Mexiko: Frauenmorde und Maquillas
Juárez.: 460 Frauen sind seit 1993 ermordet worden und weitr mehr als 600 verschwunden. Das Klima von Gewalt und Straflosigkeit wächst, ohne dass bis zum heutigen Tag konkrete Aktionen unternommen wurden, um dieser Situation ein Ende zu bereiten. Interview mit der mexikanischen Journalistin und Ermittlerin Mariana Berlanga
Jede Woche verschwindet in Ciudad Juárez mindestens eine Frau, und es wird nie wieder etwas von ihr gehört, es sei denn, ihre Entführer entscheiden sich dafür, ihren leblosen und offensichtlich brutal gefolterten und ermordeten, wüst vergewaltigten und manchmal verstümmelten, manchmal verbrannten Körper verschwinden zu lassen. Weder die Verzweiflung und Angst der Familien, mit der Unsicherheit leben zu müssen, ob ihre Töchter, die das Haus verlassen, auch
zurückkehren werden, noch die fast 300 Morde und über 600 Vermissten lösen die Bereitwilligkeit aus, diese Taten unter Kontrolle zu bekommen.
Interview mit der Journalistin Mariana Berlanga über den Feminiozid in Ciudad de Juárez
von: SERPAL, 17.Dez.06
Dies ist das dritte Interview des Lateinamerikareporters Dick Emanuelsson mit entschiedenen, mexikanischen KämpferInnen hinsichtlich der Situation der mexikanischen Frauen ( die anderen beiden ( in Spanisch ) siehe Links Artikelende ).
Die mexikanische Journalistin und Feministin Mariana Berlanga treibt derzeit eine Untersuchung über die Frauenemorde in Ciudad Juárez und deren Verbindung mit den Institutionen und den Produnktionsgepflogenheiten der Maquilas ( Billiglohnfabriken ) der Region voran. Sie ist Aktivistin im Bereich der Aufklärung der Morde und im Kampf gegen die Straflosigkeit in Juárez, insbesondere was die Gewaltakte die dort gegen/an Frauen verübt werden anbetrifft.
Dick Emanuelsson ( im Weiteren D.E. ): Ein Thema das in der mexikanischen Republik und immer wieder in der ganzen Welt, ziemlche Aktualität besitzt, sind die Ermordungen von Frauen in Ciudad Juárez. Mariana, kannst du uns eine aktuelle Übersicht über die Lage in Ciudad Juárez geben, aber auch über die Lage im Rest der Republik in diesem Bereich, da wir wenig darüber wissen?
Die Gewalt gegen die Frauen in Juárez ist Teil der strukturierten Gewalt
Marina: In México, wie in anderen verschiedenen Ländern Lateinamerikas und der Welt, war die Gewalt gegen Frauen, einschliesslich der Morde, immer charakteristisch. Aber seit 13 Jahren überrascht uns eine neue Form dieser Gewalt, nämlich dass Frauen nicht nur einfach aus irgendeinem Grund ermordet werden, sondern dass es ein gemeinsames Muster gibt. Das heisst, es werden immer wieder an öffentlichen Orten die Körper toter Frauen aufgefunden, die Zeichen von Folter, sexueller Gewalt und Verstümmelungen aufweisen. Diese Art von Fällen überrascht uns seit 13 Jahren, obwohl die Gewalt gegen Frauen schon vorher strukturiert und systematisch gewesen ist. Vor 13 Jahren ist damit begonnen worde, die Fälle zu zählen und publik zu machen, was keine Rechtfertigung dafür ist, dass seit 13 Jahren solche Dinge geschehen.
Es werden Frauen getötet, die sehr spezifische Kennzeichen besitzen und nicht irgendwelche, jedenfalls nicht in dieser Weise. Die Ermordeten sind immer von brauner Hautfarbe, haben indigene Züge und sind zierlich. Bis vor Kurzem handelte es sich noch um jungendliche Frauen; inzwischen müssen wir sagen, dass Kinder davon betroffen sind, Mädchen im Alter von sechs, fünf bis zu drei Jahren!
Diese Geschehnisse werfen nochmals ein anderes Licht auf die Dinge und beunruhigen uns als Gesellschaft, aber besonders als Frauen und im Fall von Juárez, da er deshalb sehr einzeln ist, weil es den Frauen, die eine Tochter, Schwester, eine sonstige Verwandte oder Freundin durch einen Mord verloren haben, gelungen ist, einen Austausch untereinander aufzubauen. Durch sie konnten die Anklagen laut werden, was Ciudad de Juárez von anderen Staaten der Republik unterscheidet. Wenn es heisst, "Juárez ist nicht der einzige Ort, an dem Frauen ermordet werden", dann geschieht dies fast immer in der Absicht, dieses Problem zu bagatellisieren. Aber ich glaube, dass im Fall von Ciudad Juárez vom ersten Moment an, die Anklagen dank der Fähigkeit der Frauen, sich zusammenzuschliessen, am präzisesten vorgebracht worden sind. In ihren Aussagen geben die Frauen an, dass sie nicht daran gedacht hätten, dass ihnen oder ihren Töchtern so etwas zustossen könne, denn in México ist es sehr verbreitet, Frauen für Gewaltakte selbst verantwortlich zu machen. Wenn ich etwa zum Ministerium für Öffentlichkeit gehe, um eine Vergewaltigung anzuzeigen, dann werde ich gefragt, weshalb ich etwa aufreizende Kleidung getragen hätte, um eine solche Zeit alleine herumgelaufen bin und damit die Vergewaltigung provozierte habe. Das ist im gesamten Land absolut die Regel und innerhalb unseres Justizssystems legal.
Und genau das passierte, als damit begonnen wurde, die Frauenmorde in Cuidad Juárez aufzuzeichnen. Es wurde behauptet, dass die Opfer Prostituierttengruppen angehört haben, mit dem Drogenhandel in Verbindungen gestanden hätten oder dass ihr Benehmen auf irgendeine Weise fragwürdig gewesen sei und dass sie deshalb ermordet worden waren: die klassische, soziale Säuberung! In wenigen Worten:"Sie haben sich die Gewalttat aufgrund ihres Betragens selbst zuzuschreiben und sie verdient".
Dies führt überdies zu dem interessanten Phänomen, dass die Bevölkerung von Juárez selbst, sich von dem sie betreffenden Problem distanziert. Es gibt Aussagen von Müttern zu denen es, als ihre Tochter verschwand, hiess: "Sag" mal, es kann doch nicht sein, dass deiner Tochter das passiert ist, was im Fernsehen gebracht wirdf?" und die dann antworteten: "Aber nein, das ist unmöglich, denn meine Tochter ist ein Kind aus gutem Hause. Sie geht nicht auf Feste und läuft nachts herum. Sie studiert und arbeitet:" Wenn die Realität ihnen dann unumstösslich beweist, dass es sich doch um ihre Tochter handelt, ist das Erste, worauf ich bestehe, dass die Familien der Opfer sich kennenlernen und sich zusammenschliessen; dass sie darstellen, was passiert ist, ihre Fälle verlautbaren und Selbst-Stigmatisierungen und die Stigmatisierung der Opfer überwinden und hinter sich lassen; ich glaube dadurch wird Ciudad de Juárez zu etwas Besonderem.
Ciudad Juárez, Grenzstadt, Maquillastadt
Ein anderes Charakteristikum der ermordeten Frauen ist ihre Anonymität. Juárez ist eine Stadt mit einer sehr hohen Zahl an Emigrierten; fast alle die hierher kommen denken dabei nur an eine kurze Zeitspanne oder wollen auf die andere Seite, d.h. in die USA, was sie dann aber aus irgendwelchen Gründen nicht schaffen. Das verursacht eine äussert geringe soziale Ordnung. Oft kennen die Leute untereinander sich nicht, ständig kommen neue an und es herrscht eine grosse Fluktuation der EinwohnerInnen. Für die Frauen, die in den Maquillas zu arbeiten beginnen bedeutet dies einen Zustand besonderer Angreifbarkeit, da sie weder gewerkschaftlichen Schutz haben noch feste Arbeitsverträge. Die Dauer der "Anstellung" ist kurz, die Belegschaft rotiert. Um so beeindruckender ist es, dass die Frauen es trotz dieser Bedingungen geschafft haben, sich zusammenzuschliessen und die Mordfälle nicht nur auf individueller Ebene, sondern bezüglich vieler Staaten, in denen sie geschehen, anzuklagen.
Vor zwei Wochen z. Bsp. war ich in Chimalhuacán, Staat México, und es scheint so, als ob sich dort dasselbe abspielt; nachdem mehrere, nach demselben Schema ermordete Frauen aufgefunden worden sind, hat die Gemeinde nun bereits diesbezügliche Schreiben versandt.
