Prozess zu Madrider Anschlägen hat begonnen

Ralf Streck 15.02.2007 10:35 Themen: Repression Weltweit
Unter großer Medienöffentlichkeit hat heute die juristische Aufarbeitung der verheerenden Anschläge in Madrid begonnen. Am 11. März 2004 zerfetzten 13 Bomben vier Vorortzüge der spanischen Hauptstadt. 191 Menschen wurden ermordet und fast 2000 Menschen verletzt. Für 29 Angeklagte werden insgesamt mehr als 270.000 Jahre Haft gefordert.
Erneut verhandelt der Nationale Gerichtshof in Spanien gegen mutmaßliche islamistische Attentäter. Angesetzt ist der Prozess auf ein halbes Jahr, doch es wird kaum möglich sein in dieser Zeit ein derart komplexes Verfahren zu beenden, in dem mehr als 600 Zeugen und 100 Gutachter gehört werden. Zwar wurde stets Al-Qaida für die Attacke verantwortlich gemacht, doch dafür hat der Ermittlungsrichter Juan del Olmo keine Beweise. Er spricht nur davon, die Anschläge seien von Al-Qaida „inspiriert“. Näheres hier:  http://de.indymedia.org/2007/02/167717.shtml

Nach Ermittlungen gegen 116 Personen, die oft in Untersuchungshaft saßen, werden nur noch 29 Personen, meist Marokkaner, angeklagt. Die Spanier stellen mit neun Personen die zweitgrößte Gruppe. José Emilio Suárez Trashorras, der kein Moslem ist, soll mit 38.667 Jahren Haft die Höchststrafe treffen. Er und sein Schwager Antonio Toro Castro waren Spitzel der Nationalpolizei und wurden in der Heimatregion Asturien gerade wegen Sprengstoff- und Drogenhandel zu zehn und elf Jahren Haft verurteilt.

Die neun Spanier sollen die islamistischen Fundamentalisten mit mindestens 200 Kilogramm Industriedynamit versorgt haben. Toro habe nach seiner Verhaftung wegen Drogenhandel die Kontakte dazu im Knast geknüpft. Vermittelt hat den Handel schließlich der Marokkaner Rafa Zuheir, der für die paramilitärische Guardia Civil arbeitete.

Die vielen Verstrickungen der Sicherheitskräfte (einige davon siehe unten) zu den Attentätern wurden schon in der parlamentarischen Untersuchungskommission ausgeklammert. Und alles sieht danach aus, als würde auch der Prozess keine Klarheit bringen können. Kam die Kommission schon zu dem Ergebnis, die Anschläge seien zu verhindern gewesen, müssten nun eigentlich gefragt werden, ob sie ohne die Sicherheitskräfte möglich waren. Systematisch wurden jahrelang von Polizei und Guardia Civil die Sprengstoffdeals der Spitzel verheimlicht.

Sie setzten ihren Handel fort, über den sie den Führungsbeamten Manuel García Rodríguez stets informiert haben wollen. Dass die Sicherheitskräfte die führenden Attentäter unter Kontrolle hatten, wie längst bekannt ist und auch die Lieferung des Sprengstoffs überwachten, spricht ebenfalls dafür, dass sie unterrichtet waren. Die streiten das sogar noch ab, obwohl der Ermittlungsrichter sogar offizielle Berichte darüber in seinen Akten hat.

War es bloß Zufall, dass Trashorras und Toros Führungsbeamter als "Veteran im Kampf gegen die ETA" gilt? Tatsächlich versuchte Toro bei seinem Knastaufenthalt auch Kontakte zu Gefangenen der ETA zu knüpfen und bot Sprengstoff zum Kauf an. Doch die erkannten ihn als Spitzel und mieden den Kontakt. Glaubte die kurz danach abgewählte Volkspartei (PP) deshalb, die ETA sei für die Anschläge verantwortlich oder versuchte sie tatsächlich nur von einem Zusammenhang zu dem Irak-Krieg an der Seite der USA abzulenken, um die Wahlen zu gewinnen. Noch heute fabuliert sie eine Kooperation der Basken mit den Islamisten herbei, für die keine Hinweise existieren. Wenn das eine aus dem Ruder gelaufene Aktion zur Unterwanderung der ETA war, ließe sich das merkwürdige Verhalten jedenfalls erklären.

