur kein zweites Sebnitz. Schwachsinn! Hier ist kein Sebnitz. Es gibt zerbrochene Fensterscheiben, ein demoliertes Auto, lädierte Knochen. Ja, ja natürlich kann die Polizei ermitteln, ob hinter den Auschreitungen die kolumbianische Koksmafia oder ein pleitegegangener US-amerikanischer Immobilienkonzern dahintersteckt. Auf einschlägigen Internetseiten deutscher Neonazis werden die Ereignisse bereits als kleiner Volksaufstand gefeiert.

[Schämt euch, Schämt euch!]

Die Presse spricht von 170 respektive 200 Teilnehmern, die Antifaschätzung lautete fast 300. 250 Leute dürften also so hinkommen. Viele sind in schwarz gekleidet. "Nie, nie, nie wieder Stadtfest!" schallt es durch die Straßen. Die Polizei ist mit nur wenigen Beamten im Einsatz. Verhält sich passiv und abwartend. Vielleicht hatte man Angst nochmehr schlechte Schlagzeilen zu produzieren, vielleicht war man auch überrascht von der hohen Teilnehmerzahl, jedenfalls zieht die Antifa von der Polizei völlig unbehelligt durch die Stadt. Ein Schwenk nach links ein Schwenk nach rechts. Waren wir da nicht schon? Na dann halt gerade aus. Die Stadt ist alarmiert. Ein Mädchen vielleicht 14/15 Jahre alt telefoniert: "Ey du musst kommen. Zum Marktplatz die Antifa ist da. ... Ja ganz viele. Alle in schwarz." Kurz zuvor eine etwas ältere Frau, ziemlich außer sich: "Was soll das. Was wollt ihr hier?"
Generell sind die Reaktionen höchst gemischt. Von Ablehnung und Pöbeleien über offenes Interesse bis hin zu offenen Sympathiebekundungen ist alles dabei. Man hat nicht wirklich das Gefühl auf einer antifaschistischen Strafexpidition zu sein. Weit mehr als 50€ an Spenden kommen zusammen, einiges auch von Anwohnern, Nicht viel, aber es ist wohl eher die Geste die zählt. Zusammen mit Solidaritätsrufen werden sie dem Besitzer der Pizzeria überreicht.
Die Demo war ein Erfolg keine Frage. Wohl selten hat in Sachsen eine Antifademo soviel Medienecho ausgelöst, wenn man mal die üblichen Daten 13. Februar Dresden, sowie die Demonstrationsversuche von Worch in Leipzig rauslässt. Entscheidend wird aber nicht sein wiewiele Leute auf so einer Spontandemo kommen. Wichtiger wird sein, was die anderen 364 Tage im Jahr passiert. Gegen Ereignisse wie in Mügeln hilft nur eine starke nichtrechte Gegenkultur. Und es ist der stete Tropfen der den Stein höhlt, die Nazis haben das ja bereits in Mügeln bewiesen.

Der rechte Rand in der Mitte der Gesellschaft

In Bayern ist der Anteil mit Menschen, die ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild ihr eigen[[Eigen]] nennen, bundesweit am höchsten. Dennoch redet niemand über No-Go-Areas für Ausländer im Alpenvorland. Man redet von Ostvorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Teilen Brandenburgs oder Thüringen. Genau hier liegt der Hund begraben. Ein paar gewaltbereite betrunkende Dorfschläger sind nicht das Problem. Wenn die Inder nicht dagewesen wären, vielleicht hätte dann einfach eine andere Clique was vor den Latz bekommen. Die Leute, die die Schlägerei angezettelt haben, sind einfach nur Gewaltgeile, die nicht ausgelastet sind. Sicher bezeichnen sie sich als rechts, auch wenn den meisten außer ein diffuses "für Deutschland sein", nichts weiter dazu einfallen wird. Letzlich ist das aber bloß vorgeschoben. Es erleichtert einem die Arbeit. Man muss sein Gegenüber nicht umständlich provozieren oder anders einen fadenscheidigen Grund suchen, etwa: "Der hat mich so blöd angeguckt!". Wenn der Mensch gegenüber Ausländer ist, reicht das halt als Begründung aus.
Eine Schlägerei auf einem Stadtfest lässt sich wohl kaum verhindern. Es ist aber ein Unterschied, ob die Besucher sich schlichtend dazwischenstellen. Oder es gerade nicht tun. Allein dieses Verhalten hätte wohl einiges verhindert. Es ist ein Unterschied, ob man mal gucken geht was da los ist, oder johlend und gröhlend applaudiert, wenn der nächste Molli sein Ziel trifft. Wie etwa geschehen in Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen. Allein die Tatsache, dass am nächsten Tag nicht mehrere hundert Anwohner auf die Straße gehen, um gegen die Vorkommnisse in ihrer Stadt zu protestieren, zeigt deutlich, dass die schweigende Mehrheit bestenfalls entweder völlig desinteressiert ist, oder gar heimlich mit den Tätern symphatisiert. Es ist dieses Klima der nicht vorhanden Zivilcourage, in dem sich die Schläger so heimisch fühlen. Wer, wenn auch nur aus Sorge um den Standort Sachsen, etwas gegen diese Gewaltausbrüche unternehmen will, der wird nicht umhin kommen, sich mit dem alltäglichen Rassismus auseinanderzusetzen. "Kinder statt Inder" ist dann wohl das schlechteste Argument, aber wohl gleichzeitig nur die andere Seite der Medaille. Und das ist auch ein Teil des Problems. Wenn nicht vielleicht das größere. Wie bitter das für die aktuell betroffenen auch klingen mag.



