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AntisexismusArbeit auf dem Force Attack!?

AntisexismusGruppe Potsdam 29.07.2007 14:34
Mit einer eigens dafür angesprochenen Antisexismus-Gruppe sollte in diesem Jahr für ein besseres Wohlbefinden auf dem Force Attack gesorgt und den Berichten von besorgten Beobachter_innen sowie Betroffenen über gehäuft vorkommende sexuelle Übergriffe etwas entgegengesetzt werden.
Offener Brief zur Gestaltung antisexistischer Arbeit auf dem Force Attack

Vom 27. - 29. Juli 2007 wird das Open-Air Festival „Force Attack“ in Behnkenhagen in der Nähe von Rostock veranstaltet. Die Besucher_innenzahl beträgt etwa 10.000 Menschen, die aus unterschiedlichsten Gebieten anreisen.
Mit 42 Bands wie Hausvaboot, Boxhamsters, Loikaemie, Pöbel und Gesocks, Zaunpfahl oder die Skeptiker soll auch dieses Jahr an 3 Tagen auf 2 großen Bühnen wieder das als größte „Punkerparty“ weltweit geltende Festival begangen werden.
"Force Attack 2006 in Zahlen :
Ca. 14 000 zahlende Gäste
780 Fässer (a 50 Liter) Rostocker Pils
das DRK hat ca. 800 verletzte Leute vor Ort behandelt "(indymedia)

Unter anderem aufgrund eines hohem Alkoholkonsums, der weitesgehenden „Regellosigkeit“ und der daraus resultierenden niedrigen Hemmschwelle im menschlichen Umgang kam es auf den vergangenen Festivals wiederholt zu sexuellen Handlungen und Übergriffen (die in dem Moment, in dem sie die Grenzen anderer Personen übertreten, aufs Schärfste zu verurteilen sind).
Da dieses offensichtlich auch dem Veranstalter bekannt wurde, griff jener zu einer besonderen Taktik um gegen solche Vorfälle vorzugehen.
Mit einer eigens dafür angesprochenen Antisexismus-Gruppe sollte in diesem Jahr für ein besseres Wohlbefinden gesorgt und den Berichten von besorgten Beobachter_innen sowie Betroffenen über gehäuft vorkommende sexuelle Übergriffe etwas entgegengesetzt werden.

Dem Veranstalter zufolge soll die AntisexismusGruppe Frauen, die von sexuellen Übergriffen betroffen sind, in einem eigens dafür eingerichtetes Kontakt- und Rückzugszelt im Backstagebereich des Festivalgeländes betreuen. Auf einem am Eingang verteilten Flyer soll auf diese Arbeit hingewiesen werden. Eine Zusammenarbeit mit der Security sei geplant. Die aus einer (Straf-)Tat resultierenden Handlungen (Platzverweis, Polizei) werde von der Organisation übernommen. Der Gruppe wurde Gerätschaft (Funkgerät),Vollverpflegung, sowie Vergütung für 6-8 Menschen zugesprochen.

So weit, so gut...
Aber, dass AntisexismusArbeit viel mehr heißt als bloß in 'einem Zelt zu hocken', das hat der Veranstalter wohl nicht bedacht.

***
Gegenwärtige Geschlechterverhältnisse

Die derzeitigen Herrschaftsverhältnisse werden unter anderem durch eine binäre Geschlechterordnung aufrechterhalten, die Menschen in zwei (und ausschließlich zwei) Geschlechter einsortiert, die dementsprechend beurteilt und behandelt werden. Dieses, als natürlich wahrgenommene System schreibt den zwei Geschlechtern unterschiedliche Verhaltensweisen zu und legt Hierarchien fest, wodurch Menschen (vor allem Frauen, aber auch Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen wollen/können) in allen Bereichen des Lebens benachteiligt werden. Dieses System wird sowohl von Frauen und Männern, als Gestalter_innen sozialer Prozesse aufrechterhalten und weitergeführt.
Wir sind alle Teil sexistischer Strukturen: Unser alltägliches Verhalten, unsere Geschlechtsidentität, unsere Gefühle und Körper sind Teil und Ergebnis dieser Strukturen und reproduzieren diese gleichzeitig, ebenso wie unsere „ganz normale“ Sexualität.
Zum Aufrechterhalten der patriarchalen Macht- und Herrschaftsverhältnisse müssen sexistische Strukturen immer wieder hergestellt werden. Eine der stärksten Manifestationen sexistischen Verhaltens dieser Reproduktion der Verhältnisse sind sexualisierte Übergriffe und Vergewaltigungen. Sie übergehen das Selbstbestimmungsrecht der Betroffenen völlig und vermitteln das Gefühl der absoluten Ohnmacht. Sexualisierte Gewalt ist damit das brutalste Instrument zur Aufrechterhaltung sexistischer Machtverhältnisse.

