"Volkstrauertag" In Greifswald

AAG 19.11.2006 21:47 Themen: Antifa Soziale Kämpfe
Bundesweit wird heute der so genannte Volkstrauertag begangen. Auch in Greifswald fanden aus diesem Anlass zahlreiche Veranstaltungen statt. Initiiert durch den "Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge" bot sich für die Anwesenden eine gute Gelegenheit ihre revisionistischen Ansichten an die Öffentlichkeit zu bringen und die deutschen Täter zu Opfern umzudeuten. Doch die Opfergemeinde sah sich mit vielfältigem Protest konfrontiert.
Schon Tage zuvor erschienen in der regionalen Presse zahlreiche Artikel über die bevorstehenden Veranstaltungen bei denen "an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen" erinnert werden sollte. Angekündigt wurde unter anderem, dass die zentrale
Gedenkstunde des Landes Mecklenburg-Vorpommern am Vorabend in der Greifswalder Jakobikirche stattfinden solle und dass es am Morgen des 19.11. eine Gedenkveranstaltung auf dem Friedhof geben werde. Auch die Greifswalder Burschenschaft Markomannia kündigte auf ihrer
Internetseite für heute eine Kranzniederlegung an.

Sind wir nicht alle ein bisschen Opfer?

Offenbar schon in der Nacht vom Freitag zum Samstag hatten Unbekannte währenddessen den Gedenkstein für die "gefallenen Komillitonen der beiden Weltkriege" und die Bismarcksäule mit rosa Farbe verziert. Auch auf der nahe gelegenen Insel Usedom verpassten Unbekannte den Soldatenehrenmälern in Trassenheide, Zinnowitz, Koserow, Stolpe und Garz einen neuen farblichen Anstrich und tauchten Stahlhelmsoldaten und Reichsadler in ein zartes Rosa.

Am Vorabend des "Volkstrauertages" versammelten sich dann gegen 17 Uhr in der Jakobikirche rund 60 Bürger_innen, darunter politische Prominenz wie der Ex-Innenminister (MV) Gottfried Timm und des Ex-Bundesverkehrsminister Stolpe, um die zentrale Gedenkstunde des Landes Mecklenburg-Vorpommern abzuhalten. In den Reden u.a. von Bürgermeister Arthur König und der Präsidentin des Landtages Silvia Bretschneider offenbarte sich dann, was schon die schwammigen Ankündigungen vermuten ließen: Die Deutschen wurden als ein Volk von Opfern präsentiert. Durch eine entkontextualisierte Sichtweise auf die Vergangenheit und den wiederholten Verweis auf das erfahrene individuelle Leid, war es den Redner_innen möglich, immer wieder die gefallenen Soldaten der beiden Weltkriege, die Flüchtlinge und Vertriebenen und die ermordeten KZ-Häftlingen in einem Atemzug zu nennen und unter einem diffusen Opferbegriff zu subsumieren. Weiterhin wurde eine "europäisierte" Sicht auf die Vergangenheit gefordert und auch immer wieder darauf verwiesen, dass gerade auf Grund der Vergangenheit militärische Interventionen der deutschen Bundeswehr in Krisengebieten notwendig wären.

Offenbar konnten sich nicht alle Anwesenden diesen relativierenden und revisionistischen Thesen anschließen und so wurde die Veranstaltung mehrmals durch lautes Husten und Klatschen gestört. Auch blieben einige Personen bei den beiden Gedenkminuten demonstrativ auf ihren Plätzen sitzen, während sich alle anderen Anwesenden erhoben. Mitten in der Rede des Landesvorsitzenden der Deutschen Kriegsgräberfürsorge verließen dann die Kritiker_innen die Kirche, während sie lautstark "Nie wieder Deutschland" und "Deutsche Täter sind keine Opfer" riefen. Auf dem Kirchenvorplatz wurden Flugblätter hinterlassen auf denen eine Abschaffung des Volkstrauertages gefordert wurde.

"Sie starben, damit Deutschland lebe."