Hintergründe dazu werden in dem Prozess kaum geklärt werden. Ein Großteil der mutmaßlichen Attentäter, vor allem die Drahtzieher, sollen sich in einer Madrider Wohnung in die Luft gejagt haben, weshalb hauptsächlich Handlanger im Gerichtssaal sitzen. Nur zwei Angeklagte sollen direkt an der Durchführung der Anschläge teilgenommen haben. Die übrigen werden der Beihilfe zu terroristischem Mord und Mordversuch, der Mitgliedschaft oder der Unterstützung einer terroristischen Gruppe beschuldigt. Bei vielen wird es sogar schwer, mehr als die eine Unterstützung zu beweisen, wie sich im gescheiterten Al-Qaida Prozess zeigte.

Von Spitzeln und Geheimdiensten

Die Verwicklungen der Sicherheitskräfte und deren Informanten in die Anschläge von Madrid sind vielfältig. Neben der Lieferung des Sprengstoffs über die Spitzel der Nationalpolizei und der Guardia Civil, finden sich noch viele Besonderheiten, hier nur einige davon.

So lieferte zum Beispiel der Imam einer Madrider Moschee in Berichten Details über die Attentäter und ihre Vorbereitungen an die Sicherheitskräfte. Abdelkader el Farssaoui, mit dem Decknamen "Cartagena" wies schon im Oktober 2002 darauf hin, islamistische Zellen wollten den "Dschihad auf Länder wie Marokko und Spanien" ausweiten. Ein halbes Jahr später wurden in Marokko Anschläge verübt, auch auf das "Spanische Haus".

Er sagte auch aus, zwei direkt der direkten Beteiligten an den Anschlägen arbeiteten ebenfalls für die Polizei. Doch Mohamed Afalah und Said Berraj sind nicht angeklagt, ausgerechnet ihnen ist die Flucht gelungen. Es seien enge Vertraute des Militärchefs Allekema Lamari gewesen.

Dieser Vize-Chef einer Zelle der algerischen Terrororganisation GIA kam 2002 wie aus Zufall über einen "Richterfehler" verfrüht aus spanischer Haft frei. Zufällig besuchte ein Agent des spanischen Geheimdienstes dessen Chef mehrfach im Knast, das erste Mal drei Monate vor Lamaris Freilassung. Zufall ist wohl auch, dass die Sprengstofflieferanten und Spitzel Antonio Toro und Rafa Zuheir zur gleichen Zeit in diesem Knast saßen. Die aufgezeichneten Tonbänder über die Besuche sind gelöscht oder verschwunden. Zufall, klar.

Auch die Verstrickung des Nationalpolizisten Maussili Kalaji sticht hervor. Der Palästinenser kam als politischer Flüchtling nach Spanien, erhielt 1984 die Staatsbürgerschaft und wurde 1989 Polizist. In seinem Telefonladen wurden die Handys frei geschaltet, die zur Zündung der Bomben am 11. März benutzt wurden. Nach Dokumenten, die dem Ermittlungsrichter vorliegen, könnte er am Bau der Bomben direkt beteiligt gewesen
sein.

"Wer", so fragt ein Bericht der Zentralen Informationseinheit der Polizei (UCI), "hat die Kabel an den Vibrator der Handys gelötet, um sie mit den Detonatoren zu verbinden". In keiner Wohnung der Terroristen habe man "Werkzeuge dafür gefunden". Das und das "notwendige Wissen" dafür habe Kalaji, schreibt die UCI. Den Terroristen sei zudem nur drei wenig Zeit nach dem Kauf der Handys bis zu den Anschlägen geblieben. Kalaji war mit mutmaßlichen Attentätern befreundet und Dokumente von ihm wurden sogar in einer der Wohnungen gefunden, die zur Vorbereitung des Massakers benutzt wurde. Er wurde niemals verhaftet und wird nicht angeklagt.

© Ralf Streck, den 15.02.2007
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