Erfolgreiche Equality Days in Poznan
Am Samstag, den 18.11.06, fand im polnischen Poznan eine erfolgreiche Gleichheitsdemo ("Marsz Rownosci") für eine offene Gesellschaft ohne jegliche Art von Diskriminierung statt. Etwa 500 Menschen beteiligten sich an der Demo, die letztes Jahr noch verboten und zerschlagen worden war; die Stadtregierung hatte sich dieses Jahr für die tolerante Schiene entschieden und die Polizei schob etwa 50 beknackte Gegendemonstranten vom Abschlußkundgebungsplatz.
- Polen -
Nicht erst seit der Gleichheitsparade ("Parada Rownosci") diesen Juni in Warschau (
http://x-berg.de/2006/08/27/nachlese-zur-parada-rownosci-2006), die neben einigen erfreulichen Aspekten auch die Verhaftung von René (
http://www.queerberlin.tk) brachte, legt in der BRD der eine und die andere ein Auge auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in Polen. Gerade Menschen, die in ihrem sexuellen Ausdruck dem nationalistisch-homophoben Mainstream einer von einem aggressiven katholischen Diskurs bestimmten Gesellschaft widersprechen, sehen sich alltäglicher Diskriminierung, tätlichen Angriffen und politischer Repression ausgesetzt. Präsident Kaczynski machte seine Einstellung unter anderem bei einer Rede in der Humboldt-Uni in Berlin deutlich, als er die Szenerie einer zum Aussterben verdammten homosexuellen Welt beschwor.
Öffentliches Auftreten ist immer wieder mit polizeilich-bürokratischer Repression und körperlichen Angriffen durch neofaschistische Gruppen wie der Allpolnischen Jugend (Mlodziez Wszechpolska) und anderen Spektren konfrontiert - so auch die Gleichheitsdemos in Poznan in den letzten beiden Jahren.
- Poznan 04/05 -
Seit 2004 findet in Poznan, einem 600.000-Seelen-Städtchen drei Stunden von Berlin in Richtung Warschau, im Rahmen der Gleichheitstage ("Dni Rownosci") die Gleichheitsdemo statt, die gleiche Rechte und politische und kulturelle Toleranz (den Begriff Toleranz zu kritisieren ist eine Sache, die hier grad mal zugunsten der schlichten Darstellung unterlassen wurde) für alle Minderheiten in der polnischen Gesellschaft fordert. Die Gleichheitstage bestehen aus einer Reihe von Diskussionsveranstaltungen, Filmvorführungen und Ausstellungen, die von einem Bündnis verschiedenster Leute aus unter anderem ökologischen, feministischen, transgender, anarchistischen, globalisierungskritischen und Bürgerrechts-Gruppen organisiert werden.
Die Demo traf 2004 und 2005 auf Proteste und Angriffe durch die übliche Allianz aus Neofaschisten, Hools und KatholikInnen und wurde 2005, von der Stadt verboten, durch die Polizei erst gekesselt und dann teilweise brutal geräumt - es gab 65 Festnahmen (
http://de.indymedia.org/2005/11/133575.shtml).
In der Folge wurde diese vom Bürgermeister Ryszard Grybelny angeordnete Repression durch Medien in ganz Polen kritisiert, durch 10 Solidemos in verschiedenen Städten skandalisiert ("Mars Rownosci idzie dalej!" - Die Gleichheitsdemo geht weiter!) und vom einem Gericht für illegal erklärt. Der lokale Bürgermeisterkandidat der regierenden Partei PiS, Jacek Tomczak, musste sich nach Gerichtsbeschluß für seine Äußerung, die DemonstrantInnen seien "Perverse", entschuldigen.
- Poznan 06 -
Im Vorfeld der diesjährigen Demonstration schien wieder vieles für ein Verbot und eine abweisende Haltung der Stadtregierung zu sprechen. Zu den günstigen Faktoren des Gerichtsbeschlusses, der die Repression für illegal erklärt hatte, der Kritik an der Haltung der Stadt und der erfolgreichen Demo in Warschau im Juni kam allerdings (vielleicht entscheidend) hinzu, dass die Kommunalwahlen am 12.11.06 in Poznan eine spezielle Situation ergaben. Bürgermeister Grybelny, der nach der letztjährigen Demo seine Partei, die liberal-konservative PO, verlassen hatte und seitdem parteiloser Bürgermeister war, hatte gegen seine größte Konkurrentin überraschenderweise nur ein Patt erzielt.