... hieß es auf einem Kranz von der "Gruppe Greifswald", der schon vor der offiziellen Kranzniederlegung am "Volkstrauertag" um 11 Uhr am Denkmal für die deutschen Gefallenen zu finden war. Die "Gruppe Greifswald" ist ein Zusammenschluss örtlicher Neonazis, die jedes Jahr zum Volkstrauertag Kränze in Greifswald und auf dem Golm (Insel Usedom) niederlegen, sonst aber nicht unter diesem Namen in Erscheinung treten. Der Kranz störte die langsam eintrudelnde Opfergemeinde von circa 25 Menschen allerdings überhaupt nicht, vielmehr machte mensch sich offensichtlich über einige Antifaschist_innen Sorgen, die sich ebenfalls versammelt hatten. So wurden diese schon im Vorfeld von der Friedhofsleiterin dazu
angehalten, jegliche Provokationen zu unterlassen. Ungeachtet dessen wurde ein Transparent mit der Aufschrift "Deutsche Täter sind keine Opfer - Volkstrauertag abschaffen" entfaltet, was sofort zu heftigen Reaktionen bei der Opfergemeinde führte.

Und da waren sie wieder: Die Geschichten vom Leid des Vater, der im zweiten Weltkrieg als Soldat sein Leben lassen musste und der Hinweis darauf, dass es doch keine Opfer zweiter Klasse gebe. Dementsprechend wurden dann auch in der Gedenkrede die Gefallenen der beiden Weltkriege, die Vertriebenen, die Verfolgten des Nazi-Regimes und die toten Bundeswehrsoldaten schön aneinandergereiht. Im Anschluss daran fand eine etwas übertrieben anmutende Kranzniederlegung statt, bei der vom Vorsitzenden des Landesverfassungsgericht über den Reservistenverband der Bundeswehr bis hin zur Linkspartei.PDS, insgesamt neun Gestecke feinsäuberlich neben den der "Gruppe Greifswald" gelegt wurden. Dass es keine Opfer zweiter Klasse gebe, zeigte sich dann beim anschließenden Gang zum sowjetischen Ehrendenkmal wo lediglich sechs der vorher circa 25 Menschen einen Kranz ohne Widmung niederlegten.

Die zweite Kranzniederlegung an diesem Tag, die von der Markomannia traditionell auf dem Wall am Gedenkstein für die "gefallenen Kommilitonen der beiden Weltkriege, stattfindet, hat wohl unter starker Geruchsbelästigung stattgefunden. Unbekannte hatten offensichtlich neben der rosa Farbe auch eine stark stinkende Flüssigkeit am Kundgebungsort hinterlassen.

Interessant ist es, die Veranstaltungen zum "Volkstrauertag" im Hinblick auf die sonstige Gedenkpolitik der Stadt Greifswald zu betrachten. Denn außer zum "Volkstrauertag" scheint die Stadt kein Interesse an einer aktiven Gedenk- und Erinnerungspolitik zu haben. Lediglich im Supergedenkjahr 2005 gab es eine offizielle Kranzniederlegung am Tag der kampflosen Übergabe der Stadt an die Rote Armee. Sonstige Veranstaltungen am 8.Mai oder zum "Tag der Opfer des Faschismus", die zumeist von der örtlichen Linkspartei.PDS initiiert werden, bringen oft nur die Parteimitglieder und einige junge Antifaschist_innen zusammen. Auch beim Gedenken an die Reichspogromnacht, die sich vor eineinhalb Wochen zum 68. Mal jährte, gab es von städtischer Seite noch nicht einmal einen Mahnruf oder eine Stellungnahme - geschweige denn einen Kranz.
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Ergänzungen

Regionalpresse

AAG 20.11.2006 - 10:50
Hier ein Faksimile aus der Ostseezeitung von heute.

