"Atomausstieg selber machen"

Manfred Suchan 03.10.2006 19:04 Themen: Atom Ökologie
Umweltverbände rufen zum Wechsel des Stromanbieters aufVor dem Hintergrund neuer Störfälle in Atomkraftwerken und den Bemühungen der Stromkonzerne, den Atomkonsens aufzukündigen, haben Umweltverbände, Verbraucherschutzorganisationen und Anti-Atominitiativen zum Wechsel der Stromanbieter aufgerufen. Stromkunden sollen auf Öko-Strom umweltfreundlicher Stromanbieter umsteigen, um so eine überfällige Energiewende voranzutreiben, zu der Politik und Wirtschaft nur zögerlich bereit sind.
Zu den Organisationen, die zu der Kampagne "Atomausstieg selber machen" aufrufen, zählen Umweltverbände wie Greenpeace, BUND, NABU, Robin Wood, die Deutsche Umwelthilfe, Deutscher Naturschutzring, Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW), Bund der Energieverbraucher sowie X-tausendmal quer. Im Rahmen der Kampagne sollen private Haushalte einen Wechsel hin zu einem Öko-Stromanbieter vollziehen.

Völlig neu ist die Idee zu einer solchen Kampagne nicht. Seit mehreren Monaten besteht die Kampagne "Stromwechsel jetzt". Insbesondere Jugendumweltgruppen arbeiten schon seit Jahren zum Thema Strom und treten damit an die Öffentlichkeit.

Den vier marktbeherrschenden Stromanbietern RWE, Vattenfall, E.ON und EnBW stehen mittlerweile ebenfalls vier Naturstromanbieter gegenüber: Die Naturstrom AG, Greenpeace Energy, LichtBlick und die Elektrizitätswerke Schönau (EWS). Nicht nur nach ökologischen, sondern auch nach wirtschaftlichen Kriterien stellen die Anbieter von Naturstrom auf dem Energiemarkt mittlerweile eine ernstzunehmende Konkurrenz dar, wie nicht zuletzt die Stiftung Warentest feststellt. Deshalb erhoffen sich die Unterstützer der Kampagne einen breiten Zuspruch bei Stromkunden, die bislang noch herkömmlichen Strom aus fossilen und atomaren Energieträgern beziehen.

Warum einen "Stromwechsel jetzt"? Auch heute noch wird der überwiegende Teil des von den Endverbrauchern konsumierten Stroms aus fossilen Energieträgern gewonnen. Die Nutzung fossiler Energieträger ist jedoch bekanntermaßen problematisch. Die verfügbare Menge fossiler Energieträger ist begrenzt, und insbesondere beim Erdöl ist das Maximum der möglichen Förderung erreicht. Folgen sind Energiekrisen und Ölkrisen, die in Ressourcenkriegen um begrenzte Rohstoffvorkommen gipfeln können. Ein weiteres Problem der Nutzung fossiler Rohstoffe sind die bei deren Verbrennung entstehenden Treibhausgase, die einen Treibhauseffekt und einen Klimawandel bewirken.

Atomkraft wird von einer einflußreichen Lobby als eine alternative Energiequelle dargestellt. Eine Nutzung der Atomkraft birgt allerdings unverantwortbare Langzeitrisiken und zudem gesellschaftspolitische Auswirkungen (Atomstaat) sowie die Gefahr des militärischen Einsatzes von Atomenergie. Ebenso wie fossile Energieträger sind auch Uranvorräte begrenzt, was einer langfristigen Nutzung der Atomkraft entgegensteht.

