Baskischer Regierungschef vor den Kadi

Ralf Streck 14.10.2006 20:46 Themen: Repression Soziale Kämpfe Weltweit
Ibarretxe soll "ungehorsam" gegenüber der Justiz sein, weil er sich mit Führern der verbotenen Partei Batasuna getroffen hat, doch Sozialisten bleiben dafür unbehelligt. Der spanische Regierungschef hat derweil erklärt, Batasuna müsse sich nur umbenennen und neue Statuten geben, um wieder legal arbeiten zu können. Dabei könnte sie ohne Änderung des Parteiengesetzes sofort wieder verboten werden, weshalb sie das als "Aktion zur Verwirrung" deklariert hat. Sechs Persönlichkeiten unterstützen den Friedensprozess international.
Es ist einer der vielen Merkwürdigkeiten dieses spanischen Friedensprozesses, dass nun auch der baskische Regierungschef vor Gericht gezerrt werden soll. Der Oberste Gerichtshof im Baskenland hat eine Klage angenommen, wonach Juan José Ibarretxe sich dem "Ungehorsam" gegen die Justiz schuldig gemacht habe, weil er am 19. April Führer der verbotenen Partei Batasuna (Einheit) empfangen hat.

Der Präsident der Regionalregierung hatte sie eingeladen, um nach der dauerhaften Waffenruhe, welche die Untergrundorganisation ETA im März erklärt hat, über den Friedensprozess zu sprechen. Deshalb werden erneut auch Arnaldo Otegi, Juan Joxe Petrikorena und Pernando Barrena angeklagt, weil sie gegen das Verbot ihrer Partei im Jahr 2003 verstoßen hätten, für das unter der Regierung der ultrakonservativen Volkspartei (PP) extra ein Parteiengesetz geschaffen wurde.

Auffällig daran ist, dass es keine Anklagen gegen die Vertreter der in Spanien regierenden Sozialisten (PSOE) gibt, die sich seit Jahren mit Batasuna treffen. Diese Kontakte wurden vom spanischen Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero im Mai offizialisiert. Anfang Juni traf sich dann der baskische PSOE-Chef Patxi López öffentlich mit einer Batasuna-Delegation. Er bezeichnete die Partei, die 10 bis 20 % der Basken vertritt, als "notwendigen Partner". Es war Batasuna, die trotz des Verbots Ende 2004 vor 15.000 Anhängern im Radsportstadion von Donostia-San Sebastian mit ihrem Vorschlag den Friedensprozess angestoßen hat. Mit der Ankündigung wurde versucht, den Nationalen Gerichtshof in die Schranken zu verweisen, der wieder einmal Batasuna-Führer inhaftieren wollte. Derlei Vorgehen ist ohnehin schon bekannt, einst traf es den baskischen Parlamentspräsidenten. Das Verfahren verlief sich im Nichts.

Die baskische Regierungssprecherin Miren Azkarate kritisiert die Anklage als "eine nicht zu rechtfertigende Unverhältnismäßigkeit". Sie zeigte, dass sich die Richter denen anschließe, "die den Friedensprozess behindern" und die "spanische Justiz zwei verschiedene Messlatten" anlege. Es sei allen klar, dass Batasuna in dem Prozess "nicht bloß ein Verhandlungspartner ist, sondern sie ist für den Prozess unentbehrlich". Ihr Parteifreund und Chef der großen Baskisch-Nationalistischen Partei (PNV) erklärte, die Justiz stehe im Dienst der Volkspartei (PP), die gegen den Friedensprozess eintritt. In acht Regierungsjahren hat die PP die Justiz mit Richtern durchsetzt.

So werden die Worte von Zapatero verhallen, die er am Nationalfeiertag einigen Journalisten in die Notizbücher diktierte. Bei ausgeschalteten Kameras und Mikrophonen sagte der Regierungschef am Donnerstag in Madrid, Batasuna müsse sich nur umbenennen und neue Statuten geben, um wieder legal arbeiten zu können. Das müsste bald geschehen, damit die Partei an den Wahlen im kommenden Jahr teilnehmen könne.

Doch solange Zapatero das Parteiengesetz beibehält, funktioniert das nicht. Denn die neue Partei kann sofort als Nachfolger von Batasuna verboten werden. Das war in den letzten Jahren sogar Parteien und Wählerlisten passiert, auf denen keine Batasuna Mitglieder kandidierten. Zapatero ist in der Zwickmühle, weil seine PSOE einst im Pakt mit der PP das Gesetz verabschiedete, die ihn bei Änderungen hart attackieren würde. So ist es nicht verwunderlich, wenn Batasuna den Vorgang als "Aktion zur Verwirrung" deklariert hat.

Zapatero will mit seinen Worten wieder in die Offensive kommen, da der Friedensprozess blockiert ist. Kürzlich hatte die ETA öffentlich gewarnt und die Rückkehr zum bewaffneten Kampf in den Raum gestellt. Zapatero wollte im September dem Parlament von den Gesprächen mit der Organisation berichten. Der Termin fand nicht statt, da sie die Gespräche mit der ETA offenbar noch immer nicht gibt. Nun erklärt Zapatero, um erneut eine solche Schlapp zu vermeiden: "Es wird nichts öffentlich, es wird keine Information geben".

