"Marsch der Unzufriedenen" St. Petersburg - Anarch.Bericht

G.A. 16.04.2007 03:21 Themen: Repression Soziale Kämpfe Weltweit
Der "Marsch der Unzufriedenen" in St. Petersburg / Rußland am 14.4. fand auch in die deutschen Mainstrem-Medien Einzug. Abseits des durch kremlhörige Nachrichtenagenturen wie auch durch liberale Opposition kreierten Bildes geben Petersburger Anarchisten in einem Augenzeugenbericht eine eigene Sicht der Dinge.
"Marsch der Unzufrieden" in SPb - Anarchistischer Augenzeugenbericht


In Rußland brodelt es. Eine breite Oppositionsfront mit dem dubiosen Spektrum von Linksliberalen bis Nationalbolschewisten veranstaltet groß angelegte "Märsche der Unzufriedenen" - und die Machthaber tun was sie können: verbieten, niederknüppeln, Gegenaufmärsche mit gekauften Teilnehmern veranlassen. Die radikale Linke schaut dem Treiben größtenteils eher skeptisch zu - aber eine Gruppe Petersburger Anarchisten konnte es sich nicht verkneifen, die Oppositionskundgebung aufzusuchen, anarchistisches Material zu verteilen - und danach Zeugen einer unvorstellbaren Welle der Polizeibrutalität zu werden. Der folgende Bericht tauchte gestern als Kommentar zu  http://ru.indymedia.org/newswire/display/16326/ auf, und angesichts dessen, daß die deutschen Mainstream-Medien sich nun endlich bequemt haben, infolge des Niederknüppelns einiger deutscher Journalisten über die Verhältnisse in Rußland zu berichten, stellt dieser Report eine sinnvolle Ergänzung zur Rezeption des Geschehens dar.

Die Wortwahl wurde weitgehend authentisch ins Deutsche übertragen, die politischen Einschätzungen sind die des anonymen Verfassers ("//M"). Zahlen in Klammern führen zu den Anmerkungen des Übersetzers.

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Polizei-Petersburg - 15. April 2007


Wir leben in einem Polizeistaat, der Gedanke ist nicht neu. Aber manchmal merkst du es nicht, weil du nicht jede Sekunde damit konfrontiert wirst, und lebst dein Leben eines Normalbürgers. Ich denke aber, daß heute viele Bürgerliche, Bewohner Piters(1) wie Gäste der Stadt die "Wonnen" der Regierung Matvienko(2) genossen und die "Lebenfreude" im Stadtzentrum vollends ausgekostet haben. Bereits am frühen Morgen waren die Straßen des Zentrums voll von herangekarrten Bullen, OMON(3) und Soldaten, überall standen ihre Busse und Lastwagen, die nächstliegende Metrostation war gesperrt. Heute war schließlich der Marsch der Unzufriedenen(4)...

Teil 1 - in Dur.

Im Grunde wurde von "oben" lediglich eine Kundgebung erlaubt. Da gingen wir auch hin, nachdem wir uns eine halbe Stunde vorher in der Metro getroffen hatten. Ohne Probleme gelangten wir auch dahin, uns durch Bullengrüppchen zwängend. Nachdem wir die erniedrigende Metalldetektorenkontrolle passiert hatten, landeten wir auf dem proppevollen Pionerskaja-Platz, der mit einem zweifachen Kordon aus Eisenabsperrungen abgeriegelt war, zusätzlich verstärkt mit herangekarrter Soldateska. Ein Teil unserer Leute kamen wegen irgendwelcher Metallanhängsel nicht durch den Detektor und blieben außerhalb des Gitters, wo es an Menschen auch nicht mangelte. Es gab ca. 15-20 Anarchisten, organisierte (MPST, AD, PLA)(5) wie unorganisierte. Wir haben großflächig die Zines "Schwarzer Stern", "Situation", "Petrogradec" und "Antipolitik" vertreiben können, sowie eine Riesenauflage eines MPST-AD-Flugblattes. Beim letzteren war bemerkenswert, daß bei ca. 4000 Protestierern über tausend unserer Flugblätter einen Abnehmer fanden (ein Paar Flugblätter gingen allerdings an uns zurück, wobei wir als Provokateure beschimpft wurden).

Die Versammelten boten ein Standartbild der politischen Opposition. Nach den Flaggen zu beurteilen, waren dabei: Jabloko(6), OGF(7), Oborona(8), NBP(9), AKM(10), NRDS(11), DSPA(12), Smena(13), Memorial(14). Nazis als solche gab es nicht, außer die üblichen Nationalbolschewiki und einigen antisemitischen alten Mütterchen ("Matvienko ist doch 'ne Jüdin!" - versuchte eine zu "argumentieren"). Nur ein einzelner Bonehead mit Keltensymbolik auf dem Rucksack spazierte mit einer Kamera herum. Journalisten-Kameras jedoch gab es zahlreich, alle nahmen irgnedwas auf, machten Fotos, nahmen Interviews. Und all das, um es später totzuschweigen und nicht im Tv zu zeigen. Seltsam...