Antisexistischer Widerstand

Antisexistische Politik heißt, sich mit gesellschaftlichen Ursachen und Strukturen von Sexismus auseinander zu setzen und für Veränderung zu kämpfen. Es heißt aber vor allem, auch Antisexismus auf sich und das eigene Umfeld anzuwenden und das eigene Handeln zu reflektieren.

***

Dass dem Potential an respektlosem, übergriffigen und sexistischen Verhalten bei 14.000 Besuchern nicht mit 6-8 Menschen entgegengetreten werden kann wird schnell klar.
Andere AntisexismusGruppen bestätigten mit ihren Erfahrungen bei anders fokussierten Veranstaltungen, welche im Gegensatz zum Force Attack weniger 'alkoholdominiert' waren, das diese Art der AntisexismusArbeit auch mit weitaus mehr Helfer_innen zu einer Überlastung führen kann und schätzten zudem AntisexismusArbeit auf dem Force Attack als besonders schwierig ein.

Daraus schlussfolgernd wurden die Angebote des Veranstalters von der AntisexismusGruppe um grundlegende Selbstverständlichkeiten und Arbeitsgrundlagen, wie z.B. Bedarf an mehr Helfer_innen, Zusage zu Unterstützung bei vermehrter Öffentlichkeitsarbeit, sowie grundlegender, uneingeschränkter Unterstützung durch und (inhaltlicher Zusammen-)Arbeit mit den Orga- und Schutzteams, erweitert und detaillierter schriftlich kommuniziert.
Die Vor- und Nachbereitungszeit, konzeptionelle Arbeit, Kontakt zu anderen Einrichtungen, sowie die psychische Belastung, der mensch bei dieser Arbeit ausgesetzt ist, wurde hier nicht mit einkalkuliert.

Die Empörung des Veranstalters über hinzugefügte und ergänzende Details der AntisexismusAbeit artikulierte sich dann in einer 3zeiligen Absagemail (mit Hinweis auf angeblich falsche Angaben der AntisexismusGruppe bezüglich eines Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Mitglied einer Band, die in diesem Jahr auf dem Force Attack auftreten wird).

In einem von der Gruppe initiierten Telefongespräch äußerte sich der Veranstalter allerdings auf die Nachfrage, wie dieser Bereich (Antisexismus) denn nun organisiert werde, nicht.
(Mittlerweile haben wir in Erfahrung gebracht, dass 3 Menschen diesen 'Bereich abdecken'.)

Sämtlichen Beobachtungen und Zeugenberichten entsprechende Vorkommnisse über gehäufte sexuelle und gewalttätige Übergriffe auf (überwiegend) Frauen begegnet der Veranstalter weiterhin mit dem Statement, dies sei “kein großes Problem“.
Warum ihm kaum Fälle bekannt sind, liegt vielleicht daran dass es bis jetzt kaum oder gar keine Ansprechpartner_innen für sexistische und sexuelle Übergriffe auf dem Force Attack gab.

Ihm zufolge werde das Publikum und das Festival mit den grundlegenden Ergänzungen der AntisexismusGruppe „vorverurteilt“ und die Festivalleitung ihrer Entscheidungsmacht enthoben („wer vom Gelände fliegt entscheiden immer noch wir“).
Mit dem Verweis auf ein „ungutes Gefühl“ werden die Basisforderungen, wie sie bei jeder anderen fundiert arbeitenden AntisexismusGruppe zu finden sind, als zu „dick aufgetragen und zu wichtig genommen“ empfunden.
Da es genug professionellen Schutz dort gebe und ein Großteil dessen von Menschen aus dem 'linken politischen Umfeld' ausgeführt werde, sei keine grundlegende Auseinandersetzung mit den selbigen nötig (als wenn es in der 'linken Szene' keine Sexisten gäbe).
Die Antisexismus-Gruppe sei zudem nur „eine von vielen Aktionen auf dem Festivalgelände“ und eine Art „Serviceleistung“.