Mit jeweils 35 % müssen nun beide am 26.11. in eine Stichwahl - eine Situation, in der sich Grybelny wohl jegliche schlechte Presse wie im letzten Jahr ersparen wollte.
(D.h., dass sich eine strategische Krisensitzung bei Grybelny wohl für die Einschätzung entschied, mehr Stimmen bei einer Repression der sonst "Schwulen-Parade" genannten Demo zu verlieren als bei einer Durchführung. Das spiegelt im übrigen die Einschätzung der Stimmung in der Stadt Poznan durch die diesen Artikel schreibende Person.)
Und so ging bereits am Montag, also direkt nach der Wahl, die widerspruchslose Genehmigung für Demo und Demoroute bei den OrganisatorInnen ein. Allerdings waren Gegenkundgebungen der Allpolnischen Jugend und des "Verbandes der Veteranen des Aufstands von 1956" angekündigt.
Es wurde erwartet, dass eine Reihe von Hools zum Stören einer Antifa-Demo (
http://pl.indymedia.org/pl/2006/11/24450.shtml) nach Torun fahren würden.
- Die Demo -
Eine Gruppe von AktivistInnen aus dem linksradikalen oder wie-auch-immer-sucht-euch-was-aus Spektrum, die eine Stunde vor Demobeginn zum Auftaktkundgebungsort kam, fand sich einer Menge Polizisten, diversen Fernsehteams und JournalistInnen und einer Gruppe von etwa 10 auffallend jungen Aktivisten der NOP (Narodowe Odrodzenie Polski - Nationale polnische Wiedergeburt) gegenüber. Die Jungens von der NOP sollten die Demo zusammen mit anderen Hools und mehr oder weniger einem neofaschistischen Spektrum zuzuordnenden Jungmännern bis zum Ende begleiten. Sie hatten drei DIN A3-Schildchen dabei, von denen zwei das Logo der NOP und eines den Slogan "Heute Homosexuelle - Morgen Pädophile" zeigte. Ohne den Fehler begehen zu wollen, neofaschistische Bewegungen und ihre AktivistInnen aufgrund ihres öffentlichen Auftretens verharmlosend lächerlich zu machen, muß hier doch gesagt werden, dass gerade diese Vertreter der NOP zu einem wirklich erstaunlichen Ausmaß albern daherkamen.
Die Polizei, die im Laufe des Tages ihr ganzes Arsenal an Mittelchen zur Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols herzeigen sollte: Hunde, Pferde, Wasserwerfer, Aufstandsbekämpfungspolizisten mit Schlagstock, Tränengastanks, die auf dem Rücken getragen wurden und gruseligen (Tränengasgranaten-)Gewehren, umstellte den Platz auf dem die DemonstrantInnen sich sammelten, ohne aber diese und offensichtliche Neofaschisten räumlich zu trennen. Von einigen Gruppen Boneheads und Hools wurden die Personalien aufgenommen. Von den Treppen des benachbarten Hauptgebäudes der ach-so-altehrwürdigen Uni Poznans besahen sich verschiedene BürgerInnen und PassantInnen das aus ihrer Sicht anscheinend für sie aufgeführte Schauspiel. Sie wurden enttäuscht - so richtig Spektakuläres sollte nicht passieren.
Nachdem die Samba-Band Poznans zu spielen begonnen hatte und die Reden gehalten waren, bewegte sich die Demo mit 400 bis 500 Leuten die Hauptstrasse des Heiligen Martin unter starker Bullenpräsenz hinunter Richtung Zentrum. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite begleitete eine buntgemischte Menge aus Hools, Neofaschisten, sogenannten DurchschnittsbürgerInnen, erlebnisorientierten Jugendlichen und irritierten eigentlich Einkaufenden die Demo. Hie und da gab es Pöbeleien, zwei geworfene Eier wurden gesichtet, wenn mensch sich aus der Demo heraus bewegte und zwischen dieser reaktionären Multitude sich bewegte, wurde auch gerempelt und angemacht. Im großen und ganzen schien aber der gemeine katholisch-homophobe Jungpole von dem großen Bullenaufgebot eher abgeschreckt.