Ein anderes Einzelkennzeichen von Juárez ist die Konzentration der Maquillas. Sie ist die erste Stadt México´s in der die Billiglohnfirmenbetreiber ihre Niederlassungen errichteten und primär für die Frauen sind diese die erste Arbeitsgelgenheit, wenn es ihnen nicht gelingt in die Vereinigten Staaten zu gelangen oder nur die Männer. Denn Frauen bleibt die Arbeit in den Maquillas, die nicht nur schlecht bezahlt wird und totale Ausbeutung bedeutet, sondern deren bedingungen auch noch unmenschlich sind. Ausser Arbeitsverträge zu verweigern, verletzten die Betreiber der "Zivilisationsklitschen" sämtliche Umweltschutzgesetze und viele ArbeiterInnen erleiden sexuelle Belästigungen, um nur einige dieser Punkte anzuführen. Es ist bezeichnend, in makroökonomischen Termini und im Terminus dessen ausgedrückt, was die Konsumgesellschaft als produktiv bezeichnt, dass es die Hauptproduktionstädte Méxicos sind, in denen solche Dinge geschehen.
Dick: Es gibt Frauen die aus dem Inneren Méxicos kamen, die verschwunden sind und in Ciudad Juárez tot aufgefunden wurden. Sie sind, wie du sagtest, nach Juárez gekommen um Arbeit zu suchen oder in die USA zu gelangen. Was ist das Hauptcharakteristikum dieser Stadt?
Mariana: Ciudad Juárez besteht aus quasi zwei Hälften: der Maquillastadt und der Stadt selbst, bzw. aus der Stadt der gehobenen Klasse, denn in letzterer konzentrieren sich die Unternehmerfreunde Fox´s, die die Haupbesitzer von Juárez sind. Die Maquillas befinden sich hauptsächlich im leeren Ausserhalb und es gibt fast keine Verkehrsmittel, die von den Frauen benutzt werden können. Das heisst, eine Frau deren Arbeit dort um sechs Uhr beginnt, muss eine Stunde vorher aus dem Haus und eine halbe Stunde lang, irgendwo am Stadtrand auf den Lastwagen warten, der sie aufsammelt und zur Fabrik bringt.
Es ist auffallend, dass die ermordeten Frauen in grosser Nähe zu den Maquillas gefunden wurden oder von brachliegenden Aussengeländen im Besitz der Unternehmer, die ebenfalls ein Charakteristikum der Stadt s, mit der diese ihr Geld verdient.
Bis es jemanden in deiner Nähe trifft
Dick: In Guatemala gbt es ein gemeinschaftliches Merkmal. Die Frauen wurden vor Beginn der ersten Schicht oder nach Ende der zweiten ermordet. Gibt es einen Leitfaden zwischen diesem Geschehen und den Fällen in Ciudad Juárez?
Mariana: Ja, absolut. Tatsächlich sagten die meisten Angehörigen der Ermordeten aus, dass sie die Frauen zum letzten vor Arbeitsbeginn oder in den Maquillas gesehen hatten. Da du Guatemala erwähnst, über dessen Fall ich viel weniger weiss, muss ich sagen, dass ich glaube, dass die Statistiken dort noch viel schlimmer ausfallen, denn die Frauenmorde in Guatameala waren eine Politik der Contraaufständischen. Historischerweise haben wir es mit der Tradition der sog. "Normalisierung der Gewalt gegen Frauen" zu tun. Das heisst, und ich glaube das trifft sowohl in Juárez als auch in México im Allgemeinen zu, jedesmal wenn die Medien über eine weitere Ermordete berichten, überrascht uns das nicht etwa, sondern wir sagen "Naja, gut". Die Gesellschaft nimmt dieses Morden auf, als wäre es etwas Normales, als wäre es eines ihrer Charakteristika, das uns dies nur berührt, wenn es in unserer unmittelbaren Nähe geschieht bzw. uns selbst betrifft.
Dick: Stimmt es, dass die Autoritäten Ciudad Juárez aufgrund seiner Merkmale der Maquillakonzentration und der Nähe zur Grenze, als einen besonderen Einzelfall definiert haben, an dem das organisierte Verbrechen zwischen den USA und México aus und ein geht?
Mariana: Nun, ich denke zum Teil ist es so, weil es real ist, dass die Stadt mit ihrem Grenzcharakter dieses Merkmal eines "Nicht-Ortes" besitzt. D.h. aus demselben Grund gehört sie auch zu niemandens Regierung; niemand weiss, wer dort regiert oder ob es überhaupt jemand tut. Andererseits existieren all´diese Faktoren wie der Drogenhandel und die Geldwäsche, deren einziger Effekt ist, dass die Stadt noch unregierbarer wird und dass diese Dinge auf begünstigende Weise in Straflosigkeit geschehen können, gerade weil es diese Faktoren gibt, denen die Schuld zugeschrieben wird. Das ist wie in Guatemala mit den Maras ( Jugendbanden ). Es ist wahr, dass diese Gruppe eine tägliche Rebellion repräsentieren, die in Gewalt abgleitet, aber andererseits ist es sehr vereinfacht zu sagen, alles was geschieht, sämtliche sozialen Probleme werden durch die Maras verursacht.
Es ist ein sozialer Makel, aber der Drogenhandel existiert nicht ohne die Unterstützung des Staats. Alle Schuld diesen Faktoren zuzuschreiben, ist gleichbedeutend mit einer Flucht vor dem Problem und bedeutet seine Rechtfertigung. Es ist dasselbe wie zu sagen, Gewalt gegen Frauen ist kulturell bedingt, denn damit wäscht sich der Staat die Hände rein; ebenso wie in den letzten zwei, drei Jahren ein Teil der Politik des mexikanischen Staates von sich gibt, sämtlichen Frauenmorden in Ciudad Juárez und México lägen an innerfamiliäre Konflikte zugrunde; damit sind wir absolut nicht einverstanden.
Aber schön, die Gewalt innerhalb der Familien in México ist existent, ebenso wie sie auf der ganzen Welt zunimmt und uns sehr besorgt macht; aber ich glaube dass es hier einen klaren Unterschied gibt. Die Morde sind anonym, es gibt keinerlei Beziehung zwischen den Opfern und den Tätern, die keinen greifbaren Grund haben, genau diese Person zu töten, weil sie etwa deren Vater, Bruder oder Partner sind. Wie ich bereits sagte, es "normalisiert" sich, was dasselbe ist wie zu sagen, dass es keine Lösung für die Gewalt gibt und dass sie weiterhin stattfinden wird.
Die verdächtige Nachlässigkeit des Staates
Dick: Das Opfer wird zum sichtbaren Phänomen, wenn es auf den Titelseiten der Sensationspresse erscheint, aus deren Seiten das Blut läuft; aber was ist der auschlaggebende Faktor, was das Motiv für diese extreme Gewalt gegenüber Frauen?
Mariana: Ich glaube dass mehrere Faktoren zusammenkommen; es ist schwierig eine punktuelle Erklärung für ein so komplexes Problem zu liefern. So kamen bspw. die Frauen meiner Organisation zu dem Schluss, dass einer der Gründe, der Grad ist, den der Neokapitalismus und das kapaitalistische System in seinem Zerfallszustand erreicht haben. Wir schreiben die Motive einer möglichen Geschäftemacherei zu, denn wenn wir uns der Aktivität der Autoritäten ( Verwaltungsbevollmächtigten ) zuwenden, der Respektlosikeit, sprechen wir nicht nur ( wie es sonst immer geschieht ) von Unterlassungen oder Fehlern, sondern davon, dass tatsächlich eine Politik der Lösungsunwilligkeit besteht; eine Politik, die die Fälle zu verschleiern versucht. Mehrere der aktivsten Frauen in Juárez haben Todesdrohungen erhalten, was wie wir denken, auf die Schuld der Machtinhaber zurückzuführen ist; wir sehen keine andere Erklärung für diese Nachlässigkeit.
Dick: Konnten einige Verantwortliche für diese Drohungen aufgedeckt werden?
Mariana: von der dqpp.
Dick: Gab es tatsächlich Pornofilme ?
Mariana: Also wie es scheint in den USA, hier in México nicht .
Dick: Das heisst, dass man in diesen die Opfer identifizieren könnte?