Die Kundgebung ging knapp über eine Stunde und war, in puncto Druck seitens der Bullen, durchaus gediegen. Innerhalb der Absperrung gab es kaum Bullen, sie waren praktisch alle draußen. Bemerkenswert, daß die jungen und unerfahrenen Soldaten auf mich keinen abstoßenden Eindruck machten - im Gegenteil, sollen sie ruhig öfters zu solchen Veranstaltungen angekarrt werden. Kaum versieht man sich, werden sie nachdenken, grübeln... Sehr nervtötend war der Bullenhubschrauber, der bereits lange vor der Kundgebung den Platz überflog wie auch lange nachdem sie beendet wurde. Eine "Flugminute" ist angeblich recht teuer, also wurde da für recht viel Geld geflogen (unser Blutgeld!). Im Übrigen funktionierten keine Mobiltelefone auf der Kundgebung, der Empfang wurde wohl absichtlich unterbunden.

Was den Inhalt der Kundgebung angeht, so wurde wieder das Standartprogramm geboten. Erst ging es um den zusammengeknüppelten Marsch in Moskau vor ein paar Tagen. Dann über die heutigen Hindernisse für die Aktivisten (wer in der Metro festgehalten wurde, wer man direkt in der eigenen Wohnung verhaftet hatte, sogar Limonov quäkte irgnedetwas, schaltete aber später sich selbst das Mikrofon ab). Dann ging's los gegen die käuflichen Machthaber, jeder kriegte etwas ab: Oligarchen, Beamte, Präsidenten und andere Parasiten, die einen vom Leben abhalten. Und natürlich, wie eben alle solche Veranstaltungen so enden, rief man das Publikum zum Kampf auf - für die gute Macht, für die Volksmacht, für ehrliche Wahlen, für "unsere" Kandidaten und ähnliches mehr. Einige Minuten vor Ende gingen wir wieder aus der Absperrung und warteten ab, was passieren würde.

Teil 2 - in Moll.

Die Kundgebung fing an, sich aufzulösen, ein Teil ging nach einigen Minuten geschlossen zur Metro. Die Station "Vladimirskaja" war versperrt, also marschierten alle zur "Puschkinskaja". Es bildete sich eine Kolonne von NBPlern und anderen. Man marschierte weiter, rief Losungen und schwenkte Fahnen und Plakate. Die Kolonne wurde am Bahnhof aufgehalten, Tumulte fingen an. Im allgemeinen Getümmel wurden wir gekesselt, da die Puschkinskaja-Station und der Vladimir-Bahnhof gesperrt und die Seitenstraßen blockiert waren. Der Kessel auf dem Bahnhofsvorplatz, in dem sich viele Kundgebungsteilnehmer wie auch normale Bürger wiederfanden, wurde zu einem Art Polygon, zu dem immer mehr OMON-Spezialkräfte strömten, aber auch immer mehr Protestierende. Ein Gerenne fing an, ein Rückzug unter dem Druck der zu Tieren gewordenen Bullen. Flaschen flogen, irgnedjemand kletterte auf einen Kiosk und fing an, von dort mit einem Flagstock auf die Bullen einzudreschen, aber diesen waren auch nicht mit Blumen da. Irgendeine zufällig in diesen Fleischwolf hereingeratene Oma mit Enkelkind rief etwas. Die Menge skandierte "Faschisten!" und andere Losunge gegen die schier grenzenlose Bullenwillkür. Alles war wie im Kino oder im Traum - der Staub von dem über uns schwebenden Hubschrauber, Schreie, Gerenne. Alle rennen, Kurzsprints von Büdchen zu Wänden. Leute drücken sich an die Wand, verstecken sich hinter Zäunen, versuchen sich vor neuen Bullenangriffen zu schützen. Das Scharmützel mit der Demonstrantenkolonne ist nicht mehr zu sehen, obwohl es wohl weitergeht. Der Zugang zur Metrostation wurde geöffnet, der OMON trieb die Leute dahin und fing nun an, völlig bar jeder Vernunft auf die Menschen einzudreschen; ich habe gesehen, wie ein alter Mann direkt in der Menschenmenge vor der Metro zusammengeknüppelt wurde. Wie durch ein Wunder entkamen wir über eine kleine Gasse, und konnten nachher einen Blick auf den nun leeren Platz der Kundgebung werfen (keine Menschen mehr da, nur OMON). Aber es wurde ruhiger, über Hinterhöfe konnten wir abziehen.

