Anmerkungen zum rheinischen Karneval
Seit 11:11h ist im Rheinland, insbesondere in Köln, sowie einigen weiteren Städten offiziell wieder der Karneval "eröffnet". Entgegen der stetigen Behauptung, dieser sei gegen die etablierte Ordnung und ihre Herrscher, offenbart sich in ihm ein reaktionäres Gesellschaftsbild.
Einige Anmerkungen in zwei Teilen.
Einige Anmerkungen in zwei Teilen.
Ein Mordsspaß
Anmerkungen zum rheinischen Karneval, Teil 1
Ein Gerichtsprozess sorgte letztes Jahr in Köln einige Tage lang für Aufregung: „Karnevals-Schlägerei endete tödlich/Anlass für den Streit: Der Höhner-Hit ,Viva Colonia’“, meldete der Express, das lokale Massenblatt (1). Ein 42-jähriger Mann, der sich bei einem 17-jährigen beschwert hatte, weil dieser mit seinen Freunden das Karnevalslied grölte, war von dem Jugendlichen so heftig mit der Faust geschlagen worden, dass er nach hinten stürzte, mit dem Kopf auf den Asphalt schlug, schwere Kopfverletzungen erlitt und bald darauf starb. Die Jugendlichen ließen den Verletzten anscheinend einfach auf der Straße liegen und gingen weiter.
Bezeichnender noch als das Ereignis selbst war die Berichterstattung darüber. Denn dieser war nur mit Mühe zu entnehmen, dass der Jüngere den Älteren getötet hatte; wer sich nicht weiter in die Berichte vertiefte, musste den Eindruck gewinnen, es verhalte sich umgekehrt. Das Opfer habe sich „mokiert“ und sei angetrunken gewesen, teilte Radio Köln, ein Sender, der in zahlreichen Kölner Büros vor sich hinplärrt, am 22. März im Halbstundentakt seinen Zuhörern mit. Der Express wusste noch mehr: der 42-jährige sei „extrem wütend und aggressiv“ gewesen, er habe „den Jugendlichen, der ein Giraffenkostüm trug, plötzlich angerempelt, angepöbelt und sogar geschlagen“ und sei mit „knapp zwei Promille im Blut“ auf den 17-jährigen „losgegangen“, der sich daraufhin lediglich „wehrte“, indem er „den Mann plötzlich kräftig von sich wegstieß“. Radio Köln wiederum, das immerhin den Faustschlag nicht verschwieg, machte sich nun Sorgen um den Jungen und zeigte viel Verständnis: er habe inzwischen die Schule abgebrochen und sei „sehr betroffen“. Nun gelte es herauszufinden, „wie schuldig der Schüler wirklich ist“. Damit war die Antwort, wie in jedem Radiokommentar, schon vorgegeben: schuldig konnte nur der Tote sein, der so dreist gewesen war, sich über das Viva Colonia-Gegröle zu mokieren.
Weder Radio Köln noch der Express vergaßen zu erwähnen, wie beliebt Viva Colonia sei - auch wenn das Publikum solche Belehrung sicher nicht nötig hatte, denn bei einer Umfrage des Express im Jahr zuvor war eben dieser Schlager zum beliebtesten „Kölsch-Hit“ gewählt worden (2). Durch besonders penetrantes Bemühen, die negativen Schlagzeilen in Reklame für die Lokalband „De Höhner“ (deutsch: „Die Hühner“) umzumünzen, machte sich der Kölner Wochenspiegel Rechtsrheinisch bemerkbar, der, die Gunst der Stunde nutzend, am 23. März, einen Tag nach dem Prozessbeginn, unter dem Titel „Große Party mit Kölscher Kultband“ eine „fesselnde Show“ ankündigte, nämlich den „Tanz in den Mai mit den Höhner in der Kölnarena“ - natürlich mit Viva Colonia als krönendem Abschluss. Viva Colonia ist in Köln ein Volksschlager, dessen Refrain zu jeder Gelegenheit, nicht nur an Karneval, und zu jeder Tages- und Nachtzeit gegrölt wird - vorzugsweise, aber keineswegs ausschließlich von männlichen Halbwüchsigen. Er lautet:
Da simmer dabei! Dat is prima! Viva Colonia!
Wir lieben das Leben, die Liebe und die Lust
Wir glauben an den lieben Gott und ham noch immer Durst.
Immerhin sprechen sich die Kölner für recht sympathische Dinge aus, könnte man meinen. In Zeiten, in denen andere Gottgläubige „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ proklamieren, sollte man für solche Bekenntnisse vielleicht dankbar sein und über die Rohheit der Grölenden, die ihre Botschaft jedem ins Ohr brüllen und als Teil eines Kollektivs, das sich in der Mehrheit weiß, öffentliche Orte wie U-Bahnen, Straßenkreuzungen oder Kneipen in Beschlag nehmen, hinwegsehen. Schließlich ist es der Sinn des Karnevals, Spaß zu haben, und den muss man anderen ja nicht unbedingt verderben, wenn man keine guten Gründe dafür hat. Die Geschichte mit dem Jungen im Giraffenkostüm, der den nicht zum Grölen aufgelegten Älteren tödlich verletzte und dann auf dem Pflaster liegen ließ, ist, so hofft man, ja möglicherweise doch eine Ausnahme.
Die Solidarisierung der Kölner Medien mit dem Jungen lässt allerdings auf etwas anderes schließen, nämlich darauf, dass jenes spaßige Mehrheitsbewusstsein ohne aggressive Akte gegen Abweichende gar nicht auskommt. Indem sie die Schuldabwehr, die Sache des Schlägers also, zu ihrer eigenen machen, zeigen die beflissenen Fürsprecher, dass sie sich zumindest vorstellen könnten, an seiner Stelle ähnlich zu handeln. Schon das Grölen selbst unterscheidet sich von gewöhnlichem Singen durch seinen Charakter als Reviermarkierung und Drohgebärde. Es ist tatsächlich gar keine Seltenheit, dass die unterschwellige Aggression, die den Frohsinn der Karnevalisten auszeichnet, in manifeste Gewalttätigkeit umschlägt.
In der Düsseldorfer Altstadt, so etwa eine beliebig herausgegriffene Stellungnahme der Polizei, herrsche an Karneval eine „durchaus gewalttätige Stimmung“ (3). Letztes Jahr fanden dort einem WDR-Bericht zufolge allein an Weiberfastnacht (so die Bezeichnung für den Donnerstag vor Karneval) 30 Schlägereien statt (4). Nimmt man die Polizeipräsenz als Maßstab, muss in Köln regelmäßig ein bürgerkriegsähnlicher Zustand herrschen; hier versuchte die Polizei die Schlägereien „mit ihrem Großaufgebot in Schach zu halten“. Den Titel der Hauptstadt des deutschen Karnevals hat Köln auch insofern verdient, als die Angriffe hier besonders brutal ausfielen: einem Mann wurde mit einer Stahlrute ins Gesicht geschlagen, ein anderer wurde in den Rhein geworfen. Ähnliche Szenen ereigneten sich jedoch überall, so in Radevormwald im Oberbergischen Kreis: nach einer von der Polizei beendeten Kneipenschlägerei lauerten die Schläger einem der Verletzten im Krankenhaus auf; als sie daran gehindert wurden, zu dem designierten Opfer durchzudringen, verwüsteten sie eine Kneipe und bedrohten die Gäste. (5) Eine Meldung aus Marburg an der Lahn vom Karnevalswochenende 2004 mag Aufschluss darüber geben, warum der Karneval auch in protestantischen Gegenden immer beliebter wird: „Etwa um 23.35 Uhr prügelte sich eine größere Menschengruppe auf der Friedrich-Ebert-Straße in Höhe der Hausnummer 42. Mit dem Eintreffen der Polizei spritzte die Gruppe auseinander. Zehn Menschen liefen in unterschiedliche Richtungen davon. Die Beamten wurden Augenzeugen, wie der - auf dem Boden liegende - 27-jährige noch mehrfach mit Fußtritten ins Gesicht traktiert wurde.“ (6) In Wiesloch bei Heidelberg wurde am Karnevalssonntag 2002 vor einer Diskothek ein Mann zu Tode geprügelt: „Nach dem vorläufigen Ergebnis der Sektion führten Schläge und Tritte gegen den Kopf des Opfers zur Bewusstlosigkeit, in deren weiterer Folge dann trotz der am Tatort erfolgreichen Reanimation durch den Notarzt eine Hirnschädigung eintrat, die zum Tode führte.“ (7) Eine von Zuschauern offenbar begrüßte, jedenfalls nicht verhinderte Vergewaltigung ereignete sich beim diesjährigen Karneval in einer Kneipe in Konstanz (8).
Auffällig an den Berichten ist die Brutalität der Karnevalsfans, die anscheinend bevorzugt auf Wehrlose und bereits am Boden liegende losgehen, der kollektive Charakter vieler Misshandlungen und schließlich die (hier nicht zitierten) Begründungen, die für sie gegeben werden. Meist wird die Schuld nämlich auf den Alkohol geschoben. Wenn einmal nicht das Opfer für mitschuldig erklärt wird, weil es betrunken gewesen sei oder provoziert habe, heißt es auf Leserbrief- und Kommentarseiten, in Internetforen oder am Familientisch, dergleichen sei halt auf den Alkoholeinfluss zurückzuführen. Man kann das verschieden interpretieren: entweder als Entschuldigung nach dem Motto „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“ oder - wahrscheinlich eher dem Selbstverständnis der Kommentatoren entsprechend - als Warnung vor den verderblichen Wirkungen des Saufens. Beiden Varianten ist gemeinsam, dass sie als selbstverständlich voraussetzen, was doch erst zu erklären wäre: dass sich nämlich unter einer dünnen zivilisatorischen Decke eine Sehnsucht nach der Barbarei verbirgt, die hervorbricht, wenn alkoholbedingt die Kontrolle nur ein wenig nachlässt.
Wie sehr das, was beim Karneval enthemmt wird, von allen geteilt und daher allzu gut verstanden wird, tritt gerade dort zutage, wo der Täter nicht entschuldigt, sondern mit demonstrativem Ekel zum Scheusal erklärt wird, das zur kollektiven Jagd freigegeben ist. So in einer Zeitungsmeldung aus der gleichen Ausgabe des Express, in der auch die Meldung über die Schlägerei mit dem Jungen im Giraffenkostüm erschien. Entrüstet und zugleich pornographisch erregt sich die Zeitung an der Darstellung einer Vergewaltigung:
„Polizei jagt den Karnevals-Vergewaltiger/Wer hat diesen Mann gesehen? Köln - Der brutale Vergewaltiger, der an Weiberfastnacht eine 49-Jährige in seinen Campingbus lockte und mit roher Gewalt zum Sex zwang. Die Polizei jagt das Sex-Monster immer noch - jetzt mit einem Phantom-Bild. Wer hat den skrupellosen Vergewaltiger gesehen? Er hatte sein Opfer in einer Altstadtkneipe kennengelernt, später unter einem Vorwand in den Campingbus gelockt. Dort fiel er über die 49-Jährige her. Dann fuhr der Mann mit dem Wohnmobil ans Rheinufer, hier gelang seinem Opfer an der Zoobrücke die Flucht. (...) Wer den Mann gesehen hat, sollte sich beim Kriminalkommissariat 12 melden: 0221/2290". (9) (Hervorhebungen E.M.)
