Antifa Demo in Erding (Bayern)

ajm 29.04.2007 12:48 Themen: Antifa
Am 28.04 fand in Erding, einer Vorstadt von München, eine antifaschistische Demonstration unter dem Motto "Fight Back - Rechten Lifestyle aus der Vorstadt jagen" aufgrund der dort aktiver werdenden rechten Szene statt.
In letzter Zeit konnte man in Erding zunehmend rechte Aktivitäten feststellen. So finden sich im gesamten Stadtgebiet Neonazi-Aufkleber, alternative Jugendliche werden durch den Stadtpark gejagt und das Jugendzentrum wird über Nacht mit einem Band versperrt auf dem steht "Wegen Überfremdung geschlossen". (Mehr dazu hier  http://de.indymedia.org/2007/04/173840.shtml )

An der Demonstration beteiligten sich über 150 Menschen, die teilweise aus dem Erdinger Umland sowie aus München gekommen waren. Nach kleineren technischen Problemen und einer kurzen Auftaktkundgebung, auf der das Anliegen der Demonstration bekannt gegeben wurde, zog die Demonstration los, die größtenteils aus Punks sowie Autonomen bestand. Bürgerliche Organisationen hatten schon im Vorfeld angekündigt, das es "noch nicht Zeit wäre für eine Demonstration, man solle noch abwarten was passiert".
Schon nach den ersten 20 Metern kam es zu einer Ausseinandersetzung zwischen am Rand stehenden Proletten-Nazis, die ungehindet fotografierten, und dem vorderen Block der Demo. Die Polizei hielt es nicht für nötig die Neonazis zu vertreiben, sondern drängte die Antifas zurück auf die Strasse und liess auch nicht mit sich reden.
Die Neonazis verfolgten die Demonstration eine geraume Zeit, bis sie irgendwann in eine Seitenstrasse verschwanden, nicht ohne bald wieder dazuzustossen. Sie hielten sich jedoch im Hintergund und man merkte, das es wohl keine organisierten und entschlossenen Faschos waren. Schliesslich wurde ein Transpi geholt und hinten gehalten, um die Nazis beim fotografieren zu hindern und alsbald auch abzudrängen, bis es der Polizei zu bunt wurde und sie die Nazis endgültig wegschickte.
Die Demo erreichte den zentralen Platz in Erding, der mit einigen gut gefüllten Cafés eine ideale Grundlage für die Zwischenkundgebung bot. Es folgten zwei Redebeiträge über die Situation und Vorfälle in Erding und die "Nazis unplugged"-Kampagne wurde vorgestellt ( http://unplugged.nonazis.net/). Zwei andere Nazis, die vermutlich aus dem Umfeld der "Kameradschaft Erding/Junge Offensive Herzogstadt (JOH)" stammen, liessen sich kurz blicken.
Im Verlauf der Demonstration und bei der Zwischenkundgebung wurden über 1000 Flyer über die Situation in Erding verteilt, die guten Anklang bei der bürgerlichen Bevölkerung fanden.
Danach ging es weiter durch Erding, ein wenig stimmungsloser als noch vor der Zwischenkundgebung, was wohl an den sehr warmen Temperaturen lag.
Ohne weitere Zwischenfälle erreichte die Demonstration den Bahnhof, wo bei der Abschlusskundgebung sich die veranstaltende Gruppe "Antifa Jugend München" bei den Teilnehmern bedankte und die "Antifa Jugend Erding" vorgestellt wurde, die unter folgender E-Mail Adresse zu erreichen ist: antifa.erding(at)web.de.

Abschliessend kann man die Demonstration als Erfolg werten. Das Ziel wurde erreicht, nämlich die Bevölkerung über die rechten Aktivitäten aufzuklären und den Nazis zu zeigen, das es für sie keinen Rückzugsraum gibt. Wichtig wären jetzt mehr Aktionen, vielleicht auch von bürgerlicher Seite.
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Ergänzungen

kritischer Rückblick

(muss ausgefüllt werden) 13.05.2007 - 10:26
Ich selbst stehe in Kontakt mit einigen Mitgliedern der „Antifa-Jugend-Erding“, wobei diese Gruppe nicht die einzige und vor allem nicht die größte und aktivste Gruppe antifaschistischer Personen in Erding darstellt. Jedoch muss gesagt werden, dass auch sie von der kurzfristigen Entscheidung aus München, die Demo in Erding durchzuführen, überrascht wurden.
Es ist festzustellen, dass sich München zwar um seine "Vorstadt" kümmert, allerdings ohne lange über die Folgen der eigenen Aktionen in Erding nachzudenken.

Die Organisation der Demo war katastrophal. Angefangen bei der Tatsache, dass die Demo in München und nicht in Erding angemeldet wurde, über die unangebrachte Aggressivität des sog. schwarzen Blocks oder dessen was sich dafür hält, bis hin zu verschiedenen technischen Problemen. Des Weiteren taugen Parolen wie „Trenne dich von dem Konstrukt von Volk, Nation und Rasse - unser Kampf heißt Klasse gegen Klasse“ kaum um bei der Bevölkerung einer oberbayrischen Kleinstadt Sympathien hervorzurufen. Ebenso war die Verlautbarung des Sprechchors „Ob grün, ob braun, Nazis auf die Fresse haun“, völlig unangebracht und stand in keinerlei Zusammenhang mit dem Ziel dieser Demonstration. Auch wenn Kritik am Verhalten von Teilen der Polizei berechtigt war, sind wir es, die sich danach weiter gezwungenermaßen mit der Erdinger Polizei arrangieren müssen. Ich möchte in diesem Zusammenhang bemerken, dass Erding eine wenig anonyme Kleinstadt ist und dass es sich bei Anwesenden PolizeibeamtenInnen nicht um Ortsfremde handelte. Abgesehen davon versteh ich auch inhaltlich nicht, warum unter dem Motto „Fight Back - Rechten Lifestyle aus der Vorstadt jagen“ „Sound of da Police“ gleich Mehrmals gespielt wurde. Schwerpunkt der Demo sollte doch die Aufklärung über rechte Strukturen und nicht über polizeiliche Repression sein.