Eine nachhaltige Alternative stellt die Nutzung erneuerbarer Energien dar. Solarenergie, Wind- und Wasserkraft, Geothermie und Bioenergie stehen dauerhaft zur Verfügung und sind bei ihrer gemeinsamen Nutzung in Verbindung mit der Verwendung ressourcensparender Technologien in der Lage, den globalen Energiebedarf zu decken. Bisher mangelte es hauptsächlich an politischem Willen, die Nutzung erneuerbarer Energien und die dafür erforderlichen Technologien ausreichend zu fördern und auszuweiten, entgegen den Lobbyinteressen der Energiekonzerne und dem Beharrungsvermögen der Stromverbraucher. Die Kampagne "Atomausstieg selber machen" zeigt Wege auf, wie Menschen selber notwendige Entwicklungen fördern können, ohne sich in Abhängigkeit von Politikern und Wirtschaftsinteressen begeben zu müssen.
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Ergänzungen

wechsel ganz einfach über link

nix atom 03.10.2006 - 19:48
Der Atomausstieg ist wirklich für jeden Einzelnen ganz einfach zu vollziehen. Einfach auf die entsprechende Homepage gehen, die Infos lesen, ein paar Klicks machen und schon hat mensch den persönlichen Atomausstieg in Gang gebracht.

Hier der LINK:

www.atomausstieg-selber-machen.de

Viel Spaß!!!

Atomanlagen still legen weltweit!!!

Gleich Anbieter wechseln?

Nix Außer PrenzelBerg 03.10.2006 - 21:41
Man kann doch aber auch beim jeweiligen Anbieter wie z.B. Vatenfall in einen "Öko" Tarif wechseln und muss nicht gleich den Anbieter wechseln.
Oder gibt es da unterscheide?

Antwort: Gleich Anbieter wechseln?

Juwi 04.10.2006 - 09:20
Leider nein!

Alle Atomstrom-Produzenten produzieren ja nicht nur mit AKWs, sondern auch mit anderen mitteln. Wenn du bei z.B. Vattenvall deinen Strom normal beziehst, bekommst du (geschaetzt/geraten) zu 40% Atomstrom. Wechselst du jetzt zum Oekostromtarif, so bekommst du 0% Atomstrom (1), der Rest der Kunden aber 40.001% Atomstrom - und Vattenfall bekommt mehr Geld in die Kasse. Man muss also schon den Anbieter wechseln, um den Konzernen ein Zeichen zu setzten.

Also bitte: Ab nach www.atomausstieg-selber-machen.de , Anbieter wechseln ist ganz einfach!

(1) Pysikalisch sind es natuerlich immer noch die gleichen Elektronen. Aber auch Vattenvall verpflichtet sich, einen entsprechenden Anteil so zu produzieren. Ist wie mit Geld: Niemals Geld aus Ruestungsgeschaeften zu bekommen heisst nicht, dass das konkrete Euro-Stueck nicht doch mal genau dafuer benutzt wurde!

verkürzt

kurz 28.10.2006 - 16:05
Diese Kampagne ist auf verschiedene Kritik gestoßen - einen offenen Brief dazu findet ihr unter:
www.atomausstieg-selber-machen.tk

Atomausstieg selber machen - aber wie?

Anti-Atom-Plenum Berlin 30.10.2006 - 23:13
Offener Brief zur Atomausstieg-selber-machen-Kampagne von X-tausendmal quer, Robin Wood, IPPNW, NABU, BUND, Greenpeace u.a. - Vorschlag zu einer Kampagne Atomausstieg selber machen.

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen, liebe Leute,

ihr habt Ende September die Kampagne "Atomausstieg selber machen" ins Leben gerufen, in welcher "Verbraucher_innen" dazu aufgerufen werden, den Stromanbieter zu wechseln (vgl.  http://www.atomausstieg-selber-machen.de/). Ausgangspunkt eurer Argumentation ist der - wie ihr es im Aufruf vom 28.9. nennt - "Wort- bzw. Vertragsbruch" von RWE, Vattenfall, E.on und Konsorten. Obwohl diese sich in Atomkonsens zum Ausstieg aus der Atomenergie per Ehrenwort und Unterschrift bekannt hätten, würden sie in letzter Zeit immer offener an einer Renaissance dieser menschenverachtenden Technologie arbeiten. Eure Kampagne versteht ihr also als direkte Antwort auf den "Tabubruch" der Atomkonzerne - wir haben sie interessiert verfolgt.