Die Überladung mit Adjektiven und adverbialen Wendungen, das Jagdvokabular, das gleichermaßen für die Vergewaltigung wie für die polizeilichen Ermittlungen verwendet wird, die der kleinen Erzählung innewohnende Teleologie, die gar keinen anderen Ausgang zulässt, weshalb schon in der Altstadtkneipe klar ist, dass die Frau nicht entkommen wird und deshalb Opfer heißen muss, die schaudernd-lüsterne Verdammung des Mannes als Sex-Monster - all dies straft die vorgeblich menschenfreundlichen Motive der Ermittlungsgemeinschaft, als deren Sprachrohr sich die Zeitung geriert, Lügen. Allzu sehr ist den Worten die Erregung anzumerken, die der Gedanke an die vergewaltigte Frau als in die Falle gelocktes Wild, über das der Vergewaltiger wie ein Tier herfällt, in Schreibenden und Lesern hervorruft, und diese Erregung eben ist es, die sich in Entrüstung und Jagdstimmung transformiert.
Natürlich sind Mord und Vergewaltigung nicht die offiziellen Inhalte des Karneval. Woher die Aggressivität rührt, lässt sich offenbar nur begreifen, wenn man einen näheren Blick auf das wirft, was in Köln und anderswo unter Leben, Liebe und Lust, die ja den Inhalt des Karneval ausmachen sollen, verstanden wird. Was die Jecken so treiben, wenn sie meinen Spaß zu haben, wird Gegenstand von Teil 2 des Artikels in der kommenden Ausgabe der Prodomo sein.
Anmerkungen:
(1) Express, 22.03.05.
(2) Express, 15.01.04.
(3)
http://www2.onnachrichten.t-online. de/dyn/c/33/81/52/3381522.html.
(4)
http://www.wdr.de/themen/freizeit/ brauchtum/karneval_2005/session/_themen/zusammenfassung _weiberfastnacht/polizei_fazit.jhtml?rubrikenstyle=karneval_2005.
(5) Ebd.
(6)
http://www.marburgnews.de/2004/mn-akt02.php?tag=23.
(7)
http://www.coole-russen.de/russen.htm.
(8)
http://www2.onnachrichten.t-online.de/dyn/c/33/81/52/3381522.html.
(9) Express, 22.03.05.
Parodie der Erfüllung
Anmerkungen zum rheinischen Karneval, Teil 2
"Oberstes Gesetz ist, daß sie um keinen Preis zu dem Ihren kommen, und daran gerade sollen sie lachend ihr Genüge haben."
Horkheimer/Adorno
Im ersten Teil des Artikels ging es darum, dass an Karneval in Deutschland rohe Gewalttaten üblich sind und dann, wenn sie sich gegen wirkliche oder vermeintliche Nörgler richten, bei einem breiten Publikum auf Verständnis stoßen. Daraus wurde die Vermutung abgeleitet, dass der Spaß, den die Karnevalsfans zu haben meinen, vor allem darin besteht, einer Sehnsucht nach Barbarei freie Bahn zu lassen, die im Alltagsleben unter einer dünnen zivilisatorischen Decke verborgen ist und über den Kreis der brutalsten Schläger hinaus von einer Mehrheit geteilt wird. Im zweiten Teil soll nach einer Antwort auf die Frage gesucht werden, was das mit den offiziellen Inhalten des Karnevals zu tun hat, die einem beliebten Karnevalslied zufolge der Liebe zum Leben, zur Liebe und zur Lust entspringen (siehe Teil 1, Prodomo 03/06, S. 32ff.). Natürlich hätte man auch eine andere Variante des Karnevals als die hier pars pro toto ausgewählte rheinische zum Gegenstand der Kritik machen können. Willkürlich ist die Entscheidung trotzdem nicht, denn das Spektakel in Köln und Düsseldorf gilt vielerorts als Inbegriff des Karnevals, nimmt dementsprechend viel Platz in den Massenmedien ein und soll einem Gerücht nach besonders frohsinnig sein. Wo es nötig schien, wird auch auf andere Varianten des Karnevals Bezug genommen, allerdings bleiben die Beispiele auf Deutschland beschränkt. Wer sich nun damit beruhigen möchte, dass immerhin der brasilianische Karneval frei sei von dem, was den deutschen so unerträglich macht, der sei gleich vorab darauf hingewiesen, dass auf dem zugegebenermaßen festlichen, schönen, glamourösen Karneval in Rio neben Raubüberfällen, Vergewaltigungen und anderen groben Gewalttätigkeiten Schwulenjagden offenbar fest zum Programm gehören: "Sogar in Strandvierteln der Mittel- und Oberschicht", heißt es in einem Bericht, "lauern Gruppen von bis zu fünfzehn jungen Männern den Schwulen an ihren Treffpunkten auf, schlagen sie brutal zusammen, bewerfen sie mit Steinen, traktieren sie mit Stöcken und Eisenstangen. Beim letzten Karneval häuften sich solche Übergriffe derart, dass Homosexuelle in Rio dem Volksfest fast ausnahmslos fernblieben. Denn die Polizei unternimmt gewöhnlich nichts." (1)
Man muss sich vor allem von dem Gedanken frei machen, dass Karneval etwas mit Unbeschwertheit und Glück zu tun habe. Ein Beobachter, Tobias Chmura vom Merian-Magazin, hat sich beim Karneval in Westfalen umgesehen und stellt fest: "Ich habe mir die Mühe gemacht in die Gesichter der Menschen auf der Straße zu schauen und musste feststellen, dass fast niemand lacht. Es klingt unglaubwürdig, aber es ist wirklich so, niemand war froh." (2) In Köln und Düsseldorf wird zwar gelacht, aber man hat nicht den Eindruck, es sei irgendwer außer einigen Kindern glücklich dabei. Die Fröhlichkeit des Karnevals ist eine verbissene, aufstampfende und deshalb auftrumpfende. Sie manifestiert sich vor allem in Lärm. Dieser übertönt die Zweifel der freudlos Feiernden an dem, was sie tun, und beweist denjenigen, die nicht mitmachen wollen, dass sie sich zu ducken haben. Karneval ist totalitär: es ist unmöglich, sich ihm zu entziehen, denn das dumpfe Dröhnen der Trommeln und die an jeder Straßenkreuzung aus städtischen Lautsprechern tönenden Schlager lassen sich nicht überhören. Selbst von den Kölner Bahnsteigen, an denen der Karnevalsflüchtling wartet, und den Zügen, in denen er sich in eine möglichst weit entfernte Stadt begibt, ergreifen Marschkapellen Besitz. Schert ein auf dem Bahnsteig wartender Klarinettist aus und fängt in einer ausnahmsweise nicht von Trommeln durchdröhnten Minute an zu improvisieren, wird er für solche Frivolität sofort bestraft: die Trommeln setzen wieder ein, um ihn zu übertönen, was ihnen mühelos gelingt.
Die Tyrannei des Karnevals zeigt sich vielleicht am deutlichsten darin, dass Passanten, denen anzusehen ist, dass sie mit Karneval nicht viel anfangen können, nicht einfach in Ruhe gelassen werden. Die Aufforderung zum Mittun ist obligatorisch. Wer Glück hat, bekommt bloß freundlich-spöttisch eine Bierflasche in die Hand gedrückt. Wer jedoch Pech hat, wird von denjenigen, die sich selbst für lustig halten, wegen eines falschen Gesichtsausdrucks oder fehlender Verkleidung als Spielverderber zur Ordnung gerufen. Die Regel "Jede Jeck is anders", auf die sich die Rheinländer so viel einbilden, gilt nur für bekennende Jecken: "Rosenmontag müssen Sie sich verkleiden. Wenn Sie im ordentlichen Zivilanzug auf die Straße kommen, werden Sie wie ein Narr verhöhnt" (3), erklärt ein besonders lustiger Zeitgenosse, der nach eigener Aussage Uneingeweihte zum Karneval verführen will. Nur für Lebensmüde empfiehlt es sich, deutliches Missfallen zu äußern.
Überhaupt geht es beim Karneval in erster Linie ums Dabeisein und Mitmachen, nicht um irgendwelche Inhalte, an denen man Freude haben könnte. Die Zugehörigkeit zum Kollektiv als solche wird genossen und als Frohsinn oder Spaß verbucht. Daher die Begeisterung für seltsam bürokratische Verrichtungen, für Bräuche, die im 19. Jahrhundert erfunden wurden, für Prunksitzungen und Uniformen, über die man sich vergeblich den Kopf zerbrechen wird, wenn man in ihnen Komik sucht. Ganz im Gegensatz zu der gerne vorgebrachten Behauptung, die Uniform sei bloß ironisch gemeint, nämlich als Parodie auf die Uniform preußischer Soldaten, wird sie als Ausweis des Dazugehörens mit verbissenem Ernst getragen. Dazu passt, dass die Hütchen, mit denen sich viele Vereinsmeier zeigen, von einem Preußen erfunden wurden, dem Generalmajor Baron von Czettritz und Neuhauß, der 1827, kurz nach der Reform des Kölner Karnevals, das Prinzip "Gleiche Brüder, gleiche Kappen" durchsetzte, um aus Versammlungen "diejenigen, die hier unberufen eindringen, erkennen und nach Verdienst abweisen zu können" (4).
Sind Uniform und Mütze das Erkennungszeichen der hart gesottenen Berufskarnevalisten, dient das Schunkeln der Erzeugung umfassenden Gemeinschaftsgefühls in der großen Masse. Es setzt beinahe automatisch ein, wenn irgendwo ein Karnevalsschlager zu hören ist – ein Vorgang, der in der Kölner Fernsehsendung Nightwash einmal in seiner ganzen Idiotie vorgeführt wurde, als der ortsfremde Showmaster das Kabarettpublikum zu den Worten "Et kütt ene Weltkreesch" ("Es kommt ein Weltkrieg") schunkeln ließ, was die Genasführten erst merkten, als es zu spät war. Man kann Michail Romm das Befremden nachfühlen, mit dem er in dem Film Der gewöhnliche Faschismus feststellte, dass die Deutschen während des Nationalsozialismus bei jeder Gelegenheit schunkelten, was ihn zu der Bemerkung veranlasste, es handle sich offenbar um ein typisch faschistisches Ritual. Immerhin soll das Schunkeln gelegentlich sogar den Jecken selbst auf die Nerven gehen, wie Gisela Probst berichtet: es werde "von vielen Teilnehmern karnevalistischer Veranstaltungen als eine lästige Pflichtübung empfunden" (5).
