Bildung nur noch für Reiche

Au Schwarte 07.08.2007 18:25 Themen: Bildung
Oder: Der Trend zur steigenden Tendenz der Oberklasse unter den Studenten

Die enorme Dominanz einer gut betuchten Schicht auf dem Studentenmarkt lässt Schlimmes befürchten. Wird es in Zukunft eine gespaltene Gesellschaft geben, in der die Reichen die Armen regieren ? Was einst im Grundgesetz als Manifest auf das Recht auf eine freie Bildung für Jedermann niedergeschrieben war, fängt zu Anfang des neuen Jahrhunderts allem Anschein nach zu verblassen.
Waren es 1982 nur 17% Studenten, deren soziale Herkunft in der obersten sozialen Schicht lag, so sind es Ende 2003 mit mehr als 37% mehr als doppelt so viele Menschen aus der Oberschicht, welche sich in deutschen Universitäten tummeln. Daran wird vermutlich auch nicht das ebenso 2003 eingeführte Gesetz zur Studiengebührerhebung etwas ändern, das Gegenteil ist vermutlich der Fall. Mit 300 Euro die Anfang 2007 auch in Bayern von den Einschreibern pro Semester verlangt werden, geht nun das wirtschaftlich gesehen reichste Bundesland mit „gutem“ Beispiel voran. Kritiker befürchten, dass sich dieser Betrag in den kommenden zwei Jahren noch einmal um 200 Euro erhöhen könnte. An der Münchner TU in Garching wird den Studierenden dieser Satz bereits abgeknöpft.

Politiker, welcher die Studiengebühren befürworten, sehen mit diesen eine höhere Effizienz bei den Studenten. So würden demnach beispielsweise sogenannte „Langzeitstudenten“ nicht Ewigkeiten diverse Studiengänge blockieren und könnten anderen Bewerbern Platz machen, da sich diese „Studenten von Berufswegen“ her zwei Mal überlegen würden, sich für ein weiteres Semester einzuschreiben. Wenn Bildung in Kürze fast überall ein bezahlbares Gut ist, wüssten die zukünftigen Bachelor oder Master dies mehr zu schätzen. Außerdem hätte die Regierung ja dieses Jahr ja bereits ein Gesetz zur Kreditaufnahme für sozial schlechter Gestellte verabschiedet, damit es beim Studiengang auch keine finanziellen Nachteile gibt.

Diese Entwicklung betrachten Menschen, die selbst einmal in absehbarer Zeit studieren möchten, mit großer Sorge. Indymedia reflektiert einen Schüler des zweiten Bildungswegs im Interview über Studium und Schulsystem:

Indymedia: „Was machst du gerade ?“:

Schüler: „Im Moment befinde ich mich auf dem zweiten Bildungsweg und versuche mein Abitur nachzuholen. Ich beziehe monatlich Eltern-unabhängiges Bafög, dadurch kann ich in einem eigenen Haushalt leben und mich einigermaßen gut selbst versorgen.“

Indymedia: „Also keine zusätzliche Arbeit ?“

Schüler: „Mit zusätzlicher Arbeit habe ich mir größere Dinge angeschafft, wie beispielsweise einen Computer oder ein Fahrrad. Ich weiß aber auch, dass mit einer Arbeit, die mich auch noch einmal einen wesentlichen Bestandteil meines Wochenablaufs kostet, meine Leistungen in der Schule gleichzeitig schlechter werden. Das liegt vor allem daran, dass nicht mehr genug Zeit bleibt, um zu lernen.“

Indymedia: „Was würden zusätzliche Studiengebühren für dich bedeuten ?“

Schüler: „Mit den eingeführten Studiengebühren wäre ich auf die Hilfe meiner Eltern angewiesen, oder müsste einen Kredit aufnehmen, um einen perfekten Abschluss zu erzielen.“
Nach dem Studium hätte ich dann umgehend eine gut bezahlte Arbeit anzufangen, um das Geld zurückzuzahlen.

Indymedia: „Wie alt wärst du dann ?“

Schüler: „Ich wäre dann gut über 30 Jahre alt und hätte während dieser Zeit bestimmt erst einmal keine Gelegenheit, mir Gedanken über eine Familie zu machen. Erst nach einer Abzahlung wäre dieser Schritt denkbar. Ebenso könnte ich mir einen Urlaub in dieser Zeit schwerlich leisten, da ich mit der Tilgung beschäftigt wäre, hierbei muss ich allerdings anmerken, dass ich während meiner jetzigen Schulzeit nicht mehr in den Genuss gekommen bin einmal großartig über eine längere Zeit wegzufahren. Hätte ich nun noch zusätzliche Verpflichtung , wie beispielsweise die Versorgung meiner Eltern, wüsste ich nicht, wie ich mir die Schule oder später das Studium eigentlich überhaupt finanzieren könnte.“

