Erfurt: Nazi-Infostand erfolgreich sabotiert

Dominik Weindochnicht 11.02.2007 01:48 Themen: Antifa
In Erfurt fand am gestrigen Freitag ein Infostand der örtlichen NPD statt, an dem sich rund 50 Neonazis beteiligten. Gegenproteste wurden durch die Polizei bis auf Sichtweite abgeschirmt. Doch in den Reihen der rechtsextremen Veranstaltung befanden sich auch ein halbes Duzend eingeschleuste Antifas, die den Stand sabotierten. Die Aktion kann als voller Erfolg bezeichnet werden: schätzungsweise 90-95% der Propaganda wurden entwendet. Tausende Flugblätter, Zeitungen, Flyer, Broschüren, Aufkleber, Technikkrams und eine ganze Reihe interner Informationen wechselten die Besitzer – ohne dass die Nazis davon Wind bekamen.
V O R W E G
Lieber Michael Burkert, Patrick Paul, P. Wieschke und P. Wiedorn , ihr – die Organisatoren von diesem Nazievent - werdet gerade nachhause gekommen sein, schaltet euer „Weltznetz“ an der „Rechenmaschine“ ein um auf Indymedia zu lesen was die „andere Feldpostnummer“ mal wieder über euer gestriges Spektakel zu berichten hat. Doch bevor ihr wie üblich selbstherrlich mit eurer An-der-Stange-Halten-Politik einen vermeintlichen Erfolgsbericht verfasst, werden wir euch mit einigen Fakten mal zurück auf den Boden der Tatsachen holen. Gleichzeitig wollen wir damit auch andere AntifaschistInnen inspirieren, von den üblichen konventionellen Gegenaktionen, die vor allem in der Provinz oft im Sande verlaufen, wegzukommen. Statt im Kalkül der Cops aufzugehen und den immer gleichen Repressalien ausgeliefert zu sein, gilt es Nazis mit kreativen Methoden auseinander zunehmen.

W I E .. D E R .. T A G .. U N D .. P R O T E S T .. B E G A N N
Bereits am Nachmittag waren die ersten Grüppchen Antifas in Thüringens Landeshauptstadt unterwegs, ein paar Nazis mussten flitzen, andere hatten weniger Glück und durften diverse Kleidungsutensilien später wieder zusammensuchen. Hier und da ein kleiner Kessel, Personalienaufnahmen, Platzverweise, GegendemonstrantInnen abdrängen – die üblichen Spielchen mit der Polizei. Kurz nach 16 Uhr schlugen auch die ersten organisierten Neonazis in der Bahnhofsstraße auf, begannen den Infostand aufzubauen, während andere sich im nahen Umfeld verteilten um selbigen abzusichern. Der Großteil von ihnen kam aus Erfurt. Andere hingegen waren aus Jena, Meiningen, Arnstadt und Gotha angereist. Insgesamt waren es wohl 50-60 Personen gewesen, überwiegend männlich, teils sehr aggressiv und nicht wenige aus dem rechten Hooligan-Spektrum, ansonsten aus Kreisen der NPD und „freie Kameradschaften“. In der Nähe sammelten sich etwa gleich viele GegendemonstrantInnen. Zum Großteil bestehend aus autonomen Antifas und alternativen Jugendlichen, aber auch GewerkschafterInnen. Mit Transparenten und Sprechchören versuchten sie den Stand zu stören, ein Durchbruchsversuch wurde durch die anwesenden Polizeikräfte unterbunden. Als einige DemonstrantInnen aus dem zivilgesellschaftlichen Spektrum versuchten den Stand mit einem weißen Stofftuch zu umhüllen, kam es zu gewalttätigen Übergriffen durch Polizeibeamte und Neonazis, was letzteren besonders gelegen kam, denn die Stimmung schien bereits sehr angeheizt.