Nicht erst im erklärten Gemeinschaftswillen, sondern schon im Entschluss, sich um jeden Preis zu vergnügen, liegt das Unheil: "Vergnügtsein heißt Einverstandensein", denn es heißt allemal: "nicht daran denken müssen, das Leiden vergessen, noch wo es gezeigt wird." (6) Das gilt auch und zuerst für das eigene. Die Lüge, auf der Karneval beruht, wird in dem Refrain eines Karnevalslieds ausgesprochen:
"Drink doch eine mit,
stell disch net esu aan,
du stehs hee de janze Zick [Zeit] eröm,
häste och kei Jeld,
dat es janz ejal,
drink doch met un kümmer disch net dröm!"
Der Preis dafür, dass derjenige, der kein Geld hat, ein Wochenende lang unbesorgt mittrinken darf, um danach wieder in die Geldnot entlassen zu werden, ist die Verpflichtung darauf, sich nicht so anzustellen und das Elend des Alltags zu vergessen. Dabei ist selbst die temporäre Befreiung von Ware und Geld, die von den freundlichen Kneipenbesuchern in Aussicht gestellt wird, keine: Karneval und Alltag, die dem Selbstverständnis der Jecken nach einander so entgegengesetzt sind, gehen nahtlos ineinander über. Wer im Rheinland zur Stadtprominenz gehört, hat auch in den Karnevalsvereinen das Sagen, denn diese fungieren als lokale Rackets, die das ganze Jahr über das gesellschaftliche Leben bestimmen. Wer sich nicht mal ein Bier leisten kann, hat normalerweise gute Gründe, die Auskunft "dat es janz ejal" als Zumutung zu empfinden; und eben hieran soll nicht gedacht werden. Die Suspension vom Denken wird von manchen Karnevalisten als Befreiung beschrieben: "Hier darf man mal ganz mit dem Kopf weg sein", erklärt ein Besucher einer so genannten Herrensitzung unumwunden (7). Amüsement ist Flucht, "aber nicht, wie es behauptet, Flucht vor der schlechten Realität, sondern vor dem letzten Gedanken an Widerstand, den jene noch übriggelassen hat."(8) Den so genannten Karnevalsmuffeln verzeihen die Jecken nicht, dass sie durch die Verweigerung ihres Einverständnisses an das erinnern, was man aus dem eigenen Bewusstsein verbannen wollte, und dadurch verhindern, dass die Flucht ganz gelingt. Doch auch Verstöße der Karnevalsfreunde selber gegen das oberste Gesetz der Kulturindustrie, ihre Konsumenten nicht zu dem Ihren kommen zu lassen, werden geahndet.
Genauso ungern gesehen wie diejenigen, denen nicht nach Feiern zumute ist, sind deshalb diejenigen, die zu gut verkleidet sind. In Köln-Mülheim ereignete sich beispielsweise folgender denkwürdiger Vorfall: Eine Frau stieg aus der S-Bahn, die ganz in einen langen, silbrig-glitzernden Mantel gehüllt war. Die spitze, weite Kapuze ließ ihr Gesicht im Schatten zurücktreten; in ihren silbernen Plateauschuhen überragte sie alle Wartenden. Ihr Anblick war so hinreißend, dass es schwer fiel, die Augen von ihr zu wenden. Zwei Halbwüchsige starrten sie eine Weile an, dann rief ihr der eine hinterher: "Soll das ein Bademantel sein oder was?" Über die Motive für solche Pöbeleien gibt eine Gebrauchsanweisung für Köln von Reinhold Neven Du Mont, Verleger und Herausgeber des Express, Auskunft:
"Der Kölner Karneval ist vulgär, nicht frivol. Die Kostüme, die man auf den Umzügen sieht, sind einfallsreich, deftig und selbstironisch, jedoch nur selten sexy. Köln ist nicht Rio. Sex kommt vor, aber nur als Parodie. [...] Wer Sinn für Schönheit hat, muß ihn nicht herausstellen. [...] Mit Schönheit geht man nicht hausieren. In Köln auch im Karneval nicht." (9)
Neven Du Mont erzählt dann, wie ein aus Hamburg zugezogener Kollege einmal an Weiberfastnacht "als Rosenkavalier, perfekt bis zu den Handschuhen" in eine Kneipe kam und wegen seiner allzu guten Verkleidung "von der Meute mitgerissen" wurde, "gebützt [geküsst] und geschubst bis ihm der Dreispitz vom Kopfe fliegt" (10). Mag man dies noch unter "rauh, aber herzlich" verbuchen, liegt doch in dem im anmaßenden Tonfall des "wir bleiben so, wie wir sind" vorgetragenen Hinweis, Karnevalskostüme seien nicht sexy und mit Schönheit gehe man nicht hausieren, eine dunkle Drohung. Wenn Schönheit und Sexualität aus dem Leben, der Liebe und der Lust ausgeschlossen sind, die die Feiernden zu lieben behaupten, dann haben diese Begriffe für die Jecken, die Neven Du Mont stolz als Meute bezeichnet, offenbar nicht den Sinn, den man ihnen sonst zuschreiben möchte. Es stellt sich heraus, dass die Gesinnung des Karnevals mit der von al Qaida, der sie auf den ersten Blick so entgegen gesetzt zu sein scheint (siehe Teil 1), zumindest eins gemeinsam hat: man mag es nicht, wenn Schönheit herausgestellt wird.
Dem scheinen die Paraden der Funkenmariechen, die Auftritte weiblicher Sambatruppen aus Rio und die Promiskuität, die an Karneval überall zu beobachten ist, zu widersprechen. Schönheit und Sexualität sind tatsächlich nicht gänzlich aus dem Karneval verbannt. Doch die Formen, in denen sie geduldet werden, sind allesamt der Zote entsprungen, der männerbündischen Verhöhnung des Sexuellen im Medium des Sexuellen, eben jener Parodie, von der Neven du Mont spricht. So seltsam es klingt, die brasilianischen Tänzerinnen werden nicht so sehr ihrer kunstvollen Inszenierungen wegen eingeladen. Ein Foto aus dem Kölner Stadt-Anzeiger vom Auftritt der Sambatruppe "Fiesta Brasil" auf einer Herrensitzung, wiederum zufällig herausgegriffen (11), zeigt nur wenige bewundernde, viele gelangweilte und noch mehr abgewandte Blicke. Weit entfernt davon, sich von der Darbietung bezaubern zu lassen, halten die versammelten, recht verdrossen wirkenden Männer es vielmehr für ihr Vorrecht, die Tänzerinnen nach Belieben anzugrapschen. Daher die Drohung eines Sitzungspräsidenten: "Wer eines der Mädchen anfaßt, bekommt von mir höchstpersönlich was in die Fresse" (12). Solche Warnungen, die den Interessen der Sambatänzerinnen sicher entgegen kommen, bleiben freilich selbst dem Männerbund verhaftet: die prahlerische Geste dessen, der den edlen Ritter spielt, und das kollegiale, absichtlich derbe Vokabular lassen erkennen, dass hier ein Gleicher zu Gleichen spricht.
Die allgegenwärtigen Funkenmariechen der Stadtkorps, die von den Herren als "lecker" angepriesen werden, sind völlig steril. In ihrer uniformierten Püppchenhaftigkeit haben sie nichts Verstörendes an sich, sondern scheinen dazu erfunden, durch blödsinnige Gesten und starres Lächeln die Idiotie der ganzen Veranstaltung zu verkörpern. In ihnen verherrlicht der Karneval den weiblichen Charakter. Darin impliziert ist "die Demütigung aller (...), die ihn tragen" (13). Die Demütigung ist eine doppelte, denn sie geschieht mit begeisterter Zustimmung der Gedemütigten, die keinesfalls darauf verzichten, den "leckeren Tanzmariechen" zuzujubeln oder etwa auf den beliebten Schlager über "Blootwoosch, Kölsch un e lecker Mädsche", die Hauptnahrungsmittel des Kölners, zu schunkeln. Die Verkleidungen der gewöhnlichen Karnevalsteilnehmerinnen zielen dann auch meist auf die Selbstzurichtung zum niedlichen Mäuschen ab, die zu der Selbstüberschätzung der grölenden Männerhorden passt und in ihrem Konformismus schwer zu ertragen ist. Diese geduckte Weiblichkeit feiert sich selbst an Weiberfastnacht, einem Tag, an dem die Frauen als Belohnung für ihren Verzicht darauf, sich ihres Verstandes zu bedienen, männlichen Kollegen den Schlips abschneiden und Polizisten abküssen dürfen. Ihren adäquaten Ausdruck findet sie in einem Karnevalslied:
"Denn mir sen Kölsche Mädscher,
han Spitzebötzcher [Spitzenhöschen] aan,
mir losse uns net dran fommele,
mir losse keiner dran."
Die augenzwinkernde Aufforderung zum Fummeln bestätigt ebenso wie das offizielle Lob der Keuschheit die Versagung: das gierige Grapschen, das vom Objekt absieht, auf das es sich richtet, ist das Gegenteil von Erfüllung. Dass sie nicht nachtragend sind und wenig erwarten, bekunden die "Kölsche Mädscher" an einer späteren Stelle des Liedes, an der es über die Männer heißt: "Auch wenn sie uns manchmal ärgern, wir nehmen das gar nicht so schwer". Damit ist auch den Männern keine Ehre getan: sie sind dazu verdammt, Herrensitzungen besuchende Zotenreißer zu bleiben.
Typisch für den Karneval, der Sexualität nur als Parodie kennt, ist jenes Gelächter, das Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung beschrieben haben:
"Man darf dem verpönten Trieb frönen, wenn außer Zweifel steht, daß es seiner Ausrottung gilt. Das ist die Erscheinung des Spaßes oder des Ulks. Er ist die elende Parodie der Erfüllung. Als verachtete, sich selbst verachtende, wird die mimetische Funktion hämisch genossen. (...) Indem der Zivilisierte die versagte Regung durch seine unbedingte Identifikation mit der versagenden Instanz desinfiziert, wird sie durchgelassen. Wenn sie die Schwelle passiert, stellt Lachen sich ein." (14)
Dieselbe versagte Regung wird Adorno und Horkheimer zufolge vom Kollektiv der Zotenreißer an den Juden entdeckt und verfolgt, weshalb sich die zitierte Passage im Kapitel Elemente des Antisemitismus findet und wie folgt weitergeht:
"Das ist das Schema der antisemitischen Reaktionsweise. Um den Augenblick der autoritären Freigabe des Verbotenen zu zelebrieren, versammeln sich die Antisemiten, er allein macht sie zum Kollektiv, er konstituiert die Gemeinschaft der Artgenossen. Ihr Getöse ist das organisierte Gelächter." (15)
Karneval mit Antisemitismus in Verbindung zu bringen, mag hart und übertrieben erscheinen. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass Karneval nie bloß ein harmloser Unsinn gewesen ist. Die Fastnachtsspiele im Spätmittelalter waren gegen die Juden gerichtete, von Fäkal-Komik geprägte, pseudo-antiautoritäre Veranstaltungen (16). Den Charakter als Versammlung der Meute zur Verulkung von Außenseitern hat der Karneval nie ganz abgelegt, was die Nationalsozialisten begriffen, die ihn 1933 in ihr Veranstaltungsprogramm übernahmen. Heutige Karnevalsvereine, die stolz herausstreichen, dass sie nie gleichgeschaltet wurden, aber nichts dabei finden, dass der Frohsinn im nationalsozialistischen Köln unter Motti wie "Singendes, klingendes, lachendes Köln" (1939) bis zum Beginn des Krieges einfach weiterging, vergessen gern zu erwähnen, wie die Karnevalswagen dieser lustigen Umzüge aussahen. Schon 1934 fuhr in Köln ein Wagen mit, auf dem Männer mit schwarzen Anzügen, Hüten und künstlichen Bärten als Juden posierten und der mit den Aufschriften "Die Letzten ziehen ab" und "Mer mache nur e kleines Ausflügsche nach Lichtenstein und Jaffa" versehen war (17). Ähnliche Szenen sind auch auf Fotos von Karnevalszügen in anderen Städten festgehalten, etwa in Nürnberg, wo man Julius Streicher zwei Judendarsteller zu ihrer Darbietung beglückwünschen sieht (18), oder in Neustadt/Weinstraße, wo die als Juden Verkleideten offenbar besonderen Spaß daran fanden, sich lange Nasen anzukleben (19).