Die Demo selbst war von sehr unterschiedlichen Leuten besucht: schwarz gekleidete, bisweilen auch sich ihrer historischen Mission bewußt bitterböse herumlinsende Jugendliche, Menschen in bürgerlicher Kleidung jeglichen Alters. Es waren Plakate der Grünen Partei Polens zu sehen, eine Regenbogenfahne, das Fronttransparent wurde unter anderem von einer Drag-Queen in wunderbarer weisser Stola getragen. Teilweise war die Demo recht laut, Slogans wie "Marsz rownosci idzie dalej!" (Die Gleichheitsdemo geht weiter!) oder "Wolnosc! Solidarnosc! Rownosc!" (Freiheit! Solidarität! Gleichheit!) waren zu hören.
Nach etwa einer Stunde war die eher kurze Route abgelaufen und die Demo bog auf den Abschlußkundgebungsort ein, den Freiheitsplatz, Plac Wolnosc.
- Polizei schafft subversive Räume -
Dieser allerdings war zu diesem Zeitpunkt von etwa 50 (laut polnischen Medien sogar 100 bis 150, das wagt die berichtende Person zu bezweifeln) Parolen skandierenden Hools und Neofaschisten "besetzt". Die anwesenden Kamerateams und FotojournalisInnen stürzten sich auf die Gruppe wie die Katze auf die kleine Plastikmaus an der Kordel und begeisterten sich und die Hools mit einem Blitzlichtgewitter, das sich gewaschen hatte.
Derweil hatte die Polizei, die mit 500 "Beamten" im Einsatz war, den langgezogenen Platz mit Hilfe von Reiterstaffel, Hundestaffel und verschiedenen (auch durchaus halbherzig und chaotisch aufgestellten Spalieren/Ketten) in drei Zonen geteilt: Hools Richtung Uni, Demo Richtung Altstadt, dazwischen Puffer.
Nach einem Durchbruchversuch der Hools und Konsorten drängten die ersten Bullenketten diese allmählich vom Platz ab und machten hier letztendlich deutlich, dass die Bürgermeister und politische Elite von Poznan an diesem Tag für drei leckere Kugeln Toleranz und demokratisches Polen im Becher mit heissen Kirschen entschieden hatten. Schließlich rückte die Gesetzeshüterkette direkt vor der Gleichheitsdemo vor und erlaubte dieser den die letzten Meter zur Freitreppe abzuschreiten, wo die Abschlußkundgebung abgehalten wurde. Die Demo hatte also mit 500 Leuten ihre Route vollständig abgelaufen und damit gegenüber der Erfahrung des letzten Jahres einen durchaus sympathischen Verlauf genommen. (Die Antifa-Demo in Torun wurde mit etwa 150 Leuten und 10-15 Hools auch gelungen zu Ende geführt.)
Der erfolgreiche Verlauf von Gleichheitswoche und -demo lässt vor allem für das nächste Jahr hoffen: auf noch mehr Beteiligung aus Polen und aus Berlin (einen freundlich-dankenden Pioniergruß an die, die das Wagnis dieses Jahr auf sich genommen haben!), auf die Etablierung einer großen und offensiven Veranstaltung in Poznan und auf eine Demo, die auch ohne die Hilfe der Repressionsorgane dahin kommt, wo sie hinwill und eklige Hools und katholische Witzfiguren auf für diese gerne auch unangenehme Weise in ihre Schranken verweist.
Der Abend klang auf äußerst nette Weise im örtlichen Squat 'rozbrat' (www.rozbrat.org) aus, auch wenn sich der Infoladen durchaus über die Verbreitung von Comics mit rassistischer und antisemitischer Symbolik Gedanken machen könnte; in dem Squat also, der auch mit Rechtshilfeinfos und Essen ganz vorbildliche DemotouristInnenunterstützung auf die Beine gestellt hatte.
- ... idzie dalej! -
Bleibt zu hoffen, dass die antifaschistisch-antiheteronormative Fahrt vom Juni 2006 nach Warschau keine Eintagsfliege bleibt und ein solidarisches Verhalten mit Aktionen und Leuten in Polen sich etabliert. Wie in Warschau wurde auch in Poznan 2006 ein Anfang gemacht - nächstes Jahr sollten diese Anfänge bestenfalls nicht verloren, die Kontakte gepflegt und der Demotourismus zu höheren Sphären geführt werden.
Solidarität kann heißen, einen Ausflug zu machen. Außerdem gibt es hier für geringe Mengen Geld eine riesige Auswahl an Soja-Böbbeln und -Steaks!
(Weitere Fotos werden die Tage in einem weiteren Posting angefuegt.)