Indymedia: „Mit den immer mehr ansteigenden Anforderungen, welche das Studium stellt, wächst auch der Leistungsdruck auf die Studenten. So gibt es in einigen Studiengängen eine Abbrecherquote von 50 %, da sie den Anforderungen nicht gerecht werden können. Das hat zwar unmittelbar nichts mit den Gebühren zu tun, steigert aber die enorme psychische Belastung, die auf vielen Studenten lastet, wie siehst du das ?“

Schüler: „Das wird in Deutschland bereits nach der Absolvierung der Grundschule sichtbar wenn Kinder in Haupt-Realschule und Gymnasium unterteilt werden. Man könnte mit zynischem Blick auf diese Entwicklung bereits von einer Einteilung in eine Art „Bildungskastensystem“ sprechen oder frecher weise gar als die frühe „Bildung“ einer Ober-Mittel und Unterschicht kritisieren.“

Indymedia: “Was hast du zuerst gemacht ?“

Schüler: „Ich war Groß und Außenhandelskaufmann, aber ich möchte studieren wie andere auch, unter anderem habe ich wegen des Drucks das bayerische Abitur nicht auf Anhieb geschafft und eine Ausbildung angefangen aus Angst nichts mehr erreichen zu können in meinem Leben.“

Indymedia: „In Bayern ist die Situation durch das schwierige Abitur noch mal eine andere, oder wie siehst du das ?“

Schüler: „Die Kollegs und in Bayern aufgrund des niedrigen Abiturdurchnitts die Berufsoberschulen, standen bis dato mit dem Eltern-unabhängigen Bafög, als Zeichen für eine Durchlässigkeit des Bildungssystems. Doch jüngst waren ja auch hier vom Bundestag Einschnitte geplant worden, aktuell aber wieder verworfen worden. Jedoch muss man sich beispielsweise nur die Reden eines scheidenden Edmund Stoibers anhören, dass der Trend der CSU zu Eliten an den Hochschulen gehen soll. Bereits ohne eine negative Änderung des Eltern unabhängigen Bafögs, kann man die finanziellen Sorgen der angehenden Hochschulabsolventen bereits sehen. Viele brechen hier ebenso aus den oben aufgeführten Gründen ab, aufgrund von z.B. Schulden. So traten aus einem bayerischen Kolleg im Jahrgang 2005/2006 113 Schüler aus, doch die Rektoren trauen sich nicht dagegen zu protestieren aus Angst sie könnten Lehrerarbeitsplätze gefährden.“

Indymedia: „Also ist der Druck der Regierung in diesem Fall sehr hoch ?“

Schüler: „Kann man wohl sagen und aus dieser Sicht verstehe ich die Sorgen der Lehrer auch, als Schüler und Studenten haben wir denke ich im Moment noch größere Freiheiten unserm Unmut Ausdruck zu verleihen.“

Indymedia: „Bist du denn politisch aktiv ?“

Schüler: „Ich habe bereits 2004 gegen die bevorstehenden Studiengebühren demonstriert, obwohl ich zu der Zeit noch Arbeiter war. In der letzten Zeit als zur Debatte stand das Gesetz um das „Eltern unabhängige“ Bafög zu ändern, habe ich mich einer Gruppe angeschlossen die jede Menge Vernetzungs- und Aufklärungsarbeit geleistet hat.“

Indymedia: „Hast du das Gefühl es hat was gebracht ?“

Schüler: „Zumindest wurde dieser Gesetzesentwurf erst einmal zurückgestellt und in Punkto Studenten-Bafög munkelt man sogar einen Anstieg des Satzes.“

Indymedia: „Der ansteigende Prozentsatz bei Studenten aus wohlhabenden Schichten (in 20 Jahren bereits über das doppelte) ist im Moment die bittere Realität. Wie erklärst du dir das ?“

Schüler: „Meines Erachtens nach werden mit dieser Art von Bildungspolitik Formen von verantwortungslosen Eliten gebildet, welche nach einem erfolgreichen Studienabschluss das Land regieren, sei es nun in der Wirtschaft oder in der Politik. Das aber wäre auf lange Sicht gesehen ein Riesenschritt zurück zum Beginn des Industriezeitalters, als beispielsweise Marx nur in die beiden Schichten „Bourgeoisie“ und „Proletarier“ unterteilte.

Indymedia „Wie erklärst du dir die teilweise niedrige Resonanz bei den Protesten ?“

Schüler: „Zum Teil liegt das an den anstrengenden Studiengängen oder auch die Angst etwas zu verlieren, beispielsweise den Studienplatz wenn man die Gebühren nicht überweist, oder zuviel Zeit in die Vorbereitung von Protesten investiert. Der Wettbewerb hat nicht nur in der Wirtschaft Einzug gehalten sondern auch auf dem globalen Studienmarkt“