Betrachtet man den Karneval unter diesem Gesichtspunkt, fallen einige scheinbare Nebensächlichkeiten auf, die man sonst vielleicht übersehen würde. Der politische Humor der Karnevalssitzungen ist nach wie vor einer des rebellierenden Konformismus. Wenn die Büttenredner gerade einmal keine Zoten reißen, dann verkünden sie das, was ohnehin alle denken, im Tonfall des Tabubrechers, der es denen da oben einmal so richtig zeigt. So sehen dann auch die Karnevalszüge aus. Bekanntlich ist es einigen der Juden, die die Kölner 1934 nicht in der Stadt haben wollten, gelungen, der Massenvernichtung zu entgehen, indem sie über den Einwanderungshafen Jaffa in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina flohen. Bekanntlich nimmt ihnen die Mehrheit der Deutschen das noch immer übel und solidarisiert sich mit Diktatoren, Führern und Massenbewegungen, deren Hauptziel es ist, die Davongekommenen ins Meer zu treiben. Eine Kanzlerkandidatin, die sich weigerte, den Sturz eines dieser antisemitischen Führer zu verurteilen, bekam dafür von den Karnevalisten einen Denkzettel verpasst. 2003 war auf dem Düsseldorfer Karnevalszug ein Ensemble aus Pappmaché zu sehen, das eine US-Fahnen schwingende, aus Bushs Darmausgang hervor kriechende Angela Merkel darstellte; ein ganz ähnlicher Wagen in Mainz von 2005 zeigte Merkel hinter einem knienden US-Präsidenten mit heruntergelassener Hose, zu dessen Hintern eine Leiter führte, über der das Schild "Wiedereröffnung" angebracht war; in Köln sah man im selben Jahr eine Bushfigur Schüsse aus einem Maschinengewehr in Kreuzform mit der Aufschrift "God bless America" abfeuern, was wohl das beliebte Klischee "schießwütiger Weltpolizist und Kreuzritter" bedienen sollte; im Jahr zuvor hatte es der Kölner Karnevalszug mit einer Bushfigur mit langer Nase und der Aufschrift "Der Irak hat Massenvernichtungswaffen" bis auf die Titelseite der Zeitung Al-Quds al-Arabi ("Arabisches Jerusalem") gebracht (20). All dies war selbstverständlich lustig gemeint und vor allem "frech wie nie" – so das Lob des WDR (21). Als ob nicht eine erdrückende Mehrheit hinter ihm stünde, die in Deutschland allemal den Ton angibt, fragte Jacques Tilly, der sich die Wagenmotive in Köln und Düsseldorf ausgedacht hatte, mit gespielter Naivität: "Wurde der Karneval etwa nicht erfunden, um die Obrigkeit zu veräppeln?" (22) Klaus Wilinski, der Wagenbauer aus Mainz, dessen Merkel-Bush-Wagen von der so genannten Zugleitung einstimmig in Auftrag gegeben worden war, äffte Tilly nach und übertrumpfte ihn noch, indem er zu verstehen gab, dass er vereinzelte Missfallensäußerungen aus den Reihen der CDU als Unterdrückung seiner Meinungsfreiheit betrachtete: "Die Mainzer Fastnacht war schon immer politisch und hat sich gegen Obrigkeit oder Zensur gewehrt" (23). Dem stimmte das ZDF natürlich zu, und der WDR konnte zufrieden resümieren: "Das Narrenvolk rast – vor Schadenfreude" (24). Wenig überraschend, dass Witze, die wirkliche Zensur mittels § 166 oder Morddrohungen eines aufgebrachten Mobs nach sich ziehen könnten, für einen Humoristen wie Tilly nicht in Frage kommen: "Wir werden selbstverständlich auf Darstellungen des Propheten Mohammed verzichten" (25).
Saddam Hussein scheinen die Jecken übrigens besonders ins Herz geschlossen zu haben. Erinnert sich noch jemand an den Ausfall des Karnevals von 1991? Damals war das Spektakel auf Empfehlung des Bundes Deutscher Karneval "aus Respekt vor der Reaktion der Bevölkerung auf den Krieg am Golf" abgesagt worden. In Köln hatte man dies zum Anlass genommen, sich am Rosenmontag zu versammeln, um für den Frieden mit Saddam zu demonstrieren. Die edlen Seelen, zu denen sich gewöhnliche Jecken gesellten, hatten "Trommler, Friedensengel und Schubkarren voll Blut als Protestzeichen gegen den Krieg" mitgebracht (26). Die gespenstische Prozession gefiel allen so gut, dass im nächsten Jahr beschlossen wurde, einen Fackelmarsch daraus zu machen, der seitdem unter dem Titel "Geisterzug" jedes Jahr am Karnevalssamstag stattfindet und bei Grünen und Autonomen als "antiautoritärer Umzug" (taz) und Manifestation "subversiver Fröhlichkeit" (FAU Bonn) (27) beliebt ist.
Der Karneval endet, wie es ihm entspricht, mit einem weiteren fröhlichen Fackelmarsch und der Verbrennung eines Sündenbockes, einer lebensgroßen bekleideten Strohpuppe, die in Köln "Nubbel" genannt wird. Das Ritual, mit dem früher an einigen Orten das Ende der Kirmes zelebriert worden war, hat sich erst nach 1945 allgemein verbreitet. Schwierig zu erlernen war es für die Nachkriegsdeutschen sicher nicht: man kannte den Vorgang, aus dem nun ein ironisch gebrochenes Spiel wurde, nur zu genau. So wie man früher mit den Juden verfuhr, verfährt man nun spaßeshalber mit dem Nubbel. Jede Kneipe hat ihre eigene Puppe. In der Nacht auf Aschermittwoch wird sie nach Verlesung einer Anklageschrift, die ihr die Schuld an allen Verfehlungen während der Karnevalszeit aufbürdet, unter Gejohle angezündet: "Zunächst verteidigt die Menge den Nubbel, am Ende ist sie aber von seiner Schuld überzeugt und fordert Rache. Die Anklage gipfelt dann beispielsweise in rhetorischen Fragen wie: 'Wer ist schuld, dass wir unser ganzes Geld versoffen haben? Wer ist schuld, dass wir fremdgegangen sind?' Die johlende Menge antwortet dem Redner dann stets mit einem schallenden 'Dat wör der Nubbel!', 'Der Nubbel ist dat schuld!' oder 'Er soll brennen!, der Nubbel!'" (28)
Weil Verschwendung und Fremdgehen als lässliche Sünden gelten, kann man hoffen, dass die ironische Distanz gewahrt bleibt, die, so abstoßend das Ganze ist, verhindert, dass das Spiel umkippt und zum tödlichen Ernst wird. Ihre eigene uneingestandene Unlust am Karneval werden die Karnevalsfreunde hingegen weniger leicht verschmerzen. Solange sie nicht bereit sind, sich die eigene Enttäuschung einzugestehen, die lärmende Meute und Schunkelgemeinschaft zu verlassen und zu erkennen, dass der Karneval genau besehen wenig Anlass zum Fröhlichsein gibt, werden sie sich an wirklichen oder vermeintlichen Störenfrieden schadlos halten. Und als Störenfried gilt jemand, der Halbwüchsige davon abzuhalten versucht, „Viva Colonia“ zu grölen, allemal.
Anmerkungen:
(1)
http://www.ila-bonn.de/brasilientexte/homosexuelle.htm.
(2)
http://www.merian-magazin.de/category.php?catname=Freizeit&aid=239.
(3) Ernst Heyter, Verführung zum Karneval. Eine Einführung in die rheinischen Mysterien, Düsseldorf 1953, S. 70.
(4) Peter Fuchs/M. L. Schwering/Klaus Zöller, Kölner Karneval. Seine Geschichte, seine Eigenart, seine Akteure, Köln 1984, S. 35f.
(5) Gisela Probst, Zur psychologischen Funktion des Karnevalsschlagers, in: Rheinischer Karneval. Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde, Jg. 23 (1978), S. 31-48, hier S. 48.
(6) Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt a. M. 1998, S. 153.
(7) Tagesspiegel, 13.02.1999.
(8) Horkheimer/Adorno 1998, S. 153.
(9) Reinhold Neven Du Mont, Gebrauchsanweisung für Köln, München/Zürich 2004, S. 60.
(10) Ebd.
(11) Kölner Stadt-Anzeiger, Ausgabe Euskirchen, 1./2.02.1997.
(12) Tagesspiegel, 13.02.1999.
(13) Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt a. M. 1997, S. 121.
(14) Horkheimer/Adorno 1998, S. 193.
(15) Ebd.
(16) Vgl. Gerhard Scheit, Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus, Freiburg i. Br. 1999, S. 58-67.
(17)
http://www1.yadvashem.org/about_holocaust/studies/ordinary/images/1.jpg.
(18)
http://www.jewishgen.org/yizkor/nuremberg2/nur004.html.
(19) Fotos zugänglich über
http://www.ushmm.org/.
(20)
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,400029,00.html.
(21)
http://www.wdr.de/themen/freizeit/brauchtum/karneval_2005/session/_themen/zusammenfassung_
rosenmontag/index.jhtml?rubrikenstyle=karneval_2005.
(22)
http://www.wdr.de/themen/freizeit/brauchtum/karneval_2005/session/_themen/wagenbaumeister_
duesseldorf/index.jhtml?rubrikenstyle=karneval_2005.
(23)
http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/22/0,1872,2253782,00.html.
(24)
http://www.wdr.de/themen/freizeit/brauchtum/karneval_2005/session/_themen/ wagenbaumeister_
duesseldorf/index.jhtml?rubrikenstyle=karneval_2005.
(25)
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,400029,00.html.
(26)
http://www.beucker.de/2003/taz03-02-27a.htm.
(27)
http://fau-bonn.de/Members/Hein/Geisterzug.
(28)
http://www.koelner-karneval.info/Nubbelverbrennung.htm.