Mariana: Nein. Wir behaupten, dass der Fall der Frauenmorde in Ciudad Juárez auf juristisch-kriminologischer Ebene in diesem Punkt zu präzise absolut nichts geführt hat. Nicht weil die Autoritäten unfähig wären oder weil keine ausreichenden Techniken vorhanden wären, sondern weil sie faktisch keine Ermittelungen angestrengt haben; d.h. das Einzige, was die angeblichen Instanzenapparate zur Aufklärung der Fälle getan haben, ist den Frauen als Opfern mit erhobenem Zeigefinger zu signalisieren, dass man sie hatte kaufen, sie bedrohen wollen und endlose solcher Dinge mehr. Deshalb halte ich es für die akzeptabelste These, dass wir zwar nicht wissen weshalb genau noch wozu die Morde geschehen, dass sie aber auf unumstössliche Weise in einer Verbindung zur Macht stehen.
Multis, Maquillas und die Frauen und Männer
Dick: Verschiedene Ökonomen sagten, dass mit der Einführung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens ( TLC/ALCA ) zwischen Nordamerika und México ein grosser Teil der ländlichen Regionen Méxicos verlassen wurden, nicht nur aufgrund der Verschiebung der Arbeitsorte, sondern auch weil die Männer in die USA gingen, um zu arbeiten und weil die Frauen, aus demselben Grund in Städte wie Juárez abgewandert sind. Dasselbe vollzog sich in Honduras in San Pedro Sula, eine fortschrittliche Stadt mit vielen Maquillas, deren Belegschaften praktisch zu zwischen 90 bis 95% aus Frauen besteht. Die Männer im arbeitsfähigen Alter sind in die USA abgewandert; fast eine Million Honduraner lebt dort. Dabei hat der in Zentralamerika allgemein zur Schau gestellte Machismus seine Auswirkungen. Manchmal erzeugt diese Haltung Agressionen gegenüber den zurückgebliebenen und arbeitenden Frauen. Hast du bei deinen Untersuchungen eine Verbindung zwischen der Präsenz der Transnationalen, dem Freihandelsabkommen und der Gewalt gegen Frauen festgestellt?
Mariana: Die Realität ist, dass die Maquillas die Geschlechterrollen verändert haben. Wie du sagst, ging/geht dabei das verloren, was als die traditionelle Familie gilt , die ausserdem etwas sehr traditionell Mexikanisches, etwas Unberührbares ist. Und jetzt sind es die Frauen, die den Takt bestimmen, die Arbeit im eigenen Land und am Ende des Monats Geld in der Tasche haben. Diese Dinge haben das Phänomen hervortreten lassen, dass dieGesellschaft dieses in welcher Form auch immer, verinnerlichten Patriarchats, die Gewalt bagatellisiert und auf breiter Ebene rechtfertigt, indem sie sagt: "dass eine Frau diese verdient". Es ist eine neue Art des Umgangs mit den Opfern wenn die Komunikationsmedien von einer Betroffenen behaupten, sie sei leicht bekleidet um 23 Uhr draussen herumspaziert, deshalb also... , d.h. es handelt sich um etwas, was von den Autoritäten, den Komunikationsmedien und der Gesellschaft, bis in die betroffenen Familien hinein, geteilt wird und es ist ein Schlüsselfaktor der die Gesellschaft davon abhält, Anklagen zu erheben oder mindestens diese Gewalt als nicht schlimm zu empfinden. Das soll nicht heissen, dass nun die Männer einfach ihre Frauen umbringen würden, wenn ihnen etwas nicht passt; aber es heisst, dass die Männer gegenüber dieser Situation schweigen und sich aufgrund dieses Patriarchats passiv verhalten, bis die eigene Frau sagt: "Wir sind eine gute Familie und meiner Tochter kann so etwas nicht passieren, weil sie sich nicht so benehmen würde, wie jenes Mädchen."
Die Zahl der verschwundenen Frauen ist unendlich viel höher, als die der Ermordeten und es heisst fast von allen, dass sie ihren Freund, Ehemann oder die Famile verlassen haben und dass über ihren Verbleib nichts bekannt ist. In diesem Sinne unterstützt die Gesellschaft in grossem Maße das perverse Spiel der Rechtfertigung seitens der Autoritäten, das bewirkt, dass niemand sich um die Morde kümmert, noch dass die Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden.
Die Reaktion der Regierung Fox
Dick: Was hat die Regierung Fox in den letzten sechs Jahren zur Aufklärung wenigstens eines Teils der Morde und Fälle von Verschwinden unternommen?
Mariana: Es wurde eine simple Spezialstaatsanwaltschaft geschaffen. Der Fox-Regierung gefielen solche Staatsanwaltschaften die zu keinen Lösungen fähig waren, so wie es im Fall der Verschwundenen von 68 gehandhabt wurde. Sie verliefen sich letztlich in puren, bürokratischen Instanzenwegen. Aber es wurde gesagt: " Sehen Sie her, Señoras, was ich Ihnen anbiete, was ich für Sie tue:"
Dick: Eine Medien-Show.
Mariana: Ganz genau.
Dick: Wie weit ist diese spezielle Staatsanwaltschaft gekommen?
Mariana: Das Letzte was sie getan hat, war zu sagen, dass der Feminozid ein Mythos wäre und dass sich nach zwei Jahren Arbeit in Ciudad Juárez nichts weiter herausgestellt habe, als die Existenz von innerfamiliärer Gewalt, die ein soziales Bildungsprogramm notwendig mache, um sie künftig zu vermeiden. Sie hat keinerlei Verantwortung übernommen.
Dick: Gibt es Sdtaatsanwälte die dieser Politik kritisch gegenüber stehen? Und andere ermittelnde Personen seitens der betroffenen Familien, die ernsthaft versuchen, auf den Grund dieser Geschehnisse vorzudringen?
Mariana: Es gibt Intellektuelle, öffentliche Persönlichkeiten, KünstlerInnen, die eine oder andere Abgeordnete und/oder NGO, aber es ist sehr verbreitet dieses Verhandlungsspiel der Regierung mitzuspielen und die Rolle der Darstellung mit der Exekutiven aufzubauen, um zu sehen, mit wem man es zu tun hat. Dabei wird, von den Organisationen der politische und ökonomische Kontext aus den Augen verloren. Man sagt: "Die Verantwortlichen, die Mörder müssen bestraft werden", aber es gibt keine realistische Kritik an diesem Kontext. Die Phantasie beschränkt sich auf die materiellen Mörder, deren Überführung so quasi unmöglich ist, umsoweniger als die Beweise zerstört wurden und was weiss ich wieviel Zeit vertrichen ist. Die kritischen Stimmen gegenüber den Vorfällen in Ciudad Juárez sind im Allgemeinen sehr dürftig.
Die Unterzeichnung des Freihandelsabkommens und die Morde in Juárez, eine Übereinstimmung?
Dick: Du sagtest, dass im Verlauf der 13 Jahre ein Anstieg der Morde verzeichnet wird. Liegt in diesem Anstieg auch die veränderte "Qualität" der Morde, oder worin ist sie begründet? Hat sie etwas mit der Einführung des Freihandelsabkommens zu tun?
Mariana: Sie stimmt ganz klar mit der Einführung der TLC/ALCA überein, denn es sind dreizehn Jahre seit die erste ermordete Frau, auf einem brachliegenden Firmengelände, mit diesen Merkmalen, in einem Plastiksack und mit Spuren von Misshandlungen, registriert wurde.
Die Teilhabe des mexikanischen Machismo
Dick: Gibt es vom kulturellen Gesichtspunkt, von der Mentalität der Leute aus eine Veränderung im Denken des Mexikaners, seiner Persönlichkeit; ist er gestresster, intoleranter, leidet er heute mehr?
Mariana: Also, ich glaube nicht, dass sich etwas verändert hat.
Dick: Weshalb wird der Mexikaner als grosser Macho angesehen?
Mariana: Ich glaube dass diese Macho-Kultur bis in die Kreise der linksten Linken, der Fortschrittlichsten hineinreicht; bis in die intellektuellen Bereiche. Ich glaube dass der Machismus dort am unerträglichsten ist, weil es eine ganze Reihe von Tricks gibt, mit denen er gerechtfertigt wird.
Dick: Hat das was Fox als Restrukturierung des Staates bezeichnet ähnliche Efkete ausgelöst, wie Alvaro Uribe in Kolumbien, wo eine breite Masse, ein Heer von ArbeiterInnen und öffentlichen Angestellten die Strassen blockierte, weil sie ihre Arbeit verloren hatten, weil ein Grossteil der öffentlichen Fabriken und des öffentlichen Sektors geschlossen und die Zukunft der Familien dehalb unsicher geworden war?