Nicht erst seit der Gleichheitsparade ("Parada Rownosci") diesen Juni in Warschau (
http://x-berg.de/2006/08/27/nachlese-zur-parada-rownosci-2006), die neben einigen erfreulichen Aspekten auch die Verhaftung von René (
http://www.queerberlin.tk) brachte, legt in der BRD der eine und die andere ein Auge auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in Polen. Gerade Menschen, die in ihrem sexuellen Ausdruck dem nationalistisch-homophoben Mainstream einer von einem aggressiven katholischen Diskurs bestimmten Gesellschaft widersprechen, sehen sich alltäglicher Diskriminierung, tätlichen Angriffen und politischer Repression ausgesetzt. Präsident Kaczynski machte seine Einstellung unter anderem bei einer Rede in der Humboldt-Uni in Berlin deutlich, als er die Szenerie einer zum Aussterben verdammten homosexuellen Welt beschwor. Öffentliches Auftreten ist immer wieder mit polizeilich-bürokratischer Repression und körperlichen Angriffen durch neofaschistische Gruppen wie der Allpolnischen Jugend (Mlodziez Wszechpolska) und anderen Spektren konfrontiert - so auch die Gleichheitsdemos in Poznan in den letzten beiden Jahren.
- Poznan 04/05 -
Seit 2004 findet in Poznan, einem 600.000-Seelen-Städtchen drei Stunden von Berlin in Richtung Warschau, im Rahmen der Gleichheitstage ("Dni Rownosci") die Gleichheitsdemo statt, die gleiche Rechte und politische und kulturelle Toleranz (den Begriff Toleranz zu kritisieren ist eine Sache, die hier grad mal zugunsten der schlichten Darstellung unterlassen wurde) für alle Minderheiten in der polnischen Gesellschaft fordert. Die Gleichheitstage bestehen aus einer Reihe von Diskussionsveranstaltungen, Filmvorführungen und Ausstellungen, die von einem Bündnis verschiedenster Leute aus unter anderem ökologischen, feministischen, transgender, anarchistischen, globalisierungskritischen und Bürgerrechts-Gruppen organisiert werden.
Die Demo traf 2004 und 2005 auf Proteste und Angriffe durch die übliche Allianz aus Neofaschisten, Hools und KatholikInnen und wurde 2005, von der Stadt verboten, durch die Polizei erst gekesselt und dann teilweise brutal geräumt - es gab 65 Festnahmen (
http://de.indymedia.org/2005/11/133575.shtml). In der Folge wurde diese vom Bürgermeister Ryszard Grybelny angeordnete Repression durch Medien in ganz Polen kritisiert, durch 10 Solidemos in verschiedenen Städten skandalisiert ("Mars Rownosci idzie dalej!" - Die Gleichheitsdemo geht weiter!) und vom einem Gericht für illegal erklärt. Der lokale Bürgermeisterkandidat der regierenden Partei PiS, Jacek Tomczak, musste sich nach Gerichtsbeschluß für seine Äußerung, die DemonstrantInnen seien "Perverse", entschuldigen.
- Poznan 06 -
Im Vorfeld der diesjährigen Demonstration schien wieder vieles für ein Verbot und eine abweisende Haltung der Stadtregierung zu sprechen. Zu den günstigen Faktoren des Gerichtsbeschlusses, der die Repression für illegal erklärt hatte, der Kritik an der Haltung der Stadt und der erfolgreichen Demo in Warschau im Juni kam allerdings (vielleicht entscheidend) hinzu, dass die Kommunalwahlen am 12.11.06 in Poznan eine spezielle Situation ergaben. Bürgermeister Grybelny, der nach der letztjährigen Demo seine Partei, die liberal-konservative PO, verlassen hatte und seitdem parteiloser Bürgermeister war, hatte gegen seine größte Konkurrentin überraschenderweise nur ein Patt erzielt.
Mit jeweils 35 % müssen nun beide am 26.11. in eine Stichwahl - eine Situation, in der sich Grybelny wohl jegliche schlechte Presse wie im letzten Jahr ersparen wollte.
(D.h., dass sich eine strategische Krisensitzung bei Grybelny wohl für die Einschätzung entschied, mehr Stimmen bei einer Repression der sonst "Schwulen-Parade" genannten Demo zu verlieren als bei einer Durchführung. Das spiegelt im übrigen die Einschätzung der Stimmung in der Stadt Poznan durch die diesen Artikel schreibende Person.)