Anmerkungen zum rheinischen Karneval, Teil 1
Ein Gerichtsprozess sorgte letztes Jahr in Köln einige Tage lang für Aufregung: „Karnevals-Schlägerei endete tödlich/Anlass für den Streit: Der Höhner-Hit ,Viva Colonia’“, meldete der Express, das lokale Massenblatt (1). Ein 42-jähriger Mann, der sich bei einem 17-jährigen beschwert hatte, weil dieser mit seinen Freunden das Karnevalslied grölte, war von dem Jugendlichen so heftig mit der Faust geschlagen worden, dass er nach hinten stürzte, mit dem Kopf auf den Asphalt schlug, schwere Kopfverletzungen erlitt und bald darauf starb. Die Jugendlichen ließen den Verletzten anscheinend einfach auf der Straße liegen und gingen weiter.
Bezeichnender noch als das Ereignis selbst war die Berichterstattung darüber. Denn dieser war nur mit Mühe zu entnehmen, dass der Jüngere den Älteren getötet hatte; wer sich nicht weiter in die Berichte vertiefte, musste den Eindruck gewinnen, es verhalte sich umgekehrt. Das Opfer habe sich „mokiert“ und sei angetrunken gewesen, teilte Radio Köln, ein Sender, der in zahlreichen Kölner Büros vor sich hinplärrt, am 22. März im Halbstundentakt seinen Zuhörern mit. Der Express wusste noch mehr: der 42-jährige sei „extrem wütend und aggressiv“ gewesen, er habe „den Jugendlichen, der ein Giraffenkostüm trug, plötzlich angerempelt, angepöbelt und sogar geschlagen“ und sei mit „knapp zwei Promille im Blut“ auf den 17-jährigen „losgegangen“, der sich daraufhin lediglich „wehrte“, indem er „den Mann plötzlich kräftig von sich wegstieß“. Radio Köln wiederum, das immerhin den Faustschlag nicht verschwieg, machte sich nun Sorgen um den Jungen und zeigte viel Verständnis: er habe inzwischen die Schule abgebrochen und sei „sehr betroffen“. Nun gelte es herauszufinden, „wie schuldig der Schüler wirklich ist“. Damit war die Antwort, wie in jedem Radiokommentar, schon vorgegeben: schuldig konnte nur der Tote sein, der so dreist gewesen war, sich über das Viva Colonia-Gegröle zu mokieren.
Weder Radio Köln noch der Express vergaßen zu erwähnen, wie beliebt Viva Colonia sei - auch wenn das Publikum solche Belehrung sicher nicht nötig hatte, denn bei einer Umfrage des Express im Jahr zuvor war eben dieser Schlager zum beliebtesten „Kölsch-Hit“ gewählt worden (2). Durch besonders penetrantes Bemühen, die negativen Schlagzeilen in Reklame für die Lokalband „De Höhner“ (deutsch: „Die Hühner“) umzumünzen, machte sich der Kölner Wochenspiegel Rechtsrheinisch bemerkbar, der, die Gunst der Stunde nutzend, am 23. März, einen Tag nach dem Prozessbeginn, unter dem Titel „Große Party mit Kölscher Kultband“ eine „fesselnde Show“ ankündigte, nämlich den „Tanz in den Mai mit den Höhner in der Kölnarena“ - natürlich mit Viva Colonia als krönendem Abschluss. Viva Colonia ist in Köln ein Volksschlager, dessen Refrain zu jeder Gelegenheit, nicht nur an Karneval, und zu jeder Tages- und Nachtzeit gegrölt wird - vorzugsweise, aber keineswegs ausschließlich von männlichen Halbwüchsigen. Er lautet:
Da simmer dabei! Dat is prima! Viva Colonia!
Wir lieben das Leben, die Liebe und die Lust
Wir glauben an den lieben Gott und ham noch immer Durst.
Immerhin sprechen sich die Kölner für recht sympathische Dinge aus, könnte man meinen. In Zeiten, in denen andere Gottgläubige „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ proklamieren, sollte man für solche Bekenntnisse vielleicht dankbar sein und über die Rohheit der Grölenden, die ihre Botschaft jedem ins Ohr brüllen und als Teil eines Kollektivs, das sich in der Mehrheit weiß, öffentliche Orte wie U-Bahnen, Straßenkreuzungen oder Kneipen in Beschlag nehmen, hinwegsehen. Schließlich ist es der Sinn des Karnevals, Spaß zu haben, und den muss man anderen ja nicht unbedingt verderben, wenn man keine guten Gründe dafür hat. Die Geschichte mit dem Jungen im Giraffenkostüm, der den nicht zum Grölen aufgelegten Älteren tödlich verletzte und dann auf dem Pflaster liegen ließ, ist, so hofft man, ja möglicherweise doch eine Ausnahme.
Die Solidarisierung der Kölner Medien mit dem Jungen lässt allerdings auf etwas anderes schließen, nämlich darauf, dass jenes spaßige Mehrheitsbewusstsein ohne aggressive Akte gegen Abweichende gar nicht auskommt. Indem sie die Schuldabwehr, die Sache des Schlägers also, zu ihrer eigenen machen, zeigen die beflissenen Fürsprecher, dass sie sich zumindest vorstellen könnten, an seiner Stelle ähnlich zu handeln. Schon das Grölen selbst unterscheidet sich von gewöhnlichem Singen durch seinen Charakter als Reviermarkierung und Drohgebärde. Es ist tatsächlich gar keine Seltenheit, dass die unterschwellige Aggression, die den Frohsinn der Karnevalisten auszeichnet, in manifeste Gewalttätigkeit umschlägt.
In der Düsseldorfer Altstadt, so etwa eine beliebig herausgegriffene Stellungnahme der Polizei, herrsche an Karneval eine „durchaus gewalttätige Stimmung“ (3). Letztes Jahr fanden dort einem WDR-Bericht zufolge allein an Weiberfastnacht (so die Bezeichnung für den Donnerstag vor Karneval) 30 Schlägereien statt (4). Nimmt man die Polizeipräsenz als Maßstab, muss in Köln regelmäßig ein bürgerkriegsähnlicher Zustand herrschen; hier versuchte die Polizei die Schlägereien „mit ihrem Großaufgebot in Schach zu halten“. Den Titel der Hauptstadt des deutschen Karnevals hat Köln auch insofern verdient, als die Angriffe hier besonders brutal ausfielen: einem Mann wurde mit einer Stahlrute ins Gesicht geschlagen, ein anderer wurde in den Rhein geworfen. Ähnliche Szenen ereigneten sich jedoch überall, so in Radevormwald im Oberbergischen Kreis: nach einer von der Polizei beendeten Kneipenschlägerei lauerten die Schläger einem der Verletzten im Krankenhaus auf; als sie daran gehindert wurden, zu dem designierten Opfer durchzudringen, verwüsteten sie eine Kneipe und bedrohten die Gäste. (5) Eine Meldung aus Marburg an der Lahn vom Karnevalswochenende 2004 mag Aufschluss darüber geben, warum der Karneval auch in protestantischen Gegenden immer beliebter wird: „Etwa um 23.35 Uhr prügelte sich eine größere Menschengruppe auf der Friedrich-Ebert-Straße in Höhe der Hausnummer 42. Mit dem Eintreffen der Polizei spritzte die Gruppe auseinander. Zehn Menschen liefen in unterschiedliche Richtungen davon. Die Beamten wurden Augenzeugen, wie der - auf dem Boden liegende - 27-jährige noch mehrfach mit Fußtritten ins Gesicht traktiert wurde.“ (6) In Wiesloch bei Heidelberg wurde am Karnevalssonntag 2002 vor einer Diskothek ein Mann zu Tode geprügelt: „Nach dem vorläufigen Ergebnis der Sektion führten Schläge und Tritte gegen den Kopf des Opfers zur Bewusstlosigkeit, in deren weiterer Folge dann trotz der am Tatort erfolgreichen Reanimation durch den Notarzt eine Hirnschädigung eintrat, die zum Tode führte.“ (7) Eine von Zuschauern offenbar begrüßte, jedenfalls nicht verhinderte Vergewaltigung ereignete sich beim diesjährigen Karneval in einer Kneipe in Konstanz (8).
Auffällig an den Berichten ist die Brutalität der Karnevalsfans, die anscheinend bevorzugt auf Wehrlose und bereits am Boden liegende losgehen, der kollektive Charakter vieler Misshandlungen und schließlich die (hier nicht zitierten) Begründungen, die für sie gegeben werden. Meist wird die Schuld nämlich auf den Alkohol geschoben. Wenn einmal nicht das Opfer für mitschuldig erklärt wird, weil es betrunken gewesen sei oder provoziert habe, heißt es auf Leserbrief- und Kommentarseiten, in Internetforen oder am Familientisch, dergleichen sei halt auf den Alkoholeinfluss zurückzuführen. Man kann das verschieden interpretieren: entweder als Entschuldigung nach dem Motto „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“ oder - wahrscheinlich eher dem Selbstverständnis der Kommentatoren entsprechend - als Warnung vor den verderblichen Wirkungen des Saufens. Beiden Varianten ist gemeinsam, dass sie als selbstverständlich voraussetzen, was doch erst zu erklären wäre: dass sich nämlich unter einer dünnen zivilisatorischen Decke eine Sehnsucht nach der Barbarei verbirgt, die hervorbricht, wenn alkoholbedingt die Kontrolle nur ein wenig nachlässt.
Wie sehr das, was beim Karneval enthemmt wird, von allen geteilt und daher allzu gut verstanden wird, tritt gerade dort zutage, wo der Täter nicht entschuldigt, sondern mit demonstrativem Ekel zum Scheusal erklärt wird, das zur kollektiven Jagd freigegeben ist. So in einer Zeitungsmeldung aus der gleichen Ausgabe des Express, in der auch die Meldung über die Schlägerei mit dem Jungen im Giraffenkostüm erschien. Entrüstet und zugleich pornographisch erregt sich die Zeitung an der Darstellung einer Vergewaltigung:
„Polizei jagt den Karnevals-Vergewaltiger/Wer hat diesen Mann gesehen? Köln - Der brutale Vergewaltiger, der an Weiberfastnacht eine 49-Jährige in seinen Campingbus lockte und mit roher Gewalt zum Sex zwang. Die Polizei jagt das Sex-Monster immer noch - jetzt mit einem Phantom-Bild. Wer hat den skrupellosen Vergewaltiger gesehen? Er hatte sein Opfer in einer Altstadtkneipe kennengelernt, später unter einem Vorwand in den Campingbus gelockt. Dort fiel er über die 49-Jährige her. Dann fuhr der Mann mit dem Wohnmobil ans Rheinufer, hier gelang seinem Opfer an der Zoobrücke die Flucht. (...) Wer den Mann gesehen hat, sollte sich beim Kriminalkommissariat 12 melden: 0221/2290". (9) (Hervorhebungen E.M.)