Mariana: Ja, ich glaube, dass trotzdem es sich um Veränderungen handelte, durch diese alles noch schlimmer geworden ist; dass soll heissen, es gibt jedesmal mehr Menschen die sich "ausserhalb" fühlen. Aber gut, die mexikanische Kultur bleibt die mexikanische Kultur, ob für Reiche oder Arme und ich glaube dass diese Pan-Regierungen einzig die mexikanische Gesellschaft noch konservativer werden lassen. Stereotypen müssen sich zwar aus wirtschaftlichen Gründen bewegen, aber die Mentalität bleibt dieselbe und deshalb kann der Feminozid von einem Gesichtspunkt des patriarchalen Systems aus erklärt werden, demzufolge nicht allein Frauen ermordet werden, sondern Frauen, die nicht das tun, was sie sollen oder die nicht so sind, wie sie zu ein haben.
Die Mörder
Dick: Deinen Untersuchungen zufolge haben die Kriminalisten und andere Ermittelnde ein Bild, einen Leitfaden gefunden, nachdem die Mörder der Frauen definiert werden?
Mariana: Seit der Verschleppung eines Mädchen vor weniger als einem Jahr, das gerettet wurde, das wir aber nicht kennen, ist allgemein von bärtigen Männern mit schwarzer, dunkelbrauner Hautfarbe die Rede. Aber es gibt niemanden, der die Geschichte erzählt, d.h. man weiss nicht wer entführt wurde, wie, und wo die Betreffende wieder ausgesetzt wurde.
Dick: Das bedeutet dass es keine wirklichen Ermittlungen gibt? Im Allgemeinen erarbeiten Polizeipsychologen ein Profil des Mörders. Konnten keine Ergebnisse summiert und alle Ergebnisse koordiniert werden um das zu erreichen? Ich sage nicht, dass es Serienmörder wären, aber es müsste doch gelungen sein, die Mentalität der Mörder zu identifizieren, die sie zu diesen Taten treibt. Oder sind sie das Ergebins einer kranken Gesellschaft?
Mariana: Mir persönlich behagt es nicht, gleich von einer ganzen kranken Gesellschaft zu sprechen.
Dick: Was kann Morde von dieser Art verursachen?
Mariana: Sicher können wir einem sozialen Zerfall ausmachen. Aber bei dieser Art von Fällen wie ich sie in Juárez für sehr spezifisch halte, würde ich von organisiertem Verbrechen sprechen; etwas, dem eine perfekte Planung zugrunde liegt, einschliesslich einer beinhalteten Botschaft an die übrigen Frauen, denn es bedarf ganz bestimmter materieller Erfordernisse um diese Art von Taten durchzuführen, um die Opfer, wer weiss wo zu vergewaltigen und wer weiss wo, zu ermorden und sie dann hierher zubringen und liegenzulassen.
Dick: Aber weshalb sollte das organisierte Verbrechen eine derart brutale und drastische Botschaft senden wollen?
Mariana: Ja, also ich weiss nicht, es kann sein dass "die Opfer eine Art Wegwerfware sind, die niemandem mehr wichtig ist und dass es ihnen mehr nützt, als wenn sie diese einreihen würden."
Dick: Aber das organisierte Verbrechen verfolgt ökonomische Ziele und tötet nicht um des Tötens willen?
Mariana: Es wird behauptet dass “Snuff”-Videos mit den Frauen gemacht wurde, also Videos bei denen das Opfer vergewaltigt und getötet wird; es wird ausserdem behauptet, dass diese Mädchen für eine einmalige Erfahrung verkauft wurden, nämlich die, dass der "Kunde" im Moment des Tötens einer Frau einen Orgasmus haben würde; also etwas Einmalige und wir haben keine Zweifel, dass die Gringos dazu fähig sind, "dieses Produkt" zu konsumieren. Folglich können die Opfer und diese Einmaligkeit an Erfahrung Millionen von Pesos und Dollar einbringen. Gleichzeitig beinhalten die Fälle in Ciudad Juárez eine eindringliche Botschaft an die Leute, die versucht haben die Morde anzuzeigen: Als Fox sagte: "Wir haben alles unter Kontrolle", tauchte am folgenden Tag ein ermordetes Mädchen auf. Deshalb glauben wir auch, dass es nicht alle der verschwundenen Frauen sind, die hier als Ermordete öffentlich zur Schau gestellt werden.
Dick: Das Casa Alianza, eine Organisation die mit ( männlichen und weiblichen ) Strassenkindern arbeitet, gibt an, dass sich an die 10.000 Kinder und Pubertrierende HonduranerInnen als “mojados” ( vulgär kann mojar mit ficken übersetzt werden ) zwischen Mexiko und Guatemala auf dem Weg in die Vereinigten Staaten befinden. Hast du bei deinen Untersuchungen eine Verbindung hierzu festgestellt? Mit Sicherheit bleiben sie ebenfalls in Juárez hängen, vielleicht in Bordellen zur Kinderprostitution bestimmt.
Mariana: Ja, tatsächlich und ebenfalls zur Kinderpornographie. Ich mache diesbezüglich auf die Ermittlungen von Lidia Cocho in einem Fall eines Pornographierings aufmerksam, weil sie aufzeigen, dass eine Verbindung zwischen Pornographie und Maquillas besteht. Diese Ermittlungen belegen, dass das Hauptgeschäft der Maquillabesitzer nicht die Billiglohnfabriken selbst sind, sondern dass es Kinderpornographie ist, die zu Multimillionären macht. Das heisst, dass die Maquillas ein Schutzschirm für das wahre Geschäft sind, das die Betreiber verbergen.
Dick: Das heisst auch, dass sie dort eine gute Auswahl unter den Mädchen treffen können?
Mariana: Es gibt Aussagen von Frauen aus Juárez, von Maqillaarbeiterinnen, die sagen dass sie um arbeiten zu dürfen, beweisen mussten, dass sie nicht schwanger sind und andere solcher Illegalitäten; dass Fotos von ihrem ganzen Körper gemacht wurden. Dasdrängt den Gedanken auf, dass eine Verbindung zwischen den Maquillabesitzern und den Netzen der Prostitution besteht.
Dick: Um dieses interessante Interview zu einem so tragischen und dramatischen Thema zu klausulieren: Was kann eine Gesellschaft tun, welche Verantwortung hat der Staat, damit diese Dinge aufören, diese Art von Morden und was kann die mexikanische Bevölkerung allgemein tun?
Mariana: Das ist eine komlizierte Frage, denn es ist ein kompliziertes Thema. Es gibt mehrere Ebenen dieser Problematik. Ich glaube das, was wir als Bevölkerung tun müssen, ist akzeptieren, dass nichts zu tun Komplizenschaft bedeutet und dass wir nicht darauf hoffen können, dass die Regierung eine Lösung liefern wird, die uns bereits gezeigt hat, dass sie nicht die mindeste Absicht diesbezüglich besitzt.
Andererseits würde ich von Frauennetzen sprechen, die tatsächlich realisierbar sind, um zu erreichen, dass die Frauen sich untereinander schützen..., die Frauen von Ciudad Juárez haben z.Bsp. schon ein Radio, das als Verbindungsglied zwischen ihnen fungiert. Hier sollte der Anfang der Selbstregulierung durch die Gesellschaft sein, die nicht länger wartet.
Noch etwas anderes ist, zu erkennen dass diese Frauenmorde nur die Spitze eines Eisberges sind. Sie erregen unsere Abscheu, aber vor diesem Grad an Brutalität gibt es viele Grade: Misshandlungen, sexueller Missbrauch, Belästigungen, Ausbeutung der Arbeit; eine Serie von beeinflussenden Faktoren, die zusammentreffen können oder auch nicht, die aber auf jedenfalls gegeben sind und die uns an diesen Punkt gebracht haben. Es ist notwendig bei dem Grundlegensten zu beginnen, beim Respekt voreinander zwischen uns @llen.
Vielen Dank. Dieses Thema wird nicht mit diesem Interview beendet sein. Bedauerlicherweise wird es morgen weitergehen. In jedem Fall haben wir sozialen KomunikatorInnen eine grosse Verantwortung, die schmutzige Kehrseite der Medallie, wie es heisst, auszugraben. In diesem Sinne besten Dank und viel Kraft.