Schlußfolgerung: die gestrigen Ereignisse in Moskau und die heutigen in Piter sagen uns nur, daß die Machthabenden Angst haben. Sie können den Menschen nichts geben außer Gewalt. Ihr Argument ist der Schlagstock. Die Parasiten haben verstanden, daß der Thron, wo ihr fetter Arsch hockt, nicht nur wankt - er kippt schon. Und uns ist es wichtig, dem entgegenzuwirken, daß ein weiterer Arsch sich auf diesen Thron pflanzt! Alle Ärsche sind gleich! Heute sind sie Opposition, und morgen am Futtertrog, und dann gibt es neue Knüppel für uns. Es reicht!

//M

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Anmerkungen:

(1) Piter: Kosename für St. Petersburg.
(2) Valentina Matvienko, umstrittene Gouverneurin St. Petersburgs, ehemalige KPdSU-Parteifunktionärin.
(3) OMON: Spezieleinheit der russischen Polizei.
(4)  http://de.wikipedia.org/wiki/Marsch_der_Unzufriedenen
(5) Anm.d.Ü.: Mangels Kenntnis der Petersburger Anarchistenszene kann ich die Abkürzungen nicht entschlüsseln - Hilfe in den Kommentaren erbeten.
(6) Jabloko: liberale Partei um Ökonomen Grigorij Javlinskij.
(7) OGF: "Vereinigte Bürgerfront", liberale Organisation um Ex-Schachweltmeister Garri Kasparov.
(8) Oborona: "Wehr", liberale Jugendorganisation.
(9) NBP: "Nationalbolschewistische Partei Rußlands", mittlerweile verbotene "nationalkommunistische" Partei um Schriftsteller Eduard Limonov, trägt faschistoid-chauvinistische Züge im ursprünglichen Parteiprogramm, kämpft aber nun in der bürgerlichen "Volksfront" "Das andere Rußland" gegen Putins Regime. Innerhalb der Linken wie auch der bürgerlichen Dissidenten sehr umstritten.
(10) AKM: "Rote Jugendavantgarde", Jugendorganisation aus dem kommunistischen Spektrum mit nationalchauvinistischen Zügen, jedoch "linker" als NBP.
(11) RNDR: "Russischer Volksdemokratischer Bund", Organisation um den liberalen Ex-Premierminister Michail Kas'janov.
(12) DSPA: "Widerstandsbewegung Petr Alekseev", rätekommunistische Gruppe. Petr Alekseev war ein revolutionärer Arbeiter, der 1877 im berühmten "Prozeß der 50" verurteilt wurde.
(13) Smena: "(Macht-)Wechsel", liberaldemokratische Jugendorganisation.
(14) Memorial: Eine der ältesten russischen Menschenrechtsorganisationen, vor allem um die Aufarbeitung stalinistischer Verbrechen verdient.
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Ergänzungen

Ergänzung der anarchistischen Gruppen

_____________________ 16.04.2007 - 19:05
Zur Ergänzung:

MPST: Mezh Proffessionalny Soyuz Trudyashchikhsya (Inter-Professional Union of Workers)
AD: Avtonomnoe Deistvie (Autonomous Action)
Kontakt:  http://www.avtonom.org
PLA: St. Petersburg League of Anarchists

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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korrektur

g.a. 16.04.2007 - 03:35
in der überschrift muss es natürlich "Unzufriedenen" heißen - mods, bitte korrigieren, danke im voraus!

Wie schön, dass die Oligarchen wie

(muss ausgefüllt werden) 16.04.2007 - 22:58
Beresowski öffentlich über die Times und den Spiegel die "Revolution" angekündigt haben, die im Kern nicht anderes ist, als ein Rollback des Westens gegen Putins russischen Kapitalismus, der sich nicht so einfach aufkaufen lässt, wie es sich die Europäer und die Amerikaner gewünscht haben.

Man braucht Putin nicht möglich, es gibt viele gute Gründe ihn zu kritisieren, aber nicht von einer Kamerialla von Plünderern, die sich das ganze ehemalige Volkseigentum, wie der Mathematikprofessor Beresowski unter den Nagel gerissen haben, diejenigen, die von sich selbst behaupten, "Demokratie sei eine Frage des Geldbeutels".


Und für sich wichtig gegeben vermeintlich "Linken" hier: ein schwaches Russland bedeutet Ausplünderung und Krieg, so wie es sich die deutschen Konservativen, schon immer gewünscht haben und immer noch davon träumen, den russischen Bären zu schlachten, was 1945 über 30 Millionen Menschen in der UdSSR das Leben "gekostet" hat.




@sozialista

df 16.04.2007 - 23:31
warum haben wir es heir mit antisemiten zu tun?