Die Überladung mit Adjektiven und adverbialen Wendungen, das Jagdvokabular, das gleichermaßen für die Vergewaltigung wie für die polizeilichen Ermittlungen verwendet wird, die der kleinen Erzählung innewohnende Teleologie, die gar keinen anderen Ausgang zulässt, weshalb schon in der Altstadtkneipe klar ist, dass die Frau nicht entkommen wird und deshalb Opfer heißen muss, die schaudernd-lüsterne Verdammung des Mannes als Sex-Monster - all dies straft die vorgeblich menschenfreundlichen Motive der Ermittlungsgemeinschaft, als deren Sprachrohr sich die Zeitung geriert, Lügen. Allzu sehr ist den Worten die Erregung anzumerken, die der Gedanke an die vergewaltigte Frau als in die Falle gelocktes Wild, über das der Vergewaltiger wie ein Tier herfällt, in Schreibenden und Lesern hervorruft, und diese Erregung eben ist es, die sich in Entrüstung und Jagdstimmung transformiert.
Natürlich sind Mord und Vergewaltigung nicht die offiziellen Inhalte des Karneval. Woher die Aggressivität rührt, lässt sich offenbar nur begreifen, wenn man einen näheren Blick auf das wirft, was in Köln und anderswo unter Leben, Liebe und Lust, die ja den Inhalt des Karneval ausmachen sollen, verstanden wird. Was die Jecken so treiben, wenn sie meinen Spaß zu haben, wird Gegenstand von Teil 2 des Artikels in der kommenden Ausgabe der Prodomo sein.
Anmerkungen:
(1) Express, 22.03.05.
(2) Express, 15.01.04.
(3)
http://www2.onnachrichten.t-online. de/dyn/c/33/81/52/3381522.html. (4)
http://www.wdr.de/themen/freizeit/ brauchtum/karneval_2005/session/_themen/zusammenfassung _weiberfastnacht/polizei_fazit.jhtml?rubrikenstyle=karneval_2005. (5) Ebd.
(6)
http://www.marburgnews.de/2004/mn-akt02.php?tag=23. (7)
http://www.coole-russen.de/russen.htm. (8)
http://www2.onnachrichten.t-online.de/dyn/c/33/81/52/3381522.html. (9) Express, 22.03.05.
Parodie der Erfüllung
Anmerkungen zum rheinischen Karneval, Teil 2
"Oberstes Gesetz ist, daß sie um keinen Preis zu dem Ihren kommen, und daran gerade sollen sie lachend ihr Genüge haben."
Horkheimer/Adorno
Im ersten Teil des Artikels ging es darum, dass an Karneval in Deutschland rohe Gewalttaten üblich sind und dann, wenn sie sich gegen wirkliche oder vermeintliche Nörgler richten, bei einem breiten Publikum auf Verständnis stoßen. Daraus wurde die Vermutung abgeleitet, dass der Spaß, den die Karnevalsfans zu haben meinen, vor allem darin besteht, einer Sehnsucht nach Barbarei freie Bahn zu lassen, die im Alltagsleben unter einer dünnen zivilisatorischen Decke verborgen ist und über den Kreis der brutalsten Schläger hinaus von einer Mehrheit geteilt wird. Im zweiten Teil soll nach einer Antwort auf die Frage gesucht werden, was das mit den offiziellen Inhalten des Karnevals zu tun hat, die einem beliebten Karnevalslied zufolge der Liebe zum Leben, zur Liebe und zur Lust entspringen (siehe Teil 1, Prodomo 03/06, S. 32ff.). Natürlich hätte man auch eine andere Variante des Karnevals als die hier pars pro toto ausgewählte rheinische zum Gegenstand der Kritik machen können. Willkürlich ist die Entscheidung trotzdem nicht, denn das Spektakel in Köln und Düsseldorf gilt vielerorts als Inbegriff des Karnevals, nimmt dementsprechend viel Platz in den Massenmedien ein und soll einem Gerücht nach besonders frohsinnig sein. Wo es nötig schien, wird auch auf andere Varianten des Karnevals Bezug genommen, allerdings bleiben die Beispiele auf Deutschland beschränkt. Wer sich nun damit beruhigen möchte, dass immerhin der brasilianische Karneval frei sei von dem, was den deutschen so unerträglich macht, der sei gleich vorab darauf hingewiesen, dass auf dem zugegebenermaßen festlichen, schönen, glamourösen Karneval in Rio neben Raubüberfällen, Vergewaltigungen und anderen groben Gewalttätigkeiten Schwulenjagden offenbar fest zum Programm gehören: "Sogar in Strandvierteln der Mittel- und Oberschicht", heißt es in einem Bericht, "lauern Gruppen von bis zu fünfzehn jungen Männern den Schwulen an ihren Treffpunkten auf, schlagen sie brutal zusammen, bewerfen sie mit Steinen, traktieren sie mit Stöcken und Eisenstangen. Beim letzten Karneval häuften sich solche Übergriffe derart, dass Homosexuelle in Rio dem Volksfest fast ausnahmslos fernblieben. Denn die Polizei unternimmt gewöhnlich nichts." (1)
Man muss sich vor allem von dem Gedanken frei machen, dass Karneval etwas mit Unbeschwertheit und Glück zu tun habe. Ein Beobachter, Tobias Chmura vom Merian-Magazin, hat sich beim Karneval in Westfalen umgesehen und stellt fest: "Ich habe mir die Mühe gemacht in die Gesichter der Menschen auf der Straße zu schauen und musste feststellen, dass fast niemand lacht. Es klingt unglaubwürdig, aber es ist wirklich so, niemand war froh." (2) In Köln und Düsseldorf wird zwar gelacht, aber man hat nicht den Eindruck, es sei irgendwer außer einigen Kindern glücklich dabei. Die Fröhlichkeit des Karnevals ist eine verbissene, aufstampfende und deshalb auftrumpfende. Sie manifestiert sich vor allem in Lärm. Dieser übertönt die Zweifel der freudlos Feiernden an dem, was sie tun, und beweist denjenigen, die nicht mitmachen wollen, dass sie sich zu ducken haben. Karneval ist totalitär: es ist unmöglich, sich ihm zu entziehen, denn das dumpfe Dröhnen der Trommeln und die an jeder Straßenkreuzung aus städtischen Lautsprechern tönenden Schlager lassen sich nicht überhören. Selbst von den Kölner Bahnsteigen, an denen der Karnevalsflüchtling wartet, und den Zügen, in denen er sich in eine möglichst weit entfernte Stadt begibt, ergreifen Marschkapellen Besitz. Schert ein auf dem Bahnsteig wartender Klarinettist aus und fängt in einer ausnahmsweise nicht von Trommeln durchdröhnten Minute an zu improvisieren, wird er für solche Frivolität sofort bestraft: die Trommeln setzen wieder ein, um ihn zu übertönen, was ihnen mühelos gelingt.
Die Tyrannei des Karnevals zeigt sich vielleicht am deutlichsten darin, dass Passanten, denen anzusehen ist, dass sie mit Karneval nicht viel anfangen können, nicht einfach in Ruhe gelassen werden. Die Aufforderung zum Mittun ist obligatorisch. Wer Glück hat, bekommt bloß freundlich-spöttisch eine Bierflasche in die Hand gedrückt. Wer jedoch Pech hat, wird von denjenigen, die sich selbst für lustig halten, wegen eines falschen Gesichtsausdrucks oder fehlender Verkleidung als Spielverderber zur Ordnung gerufen. Die Regel "Jede Jeck is anders", auf die sich die Rheinländer so viel einbilden, gilt nur für bekennende Jecken: "Rosenmontag müssen Sie sich verkleiden. Wenn Sie im ordentlichen Zivilanzug auf die Straße kommen, werden Sie wie ein Narr verhöhnt" (3), erklärt ein besonders lustiger Zeitgenosse, der nach eigener Aussage Uneingeweihte zum Karneval verführen will. Nur für Lebensmüde empfiehlt es sich, deutliches Missfallen zu äußern.
Überhaupt geht es beim Karneval in erster Linie ums Dabeisein und Mitmachen, nicht um irgendwelche Inhalte, an denen man Freude haben könnte. Die Zugehörigkeit zum Kollektiv als solche wird genossen und als Frohsinn oder Spaß verbucht. Daher die Begeisterung für seltsam bürokratische Verrichtungen, für Bräuche, die im 19. Jahrhundert erfunden wurden, für Prunksitzungen und Uniformen, über die man sich vergeblich den Kopf zerbrechen wird, wenn man in ihnen Komik sucht. Ganz im Gegensatz zu der gerne vorgebrachten Behauptung, die Uniform sei bloß ironisch gemeint, nämlich als Parodie auf die Uniform preußischer Soldaten, wird sie als Ausweis des Dazugehörens mit verbissenem Ernst getragen. Dazu passt, dass die Hütchen, mit denen sich viele Vereinsmeier zeigen, von einem Preußen erfunden wurden, dem Generalmajor Baron von Czettritz und Neuhauß, der 1827, kurz nach der Reform des Kölner Karnevals, das Prinzip "Gleiche Brüder, gleiche Kappen" durchsetzte, um aus Versammlungen "diejenigen, die hier unberufen eindringen, erkennen und nach Verdienst abweisen zu können" (4).
Sind Uniform und Mütze das Erkennungszeichen der hart gesottenen Berufskarnevalisten, dient das Schunkeln der Erzeugung umfassenden Gemeinschaftsgefühls in der großen Masse. Es setzt beinahe automatisch ein, wenn irgendwo ein Karnevalsschlager zu hören ist – ein Vorgang, der in der Kölner Fernsehsendung Nightwash einmal in seiner ganzen Idiotie vorgeführt wurde, als der ortsfremde Showmaster das Kabarettpublikum zu den Worten "Et kütt ene Weltkreesch" ("Es kommt ein Weltkrieg") schunkeln ließ, was die Genasführten erst merkten, als es zu spät war. Man kann Michail Romm das Befremden nachfühlen, mit dem er in dem Film Der gewöhnliche Faschismus feststellte, dass die Deutschen während des Nationalsozialismus bei jeder Gelegenheit schunkelten, was ihn zu der Bemerkung veranlasste, es handle sich offenbar um ein typisch faschistisches Ritual. Immerhin soll das Schunkeln gelegentlich sogar den Jecken selbst auf die Nerven gehen, wie Gisela Probst berichtet: es werde "von vielen Teilnehmern karnevalistischer Veranstaltungen als eine lästige Pflichtübung empfunden" (5).
Nicht erst im erklärten Gemeinschaftswillen, sondern schon im Entschluss, sich um jeden Preis zu vergnügen, liegt das Unheil: "Vergnügtsein heißt Einverstandensein", denn es heißt allemal: "nicht daran denken müssen, das Leiden vergessen, noch wo es gezeigt wird." (6) Das gilt auch und zuerst für das eigene. Die Lüge, auf der Karneval beruht, wird in dem Refrain eines Karnevalslieds ausgesprochen:
"Drink doch eine mit,
stell disch net esu aan,
du stehs hee de janze Zick [Zeit] eröm,
häste och kei Jeld,
dat es janz ejal,
drink doch met un kümmer disch net dröm!"