( Quelltext:
http://chiapas.indymedia.org/display.php3?article_id=140347 )
frei übersetzt von: tierr@
Frauenmorde ein für alle Mal beenden
PETITION ONLINE!
www.PetitionOnline.com/JUAREZ/petition.html
e-mail
harald@cyberworx.de
Die Seite der Frauen von Juarez ( 8-sparchig, auch deutsch )
www.mujeresdejuarez.org
U.a. zur Situation in den "lateinamerikanischen" Maquiallas:
www.ci-romero.de/
Interview mit Rosario Ortiz, Gewerkschafter und PRD-Diputierter über die §Politik der Diskriminierung" er regierung Fox.
gobierno de Vicente Fox.
http://www.argenpress.info/notaprint.asp?num=035772
Interview mit der italo-mexikanischen Feministin und Universitätsprofessorin Francesca Gargallo, sie über den langen Kampf der mexikanischen Frauen für ihre Befreiung spricht
http://www.argenpress.info/nota.asp?num=036050
zurückkehren werden, noch die fast 300 Morde und über 600 Vermissten lösen die Bereitwilligkeit aus, diese Taten unter Kontrolle zu bekommen.
Interview mit der Journalistin Mariana Berlanga über den Feminiozid in Ciudad de Juárez
von: SERPAL, 17.Dez.06
Dies ist das dritte Interview des Lateinamerikareporters Dick Emanuelsson mit entschiedenen, mexikanischen KämpferInnen hinsichtlich der Situation der mexikanischen Frauen ( die anderen beiden ( in Spanisch ) siehe Links Artikelende ).
Die mexikanische Journalistin und Feministin Mariana Berlanga treibt derzeit eine Untersuchung über die Frauenemorde in Ciudad Juárez und deren Verbindung mit den Institutionen und den Produnktionsgepflogenheiten der Maquilas ( Billiglohnfabriken ) der Region voran. Sie ist Aktivistin im Bereich der Aufklärung der Morde und im Kampf gegen die Straflosigkeit in Juárez, insbesondere was die Gewaltakte die dort gegen/an Frauen verübt werden anbetrifft.
Dick Emanuelsson ( im Weiteren D.E. ): Ein Thema das in der mexikanischen Republik und immer wieder in der ganzen Welt, ziemlche Aktualität besitzt, sind die Ermordungen von Frauen in Ciudad Juárez. Mariana, kannst du uns eine aktuelle Übersicht über die Lage in Ciudad Juárez geben, aber auch über die Lage im Rest der Republik in diesem Bereich, da wir wenig darüber wissen?
Die Gewalt gegen die Frauen in Juárez ist Teil der strukturierten Gewalt
Marina: In México, wie in anderen verschiedenen Ländern Lateinamerikas und der Welt, war die Gewalt gegen Frauen, einschliesslich der Morde, immer charakteristisch. Aber seit 13 Jahren überrascht uns eine neue Form dieser Gewalt, nämlich dass Frauen nicht nur einfach aus irgendeinem Grund ermordet werden, sondern dass es ein gemeinsames Muster gibt. Das heisst, es werden immer wieder an öffentlichen Orten die Körper toter Frauen aufgefunden, die Zeichen von Folter, sexueller Gewalt und Verstümmelungen aufweisen. Diese Art von Fällen überrascht uns seit 13 Jahren, obwohl die Gewalt gegen Frauen schon vorher strukturiert und systematisch gewesen ist. Vor 13 Jahren ist damit begonnen worde, die Fälle zu zählen und publik zu machen, was keine Rechtfertigung dafür ist, dass seit 13 Jahren solche Dinge geschehen.
Es werden Frauen getötet, die sehr spezifische Kennzeichen besitzen und nicht irgendwelche, jedenfalls nicht in dieser Weise. Die Ermordeten sind immer von brauner Hautfarbe, haben indigene Züge und sind zierlich. Bis vor Kurzem handelte es sich noch um jungendliche Frauen; inzwischen müssen wir sagen, dass Kinder davon betroffen sind, Mädchen im Alter von sechs, fünf bis zu drei Jahren!
Diese Geschehnisse werfen nochmals ein anderes Licht auf die Dinge und beunruhigen uns als Gesellschaft, aber besonders als Frauen und im Fall von Juárez, da er deshalb sehr einzeln ist, weil es den Frauen, die eine Tochter, Schwester, eine sonstige Verwandte oder Freundin durch einen Mord verloren haben, gelungen ist, einen Austausch untereinander aufzubauen. Durch sie konnten die Anklagen laut werden, was Ciudad de Juárez von anderen Staaten der Republik unterscheidet. Wenn es heisst, "Juárez ist nicht der einzige Ort, an dem Frauen ermordet werden", dann geschieht dies fast immer in der Absicht, dieses Problem zu bagatellisieren. Aber ich glaube, dass im Fall von Ciudad Juárez vom ersten Moment an, die Anklagen dank der Fähigkeit der Frauen, sich zusammenzuschliessen, am präzisesten vorgebracht worden sind. In ihren Aussagen geben die Frauen an, dass sie nicht daran gedacht hätten, dass ihnen oder ihren Töchtern so etwas zustossen könne, denn in México ist es sehr verbreitet, Frauen für Gewaltakte selbst verantwortlich zu machen. Wenn ich etwa zum Ministerium für Öffentlichkeit gehe, um eine Vergewaltigung anzuzeigen, dann werde ich gefragt, weshalb ich etwa aufreizende Kleidung getragen hätte, um eine solche Zeit alleine herumgelaufen bin und damit die Vergewaltigung provozierte habe. Das ist im gesamten Land absolut die Regel und innerhalb unseres Justizssystems legal.
Und genau das passierte, als damit begonnen wurde, die Frauenmorde in Cuidad Juárez aufzuzeichnen. Es wurde behauptet, dass die Opfer Prostituierttengruppen angehört haben, mit dem Drogenhandel in Verbindungen gestanden hätten oder dass ihr Benehmen auf irgendeine Weise fragwürdig gewesen sei und dass sie deshalb ermordet worden waren: die klassische, soziale Säuberung! In wenigen Worten:"Sie haben sich die Gewalttat aufgrund ihres Betragens selbst zuzuschreiben und sie verdient".
Dies führt überdies zu dem interessanten Phänomen, dass die Bevölkerung von Juárez selbst, sich von dem sie betreffenden Problem distanziert. Es gibt Aussagen von Müttern zu denen es, als ihre Tochter verschwand, hiess: "Sag" mal, es kann doch nicht sein, dass deiner Tochter das passiert ist, was im Fernsehen gebracht wirdf?" und die dann antworteten: "Aber nein, das ist unmöglich, denn meine Tochter ist ein Kind aus gutem Hause. Sie geht nicht auf Feste und läuft nachts herum. Sie studiert und arbeitet:" Wenn die Realität ihnen dann unumstösslich beweist, dass es sich doch um ihre Tochter handelt, ist das Erste, worauf ich bestehe, dass die Familien der Opfer sich kennenlernen und sich zusammenschliessen; dass sie darstellen, was passiert ist, ihre Fälle verlautbaren und Selbst-Stigmatisierungen und die Stigmatisierung der Opfer überwinden und hinter sich lassen; ich glaube dadurch wird Ciudad de Juárez zu etwas Besonderem.
Ciudad Juárez, Grenzstadt, Maquillastadt
Ein anderes Charakteristikum der ermordeten Frauen ist ihre Anonymität. Juárez ist eine Stadt mit einer sehr hohen Zahl an Emigrierten; fast alle die hierher kommen denken dabei nur an eine kurze Zeitspanne oder wollen auf die andere Seite, d.h. in die USA, was sie dann aber aus irgendwelchen Gründen nicht schaffen. Das verursacht eine äussert geringe soziale Ordnung. Oft kennen die Leute untereinander sich nicht, ständig kommen neue an und es herrscht eine grosse Fluktuation der EinwohnerInnen. Für die Frauen, die in den Maquillas zu arbeiten beginnen bedeutet dies einen Zustand besonderer Angreifbarkeit, da sie weder gewerkschaftlichen Schutz haben noch feste Arbeitsverträge. Die Dauer der "Anstellung" ist kurz, die Belegschaft rotiert. Um so beeindruckender ist es, dass die Frauen es trotz dieser Bedingungen geschafft haben, sich zusammenzuschliessen und die Mordfälle nicht nur auf individueller Ebene, sondern bezüglich vieler Staaten, in denen sie geschehen, anzuklagen.
Vor zwei Wochen z. Bsp. war ich in Chimalhuacán, Staat México, und es scheint so, als ob sich dort dasselbe abspielt; nachdem mehrere, nach demselben Schema ermordete Frauen aufgefunden worden sind, hat die Gemeinde nun bereits diesbezügliche Schreiben versandt.