totenruhe

gestört 20.11.2006 - 15:29
warum ermittelt die polizei wegen störung der totenruhe? es geht um gedenk- und nicht um grabsteine, und ich finde nicht, dass das das selbe ist.
aber n toller plot für nen trashfilm: nach beschädigung einiger gedenktafeln wird mecklenburg von wehrmachtszombies überrannt. der aus dem grab zurückgekehrte bismarck richtet ein grausames gemetzel in der örtlichen spd-parteizentrale an und droht, mit seinen verrottenden kompanien in berlin einzufallen! doch einige mutige stellen sich ihnen in den weg - joschka hat seinen albernen demohelm vom speicher geholt, jürgen bewaffnet sich mit schlagstock und bolzenschneider. als jedoch otto s. versucht, die raf wieder zu erwecken, eskaliert die lage, und angel sucht ihren alten lehrmeister auf, um von ihm die geheime 5-punkte-akupressur-arbeitslosigkeit-implosions-techink zu erlernen. auf ihrem weg stellt sich jedoch ihr alter rivale ede entgegen, der nach rache für lange zurückliegende demütigungen dürstet...
deutschland einig zombieland...

schwierig

gregor 20.11.2006 - 16:25
also ich möchte hier einmal sagen dass meiner meinung nach die meisten, die mit diesen kränzen geehrt werden sollten keine nazis waren und sich sicher nicht über die ehre gefreut hätten, da sie gezwungen wurden für ein politisches system brauner coleur zu sterben. besonders die komilitonen wurden mehrheitlich zwangseingezogen und z.b. in massen noch in anklam verheizt (während die sturmbannführer oder wie die auch immer hießen sich schon in amerikanische kriegsgefangenschaft abgesetzt hatten). die, die das 3. reich erdacht, aufgebaut, organisiert und geführt haben, DAS sind die verbrecher. die behauptung, der gemeine soldat sei ein nazi gewesen ist genauso hinfällig wie die, er sei ein stählerner held gewesen.

krieg ist ein verbrechen, diktatur ist ein verbrechen. nie wieder krieg, nie wieder diktatur.

gregor

Suupa...