Zuerst einmal stellen sich uns aber ein paar Fragen, wenn wir eure Kampagne weiter denken: Sind z.B. tatsächlich die Verbraucher_innen schuld, dass es bisher keinen Atomausstieg gibt? Warum thematisiert ihr nur den Verbrauch privater Haushalte - was ist mit dem Energieverbrauch von Staat und vor allem Industrie? Wer kann sich einen Wechsel des Stromanbieters leisten? Geht mit Blick auf wachsende Armut und gesellschaftliche Ausgrenzung die Frage nach Ökostrom, so wie ihr sie stellt, nicht vollkommen an der Lebensrealität vieler Menschen vorbei? Warum spart ihr eine Kritik an den Atomkonzernen gänzlich aus? Wir haben den Eindruck, dass ihr in eurer politischen Arbeit, die Kampagne sehen wir dafür als Beispiel, den Fokus verschiebt. Weg von politischen Forderungen, weg von direkter und konfrontativer Kritik an Atomkonzernen, weg von einer politischen Organisierung in sozialen Bewegungen. Stattdessen setzt ihr auf letztendlich moralisierende Appelle an Verbraucher_innen. Wir kommen am Ende nochmal darauf zurück. Vorher jedoch zu dem Punkt, der uns besonders wichtig ist: Das "selber machen" ist innerhalb der Anti-Atom-Bewegung unserer Meinung weiter verbreitet als das Vertrauen auf Parlamente oder das Ehrenwort von Konzernbossen. Die Lösung von Konflikten wird hier nicht an andere delegiert, vielmehr steht das Vertrauen auf die eigene Phantasie und Stärke im Mittelpunkt. Das ist gut so. Der Konflikt um Atomenergie kann aus dieser Perspektive nur gelöst werden, wenn der (sofortige) Ausstieg von unten, d.h. von uns, durchgesetzt wird. Das ist für uns die Bedeutung von "Atomausstieg selber machen", auch wenn manche NGOs und (jetzige oder ehemalige) Regierungsparteien dem entgegenhalten, das sei unrealistisch.

Mit eurer Kampagne, mit euren Appell an ökologisch denkende Bürger_innen, wendet ihr die Bedeutung dieses "selber machens". Es wird zur Privatsache. Ihr arbeitet ein Szenario aus, in dem die Atomkonzerne mit den Mitteln des Marktes geschlagen werden - wenn genügend Konsument_innen sich beteiligen. Die Nachfrage bestimmt das Angebot, nicht wahr? Ihr hebt sogar ausdrücklich hervor, dass es dafür jeweils nur einer kurzfristigen Intervention bedarf: es braucht lediglich, so schreibt ihr "ein paar Klicks im Internet" - "es kostet Sie fünf Minuten". Ihr macht also allen Atomkraftgegner_innen bzw. allen Konsument_innen das Angebot einer konkreten, realistischen Handlungsanweisung, die diese ohne Probleme in ihren normalen Alltag integrieren können. Die Kosten gering, der Nutzen enorm, wer kann da schon nein sagen? Was daran problematisch sein soll? Mittels eurer Kampagne entsteht bestenfalls die Simulation einer politischen Intervention. Konsequenz ist, dass die, die eurer Handlungsanweisung nachkommen, sich als kritisch Handelnde wahrnehmen können, ohne dass sie überhaupt einen Gedanken daran "verschwendet" haben, die Gesellschaft, ihr Leben, sich selbst, die Normalität - zu verändern. Im Gegenteil lobt ihr die Normalität, betont ihr, dass sich gar nichts ändern muss, wenn alle Konsument_innen nur fünf Minuten investieren. Der emanzipatorische Moment, den wir am "selber-machen" der Anti-Atom-Bewegung zentral fanden und finden, ein Blick auf die Gesellschaft also, der die Bedeutung von sozialen Basisbewegungen betont und Menschen bestärkt, ihr Leben zusammen mit anderen in die eigene Hand zu nehmen - das alles fehlt in eurer Kampagne völlig. Mehr noch: Das ihr Gesellschaft in eurem Aufruf nur noch als Ansammlung Kosten/Nutzen-rechnender Konsument_innen seht, finden wir einigermaßen erschreckend, wo ihr doch bei aller Kritik Bündnispartner_innen im Streit für die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen seid.