Ein anderes Einzelkennzeichen von Juárez ist die Konzentration der Maquillas. Sie ist die erste Stadt México´s in der die Billiglohnfirmenbetreiber ihre Niederlassungen errichteten und primär für die Frauen sind diese die erste Arbeitsgelgenheit, wenn es ihnen nicht gelingt in die Vereinigten Staaten zu gelangen oder nur die Männer. Denn Frauen bleibt die Arbeit in den Maquillas, die nicht nur schlecht bezahlt wird und totale Ausbeutung bedeutet, sondern deren bedingungen auch noch unmenschlich sind. Ausser Arbeitsverträge zu verweigern, verletzten die Betreiber der "Zivilisationsklitschen" sämtliche Umweltschutzgesetze und viele ArbeiterInnen erleiden sexuelle Belästigungen, um nur einige dieser Punkte anzuführen. Es ist bezeichnend, in makroökonomischen Termini und im Terminus dessen ausgedrückt, was die Konsumgesellschaft als produktiv bezeichnt, dass es die Hauptproduktionstädte Méxicos sind, in denen solche Dinge geschehen.
Dick: Es gibt Frauen die aus dem Inneren Méxicos kamen, die verschwunden sind und in Ciudad Juárez tot aufgefunden wurden. Sie sind, wie du sagtest, nach Juárez gekommen um Arbeit zu suchen oder in die USA zu gelangen. Was ist das Hauptcharakteristikum dieser Stadt?
Mariana: Ciudad Juárez besteht aus quasi zwei Hälften: der Maquillastadt und der Stadt selbst, bzw. aus der Stadt der gehobenen Klasse, denn in letzterer konzentrieren sich die Unternehmerfreunde Fox´s, die die Haupbesitzer von Juárez sind. Die Maquillas befinden sich hauptsächlich im leeren Ausserhalb und es gibt fast keine Verkehrsmittel, die von den Frauen benutzt werden können. Das heisst, eine Frau deren Arbeit dort um sechs Uhr beginnt, muss eine Stunde vorher aus dem Haus und eine halbe Stunde lang, irgendwo am Stadtrand auf den Lastwagen warten, der sie aufsammelt und zur Fabrik bringt.
Es ist auffallend, dass die ermordeten Frauen in grosser Nähe zu den Maquillas gefunden wurden oder von brachliegenden Aussengeländen im Besitz der Unternehmer, die ebenfalls ein Charakteristikum der Stadt s, mit der diese ihr Geld verdient.
Bis es jemanden in deiner Nähe trifft
Dick: In Guatemala gbt es ein gemeinschaftliches Merkmal. Die Frauen wurden vor Beginn der ersten Schicht oder nach Ende der zweiten ermordet. Gibt es einen Leitfaden zwischen diesem Geschehen und den Fällen in Ciudad Juárez?
Mariana: Ja, absolut. Tatsächlich sagten die meisten Angehörigen der Ermordeten aus, dass sie die Frauen zum letzten vor Arbeitsbeginn oder in den Maquillas gesehen hatten. Da du Guatemala erwähnst, über dessen Fall ich viel weniger weiss, muss ich sagen, dass ich glaube, dass die Statistiken dort noch viel schlimmer ausfallen, denn die Frauenmorde in Guatameala waren eine Politik der Contraaufständischen. Historischerweise haben wir es mit der Tradition der sog. "Normalisierung der Gewalt gegen Frauen" zu tun. Das heisst, und ich glaube das trifft sowohl in Juárez als auch in México im Allgemeinen zu, jedesmal wenn die Medien über eine weitere Ermordete berichten, überrascht uns das nicht etwa, sondern wir sagen "Naja, gut". Die Gesellschaft nimmt dieses Morden auf, als wäre es etwas Normales, als wäre es eines ihrer Charakteristika, das uns dies nur berührt, wenn es in unserer unmittelbaren Nähe geschieht bzw. uns selbst betrifft.
Dick: Stimmt es, dass die Autoritäten Ciudad Juárez aufgrund seiner Merkmale der Maquillakonzentration und der Nähe zur Grenze, als einen besonderen Einzelfall definiert haben, an dem das organisierte Verbrechen zwischen den USA und México aus und ein geht?
Mariana: Nun, ich denke zum Teil ist es so, weil es real ist, dass die Stadt mit ihrem Grenzcharakter dieses Merkmal eines "Nicht-Ortes" besitzt. D.h. aus demselben Grund gehört sie auch zu niemandens Regierung; niemand weiss, wer dort regiert oder ob es überhaupt jemand tut. Andererseits existieren all´diese Faktoren wie der Drogenhandel und die Geldwäsche, deren einziger Effekt ist, dass die Stadt noch unregierbarer wird und dass diese Dinge auf begünstigende Weise in Straflosigkeit geschehen können, gerade weil es diese Faktoren gibt, denen die Schuld zugeschrieben wird. Das ist wie in Guatemala mit den Maras ( Jugendbanden ). Es ist wahr, dass diese Gruppe eine tägliche Rebellion repräsentieren, die in Gewalt abgleitet, aber andererseits ist es sehr vereinfacht zu sagen, alles was geschieht, sämtliche sozialen Probleme werden durch die Maras verursacht.
Es ist ein sozialer Makel, aber der Drogenhandel existiert nicht ohne die Unterstützung des Staats. Alle Schuld diesen Faktoren zuzuschreiben, ist gleichbedeutend mit einer Flucht vor dem Problem und bedeutet seine Rechtfertigung. Es ist dasselbe wie zu sagen, Gewalt gegen Frauen ist kulturell bedingt, denn damit wäscht sich der Staat die Hände rein; ebenso wie in den letzten zwei, drei Jahren ein Teil der Politik des mexikanischen Staates von sich gibt, sämtlichen Frauenmorden in Ciudad Juárez und México lägen an innerfamiliäre Konflikte zugrunde; damit sind wir absolut nicht einverstanden.
Aber schön, die Gewalt innerhalb der Familien in México ist existent, ebenso wie sie auf der ganzen Welt zunimmt und uns sehr besorgt macht; aber ich glaube dass es hier einen klaren Unterschied gibt. Die Morde sind anonym, es gibt keinerlei Beziehung zwischen den Opfern und den Tätern, die keinen greifbaren Grund haben, genau diese Person zu töten, weil sie etwa deren Vater, Bruder oder Partner sind. Wie ich bereits sagte, es "normalisiert" sich, was dasselbe ist wie zu sagen, dass es keine Lösung für die Gewalt gibt und dass sie weiterhin stattfinden wird.
Die verdächtige Nachlässigkeit des Staates
Dick: Das Opfer wird zum sichtbaren Phänomen, wenn es auf den Titelseiten der Sensationspresse erscheint, aus deren Seiten das Blut läuft; aber was ist der auschlaggebende Faktor, was das Motiv für diese extreme Gewalt gegenüber Frauen?
Mariana: Ich glaube dass mehrere Faktoren zusammenkommen; es ist schwierig eine punktuelle Erklärung für ein so komplexes Problem zu liefern. So kamen bspw. die Frauen meiner Organisation zu dem Schluss, dass einer der Gründe, der Grad ist, den der Neokapitalismus und das kapaitalistische System in seinem Zerfallszustand erreicht haben. Wir schreiben die Motive einer möglichen Geschäftemacherei zu, denn wenn wir uns der Aktivität der Autoritäten ( Verwaltungsbevollmächtigten ) zuwenden, der Respektlosikeit, sprechen wir nicht nur ( wie es sonst immer geschieht ) von Unterlassungen oder Fehlern, sondern davon, dass tatsächlich eine Politik der Lösungsunwilligkeit besteht; eine Politik, die die Fälle zu verschleiern versucht. Mehrere der aktivsten Frauen in Juárez haben Todesdrohungen erhalten, was wie wir denken, auf die Schuld der Machtinhaber zurückzuführen ist; wir sehen keine andere Erklärung für diese Nachlässigkeit.
Dick: Konnten einige Verantwortliche für diese Drohungen aufgedeckt werden?
Mariana: von der dqpp.
Dick: Gab es tatsächlich Pornofilme ?
Mariana: Also wie es scheint in den USA, hier in México nicht .
Dick: Das heisst, dass man in diesen die Opfer identifizieren könnte?
Mariana: Nein. Wir behaupten, dass der Fall der Frauenmorde in Ciudad Juárez auf juristisch-kriminologischer Ebene in diesem Punkt zu präzise absolut nichts geführt hat. Nicht weil die Autoritäten unfähig wären oder weil keine ausreichenden Techniken vorhanden wären, sondern weil sie faktisch keine Ermittelungen angestrengt haben; d.h. das Einzige, was die angeblichen Instanzenapparate zur Aufklärung der Fälle getan haben, ist den Frauen als Opfern mit erhobenem Zeigefinger zu signalisieren, dass man sie hatte kaufen, sie bedrohen wollen und endlose solcher Dinge mehr. Deshalb halte ich es für die akzeptabelste These, dass wir zwar nicht wissen weshalb genau noch wozu die Morde geschehen, dass sie aber auf unumstössliche Weise in einer Verbindung zur Macht stehen.
