Zapfenstreich in Dresden

Beobachter 13.10.2006 12:50 Themen: Militarismus
Am Donnerstagabend veranstaltet die Bundeswehr auf dem Altmarkt in Dresden einen großen Zapfenstreich. Das blieb nicht ohne Proteste.
Es sollte ein Geschenk zum 800. Geburtstag Dresdens sein - die Bundeswehr veranstaltet einen großen Zapfenstreich und marschiert in den Fußstapfen alter Traditionen mit Fackeln auf. Nicht alle jedoch wollte dieses Geschenk haben.

Und so wurde eine Gegenkundgebung unter dem Motto: "Gegen das Militär weltweit - besonders in Deutschland" für die Dauer des Zapfenstreiches angemeldet - unmittelbar gegenüber dem Altmarkt und in Sicht- und Hörweite der Soldaten und Gäste. Das wiederum wollte der Stadt Dresden nicht gefallen, die sich ja sehr über das Geschenk freute und die Feierlichkeit und Würde der Veranstaltung in Gefahr sah. Außerdem hatte sie Sorge, dass die religiösen Gefühle der Soldaten verletzt werden könnten. Schließlich komme ja bei der Veranstaltung der Befehl zum Gebet mit vor. Kurzerhand wurde der Ort der Gegenkundgebung nicht genehmigt und an einen anderen Ort verlegt, weit weg von dem Geschehen.

Wenn zwei sich streiten ärgert sich der dritte und das war in diesem Fall das Gericht. Da kam Arbeit auf sie zu. Die Leute der Gegenkundgebung schalteten eine Anwältin ein und klagten gegen die Verlegung. Unter anderem wurde das Recht auf Versammlungsfreiheit angeführt, das eine Gegenveranstaltung nur Sinn mache wenn sie in unmittelbarer Nähe der Gegner stattfindet und das es ja mit den religiösen Gefühlen der Soldaten nicht weit her sein kann, denn schließlich sei es ja nur ein Befehl und von denen bekommen sie jeden Tag ne Menge.

Das Gericht ließ sich bis zuletzt auch Zeit und so wurde erst am Donnerstagvormittag die Entscheidung gefällt. Zu großer Freude zu Gunsten der Antimilitaristen. Die Kundgebung konnte also wie von vornherein geplant direkt gegenüber dem Altmarkt stattfinden.

Halb sieben ging es dann los, ein Lautsprecherauto war vor Ort, gute Musik und wenig Leute - leider. Dafür umso mehr Polizisten. Das störte aber kaum und man machte das Beste daraus. Es gab einen Redebeitrag in welchen die Bevölkerung unter anderem darauf hingewiesen wurde: "Jubel über militärische Schauspiele sind eine Reklame für den nächsten Krieg" (Kurt Tucholsky) Auch gab es Transparente auf denen zu lesen war: "Soldaten sind Mörder" oder "ein intelligenter Kopf passt unter keinen Stahlhelm"

Ab halb acht durfte dann aber kein Lärm mehr gemacht werden, weder der Lauti noch Personen mit Pfeifen, Trommel oder Tröten. So sah es die Auflage des Gerichtes vor. Der Veranstalter entschloss sich deshalb die Veranstaltung aufzulösen und beendete die Kundgebung mit dem Hinweis, dass von diesem Ort aus kein Lärm mehr gemacht werden darf und die Leute sich jetzt von hier entfernen sollen.

Alle waren artig, machten das und gesellten sich zu den Besuchern des Zapfenstreiches. Die waren mittlerweile auch ganz schön viele, um acht sollte dann das Spektakel losgehen. Es wurde acht Uhr und die 600 Personen Tribüne für "Ehrengäste" war gut gefüllt. (die Stadtoberen, Militärs und der sächsische Ministerpräsident Milbrant)
Die Spannung stieg, das Licht ging aus und es marschierten die ersten 2 Reihen Fackelträger auf. Auf dem ganzen Platz war es mucksmäusenstill - nur die "MÖRDER MÖRDER" rufe schallten über den Platz.

Dann folgte eine kurze Ansprache an die Gäste und Bürger, es wurde auf das super Geschenk hingewiesen und das das ja eine große Ehre sei für die Dresdner und das man, wenn der Befehl zum Gebet komme, sich doch bitte von seinen Plätzen erheben solle und die Mütze abnehme. Ein Hohn für alle Anwesenden, mussten doch eh alle stehen, nur die Privilegierten durften sitzen. Auch wurde aufgefordert, wenn zum Schluss die Nationalhymne erklinge, sollen doch alle bitte "kräftig mitsingen" - und natürlich wieder erheben!

Dann marschierten die restlichen Fackelträger auf, es kam die Kapelle und über den Platz schallte es wieder: MÖRDER MÖRDER. Immer wieder wenn die Musik ruhiger spielte oder aussetzte, hörte man Pfiffe, Buhrufe, Mörder, "Ihr seid nur ein Karnevalsverein", "Habts fein gemacht drum wird ihr auch nicht ausgelacht" oder Jubelrufe wie Zugabe, Hurra, Klatschen und "Krieg ist geil"! Es war auf dem ganzen Platz sehr deutlich zu hören.

Später bekam dann auch die Kapelle noch Konkurrenz, man hörte laute Musik aus einem Wohnhaus. Und als die Bundeswehrkapelle mal wieder ein Stück fertig hatte und es sehr leise war auf dem Platz, da ertönte aus dem Wohnhaus - sehr deutlich zu verstehen - Adolf Hitler mit einem Gruß an die Bundeswehr und die Dresdner. Man merkte den Besucher ein leichtes entsetzen deutlich an. Aber das Getrommel von der Bundeswehr ging wieder los und übertönte Adolf, der dann auch wieder schwieg.

Damit auch keiner die Botschaft vergessen konnte, wurde dann noch direkt gegenüber der Tribüne - so das die Militärs die ganze Zeit drauf starren müssten - noch ein riesen Transparent an dem Wohnhaus herunter gelassen. Auf diesem war zu lesen: "Heute noch der Zapfenstreich, morgen totes Gammelfleisch".

Nachdem dann die Nationalhymne verklungen war (alle auch lautstark mitgesungen haben), verließen die fackelträger auch wieder das Gelände, die Zuschauer klatschten, das Licht ging wieder an und die letzten Mörder rufe verhallten.

Fazit: Trotz der wenigen Leute die da waren, wurde der Zapfenstreich sehr stark gestört. Es kann als großer Erfolg der Dresdner Antimilitaristen angesehen werden, denn sie haben ihre Botschaft unmissverständlich rübergebracht. Und doch bleibt auch ein beklemmendes Gefühl, das soviel Zuschauer da waren und klatschten, vor allem die vielen alten Leute. Für die Protestler hatten sie nur kopfschütteln übrig oder Sprüche wie: "Ich versteh die Polizei nicht, wieso sperrt die die nicht einfach weg!"

Da gibt es wohl noch viel Überzeugungsarbeit - gestern war schon ein großer Schritt in die richtige Richtung!
Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
Creative Commons-Lizenz lizenziert.

Weitere Beiträge:

Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

Nebensächliches Detail

Krümelkacker 14.10.2006 - 16:53
Der Mann auf der Ehrentribüne hieß übrigens Georg Milbradt - und weder Milbrant noch Milzbrand. Ein wenig Orientierung am Detail scheint mir schon notwendig, wenn mensch versucht politisch aktiv zu sein. Ansonsten: Schöne Aktion und besonders schön der Spruch auf dem großen Transpi. Lob!

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Zeige die folgenden 4 Kommentare an

au weiah,... — egal

Widerstand — antimil