Und so ging bereits am Montag, also direkt nach der Wahl, die widerspruchslose Genehmigung für Demo und Demoroute bei den OrganisatorInnen ein. Allerdings waren Gegenkundgebungen der Allpolnischen Jugend und des "Verbandes der Veteranen des Aufstands von 1956" angekündigt.
Es wurde erwartet, dass eine Reihe von Hools zum Stören einer Antifa-Demo (
http://pl.indymedia.org/pl/2006/11/24450.shtml) nach Torun fahren würden. - Die Demo -
Eine Gruppe von AktivistInnen aus dem linksradikalen oder wie-auch-immer-sucht-euch-was-aus Spektrum, die eine Stunde vor Demobeginn zum Auftaktkundgebungsort kam, fand sich einer Menge Polizisten, diversen Fernsehteams und JournalistInnen und einer Gruppe von etwa 10 auffallend jungen Aktivisten der NOP (Narodowe Odrodzenie Polski - Nationale polnische Wiedergeburt) gegenüber. Die Jungens von der NOP sollten die Demo zusammen mit anderen Hools und mehr oder weniger einem neofaschistischen Spektrum zuzuordnenden Jungmännern bis zum Ende begleiten. Sie hatten drei DIN A3-Schildchen dabei, von denen zwei das Logo der NOP und eines den Slogan "Heute Homosexuelle - Morgen Pädophile" zeigte. Ohne den Fehler begehen zu wollen, neofaschistische Bewegungen und ihre AktivistInnen aufgrund ihres öffentlichen Auftretens verharmlosend lächerlich zu machen, muß hier doch gesagt werden, dass gerade diese Vertreter der NOP zu einem wirklich erstaunlichen Ausmaß albern daherkamen.
Die Polizei, die im Laufe des Tages ihr ganzes Arsenal an Mittelchen zur Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols herzeigen sollte: Hunde, Pferde, Wasserwerfer, Aufstandsbekämpfungspolizisten mit Schlagstock, Tränengastanks, die auf dem Rücken getragen wurden und gruseligen (Tränengasgranaten-)Gewehren, umstellte den Platz auf dem die DemonstrantInnen sich sammelten, ohne aber diese und offensichtliche Neofaschisten räumlich zu trennen. Von einigen Gruppen Boneheads und Hools wurden die Personalien aufgenommen. Von den Treppen des benachbarten Hauptgebäudes der ach-so-altehrwürdigen Uni Poznans besahen sich verschiedene BürgerInnen und PassantInnen das aus ihrer Sicht anscheinend für sie aufgeführte Schauspiel. Sie wurden enttäuscht - so richtig Spektakuläres sollte nicht passieren.
Nachdem die Samba-Band Poznans zu spielen begonnen hatte und die Reden gehalten waren, bewegte sich die Demo mit 400 bis 500 Leuten die Hauptstrasse des Heiligen Martin unter starker Bullenpräsenz hinunter Richtung Zentrum. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite begleitete eine buntgemischte Menge aus Hools, Neofaschisten, sogenannten DurchschnittsbürgerInnen, erlebnisorientierten Jugendlichen und irritierten eigentlich Einkaufenden die Demo. Hie und da gab es Pöbeleien, zwei geworfene Eier wurden gesichtet, wenn mensch sich aus der Demo heraus bewegte und zwischen dieser reaktionären Multitude sich bewegte, wurde auch gerempelt und angemacht. Im großen und ganzen schien aber der gemeine katholisch-homophobe Jungpole von dem großen Bullenaufgebot eher abgeschreckt.
Die Demo selbst war von sehr unterschiedlichen Leuten besucht: schwarz gekleidete, bisweilen auch sich ihrer historischen Mission bewußt bitterböse herumlinsende Jugendliche, Menschen in bürgerlicher Kleidung jeglichen Alters. Es waren Plakate der Grünen Partei Polens zu sehen, eine Regenbogenfahne, das Fronttransparent wurde unter anderem von einer Drag-Queen in wunderbarer weisser Stola getragen. Teilweise war die Demo recht laut, Slogans wie "Marsz rownosci idzie dalej!" (Die Gleichheitsdemo geht weiter!) oder "Wolnosc! Solidarnosc! Rownosc!" (Freiheit! Solidarität! Gleichheit!) waren zu hören.
Nach etwa einer Stunde war die eher kurze Route abgelaufen und die Demo bog auf den Abschlußkundgebungsort ein, den Freiheitsplatz, Plac Wolnosc.