Der Preis dafür, dass derjenige, der kein Geld hat, ein Wochenende lang unbesorgt mittrinken darf, um danach wieder in die Geldnot entlassen zu werden, ist die Verpflichtung darauf, sich nicht so anzustellen und das Elend des Alltags zu vergessen. Dabei ist selbst die temporäre Befreiung von Ware und Geld, die von den freundlichen Kneipenbesuchern in Aussicht gestellt wird, keine: Karneval und Alltag, die dem Selbstverständnis der Jecken nach einander so entgegengesetzt sind, gehen nahtlos ineinander über. Wer im Rheinland zur Stadtprominenz gehört, hat auch in den Karnevalsvereinen das Sagen, denn diese fungieren als lokale Rackets, die das ganze Jahr über das gesellschaftliche Leben bestimmen. Wer sich nicht mal ein Bier leisten kann, hat normalerweise gute Gründe, die Auskunft "dat es janz ejal" als Zumutung zu empfinden; und eben hieran soll nicht gedacht werden. Die Suspension vom Denken wird von manchen Karnevalisten als Befreiung beschrieben: "Hier darf man mal ganz mit dem Kopf weg sein", erklärt ein Besucher einer so genannten Herrensitzung unumwunden (7). Amüsement ist Flucht, "aber nicht, wie es behauptet, Flucht vor der schlechten Realität, sondern vor dem letzten Gedanken an Widerstand, den jene noch übriggelassen hat."(8) Den so genannten Karnevalsmuffeln verzeihen die Jecken nicht, dass sie durch die Verweigerung ihres Einverständnisses an das erinnern, was man aus dem eigenen Bewusstsein verbannen wollte, und dadurch verhindern, dass die Flucht ganz gelingt. Doch auch Verstöße der Karnevalsfreunde selber gegen das oberste Gesetz der Kulturindustrie, ihre Konsumenten nicht zu dem Ihren kommen zu lassen, werden geahndet.
Genauso ungern gesehen wie diejenigen, denen nicht nach Feiern zumute ist, sind deshalb diejenigen, die zu gut verkleidet sind. In Köln-Mülheim ereignete sich beispielsweise folgender denkwürdiger Vorfall: Eine Frau stieg aus der S-Bahn, die ganz in einen langen, silbrig-glitzernden Mantel gehüllt war. Die spitze, weite Kapuze ließ ihr Gesicht im Schatten zurücktreten; in ihren silbernen Plateauschuhen überragte sie alle Wartenden. Ihr Anblick war so hinreißend, dass es schwer fiel, die Augen von ihr zu wenden. Zwei Halbwüchsige starrten sie eine Weile an, dann rief ihr der eine hinterher: "Soll das ein Bademantel sein oder was?" Über die Motive für solche Pöbeleien gibt eine Gebrauchsanweisung für Köln von Reinhold Neven Du Mont, Verleger und Herausgeber des Express, Auskunft:
"Der Kölner Karneval ist vulgär, nicht frivol. Die Kostüme, die man auf den Umzügen sieht, sind einfallsreich, deftig und selbstironisch, jedoch nur selten sexy. Köln ist nicht Rio. Sex kommt vor, aber nur als Parodie. [...] Wer Sinn für Schönheit hat, muß ihn nicht herausstellen. [...] Mit Schönheit geht man nicht hausieren. In Köln auch im Karneval nicht." (9)
Neven Du Mont erzählt dann, wie ein aus Hamburg zugezogener Kollege einmal an Weiberfastnacht "als Rosenkavalier, perfekt bis zu den Handschuhen" in eine Kneipe kam und wegen seiner allzu guten Verkleidung "von der Meute mitgerissen" wurde, "gebützt [geküsst] und geschubst bis ihm der Dreispitz vom Kopfe fliegt" (10). Mag man dies noch unter "rauh, aber herzlich" verbuchen, liegt doch in dem im anmaßenden Tonfall des "wir bleiben so, wie wir sind" vorgetragenen Hinweis, Karnevalskostüme seien nicht sexy und mit Schönheit gehe man nicht hausieren, eine dunkle Drohung. Wenn Schönheit und Sexualität aus dem Leben, der Liebe und der Lust ausgeschlossen sind, die die Feiernden zu lieben behaupten, dann haben diese Begriffe für die Jecken, die Neven Du Mont stolz als Meute bezeichnet, offenbar nicht den Sinn, den man ihnen sonst zuschreiben möchte. Es stellt sich heraus, dass die Gesinnung des Karnevals mit der von al Qaida, der sie auf den ersten Blick so entgegen gesetzt zu sein scheint (siehe Teil 1), zumindest eins gemeinsam hat: man mag es nicht, wenn Schönheit herausgestellt wird.
Dem scheinen die Paraden der Funkenmariechen, die Auftritte weiblicher Sambatruppen aus Rio und die Promiskuität, die an Karneval überall zu beobachten ist, zu widersprechen. Schönheit und Sexualität sind tatsächlich nicht gänzlich aus dem Karneval verbannt. Doch die Formen, in denen sie geduldet werden, sind allesamt der Zote entsprungen, der männerbündischen Verhöhnung des Sexuellen im Medium des Sexuellen, eben jener Parodie, von der Neven du Mont spricht. So seltsam es klingt, die brasilianischen Tänzerinnen werden nicht so sehr ihrer kunstvollen Inszenierungen wegen eingeladen. Ein Foto aus dem Kölner Stadt-Anzeiger vom Auftritt der Sambatruppe "Fiesta Brasil" auf einer Herrensitzung, wiederum zufällig herausgegriffen (11), zeigt nur wenige bewundernde, viele gelangweilte und noch mehr abgewandte Blicke. Weit entfernt davon, sich von der Darbietung bezaubern zu lassen, halten die versammelten, recht verdrossen wirkenden Männer es vielmehr für ihr Vorrecht, die Tänzerinnen nach Belieben anzugrapschen. Daher die Drohung eines Sitzungspräsidenten: "Wer eines der Mädchen anfaßt, bekommt von mir höchstpersönlich was in die Fresse" (12). Solche Warnungen, die den Interessen der Sambatänzerinnen sicher entgegen kommen, bleiben freilich selbst dem Männerbund verhaftet: die prahlerische Geste dessen, der den edlen Ritter spielt, und das kollegiale, absichtlich derbe Vokabular lassen erkennen, dass hier ein Gleicher zu Gleichen spricht.
Die allgegenwärtigen Funkenmariechen der Stadtkorps, die von den Herren als "lecker" angepriesen werden, sind völlig steril. In ihrer uniformierten Püppchenhaftigkeit haben sie nichts Verstörendes an sich, sondern scheinen dazu erfunden, durch blödsinnige Gesten und starres Lächeln die Idiotie der ganzen Veranstaltung zu verkörpern. In ihnen verherrlicht der Karneval den weiblichen Charakter. Darin impliziert ist "die Demütigung aller (...), die ihn tragen" (13). Die Demütigung ist eine doppelte, denn sie geschieht mit begeisterter Zustimmung der Gedemütigten, die keinesfalls darauf verzichten, den "leckeren Tanzmariechen" zuzujubeln oder etwa auf den beliebten Schlager über "Blootwoosch, Kölsch un e lecker Mädsche", die Hauptnahrungsmittel des Kölners, zu schunkeln. Die Verkleidungen der gewöhnlichen Karnevalsteilnehmerinnen zielen dann auch meist auf die Selbstzurichtung zum niedlichen Mäuschen ab, die zu der Selbstüberschätzung der grölenden Männerhorden passt und in ihrem Konformismus schwer zu ertragen ist. Diese geduckte Weiblichkeit feiert sich selbst an Weiberfastnacht, einem Tag, an dem die Frauen als Belohnung für ihren Verzicht darauf, sich ihres Verstandes zu bedienen, männlichen Kollegen den Schlips abschneiden und Polizisten abküssen dürfen. Ihren adäquaten Ausdruck findet sie in einem Karnevalslied:
"Denn mir sen Kölsche Mädscher,
han Spitzebötzcher [Spitzenhöschen] aan,
mir losse uns net dran fommele,
mir losse keiner dran."
Die augenzwinkernde Aufforderung zum Fummeln bestätigt ebenso wie das offizielle Lob der Keuschheit die Versagung: das gierige Grapschen, das vom Objekt absieht, auf das es sich richtet, ist das Gegenteil von Erfüllung. Dass sie nicht nachtragend sind und wenig erwarten, bekunden die "Kölsche Mädscher" an einer späteren Stelle des Liedes, an der es über die Männer heißt: "Auch wenn sie uns manchmal ärgern, wir nehmen das gar nicht so schwer". Damit ist auch den Männern keine Ehre getan: sie sind dazu verdammt, Herrensitzungen besuchende Zotenreißer zu bleiben.
Typisch für den Karneval, der Sexualität nur als Parodie kennt, ist jenes Gelächter, das Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung beschrieben haben:
"Man darf dem verpönten Trieb frönen, wenn außer Zweifel steht, daß es seiner Ausrottung gilt. Das ist die Erscheinung des Spaßes oder des Ulks. Er ist die elende Parodie der Erfüllung. Als verachtete, sich selbst verachtende, wird die mimetische Funktion hämisch genossen. (...) Indem der Zivilisierte die versagte Regung durch seine unbedingte Identifikation mit der versagenden Instanz desinfiziert, wird sie durchgelassen. Wenn sie die Schwelle passiert, stellt Lachen sich ein." (14)
Dieselbe versagte Regung wird Adorno und Horkheimer zufolge vom Kollektiv der Zotenreißer an den Juden entdeckt und verfolgt, weshalb sich die zitierte Passage im Kapitel Elemente des Antisemitismus findet und wie folgt weitergeht:
"Das ist das Schema der antisemitischen Reaktionsweise. Um den Augenblick der autoritären Freigabe des Verbotenen zu zelebrieren, versammeln sich die Antisemiten, er allein macht sie zum Kollektiv, er konstituiert die Gemeinschaft der Artgenossen. Ihr Getöse ist das organisierte Gelächter." (15)
Karneval mit Antisemitismus in Verbindung zu bringen, mag hart und übertrieben erscheinen. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass Karneval nie bloß ein harmloser Unsinn gewesen ist. Die Fastnachtsspiele im Spätmittelalter waren gegen die Juden gerichtete, von Fäkal-Komik geprägte, pseudo-antiautoritäre Veranstaltungen (16). Den Charakter als Versammlung der Meute zur Verulkung von Außenseitern hat der Karneval nie ganz abgelegt, was die Nationalsozialisten begriffen, die ihn 1933 in ihr Veranstaltungsprogramm übernahmen. Heutige Karnevalsvereine, die stolz herausstreichen, dass sie nie gleichgeschaltet wurden, aber nichts dabei finden, dass der Frohsinn im nationalsozialistischen Köln unter Motti wie "Singendes, klingendes, lachendes Köln" (1939) bis zum Beginn des Krieges einfach weiterging, vergessen gern zu erwähnen, wie die Karnevalswagen dieser lustigen Umzüge aussahen. Schon 1934 fuhr in Köln ein Wagen mit, auf dem Männer mit schwarzen Anzügen, Hüten und künstlichen Bärten als Juden posierten und der mit den Aufschriften "Die Letzten ziehen ab" und "Mer mache nur e kleines Ausflügsche nach Lichtenstein und Jaffa" versehen war (17). Ähnliche Szenen sind auch auf Fotos von Karnevalszügen in anderen Städten festgehalten, etwa in Nürnberg, wo man Julius Streicher zwei Judendarsteller zu ihrer Darbietung beglückwünschen sieht (18), oder in Neustadt/Weinstraße, wo die als Juden Verkleideten offenbar besonderen Spaß daran fanden, sich lange Nasen anzukleben (19).