Wenn es nicht einmal glaubwürdige Bestrebungen des Veranstalters gibt, an den dortigen höchstgradig sexistischen und gewalttätigen Situationen ernsthaft etwas zu ändern, sollte die Beteiligung an jenem Festival hinterfragt werden. Die Entscheidung, am Force Attack als kritisch-denkender, antihierarchisch und antisexistisch eingestellter Mensch aktiv, passiv oder irgendwo dazwischen überhaupt mitzuagieren und dieses weiterhin in irgendeiner Weise zu unterstützen, sei jeder_jedem selbst überlassen.

Nicht nur sexistische Einstellungen und dementsprechendes Verhalten, sondern auch deren Unterstützung durch Ignoranz oder Verharmlosung sind unserer Meinung nach grundsätzlich abzulehnen!

Fight Sexism!


Bei Nachfragen:  as_grrr@yahoo.de
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Ergänzungen

Sexuelle Handlungen

Red Zack 29.07.2007 - 15:01
"kam es auf den vergangenen Festivals wiederholt zu sexuellen Handlungen
und Übergriffen (die in dem Moment, in dem sie die Grenzen anderer
Personen übertreten, aufs Schärfste zu verurteilen sind)."

Kann man das vielleicht mal anhand einiger Fallbeispiele von vergangenen Force Attack-Festivals erläutern? "Sexuelle Handlungen" auf einem Punkrock-Festival sind ja erst mal etwas völlig normales und auch ganz unproblematisch, so lange sie einvernehmlich stattfinden. In dem Artikel steht zwar so einiges, aber es wird z.B. nicht deutlich, welchen zahlenmäßigen Umfang dieses Problem in der Vergangenheit hatte, und was da eigentlich konkret passiert ist.

Force attack & Sexismus

hmmm 29.07.2007 - 15:16
Ich war vor ein paar Jahren das letzte Mal beim Force Attack und da war schon ziemlich übel - und zwar nicht nur wegen Sexismus, sondern schon generell wegen der teilweise extrem aggressiven Stimmung... Entsprechend hat aus meinem Freundeskreis einfach keineR mehr Bock hinzufahren. Wenn jetzt aber der Veranstalter auf sexistische Übergriffe reagiert und sich was dazu überlegt - ob das so ausreichend ist oder nicht ist natürlich zu diskutieren - so finde ich das grundsätzlich positiv und unterstützenswert.

Freies lieben, freies leben - hate sexism & den ganzen anderen Scheiß!

Übertrieben!

ich 03.08.2007 - 01:56
Also ihr stellt die Kampagne hier aber schon etwas verniedlicht dar.
Ich fahr aufm Force Attack und zugegeben, es gibt viele sexistiche Attacken beiderseits der Geschlechter in Form von Sprache und "Angrabschen" etc und es ist auch wichtig das jemand etwas dagegen tut, wenn schon viele Besucher wegschaun, jedoch sah ich gerade dieses Jahr übertriebene gewalttätige Ausschreitungen die klar von eurer Gruppe oder Leuten die sich dieser Zugehörig sahen ausgingen wos auf keinen Fall in Ordnung ging.
NIEMAND ist berechtigt beispielsweise jemandem buchstäblich "Die Fresse zu polieren" weil er das Wort "Fotze" oder ähnliches benutzt hat, in solchen Fällen weist man diesen daraufhin und probiert so gut es geht mit ihm zu reden. Aber eben dies wurde nie getan, die Maßnahme war in 70% der Fällen tätliche Gewalt (und das hab ich nicht wie manche vom hörensagen sondern hab es eigenständig beobachten können) und sowas tut weder dem Antisexismus noch der linken Szene allgemein gut!

Sexismus bekämpfen - klar, aber bitte nicht komplett durchdrehn!

Erinnert mich an Berliner Gruppe GAP

Emanzipator 14.08.2007 - 23:26
Hier gibt es Debattenbeiträge zum Thema:

 http://kritikderpraxis.blogsport.de/

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