Zusammengefasst verabschiedet ihr euch mit eurer Kampagne in verschiedener Hinsicht davon, politische Forderungen zu Stellen. Aus der Forderung "Sofortige Stilllegung aller Atomanlagen weltweit!" wird ein sanftes: "Die Entscheidung liegt bei den Konsument_innen." Aus Forderungen an Politik und Konzerne (aus dem Kampf gegen Staat und Kapital), werden Appelle an ökologisch denkende Bürger_innen. Mit einer solchen Positionierung liegt ihr gesellschaftlich sicherlich hoch im Trend. "Forderungen stellen? Das gehört doch zu einem ganz anderen Zeitalter, zu den goldenen Jahrzehnten des Fordismus." könntet ihr sagen. Wir halten von dieser gesellschaftlichen Entwicklung nichts. Sicher, wir haben Neoliberalismus und die Kräfteverhältnisse haben sich im Vergleich zu den 1980er Jahren gehörig verschoben. Das heißt für uns jedoch nicht, dass wir plötzlich von einer Kritik der Gesellschaft absehen, bloß weil alle nur noch das ökonomisch berechnende Individuum kennen.

Grundsätzlich ist es ja oft sinnvoll, auf aktuelle politische Debatten schnell zu reagieren. Zentral bleibt für uns jedoch das "wie". Wie verhalten wir uns gegenüber frechen Konzernen, wie intervenieren wir innerhalb eines immer mehr als erledigt bzw. entpolitisiert angesehenen Themenfeldes Atomausstieg? Wir haben an eurer Kampagne einiges zu kritisieren und würden uns freuen, über diese Kritik ins Gespräch zu kommen - versteht sie also nicht als vernichtende, sondern als solidarische und neugierige Kritik.

Also dann: Atomausstieg ist Handarbeit.
Wir sehen uns im Wendland - hoffen wir.

Hierzu gibt es auch ein blog, wo weitere Kommentare eingegeben werden können, falls wer das Bedürfnis dazu hat...

@Anti-Atom-Plenum Berlin

Berufsaktivistin 30.10.2006 - 23:24
hmm, mir gefällt der Brief (im Gegensatz zu dem neuen Logo:) nicht,
leider. Finde ich polemisch und nicht mit dem tatsächlichen
Anliegen und dem Ursprung des Bündnisses auseinandergesetzt.

Der Grossteil von ASM (soweit ich das einschätze) und insbesondere die
Initiatoren sehen es als ZUSÄTZLICHEN Weg, was zu erreichen. Das
schaffen wir nicht nur durch generelle Kritik an einem system, in dem
wir alle de facto leben (auch wenn manchmal so getan wird, als sei
mensch ganzaußerhalb deselben). Und diese Kritik, ohne dabei was anderes
auf die beine zu stellen (denn ins Wendland fahren ist IMHO nix neues).

Ich find wichtig, ASM zu machen UND ins Wendland zu fahren. UND was zu
Belene zu machen. UND meinetwegen Banken anzünden. UND UND UND.
Nur alleine ins Wendland fahren und zu G8, wie es der Gegenbrief
formuliert (und wie einige sich als gesellschaftskritisch sehende linke
dann bloss verplant "im wald rumrennen" etc.) reicht mir bei weitem
nicht aus - dadurch wird weder die gesellschaft zum nachdenken angeregt
noch ein einziges AKW abgestellt.

Mir gefällt die Tendenz nicht, eigentliche MitstreiterInnen (andere
sehen sie natürlich als VerräterInnen an der Sache) trotz anderer (klein
oder groß anders ist wohl die streitfrage) Vorstellungen nicht zu
tolerieren, sondern ziemlich viel Energie reinzustecken in Kritik. Da
sollen sie doch lieber Hand anlegen an den atomausstieg. Und davor z.B.
plakatieren gehen. Oder ein eigenens "ASM" oder sonstwas ins leben
rufen. Mir alles egal.

Schließlcih übersieht ein solcher Brief einerseits und ausserdem tut er
denen unrecht, die versuchen, mehrere Wege zu gehen. Und nicht nur
allein die Weltrevolution. Und das sind bei ASM IMHO gar nicht so wenige
:) Genug der Wort - auf ins Wendland !

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