Betrachtet man den Karneval unter diesem Gesichtspunkt, fallen einige scheinbare Nebensächlichkeiten auf, die man sonst vielleicht übersehen würde. Der politische Humor der Karnevalssitzungen ist nach wie vor einer des rebellierenden Konformismus. Wenn die Büttenredner gerade einmal keine Zoten reißen, dann verkünden sie das, was ohnehin alle denken, im Tonfall des Tabubrechers, der es denen da oben einmal so richtig zeigt. So sehen dann auch die Karnevalszüge aus. Bekanntlich ist es einigen der Juden, die die Kölner 1934 nicht in der Stadt haben wollten, gelungen, der Massenvernichtung zu entgehen, indem sie über den Einwanderungshafen Jaffa in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina flohen. Bekanntlich nimmt ihnen die Mehrheit der Deutschen das noch immer übel und solidarisiert sich mit Diktatoren, Führern und Massenbewegungen, deren Hauptziel es ist, die Davongekommenen ins Meer zu treiben. Eine Kanzlerkandidatin, die sich weigerte, den Sturz eines dieser antisemitischen Führer zu verurteilen, bekam dafür von den Karnevalisten einen Denkzettel verpasst. 2003 war auf dem Düsseldorfer Karnevalszug ein Ensemble aus Pappmaché zu sehen, das eine US-Fahnen schwingende, aus Bushs Darmausgang hervor kriechende Angela Merkel darstellte; ein ganz ähnlicher Wagen in Mainz von 2005 zeigte Merkel hinter einem knienden US-Präsidenten mit heruntergelassener Hose, zu dessen Hintern eine Leiter führte, über der das Schild "Wiedereröffnung" angebracht war; in Köln sah man im selben Jahr eine Bushfigur Schüsse aus einem Maschinengewehr in Kreuzform mit der Aufschrift "God bless America" abfeuern, was wohl das beliebte Klischee "schießwütiger Weltpolizist und Kreuzritter" bedienen sollte; im Jahr zuvor hatte es der Kölner Karnevalszug mit einer Bushfigur mit langer Nase und der Aufschrift "Der Irak hat Massenvernichtungswaffen" bis auf die Titelseite der Zeitung Al-Quds al-Arabi ("Arabisches Jerusalem") gebracht (20). All dies war selbstverständlich lustig gemeint und vor allem "frech wie nie" – so das Lob des WDR (21). Als ob nicht eine erdrückende Mehrheit hinter ihm stünde, die in Deutschland allemal den Ton angibt, fragte Jacques Tilly, der sich die Wagenmotive in Köln und Düsseldorf ausgedacht hatte, mit gespielter Naivität: "Wurde der Karneval etwa nicht erfunden, um die Obrigkeit zu veräppeln?" (22) Klaus Wilinski, der Wagenbauer aus Mainz, dessen Merkel-Bush-Wagen von der so genannten Zugleitung einstimmig in Auftrag gegeben worden war, äffte Tilly nach und übertrumpfte ihn noch, indem er zu verstehen gab, dass er vereinzelte Missfallensäußerungen aus den Reihen der CDU als Unterdrückung seiner Meinungsfreiheit betrachtete: "Die Mainzer Fastnacht war schon immer politisch und hat sich gegen Obrigkeit oder Zensur gewehrt" (23). Dem stimmte das ZDF natürlich zu, und der WDR konnte zufrieden resümieren: "Das Narrenvolk rast – vor Schadenfreude" (24). Wenig überraschend, dass Witze, die wirkliche Zensur mittels § 166 oder Morddrohungen eines aufgebrachten Mobs nach sich ziehen könnten, für einen Humoristen wie Tilly nicht in Frage kommen: "Wir werden selbstverständlich auf Darstellungen des Propheten Mohammed verzichten" (25).
Saddam Hussein scheinen die Jecken übrigens besonders ins Herz geschlossen zu haben. Erinnert sich noch jemand an den Ausfall des Karnevals von 1991? Damals war das Spektakel auf Empfehlung des Bundes Deutscher Karneval "aus Respekt vor der Reaktion der Bevölkerung auf den Krieg am Golf" abgesagt worden. In Köln hatte man dies zum Anlass genommen, sich am Rosenmontag zu versammeln, um für den Frieden mit Saddam zu demonstrieren. Die edlen Seelen, zu denen sich gewöhnliche Jecken gesellten, hatten "Trommler, Friedensengel und Schubkarren voll Blut als Protestzeichen gegen den Krieg" mitgebracht (26). Die gespenstische Prozession gefiel allen so gut, dass im nächsten Jahr beschlossen wurde, einen Fackelmarsch daraus zu machen, der seitdem unter dem Titel "Geisterzug" jedes Jahr am Karnevalssamstag stattfindet und bei Grünen und Autonomen als "antiautoritärer Umzug" (taz) und Manifestation "subversiver Fröhlichkeit" (FAU Bonn) (27) beliebt ist.
Der Karneval endet, wie es ihm entspricht, mit einem weiteren fröhlichen Fackelmarsch und der Verbrennung eines Sündenbockes, einer lebensgroßen bekleideten Strohpuppe, die in Köln "Nubbel" genannt wird. Das Ritual, mit dem früher an einigen Orten das Ende der Kirmes zelebriert worden war, hat sich erst nach 1945 allgemein verbreitet. Schwierig zu erlernen war es für die Nachkriegsdeutschen sicher nicht: man kannte den Vorgang, aus dem nun ein ironisch gebrochenes Spiel wurde, nur zu genau. So wie man früher mit den Juden verfuhr, verfährt man nun spaßeshalber mit dem Nubbel. Jede Kneipe hat ihre eigene Puppe. In der Nacht auf Aschermittwoch wird sie nach Verlesung einer Anklageschrift, die ihr die Schuld an allen Verfehlungen während der Karnevalszeit aufbürdet, unter Gejohle angezündet: "Zunächst verteidigt die Menge den Nubbel, am Ende ist sie aber von seiner Schuld überzeugt und fordert Rache. Die Anklage gipfelt dann beispielsweise in rhetorischen Fragen wie: 'Wer ist schuld, dass wir unser ganzes Geld versoffen haben? Wer ist schuld, dass wir fremdgegangen sind?' Die johlende Menge antwortet dem Redner dann stets mit einem schallenden 'Dat wör der Nubbel!', 'Der Nubbel ist dat schuld!' oder 'Er soll brennen!, der Nubbel!'" (28)
Weil Verschwendung und Fremdgehen als lässliche Sünden gelten, kann man hoffen, dass die ironische Distanz gewahrt bleibt, die, so abstoßend das Ganze ist, verhindert, dass das Spiel umkippt und zum tödlichen Ernst wird. Ihre eigene uneingestandene Unlust am Karneval werden die Karnevalsfreunde hingegen weniger leicht verschmerzen. Solange sie nicht bereit sind, sich die eigene Enttäuschung einzugestehen, die lärmende Meute und Schunkelgemeinschaft zu verlassen und zu erkennen, dass der Karneval genau besehen wenig Anlass zum Fröhlichsein gibt, werden sie sich an wirklichen oder vermeintlichen Störenfrieden schadlos halten. Und als Störenfried gilt jemand, der Halbwüchsige davon abzuhalten versucht, „Viva Colonia“ zu grölen, allemal.
Anmerkungen:
(1)
http://www.ila-bonn.de/brasilientexte/homosexuelle.htm. (2)
http://www.merian-magazin.de/category.php?catname=Freizeit&aid=239. (3) Ernst Heyter, Verführung zum Karneval. Eine Einführung in die rheinischen Mysterien, Düsseldorf 1953, S. 70.
(4) Peter Fuchs/M. L. Schwering/Klaus Zöller, Kölner Karneval. Seine Geschichte, seine Eigenart, seine Akteure, Köln 1984, S. 35f.
(5) Gisela Probst, Zur psychologischen Funktion des Karnevalsschlagers, in: Rheinischer Karneval. Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde, Jg. 23 (1978), S. 31-48, hier S. 48.
(6) Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt a. M. 1998, S. 153.
(7) Tagesspiegel, 13.02.1999.
(8) Horkheimer/Adorno 1998, S. 153.
(9) Reinhold Neven Du Mont, Gebrauchsanweisung für Köln, München/Zürich 2004, S. 60.
(10) Ebd.
(11) Kölner Stadt-Anzeiger, Ausgabe Euskirchen, 1./2.02.1997.
(12) Tagesspiegel, 13.02.1999.
(13) Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt a. M. 1997, S. 121.
(14) Horkheimer/Adorno 1998, S. 193.
(15) Ebd.
(16) Vgl. Gerhard Scheit, Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus, Freiburg i. Br. 1999, S. 58-67.
(17)
http://www1.yadvashem.org/about_holocaust/studies/ordinary/images/1.jpg. (18)
http://www.jewishgen.org/yizkor/nuremberg2/nur004.html. (19) Fotos zugänglich über
http://www.ushmm.org/. (20)
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,400029,00.html. (21)
http://www.wdr.de/themen/freizeit/brauchtum/karneval_2005/session/_themen/zusammenfassung_ rosenmontag/index.jhtml?rubrikenstyle=karneval_2005.
(22)
http://www.wdr.de/themen/freizeit/brauchtum/karneval_2005/session/_themen/wagenbaumeister_ duesseldorf/index.jhtml?rubrikenstyle=karneval_2005.
(23)
http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/22/0,1872,2253782,00.html. (24)
http://www.wdr.de/themen/freizeit/brauchtum/karneval_2005/session/_themen/ wagenbaumeister_ duesseldorf/index.jhtml?rubrikenstyle=karneval_2005.
(25)
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,400029,00.html. (26)
http://www.beucker.de/2003/taz03-02-27a.htm. (27)
http://fau-bonn.de/Members/Hein/Geisterzug. (28)
http://www.koelner-karneval.info/Nubbelverbrennung.htm.
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Ergänzungen
Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen
ähm frage
@ ?
...
Taliban
Das ist doch nichts Neues
HAHA
also bitte. da saufen massenhaft menschen, inklusive schwuler, frauen, schwarzer was weis ich, und lachen freiwillig über alte schlechte witze! geht doch woanders spielen ihr gutmenschen, und macht euch wichtig. der normalo-mensch, arbeitend und brav 4-jährig eine der zentrumsparteien wählend, lacht nur über euch.
das der ganze firlefanz da drüben leute wie mich ankotzt, ist normal, aber was man hier draus machen möchte: lächerlich.
Abgrundtiefe Verachtung