Multis, Maquillas und die Frauen und Männer
Dick: Verschiedene Ökonomen sagten, dass mit der Einführung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens ( TLC/ALCA ) zwischen Nordamerika und México ein grosser Teil der ländlichen Regionen Méxicos verlassen wurden, nicht nur aufgrund der Verschiebung der Arbeitsorte, sondern auch weil die Männer in die USA gingen, um zu arbeiten und weil die Frauen, aus demselben Grund in Städte wie Juárez abgewandert sind. Dasselbe vollzog sich in Honduras in San Pedro Sula, eine fortschrittliche Stadt mit vielen Maquillas, deren Belegschaften praktisch zu zwischen 90 bis 95% aus Frauen besteht. Die Männer im arbeitsfähigen Alter sind in die USA abgewandert; fast eine Million Honduraner lebt dort. Dabei hat der in Zentralamerika allgemein zur Schau gestellte Machismus seine Auswirkungen. Manchmal erzeugt diese Haltung Agressionen gegenüber den zurückgebliebenen und arbeitenden Frauen. Hast du bei deinen Untersuchungen eine Verbindung zwischen der Präsenz der Transnationalen, dem Freihandelsabkommen und der Gewalt gegen Frauen festgestellt?
Mariana: Die Realität ist, dass die Maquillas die Geschlechterrollen verändert haben. Wie du sagst, ging/geht dabei das verloren, was als die traditionelle Familie gilt , die ausserdem etwas sehr traditionell Mexikanisches, etwas Unberührbares ist. Und jetzt sind es die Frauen, die den Takt bestimmen, die Arbeit im eigenen Land und am Ende des Monats Geld in der Tasche haben. Diese Dinge haben das Phänomen hervortreten lassen, dass dieGesellschaft dieses in welcher Form auch immer, verinnerlichten Patriarchats, die Gewalt bagatellisiert und auf breiter Ebene rechtfertigt, indem sie sagt: "dass eine Frau diese verdient". Es ist eine neue Art des Umgangs mit den Opfern wenn die Komunikationsmedien von einer Betroffenen behaupten, sie sei leicht bekleidet um 23 Uhr draussen herumspaziert, deshalb also... , d.h. es handelt sich um etwas, was von den Autoritäten, den Komunikationsmedien und der Gesellschaft, bis in die betroffenen Familien hinein, geteilt wird und es ist ein Schlüsselfaktor der die Gesellschaft davon abhält, Anklagen zu erheben oder mindestens diese Gewalt als nicht schlimm zu empfinden. Das soll nicht heissen, dass nun die Männer einfach ihre Frauen umbringen würden, wenn ihnen etwas nicht passt; aber es heisst, dass die Männer gegenüber dieser Situation schweigen und sich aufgrund dieses Patriarchats passiv verhalten, bis die eigene Frau sagt: "Wir sind eine gute Familie und meiner Tochter kann so etwas nicht passieren, weil sie sich nicht so benehmen würde, wie jenes Mädchen."
Die Zahl der verschwundenen Frauen ist unendlich viel höher, als die der Ermordeten und es heisst fast von allen, dass sie ihren Freund, Ehemann oder die Famile verlassen haben und dass über ihren Verbleib nichts bekannt ist. In diesem Sinne unterstützt die Gesellschaft in grossem Maße das perverse Spiel der Rechtfertigung seitens der Autoritäten, das bewirkt, dass niemand sich um die Morde kümmert, noch dass die Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden.
Die Reaktion der Regierung Fox
Dick: Was hat die Regierung Fox in den letzten sechs Jahren zur Aufklärung wenigstens eines Teils der Morde und Fälle von Verschwinden unternommen?
Mariana: Es wurde eine simple Spezialstaatsanwaltschaft geschaffen. Der Fox-Regierung gefielen solche Staatsanwaltschaften die zu keinen Lösungen fähig waren, so wie es im Fall der Verschwundenen von 68 gehandhabt wurde. Sie verliefen sich letztlich in puren, bürokratischen Instanzenwegen. Aber es wurde gesagt: " Sehen Sie her, Señoras, was ich Ihnen anbiete, was ich für Sie tue:"
Dick: Eine Medien-Show.
Mariana: Ganz genau.
Dick: Wie weit ist diese spezielle Staatsanwaltschaft gekommen?
Mariana: Das Letzte was sie getan hat, war zu sagen, dass der Feminozid ein Mythos wäre und dass sich nach zwei Jahren Arbeit in Ciudad Juárez nichts weiter herausgestellt habe, als die Existenz von innerfamiliärer Gewalt, die ein soziales Bildungsprogramm notwendig mache, um sie künftig zu vermeiden. Sie hat keinerlei Verantwortung übernommen.
Dick: Gibt es Sdtaatsanwälte die dieser Politik kritisch gegenüber stehen? Und andere ermittelnde Personen seitens der betroffenen Familien, die ernsthaft versuchen, auf den Grund dieser Geschehnisse vorzudringen?
Mariana: Es gibt Intellektuelle, öffentliche Persönlichkeiten, KünstlerInnen, die eine oder andere Abgeordnete und/oder NGO, aber es ist sehr verbreitet dieses Verhandlungsspiel der Regierung mitzuspielen und die Rolle der Darstellung mit der Exekutiven aufzubauen, um zu sehen, mit wem man es zu tun hat. Dabei wird, von den Organisationen der politische und ökonomische Kontext aus den Augen verloren. Man sagt: "Die Verantwortlichen, die Mörder müssen bestraft werden", aber es gibt keine realistische Kritik an diesem Kontext. Die Phantasie beschränkt sich auf die materiellen Mörder, deren Überführung so quasi unmöglich ist, umsoweniger als die Beweise zerstört wurden und was weiss ich wieviel Zeit vertrichen ist. Die kritischen Stimmen gegenüber den Vorfällen in Ciudad Juárez sind im Allgemeinen sehr dürftig.
Die Unterzeichnung des Freihandelsabkommens und die Morde in Juárez, eine Übereinstimmung?
Dick: Du sagtest, dass im Verlauf der 13 Jahre ein Anstieg der Morde verzeichnet wird. Liegt in diesem Anstieg auch die veränderte "Qualität" der Morde, oder worin ist sie begründet? Hat sie etwas mit der Einführung des Freihandelsabkommens zu tun?
Mariana: Sie stimmt ganz klar mit der Einführung der TLC/ALCA überein, denn es sind dreizehn Jahre seit die erste ermordete Frau, auf einem brachliegenden Firmengelände, mit diesen Merkmalen, in einem Plastiksack und mit Spuren von Misshandlungen, registriert wurde.
Die Teilhabe des mexikanischen Machismo
Dick: Gibt es vom kulturellen Gesichtspunkt, von der Mentalität der Leute aus eine Veränderung im Denken des Mexikaners, seiner Persönlichkeit; ist er gestresster, intoleranter, leidet er heute mehr?
Mariana: Also, ich glaube nicht, dass sich etwas verändert hat.
Dick: Weshalb wird der Mexikaner als grosser Macho angesehen?
Mariana: Ich glaube dass diese Macho-Kultur bis in die Kreise der linksten Linken, der Fortschrittlichsten hineinreicht; bis in die intellektuellen Bereiche. Ich glaube dass der Machismus dort am unerträglichsten ist, weil es eine ganze Reihe von Tricks gibt, mit denen er gerechtfertigt wird.
Dick: Hat das was Fox als Restrukturierung des Staates bezeichnet ähnliche Efkete ausgelöst, wie Alvaro Uribe in Kolumbien, wo eine breite Masse, ein Heer von ArbeiterInnen und öffentlichen Angestellten die Strassen blockierte, weil sie ihre Arbeit verloren hatten, weil ein Grossteil der öffentlichen Fabriken und des öffentlichen Sektors geschlossen und die Zukunft der Familien dehalb unsicher geworden war?
Mariana: Ja, ich glaube, dass trotzdem es sich um Veränderungen handelte, durch diese alles noch schlimmer geworden ist; dass soll heissen, es gibt jedesmal mehr Menschen die sich "ausserhalb" fühlen. Aber gut, die mexikanische Kultur bleibt die mexikanische Kultur, ob für Reiche oder Arme und ich glaube dass diese Pan-Regierungen einzig die mexikanische Gesellschaft noch konservativer werden lassen. Stereotypen müssen sich zwar aus wirtschaftlichen Gründen bewegen, aber die Mentalität bleibt dieselbe und deshalb kann der Feminozid von einem Gesichtspunkt des patriarchalen Systems aus erklärt werden, demzufolge nicht allein Frauen ermordet werden, sondern Frauen, die nicht das tun, was sie sollen oder die nicht so sind, wie sie zu ein haben.