D A S .. D E S A S T E R .. N I M M T .. S E I N E N .. L AU F
Unabhängig vom Geschehen „außerhalb“ begaben sich auch einige AntifaschistInnen in entsprechendem Nazioutfit in die Versammlung der NPD. Während sich einige sofort an diverse TeilnehmerInnen „ranhingen“, um Vertrauen zu gewinnen und informative Gespräche zu führen, übernahmen andere organisatorische Aufgaben. Beispielsweise wurde fast die gesamte Propagandaverteilung zur Aufgabe der Antifa. Doch statt die braunen Pamphlete an PassantInnen zu verteilen wurden bereits hier stapelweise Tausende Flugblätter und Zeitungen unauffällig an dafür abgestellte HelferInnen am Rande übergeben und weggeschafft. Während sich ein paar Leute stets am Infostand und dem Materialreservoir bedienten, lenkten andere die übrigen „echten“ 2-3 Verteiler, die ohnehin kaum ihr Material los wurden, mittels Gesprächen von ihrer Aufgabe ab oder zeigten sich hilfsbereit und nahmen deren Bündel direkt an sich, so auch mehrfach von den Kadern Michael Burkert und Patrick Paul persönlich. Ein paar wenige Jugendliche und Bürger kamen am Stand selbst entlang und wurden mit etwas Material ausgestattet, jedoch am Ende des polizeilichen Sperr-Korridors von einigen Antifas angesprochen und das Material großteils dort bereits wieder entsorgt. Aufgrund der ungünstigen Lage des Standes und des abschreckenden Auftretens, plus der zusätzlichen Abschirmung durch die Polizei war die Außenwirkung der ganzen NPD-Aktion ohnehin sehr gering.

A N T I F A S .. I N .. M E H R E R E N .. N A Z I K L E I N G RÜ P P C H EN
Zeitgleich kamen sich auch die AktivistInnen, die direkt an einigen Nazis hingen bedeutend näher. Neben zahlreichen Namen von Personen, Strukturinfos und Veranstaltungsterminen gab es auch noch eine Reihe weiterer Internas. So wurden wir bspw. von einigen rechten Hools über das regelmässige Nazi-Kampfsporttraining, jeden Dienstag und Donnerstagabend beim Nordpark eingeladen, dem wir gerne nachkommen werden, danke noch mal Daniel, für die Infos und die Wegbeschreibung. Das nächste Event sollte bereits am gleichen Abend stattfinden. Eine Kreisverbandssitzung der Nazis im Alten Fritz, bei dem sogar der Redner Udo Pastörs angereist war. Dieser wollte natürlich auch abgeholt werden und so ging es zusammen mit Patrick Paul und einer hand voll weiterer „Kameraden“ als Geleitschutz Richtung Parkplatz. Während die restlichen Leute bei jeweils einer Naziclique am Stand verweilten brach etwa zur selben Zeit eine andere Nazikleingruppe auf um sich am Auto des Gewerkschafters Angelo Lucifero zu schaffen zu machen, da er den Infostand aus einem Hinterhof mit antifaschistischer Musik beschallte. Auch bei diesem abenteuerlichen Spektakel war natürlich ein Abgesandter der „anderen Feldnummer“ dabei, um deren Treiben für spätere Konsequenzen zu beobachten. Heimlich wurde sich aus der Veranstaltung geschlichen, auf dem Weg zum Ziel noch gescherzt, das mensch ja auch an statt was kaputt zu machen, nur eine „Kraftschlag-CD“ einlegen könnte, ging es über Umwege auf den Hinterhof eines Kirchengeländes, wo das Fahrzeug parkte. Um nicht erkannt zu werden setzten alle brav ihre Kapuzen auf, der bärtige Marc hatte keine und bekam von einem „Kameraden“ sein Basecap geborgt, alles startklar – es sollte losgehen. Doch in 60m Distanz standen auch einige Polizisten und nach dem sich unter den Nazis gestritten wurde, ob die Aktion nun trotzdem startet oder nicht, verschwand die Risikobereitschaft und so wurde das Ganze aus Angst dann doch gecancelt. Also ging es mit der Gruppe zurück zum Stand. Dort dann mit einigen von „den Guten“ geplaudert und sich darüber amüsiert, wer denn bereits mehr Telefonnummern und Namen der Nazis am Stand bis dato gesammelt hatte, ging es weiter, denn eine halbe Stunde war noch auf dem Programm. Es folgten weitere Gespräche und als ein MDR-Kameramann von einer kleinen Mauer nach seinen Dreharbeiten herabstieg kommentierte dies ein etwa 20jähriger Neonazi erbost mit den Worten „Dem würde ich jetzt gerne mal seine scheiss Kamera runterschlagen“. Ein paar Meter weiter: Zwei Anti-Antifas wurden bei ihrer Arbeit begleitet, teils direkt zu ihrem Kenntnisstand befragt, teils einfach nur daneben gestanden und gelauscht, wenn sich untereinander ausgetauscht wurde, wer denn diese/r und jene/r bei den GegendemonstrantInnen ist und wen mensch noch mal eben fix ablichten müsse.