Indymedia: „Was rätst du deinen Schüler- und Studentenkollegen ?“

Schüler: „Ich fordere auf, aktiv an Diskussionen und Protesten in Bezug auf das derzeitige Bildungssystem teilzunehmen, nur so können wir etwas bewegen und damit Veränderung schaffen. Da gäbe nämlich noch einiges zu tun zum Beispiel an der Unterrichtsführung oder den Vorlesungen in den Unis. Pressearbeit ist hierbei meiner Meinung nach eines der wichtigsten Aufklärungsmittel. Allerdings sollte man dabei im Idealfall auch auf den restlichen Teil der Gesellschaft schauen, sich genauso auf deren soziale Kämpfe beziehen und sich auf keinen Fall abkoppeln.“

Indymedia: „Danke für das Gespräch.“


Weiterführende Links – Studienproteste aktuell:

Augsburg - Studis gewaltsam geräumt:
 http://de.indymedia.org/2007/06/185990.shtml

Uni Bielefeld ändert Gebührensatzung, FH Bielefeld setzt Gebühren aus:
 http://www.studis-online.de/HoPo/art-464-nrw_lagebericht.php

Grosse Beteiligung an Studidemo in Augsburg:
 http://de.indymedia.org/2007/06/184916.shtml

Grossdemo gegen Studiengebühren in Augsburg:
 http://www1.de.indymedia.org/2007/06/184819.shtml

Popularklage gegen Studiengebühren:
 http://www.gebuehrenklage.de.

Bundeskollegiatenring:
 http://www.bundeskollegiatenring.de.vu/

Rettet den zweiten Bildungsweg:
 http://www.lasst-uns-lernen.de/

Geldstrafe für protestierenden Studenten:
 http://www.hr-online.de/website/rubriken/nachrichten/index.jsp?rubrik=15662&key=standard_document_32466628
Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
Creative Commons-Lizenz lizenziert.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

300 Euro?

Student 08.08.2007 - 11:29
Mit Ausnahme der LMU München zahlen alle bayrischen Studenten von anfang an 500 Euro Studienbeiträge.

titel

name 08.08.2007 - 17:15
in niedersachsen gibt es bereits auch seit geraumer zeit diese 500 euro studiengebühren. dazu kommen dann aber auch noch die einschreibegebühren, die sich in berlin auf ca 240 euro pro semester belaufen. wenn mensch das dann zusammenrechnet ergeben sich 740 euro PRO semester. der bafög-höchstsatz beläuft sich auf ca 600 euro monatlich.

KAPITALISMUS ÜBERWINDEN!!!

So so

Bildungslücke 09.08.2007 - 16:51
Frei nach Fanny van Dannen wa ?!: "Ich will den Kapitalismus lieben...". Punkt ist dass mit unter 10 Jahren die Schüler bereits entscheiden müssen auf welche Schule sie gehen sollen. In Frankreich zum Beispiel haben die Kids die Möglichkeit sich das länger zu überlegen. Fakt ist auch, dass Eltern mit weniger Einkommen nicht soviel Geld aufwenden können ihre Kinder zu unterstützen und Fakt ist ebenso dass die Abschlüsse auf dem zweiten Bildungsweg meist schwerer sind.

?

ui 12.08.2007 - 22:15
Politiker, welcher die Studiengebühren befürworten, sehen mit diesen eine höhere Effizienz bei den Studenten. So würden demnach beispielsweise sogenannte „Langzeitstudenten“ nicht Ewigkeiten diverse Studiengänge blockieren und könnten anderen Bewerbern Platz machen, da sich diese „Studenten von Berufswegen“ her zwei Mal überlegen würden, sich für ein weiteres Semester einzuschreiben.

Da traeumen die Politiker wohl. In Spanien muss man ebenfalls Studiengebuehren bezahlen, allerdings ueberlegen sich die Langzeitstudenten nicht zweimal sich fuer ein weiteres Semester einzuschreiben. Wer die Kohle hatt Studiert weiter. Ich kenne einige leute die seit 16 Semestern studieren aber sich erst im 5 oder 6 Semester befinden. Sogar einen im 22 Semester, dieser allerding muss neben bei arbeiten um sich das Studium zu finanzieren. Da bleibt nicht viel Zeit fuers Studium. In manchen Faechern ist es auch kaum moeglich noch nebenbei zu arbeiten.
Ich bin dafuer das erst mal die ganzen verfickte Politiker, die ebenfalls "for free" studiert haben und jetz Kohle sehen wollen, ihr beiteitrag leisten und Rueckwirken fuer ihr Studium bezahlen.

Organisierung von Arbeiterkindern

Charlie 16.08.2007 - 19:59
Hi,

es gibt inzwischen Ansätze einer Organisierung von studierenden Arbeiterkindern. Verschiedene autonome Referate in Münster, Wien und Wuppertal, eine Gruppe WorkingClassStudents und ein Wiki  http://www.WorkingClassStudents.de

Schließt Euch zusammen!

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Zeige die folgenden 8 Kommentare an

Oberschicht? — Brax

Ja ja meckert nur — mein Name

Frage — Fragender

@ Fragender — ein schüler

an bildungslücke... — ein schüler

Jein ;-) — Bildungslücke