Griechenland: Timo aus Haft entlassen

Unistreik-International 05.07.2007 14:08 Themen: Bildung Repression Soziale Kämpfe Weltweit
Der Berliner Timo wurde gestern Vormittag, nach der Zahlung von 10.000 Euro Kaution, aus dem Gefängnis Diavata in Thessaloniki nach 147 Tagen Untersuchungshaft entlassen. Vorausgegangen war ein Haftprüfungstermin vor einem Bezirksgericht am 27. Juni. Der Termin wurde durch Timos griechischen Verteidiger mit Unterstützung eines Berliner Anwalts eingefordert. Die griechische Justiz sah die ordentliche Haftprüfung erst für Ende August vor.
Timo wurde am 20. Februar in Thessaloniki nach einem studentisch organisierten Konzert festgenommen und zwei Tage später in ein Untersuchungsgefängnis in Komotini (nahe der türkischen Grenze) verbracht. Mitte Juni wurde er nach den Revolten in den griechischen Haftanstalten (Gefängnisaufstand in Griechenland >  http://de.indymedia.org/2007/04/174311.shtml) in das Gefängnis Diavata nahe Thessaloniki verlegt.
Timo wird vorgeworfen bei Auseinandersetzungen mit der Polizei am 20. Februar Brandsätze geworfen und sich gegen seine Festnahme gewehrt zu haben. Die Anklage stützt sich ausschließlich auf Aussagen von Polizeibeamten, die nach erneuter Sichtung im Haftprüfungsverfahren zu viele Ungereimtheiten enthalten, um eine Untersuchungshaft zu rechtfertigen (juristische Einschätzung des Verfahrens:  http://two.xthost.info/unistreik/220507kaleck.htm).
Die hohe Kaution wird bis zum eigentlichen Prozess gegen Timo einbehalten. Wann dieser stattfinden soll ist unbekannt. Timo darf nun aus Griechenland ausreisen und wird Anfang nächster Woche in Berlin erwartet.

Nach unserer Einschätzung ist Timos Freilassung nicht nur den juristischen Fakten geschuldet, sondern auch dem öffentlichen Druck, der auf dem griechischen Gericht lastete.
In Griechenland und Berlin fanden mehrere Protestaktionen studentischer Initiativen für Timos Freilassung statt (Kundgebung gegen Repression in Griechenland >  http://de.indymedia.org/2007/06/185742.shtml und Greece: Solidarity Demo to Timo >  http://de.indymedia.org/2007/06/185650.shtml).
Ein Offener Brief an den griechischen Botschafter von Abgeordneten ( http://two.xthost.info/unistreik/2007%2006%2021%20Protestschreiben%20Timo.pdf) und die Beobachtung des Verfahrens durch das deutsche Generalkonsulat haben durchaus auch Einfluss auf die Entscheidung gehabt.
Die vorerst letzte Kundgebung vor der griechischen Botschaft in Berlin-Mitte hat gestern am 4. Juli stattgefunden. Die etwa 100 DemonstrantInnen begrüßten die Freilassung von Timo, verwiesen aber auf die weiteren Gefangenen des Bildungsstreiks in Griechenland, die der griechischen Justiz ohne angemessene öffentliche Aufmerksamkeit ausgeliefert sind. Deshalb gab es eine Grußbotschaft an den Gefangenen Wasilis Stergiou, der einen ähnlichen Vorwurf wie Timo hat. Außerdem gab es einen griechischen Redebeitrag und ein Schild (s. Bild) Übersetzung: "Der Staat macht Gefangene, um die sozialen Bewegungen einzuschüchtern. Doch die Gefangenen sind nicht allein. Die Einschüchterung wird nicht gelingen."

Die Studierendenproteste in Griechenland, an denen sich Timo als Urlauber beteiligt hat, halten seit dem Sommer 2006 unvermindert an (Studentenaufstand in Griechenland >  http://de.indymedia.org/2006/06/149260.shtml und Zum Unistreik in Griechenland >  http://de.indymedia.org/2007/04/172697.shtml). Hintergrund ist die am 8. März 2007 vom griechischen Parlament beschlossene Hochschulreform, sowie die versuchte Aufhebung des Artikel 16 der griechischen Verfassung. Der Artikel 16 garantiert das Recht auf freie, öffentliche Bildung für alle griechischen BürgerInnen (Uniproteste in Griechenland eskalieren >  http://de.indymedia.org/2007/03/170501.shtml).