E I N E .. H I O B S B O T S C H A F T .. T O P P T .. D I E .. N Ä C H S TE
Nach dem die Propaganda-Crew nahezu den gesamten Stand abgeräumt hatte und es nichts mehr zum „Verteilen“ bzw. entsorgen gab, war es auch schon fast 18 Uhr. Während sich einige sich von uns in die Formation zum „Abmarsch“ einreihten, halfen zwei Antifas noch beim Abbau des Standes, Aufgaben wurden verteilt. Michael Burkert versuchte mühsam den Tisch einzuklappen, Musiknazi Steffen Richter aus dem Umfeld der Band SKD wurde von uns angewiesen doch den NPD-Schirm abzubauen und wir gaben uns mit einer großen Utensilienkiste von Burkert zufrieden, welche aber nicht mehr ihren Empfänger erreichte und wie eine Vielzahl anderer Dinge an diesem Tage den Besitzer wechselte. Für die eine Hälfte war der Tag hier beendet, die andere begleiteten den Mob noch zur Kreisverbandssitzung, die aber ohne irgendwelche Störungen oder nennenswerten Vorkommnisse verlief, an sich recht langweilig. Viel Spannender waren da noch eine ganze Reihe Gespräche, bei denen wir ziemlich verwundert waren, wie naiv und offen die NPD-Anhänger mit verübten Straftaten prahlten oder andere unschöne oder private Dinge erzählten, die sie doch lieber für sich behalten hätten. Die anderen machten sich bereits an die Auswertung aller sichergestellten Materialien und konnten noch die ein oder andere Überraschung feststellen. Insgesamt waren es 30 verschiedene Flyersorten, eine riesige Anzahl der Thüringer Nazi-Zeitung „Bürgerstimme“, die in Erfurt und Arnstadt verteilt wird, einige Exemplare der sächsischen NPD-Landtagszeitung „Klartext“ und Stapel der rechten Jugendzeitschrift „Invers“, sowie einige Tausend Flyer und Flugblätter der Bundespartei, mehrere Stapel von Thüringer Erzeugnissen und hundert Flugblätter, sowie nicht wenig Material der Antikap-Kampagne, Mitgliedsanträge, Anti-Türkei/EU-Unterschriftenlisten, Einladungen, haufenweise Aufkleber und der übliche Merchandise-Stuff. Mittendrin fanden sich neben NPD-Briefkopfrohlingen auch noch diverse ausgedruckte Emails, aus denen auch noch ein paar andere interne Informationen hervorgehen. Lieber Patrick, meinst du der Geraer NPD-Kreisvorsitzende Gordon Richter ist erfreut darüber, dass du Ihn darin als „personelles Problem“ abstempelst und uns hier einige persönliche Daten, wie Namen, Adressen und Telefonnummern von Mitgliedern offenbarst? Ronald S. und Manfred M. aus Sömmerda beispielsweise, die werden dir sicherlich dankbar sein. Oder hat dass wieder Micha verbockt? Wie auch immer...ihr habt jetzt den Salat und wir eine ganze Menge Spaß. Da wir nicht wussten was wir mit den Unmengen eurer Propaganda anfangen sollten, haben wir sie wenige Stunden später einfach abgefackelt.

F A Z I T
Der NPD-Wahlkampf wurde zumindest gestern erfolgreich behindert und eine Menge materieller Ressourcen zerstört. Außerdem gab es allerhand brisanter und verwendbare Informationen, die für den ein oder anderen plauderfreudigen Neonazi noch Konsequenzen haben werden. Das war nicht die erste und letzte derartige Aktion, aber das werdet ihr –liebe „Nazipatricks“ - sicherlich noch merken oder im Zusammenhang mit diesem Artikel nun auch nachhaltig gemerkt haben. Es gibt noch weit aus mehr kreative Betätigungsfelder, die ihr mit Sicherheit noch zu spüren bekommt. Wir rufen auch andere dazu auf, mit derartigen oder ähnlichen unkonventionellen Aktionen Nazi-Veranstaltungen zu sabotieren. Und selbst nach dieser Veröffentlichung werden die Nazis, so naiv wie sie sind, eine Wiederholung nicht verhindern können, egal wie viel neue Sicherheitsmaßnahmen sie sich und ihre „Kameraden“ jetzt vielleicht versprechen werden. Probiert es aus, den Ideen sind hier keine Grenzen gesetzt. Für uns war der Tag nicht nur sehr spaßig sondern auch ziemlich aufschlussreich, auch viele offene Fragen wurden damit beantwortet. Obwohl...eine wäre natürlich noch ganz interessant...wie viele der Nazis die wir gestern persönlich kennen lernen durften werden wohl selber Spitzel (für eine Behörde) gewesen sein? ;-)