Schwarzer Block schreckt Mügeln auf Bericht auf SpiegelOnline
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Ergänzungen

Das meinen die dazu...

Verlinker 22.08.2007 - 17:46
Eine Sendung von ZDF Frontal 21 zu dem Fall:

 http://zdf.de/ZDFmediathek/inhalt/30/0,4070,5593982-5,00.html

...

ra0105 22.08.2007 - 17:46
*Räusper* und soviel zum Thema die sind aus dem Nachbarort...

Leipzig/Mügeln (ddp-lsc). Nach der Hetzjagd auf acht Inder in Mügeln ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen zwei junge Männer wegen des Verdachts auf Landfriedensbruch. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Leipzig vom Mittwoch wird 21 und 23 Jahre alten Männern aus Mügeln zur Last gelegt, «sich aktiv an den Auseinandersetzungen und den Angriffen gegen mehrere indische Staatsangehörige beteiligt zu haben». Die Ermittlungen verliefen trotz zahlreicher Zeugenvernehmungen bislang schleppend. Unterdessen hält die Debatte über wirksame Strategien gegen den Rechtsextremismus weiter an.
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Am Sonntag hatte eine Gruppe von rund 50 Deutschen beim Stadtfest in Mügeln eine Gruppe von acht Indern angegriffen und die Flüchtenden vom Festzelt über den Marktplatz bis vor eine Pizzeria verfolgt. Der Staatsanwaltschaft zufolge steht inzwischen fest, dass aus der vor der Pizzeria stehenden Menschenmenge Parolen wie «Ausländer raus» gerufen wurden. Die Täter müssten aber noch ermittelt werden. Ob es sich dabei um die Angreifer «in vorderster Front» oder um Zuschauer gehandelt habe, sei noch ebenso unklar wie die Frage, ob die Parolen überhaupt den Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllten.

Die beiden bisherigen Tatverdächtigen waren laut Staatsanwaltschaft am Sonntag vorläufig festgenommen, dann jedoch mangels dringendem Tatverdacht wieder freigelassen worden. Der 21-Jährige bestreite die Vorwürfe, der 23-Jährige verweigere die Aussage. Der 21-Jährige war den Angaben zufolge 2005 und 2006 zweimal wegen Körperverletzungen verurteilt worden. Nach bisherigen Erkenntnissen hatten die damaligen Taten keinen rechtsextremen Hintergrund.

Bisher gestalteten sich die Ermittlungen «schwierig und aufwendig», hieß es weiter. Trotz zahlreicher Zeugenvernehmungen fehlten bislang «hinreichend konkrete Hinweise auf weitere Tatverdächtige». Wegen des Verdachts des Landfriedensbruchs, der gefährlichen Körperverletzung, des schweren Hausfriedensbruchs und der Sachbeschädigung sei ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eingeleitet worden.

Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) warnte unterdessen vor vorschnellen Verurteilungen. Man solle warten, bis die Polizei den Vorfall aufgeklärt habe. Der frühere Sprecher der Bundesregierung, Uwe-Karsten Heye, verlangte einen Demokratiegipfel in Berlin. Daran sollten Vertreter der Kommunen, Länder und des Bundes teilnehmen. Ostdeutschen Politikern warf der Vorsitzende des Vereins «Gesicht Zeigen - Aktion weltoffenes Deutschland» vor, den Rechtsextremismus immer noch zu verniedlichen.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), lud die ostdeutschen Integrationsbeauftragten zu einem Treffen Anfang September ins Bundeskanzleramt. Dabei sollten Strategien zur Bekämpfung von Rechtsradikalismus und Ausländerfeindlichkeit erörtert werden. Es gehe vor allem um eine «Stärkung des zivilgesellschaftlichen Engagements gegen Fremdenfeindlichkeit».