Ein Höhepunkt ergab sich allerdings auf dem Rückweg zum Bahnhof, als aus dem Lauti vor einer aus einem Fenster photographierenden Person gewarnt wurde, worauf viele DemonstrationsteilnehmerInnen diesen auf äußerst nette Weise betitulierten. Dass das Haus aus welchem photographiert wurde der Sitz des Erdinger Anzeigers war und die Person dessen Photograph konnte natürlich niemand von den vorwiegend ortsfremden Teilnehmern wissen.
Dass die örtliche Presse trotz allem äußerst neutral bis positiv berichtete grenzt sowieso an ein Wunder, dem wie enorm dankbar sein müssen.

Die wenigen Bürger, auf die der Demonstrationszug traf, flüchteten oder ignorierten die Demonstranten. Ich selbst habe miterlebt wie einige Café-Besucher am Schrannenplatz (bei der Zwischenkundgebung, als der der Aufruf zum zweiten Mal komplett vorgelesen wurde) sich so sehr von der Demonstration gestört fühlten, dass sie die Bedienung aufforderten sofort zu kassieren, um sich "endlich von diesem Gesindel entfernen" zu können. Solche Aussagen zeugen zwar sicherlich nicht von der Reflexionsfähigkeit oder Intelligenz der Café-Besucher, lassen aber auf den Eindruck schließen, den die Demo und ihre Teilnehmer durch ich Verhalten und Auftreten bei dem Durschnittsbürger hinterlassen haben mag.

Von den wenigen Bürgern, die anfangs an der Demo teilnahmen, sich aber nach den ersten Parolen distanzierten und die Demo recht bald verließen, will ich gar nicht erst reden. Dabei handelte es sich übrigens nicht um konservative Spießbürger sondern um Erdinger, die gesellschaftlich und auch antifaschistisch aktiv sind. Sogar viele Jugendliche, die ebenfalls an der Gestaltung einer antifaschistischen Kultur in Erding beteiligt sind, verließen die Demo nach der Zwischenkundgebung missbilligend.

Ich stimme „SHARP“ voll und ganz zu, dass sich die Situation der Erdinger Antifas bzw. derjenigen die in Erding versuchen ein antifaschistisches Engagement aufzubauen deutlich verschlechtern wird, nicht zuletzt, weil man den Gleichgesinnten aus dem bürgerlichen Lager (ohne die es in einer Stadt wie Erding nun mal nicht geht) nach der Demo einiges zu erklären hatte.
Es konnte einfach nicht gut gehen, dass eine auswärtige Gruppe ohne Rücksprache mit Erdinger Aktivisten bzw. sogar im Widerspruch mit diesen eine Demonstration plant und durchführt, ohne sich mit den örtlichen Begebenheiten und Zuständen auszukennen und auseinanderzusetzen, was aber - ob man will oder nicht - absolut notwendig ist.
Persönlich möchte ich mit solch sinnlos aggressiv auftretenden Gruppierungen in Zukunft nichts mehr zu tun haben und ich bin definitiv nicht der Einzige der so denkt.

Wenn das Ziel der Demonstration eine kurze Exkursion von München nach Erding zum Zwecke der Selbstdarstellung war, wurde dies sicherlich erreicht. Mehr aber kaum!
Die Aufklärung der Erdinger Bevölkerung schlug absolut fehl, da die Redebeiträge - abgesehen von der schlechten inhaltlichen Qualität - auch akustisch kaum zu verstehen waren und zum Teil Fehlinformationen enthielten. Die Bevölkerung, die in Erding nun mal eine bürgerlich-konservative ist (eine Tatsache über die man sich nicht freuen muss aber auch ein Faktum über das man sich nicht einfach hinwegsetzen kann, v.a. wenn man eben diese Bevölkerung erreichen will), wurde vielmehr in etwaigen Vorurteilen gegen Antifas und Linke bestärkt und durch das Auftreten und die Redebeiträge, soweit diese verstanden wurden, eher verschreckt als aufgeklärt.

Wie bereits gesagt, half die Demonstration den Erdinger AntifaschistInnen wohl am wenigsten, denn diese müssen sich auch nach der Demonstration mit den Verhältnissen auseinandersetzen und können nicht mit der nächsten S-Bahn wieder nach München verschwinden.

Dies soll kein Kniefall vor den bürgerlichen Verhältnissen in Erding sein und auch nicht der Versuch jemanden bloßzustellen oder unangebracht anzugreifen, allerdings eine deutliche Kritik an der vergangenen Demonstration und der Wunsch, dass man in der Zukunft stärker das praktische Ziel im Auge behält, die Realität akzeptiert und berücksichtigt und auch auf Hinweise und Ratschläge anderer Rücksicht nimmt.
Solidarität hat viele Gesichter!

In diesem Sinne und mit antifaschistischen Grüßen

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Zeige die folgenden 7 Kommentare an

peinlich — antifa

@antifa — Critique

mehr als peinlich — SHARP

wenn kritik — dann richtig