...Leistung 20.11.2006 - 22:35
Gab wohl grad kein anderes Event, in dem ihr Jung-Antifas auf eure unbedeutende Bedeutsamkeit hättet aufmerksam machen können, oder? Mein Gott, da reißen sich anderswo Leute den Arsch auf, um endlich mal mit Bürgerlichen zusammen was gegen die Ewig-Gestrigen zu machen und ihr hattet nix anderes zu tun, als Bürgerschreck zu spielen! Gabs eigentlich auch noch ernst zu nehmende Botschaften? Sorry, ich meine auch, dass die heruntergeleierten ewig gleichen und abgelutschten Parolen wie "Geschichtsrevisionismus angreifen", "Oma, Opa und Hans-Peter waren keine Opfer, sondern Täter!" keine ernstzunehmenden Botschaften sind. Slogans sollen zwar kurz sein, aber nicht sinnentleert, und das werden sie langsam. Es gab mal eine gegen Neofaschismus gerichtete Karikatur, da hat ein Papa das NS-Problem mit kleinen braunen Männchen erklärt, die 45´ wieder verschwanden. Langsam glaube ich, dass unsere Jungantifa die Aliens sind, die uns blöden Deutschen endlich mal sagen, was Sache ist. Wie wär´s, wenn ihr euch endlich mal damit auseinandersetzt, dass Oma, Opa und Hans-Peter meist eben keine abstrakten braunen Wesen waren, sondern wie auch immer zu EURER Vergangenheit gehören! Fragt sie doch mal aus! Die Tätergeneration im Übrigen stirbt - rechnet mal nach - langsam aus, übrig bleiben jedenfalls in eurer Generation die Omas und Opas, die das System selbst gnadenlos geopfert hat. Wenn wir Nazis verhindern wollen, sollten wir diese Generation nicht mit unserem "Spaßantifaschismus" verprellen, sondern überlegen, wie wir sie in aktiven Widerstand einbeziehen können. Jedenfalls nicht so. Und vor der älteren Generation haben nun mal nicht nur Bullen und Politiker i.d.R. einen gewissen Respekt, sondern sogar Nazis selbst! Das sollten wir uns zu Nutze machen! Nur ein Beispiel. Ich weiß, ihr mögt Oma-Opa-Geschichten nicht sonderlich, weil "private Schicksale hier nicht interessieren" (war so schon mal zu lesen!), aber sie interessieren sehr wohl, weil sie Bestandteil unserer Geschichte, der Schuld, Mitschuld oder Unschuld unserer Vorfahren sind. Vorangestellt, ich bin Geschichtslehrer, irgendwo in den Dreißigern. Mein einer Großvater hat nach 33´(!) seinen Job verloren, weil er die rechte Hand eines ziemlich sozial eingestellten jüdischen Unternehmers war. er gehörte zu den ersten Zwangseinberufenen, war dann Beschaffer einer Flak-Einheit an der Westfront. Sowas bedeutete, Lebensmittel usw. bei den Besetzten zu beschaffen, und zwar entweder durch die vorgehaltene Waffe oder durch Tausch... Nach allem, weil ich weiß und glauben muss, weil ich keine gegenteilige Beweise habe, beherrschte er genial die zweite Tour. Natürlich war er Bestandteil des Systems, aber welche Alternative hätte er gehabt? Ich stelle ihn mir als eine Art "Katcinsky" vor (wer den antimilitaristischen und deswegen nicht umsonst von den Nazis verbrannten Roman "Im W nichts Neues" kennt, erinnert sich sicher: gerissen, aber zutiefst antimilitärisch). Befragen konnte ich ihn persönlich nicht, denn er verstarb, bevor ich reif genug für sowas war. Was ich weiß, ist, dass meine Mutter als Kind (mittlerweile die von euch angegriffene Oma-Opa-Generation) russischen Kriegsgefangenen Brot brachte, weil ihre Eltern es nicht riskieren konnten. Dass sie aber auch als 11-Jährige Tieffliegerangriffe erlebte, im Kessel vor Berlin mit ihrer Mutter und einem Haufen anderer Kinder, Frauen, Alter von Sowjetsoldaten in einer Scheune eingesperrt wurde, die Nachbarscheune wurde angezündet... Das ist jetzt kein Vorwurf, die haben es ja "von uns" gelernt, man versteht sie eigentlich zu gut, und ich hoffe inständig, dass solche Biographien von den hier mitlesenden Nazis nicht entstellt zitiert werden! Verständlicherweise kein Thema bei uns, aber ich habe durch verschiedene Äußerungen den Verdacht, dass auch dieses Mädchen und seine Mutter (also meine mittlerweile auch verstorbene, aus meiner Kindheit genauso wie mein Opa geliebte Oma) mehrfach vergewaltigt wurden. Die Dame ist heute hoch engagiert, weiß sehr genau um die Zusammenhänge, ist Antinazi durch und durch, hat aber berechtigterweise keinerlei Verständnis für derartige Actions. Ich meine auch die andere Seite zu kennen, väterlicherseits war man allzu opportun, aber in erster Linie, um die eigene Familie zusammenzuhalten und zu schützen, das erscheint verwerflich und egoistisch, aber auch verständlich. Und nun erklärt mir doch einfach einmal, wie ich meiner Grundschultochter, die durch uns so kindgerecht, wie man nur kann, auf diese Zeit und Zusammenhänge vorbereitet wurde, so einen Schwachsinn von Farbbeuteln auf Denkmäler, dümmliche Slogans... begreiflich machen soll. Geschweige denn ihrem Ur-Ur-Großonkel, der die menschliche Vernunft angesichts seiner Erfahrung mit der Zeit, aber auch seiner Medienwahrnehmung über die Antifa zutiefst anzweifeln muss. Der war übrigens in einer Nachrichteneinheit, die als solche hautnah und ungefiltert die Geschehnisse um den 20.7. miterlebte und ziemlich komplett enttäuscht über ihren Ausgang war. Also, was lässt sich konstruktiv tun, um was gegen Nazis zu tun, ohne die Alten zu verprellen?

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