Der Zentralrat der Juden warf der Politik Versagen vor. «In den letzten Monaten hat sich nichts wirklich verändert in der konzeptionellen Auseinandersetzung mit dem Thema», sagte der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer. Sein Vorschlag, das Thema Rechtsextremismus künftig beim Bundesinnenministerium anstelle des Familienministeriums anzusiedeln, stieß bei Linke-Fraktionschef Gregor Gysi wie auch beim Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, auf Kritik.


 http://de.news.yahoo.com/ddp/20070822/tde-ermittlungen-gegen-zwei-junge-maenne-08c524b.html

Merkel sagt dazu

dein Name 22.08.2007 - 18:28
Frau Merkel sagte zu diesem Fall:
Mensch sollte nicht weg schauen bei übergriffen, da dieses das ansehen Deutschland schaden könnte...

Dass hierbei Menschen verletzt werden hörte Mensch nicht

Quelle: WDR5

NPD Veranstaltung in Berlin

Heino 22.08.2007 - 18:38
...da kann doch so mancher Mensch mal die Gelegenheit nutzen
und antirassistisch aktiv werden:

Montag, 27.08 18:00 Rathaus Treptow, Berlin


 http://de.indymedia.org/2007/08/191748.shtml

www.abso-berlin.tk

die argumente sind so blöd

zoni 22.08.2007 - 18:43
"Naja wenigstens hat niemand behauptet, die nehmen ihnen die Arbeitsplätze weg."

doch, genau das hat gestern eine frau aus mügeln in den abendnachrichten behauptet...

Demo in Jena zum Thema

Hoffmann 22.08.2007 - 19:17
Hy,
in Jena gibt es am Freitag um 17:00 Uhr am Engelsplatz auch eine Demo die zum einen auch für den blindsten Bürger aufzeigen soll, dass der gleiche Rassismus der sich in Mügeln zeigt auch der der "braven" NPD ist, den sie bei ihren Veranstaltungen (in Jena besonders Bezug nehmend auf das Fest der Völker) feiert. In einem weiteren Schritt soll dann auch den Brückenschlag zum staatlichen Rassismus á la Asylgesetz volzogen werden.

Mügeln / Rostock Lichtenhagen August 1992

antifa 22.08.2007 - 19:23
zur aktuellen Debatte rundum Rechtsextremismus und als Bespiel für das Verhalten des Staates sei euch der Film " The true Lies in Rostock" ans Herz gelegt. Er berichtet über die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen vom 22.8. bis 26.8.1992, wo rechtsextreme Neonazis inkl. "Bürger-Mob" ein Asylbewerberheim angegriffen haben...

Hier der Link zum download (ca. 700MB !)

 http://eimann.etherkiller.de/the_truth_lies_in_rostock.avi

Gutes Überblicksposting zu Mügeln

Kuno 22.08.2007 - 19:32

@zoni

westi 23.08.2007 - 01:44
seit tagen wird von sämtlichen bürgern mügelns im tv behauptet, die jungen leute wären perspektivlos und hätten keine arbeit.
niemals wird im tv die aussage präsentiert: die ausländer nehmen uns die arbeit weg!
immerzu heißt es: naja, wir haben halt keine arbeit!

so dumm sind die mügelner interview-leute auch nicht!

"Stellungnahme" auf Startseite

Steffen 23.08.2007 - 15:10
www.stadt-muegeln.de

Und das ist dann also alles...

frankfurter

rundschau 23.08.2007 - 17:12
Frankurter Rundschau - Artikel mit Demobezug
 http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1196202

noch ein presse-link

leserin g 23.08.2007 - 20:17

Naja, die taz als Blatt der echten Gutmenschen nimmt sich der Sache auch gerade mit mehreren Artikeln an (darunter auch a la "schadet Wirtschaft und Image - schreckt Investoren, Facharbeiter, Touristen ab..."), ein Foto der Antifademo prangte heute auf dem Titelbild, wohl wegen dem Fronttranspi (?), sonst nicht mehr als zwei Sätze uber "teils Vermummte".

Interessant der Auszug des Berichts von Oberkommissar Jörg Hofmann (Bereitschaftspolizei Leipzig): "Wir haben die Personengruppe, die sich gegen diese ausländischen Mitbürger gewehrt hat, nach hinten gedrängt und eine Lagebereinigung durchgeführt", zitiert aus dem Artikel auf Seite zwei der heutigen tageszeitung

Keine Nazis in Mügeln?

joao the cao 24.08.2007 - 16:00
Keine Nazis in Mügeln?
Ausser dem Nazi-Paganmetal-Musiklabel "No Colours Records"

dazu:  http://www.antifa.de/cms/content/view/605/
 http://de.indymedia.org/2006/07/151729.shtml

Und was ist das für ein scheiss logo?
und warum wurde es auf die schnelle vom "Döllnitzclub e.V. Mügeln Sa." geändert?
hier zum Vergleich:
vorher:  http://doellnitzclub.de/images/logo2.gif
nachher - "banner wurde vorübergehend gesperrt":
 http://doellnitzclub.de/

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