Die Mörder
Dick: Deinen Untersuchungen zufolge haben die Kriminalisten und andere Ermittelnde ein Bild, einen Leitfaden gefunden, nachdem die Mörder der Frauen definiert werden?
Mariana: Seit der Verschleppung eines Mädchen vor weniger als einem Jahr, das gerettet wurde, das wir aber nicht kennen, ist allgemein von bärtigen Männern mit schwarzer, dunkelbrauner Hautfarbe die Rede. Aber es gibt niemanden, der die Geschichte erzählt, d.h. man weiss nicht wer entführt wurde, wie, und wo die Betreffende wieder ausgesetzt wurde.
Dick: Das bedeutet dass es keine wirklichen Ermittlungen gibt? Im Allgemeinen erarbeiten Polizeipsychologen ein Profil des Mörders. Konnten keine Ergebnisse summiert und alle Ergebnisse koordiniert werden um das zu erreichen? Ich sage nicht, dass es Serienmörder wären, aber es müsste doch gelungen sein, die Mentalität der Mörder zu identifizieren, die sie zu diesen Taten treibt. Oder sind sie das Ergebins einer kranken Gesellschaft?
Mariana: Mir persönlich behagt es nicht, gleich von einer ganzen kranken Gesellschaft zu sprechen.
Dick: Was kann Morde von dieser Art verursachen?
Mariana: Sicher können wir einem sozialen Zerfall ausmachen. Aber bei dieser Art von Fällen wie ich sie in Juárez für sehr spezifisch halte, würde ich von organisiertem Verbrechen sprechen; etwas, dem eine perfekte Planung zugrunde liegt, einschliesslich einer beinhalteten Botschaft an die übrigen Frauen, denn es bedarf ganz bestimmter materieller Erfordernisse um diese Art von Taten durchzuführen, um die Opfer, wer weiss wo zu vergewaltigen und wer weiss wo, zu ermorden und sie dann hierher zubringen und liegenzulassen.
Dick: Aber weshalb sollte das organisierte Verbrechen eine derart brutale und drastische Botschaft senden wollen?
Mariana: Ja, also ich weiss nicht, es kann sein dass "die Opfer eine Art Wegwerfware sind, die niemandem mehr wichtig ist und dass es ihnen mehr nützt, als wenn sie diese einreihen würden."
Dick: Aber das organisierte Verbrechen verfolgt ökonomische Ziele und tötet nicht um des Tötens willen?
Mariana: Es wird behauptet dass “Snuff”-Videos mit den Frauen gemacht wurde, also Videos bei denen das Opfer vergewaltigt und getötet wird; es wird ausserdem behauptet, dass diese Mädchen für eine einmalige Erfahrung verkauft wurden, nämlich die, dass der "Kunde" im Moment des Tötens einer Frau einen Orgasmus haben würde; also etwas Einmalige und wir haben keine Zweifel, dass die Gringos dazu fähig sind, "dieses Produkt" zu konsumieren. Folglich können die Opfer und diese Einmaligkeit an Erfahrung Millionen von Pesos und Dollar einbringen. Gleichzeitig beinhalten die Fälle in Ciudad Juárez eine eindringliche Botschaft an die Leute, die versucht haben die Morde anzuzeigen: Als Fox sagte: "Wir haben alles unter Kontrolle", tauchte am folgenden Tag ein ermordetes Mädchen auf. Deshalb glauben wir auch, dass es nicht alle der verschwundenen Frauen sind, die hier als Ermordete öffentlich zur Schau gestellt werden.
Dick: Das Casa Alianza, eine Organisation die mit ( männlichen und weiblichen ) Strassenkindern arbeitet, gibt an, dass sich an die 10.000 Kinder und Pubertrierende HonduranerInnen als “mojados” ( vulgär kann mojar mit ficken übersetzt werden ) zwischen Mexiko und Guatemala auf dem Weg in die Vereinigten Staaten befinden. Hast du bei deinen Untersuchungen eine Verbindung hierzu festgestellt? Mit Sicherheit bleiben sie ebenfalls in Juárez hängen, vielleicht in Bordellen zur Kinderprostitution bestimmt.
Mariana: Ja, tatsächlich und ebenfalls zur Kinderpornographie. Ich mache diesbezüglich auf die Ermittlungen von Lidia Cocho in einem Fall eines Pornographierings aufmerksam, weil sie aufzeigen, dass eine Verbindung zwischen Pornographie und Maquillas besteht. Diese Ermittlungen belegen, dass das Hauptgeschäft der Maquillabesitzer nicht die Billiglohnfabriken selbst sind, sondern dass es Kinderpornographie ist, die zu Multimillionären macht. Das heisst, dass die Maquillas ein Schutzschirm für das wahre Geschäft sind, das die Betreiber verbergen.
Dick: Das heisst auch, dass sie dort eine gute Auswahl unter den Mädchen treffen können?
Mariana: Es gibt Aussagen von Frauen aus Juárez, von Maqillaarbeiterinnen, die sagen dass sie um arbeiten zu dürfen, beweisen mussten, dass sie nicht schwanger sind und andere solcher Illegalitäten; dass Fotos von ihrem ganzen Körper gemacht wurden. Dasdrängt den Gedanken auf, dass eine Verbindung zwischen den Maquillabesitzern und den Netzen der Prostitution besteht.
Dick: Um dieses interessante Interview zu einem so tragischen und dramatischen Thema zu klausulieren: Was kann eine Gesellschaft tun, welche Verantwortung hat der Staat, damit diese Dinge aufören, diese Art von Morden und was kann die mexikanische Bevölkerung allgemein tun?
Mariana: Das ist eine komlizierte Frage, denn es ist ein kompliziertes Thema. Es gibt mehrere Ebenen dieser Problematik. Ich glaube das, was wir als Bevölkerung tun müssen, ist akzeptieren, dass nichts zu tun Komplizenschaft bedeutet und dass wir nicht darauf hoffen können, dass die Regierung eine Lösung liefern wird, die uns bereits gezeigt hat, dass sie nicht die mindeste Absicht diesbezüglich besitzt.
Andererseits würde ich von Frauennetzen sprechen, die tatsächlich realisierbar sind, um zu erreichen, dass die Frauen sich untereinander schützen..., die Frauen von Ciudad Juárez haben z.Bsp. schon ein Radio, das als Verbindungsglied zwischen ihnen fungiert. Hier sollte der Anfang der Selbstregulierung durch die Gesellschaft sein, die nicht länger wartet.
Noch etwas anderes ist, zu erkennen dass diese Frauenmorde nur die Spitze eines Eisberges sind. Sie erregen unsere Abscheu, aber vor diesem Grad an Brutalität gibt es viele Grade: Misshandlungen, sexueller Missbrauch, Belästigungen, Ausbeutung der Arbeit; eine Serie von beeinflussenden Faktoren, die zusammentreffen können oder auch nicht, die aber auf jedenfalls gegeben sind und die uns an diesen Punkt gebracht haben. Es ist notwendig bei dem Grundlegensten zu beginnen, beim Respekt voreinander zwischen uns @llen.
Vielen Dank. Dieses Thema wird nicht mit diesem Interview beendet sein. Bedauerlicherweise wird es morgen weitergehen. In jedem Fall haben wir sozialen KomunikatorInnen eine grosse Verantwortung, die schmutzige Kehrseite der Medallie, wie es heisst, auszugraben. In diesem Sinne besten Dank und viel Kraft.
( Quelltext:
http://chiapas.indymedia.org/display.php3?article_id=140347 ) frei übersetzt von: tierr@
Frauenmorde ein für alle Mal beenden
PETITION ONLINE!
www.PetitionOnline.com/JUAREZ/petition.html
harald@cyberworx.de Die Seite der Frauen von Juarez ( 8-sparchig, auch deutsch )
www.mujeresdejuarez.org
U.a. zur Situation in den "lateinamerikanischen" Maquiallas:
www.ci-romero.de/
Interview mit Rosario Ortiz, Gewerkschafter und PRD-Diputierter über die §Politik der Diskriminierung" er regierung Fox.
gobierno de Vicente Fox.
http://www.argenpress.info/notaprint.asp?num=035772 Interview mit der italo-mexikanischen Feministin und Universitätsprofessorin Francesca Gargallo, sie über den langen Kampf der mexikanischen Frauen für ihre Befreiung spricht
http://www.argenpress.info/nota.asp?num=036050
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Ergänzungen
Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen
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