Die Bildungsreform orientiert sich an den umstrittenen EU-Vereinbarungen von Essen, Bologna und Lissabon. Die Protestbewegung in Griechenland setzt sich aus Studierenden und deren Hochschulen; SchülerInnen, LehrerInnen und Gewerkschaften zusammen. Nahezu alle Hochschulen waren zeitweise besetzt und wöchentliche Großdemonstrationen halten auch nach der Verabschiedung des neuen Hochschulrahmengesetzes an. Die griechischen Behörden reagieren auf den massenhaften Protest, wie im Fall Timos, mit staatlicher Repression (Artikel in der HU-Zeitung >  http://two.xthost.info/unistreik/310507huch.htm).
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Ergänzungen

Gespräch mit Timo

radio corax 06.07.2007 - 19:57
Wir schauen nach Griechenland. Denn: obwohl seit einigen Monaten in Griechenland StudentInnen, Gewerkschaften und weitere politisch Aktive vehement gegen eine geplante Hochschulreform kämpfen, war in den Medien in Deutschland von diesen Protesten nur spärlich etwas wahrzunehmen. Tatsächlich saß Wochenlang ein Berliner in Griechenland in Haft, der die ProtestlerInnen bei ihrem Streik unterstützte. Seit wenigen Tagen ist er nun frei. Und war in Athen am Telefon für Radio Corax.

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Und was ist jetzt?

TS 05.07.2007 - 15:10
Weiß jemand wie die Situation jetzt ist in Griechenland?

Haben sich die Studis vollkommen zurückgezogen und die neuen Reformen geschluckt? Oder wie sieht es aus?

Wir haben eigentlich die große Chance vertan die Wut in den betroffenen Ländern für internationale Aktionen zu nutzen.
Anfang 2007 gab es massive StudiProteste in Österreich, Griechenland, Brasilien, auf den Philippinen, in Israel und Serbien gegen neoliberale Umstrukturierungen im Bildungssektor. (für mehr Infos:  http://fading-hope.blog-city.com/international_student_protests_2007.htm)
Wie jedes Jahr protestierten in Großbritanien und den U.S.A. auch Studis gegen die weitere Erhöhung von Studiengebühren und fortscheitende Privatisierung von Bildung.

Dies ist ein internationaler Prozess, welchem nur durch international koordinierte Proteste etwas entgegengesetzt werden kann!

Students of the World unite*

ber

liner 05.07.2007 - 16:42
...die Wut in den Ländern?
Es gibt glaube ich viel mehr Menschen die diese Studiengebühren (in Deutschland) als notwendigen Fortschritt erachten.
Es studieren eher nur noch Leute die motiviert sind und wissen was sie tun. Außerdem wird die gernerelle Studiendauer sinken. Und zuletzt ist es einfach Schwachsinn die nächste Generation von Interessenstudenten zu finanzieren,die dann zum nicht unerheblichen Teil eh Taxi fahren,bzw.ans Amt gehen. Zudem sind Bibliotheken auch schon steuerfinanziert.
Wenn ihr selber Steuern zahlt, werdet ihr die Sache sicher auch so sehen
PS:Hoffentlich werden in Berlin auch bald Gebühren eingeführt. Noch mehr Spinner aus der Provinz müssen ja nicht sein.

@ berliner

buxtehuder 05.07.2007 - 18:56
genau!
und ausserdem sollten sowieso keine leute aus sozial schwachen familien studieren. es können eh nicht alle akademiker werden und irgendwer muss doch die drecksarbeit machen. sonst müssen wir ja noch mehr ausländer in unser schönes deutsches land lassen.
und dass menschen einfach so mal dies und jenes machen (z.b. mal paar semester studieren) geht ja gar nicht. das bringt doch keine rendite. und überhaupt sollen alle arbeiten, zum bund gehen, steuern zahlen und maul halten.
das musste echt mal gesagt sein, lieber berlin. und jetzt aber schnell indymedia ausmachen und ab was produktives machen. keine kostbaren lebenssekunden verschwenden in denen man was für die volkswirtschaft machen kann. hopphopp!

@ bERLINER

@ Buxtehuder 06.07.2007 - 00:42
Der Berliner hat nicht ganz unrecht. Es ist ein seltsamer Widerspruch, dass anderswo viel mehr Leute trotz Studiengebühren studieren als hier in D, aber das viel effektiver - vielleicht gerade deshalb - als hier. Tatsächlich gibts hier viel zu viele Schmalspurstudenten. Ich fürchte, dass viel zu wenige sowohl unter wahllos Gebühren ablehnende Studis als auch unter wahllos diese befürwortende Bürgis, aber auch Politiker, nicht so recht wissen, was die Einführung der Gebühren genau bedeutet bzw. sich nicht überlegt haben, wie das besser laufen könnte, beispielsweise über günstige Kredite, die später abgezahlt werden... Im Grunde zeigt die Debatte (die übrigens seltsamerweise an den meisten Hochschulorten KEIN Thema ist) den grundsätzlichen Reformbedarf (z.B. im Bildungssystem generell) in D. Leider sind in die Einsicht dazu die wenigsten Politiker (aus Sorge vor den nächsten Wahlergebnissen) dazu fähig oder willig und auch die wenisgten Bürger (dann müssten sie ja liebgewordene persönliche Vorteile aufgeben). Und die Abschaffung des bösen Systems generell ist rein pragmatisch wie auch mangels besserer gesamtgesellschaftlicher Alternativen Illusion. Unterdessen lachen sich Nazis ins Fäustchen...

Dem Timo

viel Erfolg 06.07.2007 - 00:51
und gute Anwälte und alles Gute! Misstände angreifen, aber nicht jeder Schwachkopf verdient ´ne Soliaktion!