Kommt am 1. Mai 2007 nach Erfurt, um den diesjährigen Naziaufmarsch zu verhindern, zu stören und zu sabotieren! Mehr Infos folgen unter www.antifa-aktion.info

Jetzt noch ein paar Impressionen, mit einem Teil der „Beute“ und einigen TeilnehmerInnen.
Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
Creative Commons-Lizenz lizenziert.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

pauls outing

ichlachmichtot 11.02.2007 - 02:44
outing von patrick paul an der erfurter uni.  http://de.indymedia.org/2007/02/167968.shtml

skepsis aus erfahrung

antifa 11.02.2007 - 15:48
auch ich begrüsse fantasie und neue mutige aktionsideen in der antifa und beglückwünsche euch dafür, dass alles offenbar so gut geklappt hat. Trotzdem, solche aktionen sind sehr problematisch. auch wir hatten eine ähnliche aktion, die ich hier jetzt nicht ausbreiten werde und ebenfalls schien sie am ersten abend unglaublich erfolgreich zu sein. was wir nicht ahnten, war der arsch von arbeit, den wir in der folge bei der schadensbegrenzung hatten. am offensichtlichsten war das problem, dass die teilnehmenden antifas als nazis verwechselt wurden und nun auf vielen fotos kursierten, die sich schneller verbreiteten als das hintergrundwissen zu der aktion. hauptproblem war jedoch ein linker, nicht eingeweihter journalist, der in der antifa-szene rumwühlte, weil er dachte er habe eine interessante story und der nachging. er teilte seine zweifel an der identität der betreffenden antifas anderen linken mit und die verzerrte teilstory verteilte sich per mundpropaganda in der szene. Er versuchte identitäten aufzudröseln und brachte mit seinen recherchen antifas, die anfangs darauf nicht eingehen wollten, in rechtfertigungsdruck. die story wurde zum glück nicht mehr gedruckt, aber wenn der journalist sie gebracht hätte, wäre der schaden noch grösser gewesen. trotzdem: die, die an der aktion teilgenommen hatten, galten plötzlich nicht mehr als vertrauenswürdig, auch dann noch nicht, als die lokale antifa sich voll hinter sie stellte. in der gesamten linken szene musste viel überzeugungsarbeit geleistet werden, um die antifaschistische identität unserer genossen wieder glaubhaft zu machen und monate später noch fragten uns andere antifagruppen, was wir über die genossen und die entsprechendne gerüchte wüssten. die einschätzungen der gesamten aktion gingen zudem auseinander und sorgten für zusätzlichen streit. den vorteil, den ich bei dieser eurer aktion sehe, ist zumindest, dass die infos offensiv an die öffentlichkeit getragen wurden, was wir nicht gemacht haben und was vielleicht ein fehler war. das sind jetzt nur wenige aspekte der schwierigen einschätzungs - auf andere punkte kommt ihr selbst. mein rat: überlegt euch vorher gut, was solche aktionen bringen aber auch wo sie schaden.

Michael Klinger

Antifaschistische Gruppe Gotha 22.09.2007 - 13:46
Im Bild sieben lächelt def Herr Michael Klinger aus Gotha in die Kamera.
Er war bereits bei dem Störungsversuch der Mobit-Tagung am 09.Dezember 2006 aufgefallen. (  http://de.indymedia.org/2006/12/163966.shtml )
Zwar ist er nicht sonderlich von Bedeutung für die Naziszene, fällt aber duch aggressives und entschlossenes Verhalten gegenüber der linken Szene bzw. autonomer Antifaschisten auf.

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Zeige die folgenden 24 Kommentare an

lol — rotflol

klasse! — black-bloc-gelangeweilte

naja — Mein Name

WUNDERVOLL — ANTIFA MG

@ Mein Name — ...

Genau so — egal

Respekt! — die andere Feldpostnummer

BRAVO — rano

date — muster

dei mudda — dei mudda

Danke — DePeTe

@dei mudda — xyz

Mhh — Michael B.

Unglaublich — Antira

RESPEKT!!!!:) — Autonomer Antifaschist

toll!!! — Eeh nicht echt

Hääh?? — Skreptiker

gute aktion... — ABER

Richtig Geil! — Icke

Wunderbar!! — Jan