Entspannt hat sich die Lage wieder etwas, nachdem der ETA-Gefangene Iñaki de Juana Chaos am Sonntag seinen Hungerstreik nach 63 Tagen abgebrochen hat, mit dem er seine Freilassung erreichen wollte. Er wurde letztes Jahr, nach Verbüßung einer 19jährigen Haftstrafe, sofort wieder in Untersuchungshaft genommen. Er soll mit Beiträgen für eine Tagezeitung aus der Haft die ETA unterstützt haben. Dafür hatte die Staatsanwaltschaft zunächst 96 Jahre Haftstrafe gefordert. Der Antrag wurde nun auf sechs Jahre gesenkt. Sogar ein Bischof, der 1999 schon einmal als Vermittler zwischen der ETA und der Regierung tätig war, hatte mit ihm Kontakt aufgenommen, um ihn zum Abbruch zu bewegen. Der Hungerstreik und die vielen Sabotageaktionen in seinem Umfeld, wurden zu einer schweren Hypothek für den Friedensprozess. Welcher Spielraum die spanischen Gesetze zur Lösung der Gefangenenfrage bieten, zeigt sich am Umgang mit den Staatsterroristen.

Der hat international weitere Unterstützung erhalten. Die Ex-Regierungschefs von Italien Francesco Cossiga und Portugals, der Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel, der Generalsekretär des südafrikanischen ANC Kgalema Motlanthe, der Chef der irischen Partei Sinn Féin, Gerry Adams und der Führer der mexikanischen Linkspartei (PRD)Cuauhtemoc Cárdenas haben gemeinsam ein Kommunique zur Unterstützung des Friedensprozesses unterzeichnet. Sie haben sich bereit erklärt, den Prozess zu unterstützen, um "definitiv die Gründe und Auswirkungen des Konflikts im Rahmen der demokratischen Normalisierung zu beseitigen".

© Ralf Streck, Donostia den 14.10.2006
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Ergänzungen

Veranstaltungen zum Thema

Ralf 22.10.2006 - 22:19
Der spanische Staat und das Baskenland heute

Scharfe Repression contra emanzipatorische Bewegungen, die Linke und den
Antifaschismus! 40 Jahre währte die faschistische Diktatur in Spanien. Mit
Hilfe des deutschen Nationalsozialismus und des italienischen Faschismus
etabliert und nach dem 2. Weltkrieg als antikommunistischer Bündnispartner
durch die westlichen „Demokratien“ und die NATO wohl gelitten - 40
prägende Jahre.
Vor über 30 Jahren starb der Diktator Franco. Seitdem zählt Spanien zu den
europäischen „Demokratien“. Inklusive politischer Gefangener!
Mehr als 700 politische Gefangene aus dem Baskenland sitzen im Moment
verstreut über ganz Spanien in über 80 Gefängnissen ein. Die Trennung der
Gefangenen voneinander, seit 1978 eine systematische Praxis, soll der
Isolierung und Schwächung von Knastkollektiven dienen.
In den letzten sechs Jahren wurde versucht die gesamte baskische
Unabhängigkeitsbewegung in die Illegalität zu drängen und die Menschen
wurden ihrer demokratischen Rechte beraubt. Verbote von Parteien,
Zeitungen und Organisationen, Razzien und Folter an Verhafteten stehen
genauso weiter auf der Tagesordnung, wie Verhaftungswellen,
Demonstrationsverbote und brutale Angriffe auf protestierende Menschen.
Auch sieht die Situation in den anderen Teilen Spaniens sieht nicht besser
aus; die Repression trifft jede linke emanzipatorische Bewegung,
Antifaschisten, Anarchisten oder die Häuserkampfbewegung.
Dies alles ist ein Erbe der Diktatur des "Generalísimo" Franco. Und heute
noch liegen Zehntausende Opfer in Massengräbern verscharrt. Den Opfern und
ihren Angehörigen wird weiter die moralische Rehabilitation verwehrt,
während die Täter und ihre Nachfahren unangetastet blieben und bis heute
in höchsten Ämtern sitzen.
Neben der Beleuchtung der aktuellen Repression, wird es auf der
Veranstaltung natürlich auch um die Ursachen und Hintergründe gehen:
Welche emanzipatorischen und linken Bestrebungen gibt es überhaupt in
Spanien?
Welche Kämpfe um gesellschaftliche Partizipation, Macht- und
Reichtumsverteilung gibt es? Welche Rolle spielt noch der Antifaschismus?
Fragen, die der gut informierte freie Journalist Ralf Streck zu
beantworten sucht.
Infoveranstaltung im Rote Hilfe Café in der B5
Mittwoch, 25. Okt. 2006 – 19.30 Uhr
Brigittenstr. 5 (Hamburg / St.Pauli)
VoKü ab 19.00 Uhr

Spanien heute - emanzipatorische Bewegungen, Linke, Antifaschismus

Veranstaltungsreihe 70 Jahre Spanischer Bürgerkrieg
( http://www.bahnhof-langendreer.de/+++2006%20Spanien.htm)

40 Jahre währte die faschistische Diktatur in Spanien. Mit Hilfe des
deutschen Nationalsozialismus und des italienischen Faschismus etabliert
und nach dem 2. Weltkrieg als antikommunistischer Bündnispartner durch die
westlichen „Demokratien“ und die NATO wohl gelitten. 40 prägende Jahre.
Vor 30 Jahren verstarb der Diktator Franco. Seitdem zählt Spanien zu den
„Demokratien“.
Wie sieht dieses Land von innen aus. Welche emanzipatorischen und linken
Bestrebungen gibt es dort? Welche Kämpfe um gesellschaftliche
Partizipation, Macht- und Reichtumsverteilung gibt es? Welche Rolle spielt
noch der Antifaschismus?
Ralf Streck arbeitet als freier Journalist in Donostia – San Sebastian

AZZONCAO Fr. 27.10.19:30 h Raum 6 Wallbaumweg 108, 44894 Bochum