- Polizei schafft subversive Räume -
Dieser allerdings war zu diesem Zeitpunkt von etwa 50 (laut polnischen Medien sogar 100 bis 150, das wagt die berichtende Person zu bezweifeln) Parolen skandierenden Hools und Neofaschisten "besetzt". Die anwesenden Kamerateams und FotojournalisInnen stürzten sich auf die Gruppe wie die Katze auf die kleine Plastikmaus an der Kordel und begeisterten sich und die Hools mit einem Blitzlichtgewitter, das sich gewaschen hatte.
Derweil hatte die Polizei, die mit 500 "Beamten" im Einsatz war, den langgezogenen Platz mit Hilfe von Reiterstaffel, Hundestaffel und verschiedenen (auch durchaus halbherzig und chaotisch aufgestellten Spalieren/Ketten) in drei Zonen geteilt: Hools Richtung Uni, Demo Richtung Altstadt, dazwischen Puffer.
Nach einem Durchbruchversuch der Hools und Konsorten drängten die ersten Bullenketten diese allmählich vom Platz ab und machten hier letztendlich deutlich, dass die Bürgermeister und politische Elite von Poznan an diesem Tag für drei leckere Kugeln Toleranz und demokratisches Polen im Becher mit heissen Kirschen entschieden hatten. Schließlich rückte die Gesetzeshüterkette direkt vor der Gleichheitsdemo vor und erlaubte dieser den die letzten Meter zur Freitreppe abzuschreiten, wo die Abschlußkundgebung abgehalten wurde. Die Demo hatte also mit 500 Leuten ihre Route vollständig abgelaufen und damit gegenüber der Erfahrung des letzten Jahres einen durchaus sympathischen Verlauf genommen. (Die Antifa-Demo in Torun wurde mit etwa 150 Leuten und 10-15 Hools auch gelungen zu Ende geführt.)
Der erfolgreiche Verlauf von Gleichheitswoche und -demo lässt vor allem für das nächste Jahr hoffen: auf noch mehr Beteiligung aus Polen und aus Berlin (einen freundlich-dankenden Pioniergruß an die, die das Wagnis dieses Jahr auf sich genommen haben!), auf die Etablierung einer großen und offensiven Veranstaltung in Poznan und auf eine Demo, die auch ohne die Hilfe der Repressionsorgane dahin kommt, wo sie hinwill und eklige Hools und katholische Witzfiguren auf für diese gerne auch unangenehme Weise in ihre Schranken verweist.
Der Abend klang auf äußerst nette Weise im örtlichen Squat 'rozbrat' (www.rozbrat.org) aus, auch wenn sich der Infoladen durchaus über die Verbreitung von Comics mit rassistischer und antisemitischer Symbolik Gedanken machen könnte; in dem Squat also, der auch mit Rechtshilfeinfos und Essen ganz vorbildliche DemotouristInnenunterstützung auf die Beine gestellt hatte.
- ... idzie dalej! -
Bleibt zu hoffen, dass die antifaschistisch-antiheteronormative Fahrt vom Juni 2006 nach Warschau keine Eintagsfliege bleibt und ein solidarisches Verhalten mit Aktionen und Leuten in Polen sich etabliert. Wie in Warschau wurde auch in Poznan 2006 ein Anfang gemacht - nächstes Jahr sollten diese Anfänge bestenfalls nicht verloren, die Kontakte gepflegt und der Demotourismus zu höheren Sphären geführt werden.
Solidarität kann heißen, einen Ausflug zu machen. Außerdem gibt es hier für geringe Mengen Geld eine riesige Auswahl an Soja-Böbbeln und -Steaks!
(Weitere Fotos werden die Tage in einem weiteren Posting angefuegt.)
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen
mist
Nach einem Durchbruchversuch der Hools und Konsorten drängten die ersten Bullenketten diese allmählich vom Platz ab und machten hier letztendlich deutlich, dass Bürgermeister und politische Elite von Poznan SICH an diesem Tag für drei leckere Kugeln Toleranz und demokratisches Polen im Becher mit heissen Kirschen entschieden hatten. Schließlich rückte die Gesetzeshüterkette direkt vor der Gleichheitsdemo vor und erlaubte dieser, die letzten Meter zur Freitreppe abzuschreiten, wo die Abschlußkundgebung abgehalten wurde.
sorry. es regnet hier.
Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen
hae? ogg? — tomifey pnin