Geiz ist geil.

saul 04.08.2006 15:23 Themen: Medien
Das Internet lebt von den ungezählten Nutzern, die ohne dafür bezahlt zu werden, Infos, Bilder und Material ins Netz stellen. Im Gegenteil, sie zahlen dafür noch Onlinegebühren oder für ihre eigene Seite. Offene Seiten leben davon, das die Nutzer zugleich auch Infos reinsetzen wenn sie welche haben. Das Prinzip den Leser zum Journalist zu machen ist zwar so alt wie die Zeitung, doch mittlerweile gehen die Mainstreammedien verstärkt dazu über, ihre Leser zu unbezahlten Lieferanten zu machen. Geiz ist bekanntlich geil und wir haben nichts zu verschenken. Warum für etwas bezahlen, was man umsonst bekommen kann? Wenn es die Netzgemeinde ermöglicht, das sogar ein Projekt wie Wikipedia möglich wird ohne das jemand für bezahlt wird.
Brockhaus kommt sicher nicht so billig weg, die brauchen einen Redaktionsstab und viele Fachleute und die schreiben sicher nicht umsonst.
Nun da denken sich die Mainstreammedien, das können wir doch auch und wenn unsere Leser was vor die Linse bekommen, damit können wir unsere Zeitung kostenfrei aufpeppen. Heut schon GEZahlt? Und Inserate gibt s bei uns auch nicht umsonst aber abgeben werden wir euch nix. Bildhonorar? Könnt ja jeder angeschissen kommen.
Die Grundfrage ist hier: Wenn ein Medium erstellt wird, ohne das jemand dafür bezahlt wird, dann sollte es auch kostenfrei nutzbar sein. Zeitungen kosten aber Geld und selbst kostenlose Briefkastenzeitungen finanzieren sich durch Werbung und die bezahlst ob du willst oder nicht. Na gut, wir leben eben nach wie vor im Kapitalismus.
"Durch Ihre Teilnahme und Einsendung Ihrer Bilder (Fotos) an das ZDF übertragen Sie dem ZDF unentgeltlich die nicht-ausschließlichen sowie zeitlich, räumlich und inhaltlich unbeschränkten Rechte an den Bildern. Das ZDF ist berechtigt, die Rechte ganz oder teilweise auf Dritte zu übertragen oder diesen Nutzungsrechte einzuräumen."
Lass andere für dich arbeiten und wenn sie es kostenlos machen, umso besser. Für das Erlebnis auch mal ein Bild veröffentlichen zu dürfen, sind sicher genug bereit das umsonst zu machen. So kann man Geld sparen. Die Medien gehen dazu über, jetzt wo es durch Diggis und Internet um einiges einfacher geworden ist, ihre Leser zu Lieferanten zu machen. Das kennt man bereits von offenen Seiten und Indymedia etwa lebt ja davon. Der Unterschied ist, von Indymedia lebt niemand. Das eine Anstalt die Rundfunkgebühren kassiert sich kostenfrei Material beschafft ist ärgerlich und wenn die großen Medien, von denen einige ja leben und die ja Geld mit dem Medium u.a. mit Werbung verdienen, dann ist das nur ein guter Trick um den Profit zu steigern. Wir haben nichts zu verschenken aber zahlen wollen wir auch nix.
Was hier ausgenutzt wird, ist Wunsch der Leser, nicht nur zu konsumieren, sondern auch mal was beizutragen. Man möchte sich auch mal gedruckt sehen, dafür schrieben die Leser früher Leserbriefe. Für Beschäftigte in dem Bereich ist es nichts Außergewöhnliches zu veröffentlichen, eher Alltag. Für den Medienkonsumenten dagegen ist es was Besonderes, schafft er es mal selbst was reinzusetzen. Das wird ausgeschnitten und rumgezeigt. Nun mit diesen Bedürfnis lässt sich doch Geld verdienen. Nur her mit den Pics ausm Freibad und vom umgekippten Laster auf der Autobahn. Den Bombenrauch liefern uns eh die Agenturen, die müssen wir bezahlen. Dafür lässt sich das Medium mit kostenfreien Alltagspics gut ausbauen.

Geiz ist geil.
Wir haben den Sender und die Zeitung.
Sorgen uns um die Verbreitung.
Da müssen stetig Bilder rein.
Sonst kauft das doch kein Schwein.
Die liefert uns die Agentur.
Dankenswerterweise rund um die Uhr.
Doch die müsst ihr bezahlen.
Sonst könnt ihr sie euch selber malen.
Nur bei AP gibts den Bombenrauch.
Mit den Honoraren schlagen sie sich voll den Bauch.
Doch können wir nicht Asche sparen?
Wenn unsere Leser auf der Straße waren?
Die tun ja auch mal fotografieren.
Womit sie ihre Küche verzieren.
Da könnt doch was zu finden sein.
Doch zahlen wolln wir nix, na wie gemein.
Ihr wollt eure Bilder in der Zeitung sehen?
Das können wir recht gut verstehen.
Das ist doch Ehre genug.
Dafür noch zahlen wär Betrug.
Lass die Leser für dich schaffen.
Wir müssen nur die Kohle raffen.


Hier noch eine weitergeleitete Mail zum Thema.

"Wenn die Leute kein Brot haben, sollen sie halt Kuchen essen!", soll
die Königin Marie Antoinette mal gesagt haben. (Bald darauf wurde sie
wenigstens geköpft).


Folgender Artikel stammt aus:
M - Menschen machen Medien
Medienpolitische ver.di-Zeitschrift Nr. 12/1 05/06 Jg. 54
S.17

Geiz ist nicht geil

Eine honorarfreie Woche des Fotografen Günter Zint

An allen Ecken und Enden fehlt Geld. Firmen
und Institutionen haben das Sparen zur
höchsten Tugend erklärt. Ich betreibe seit 40
Jahren eine Fotoagentur, die zur Zeit kaputt-
gespart wird.

Ein paar Beispiele aus einer Woche: Ein
Mitarbeiter von GEO ruft an: Herr Zint,
wir machen eine größere Geschichte über
St.Pauli. Können Sie uns dabei mit Ihren
Kenntnissen und Erfahrungen helfen. Na
klar kann ich das, nach 40 Jahren Kiez-Er-
fahrung. Ich bin aber nicht die Pressestel-
le von St.Pauli. Ich bin Journalist und
brauche deshalb wenigstens ein Informa-
tionshonorar. Rückruf am nächsten Tag:
"Informationshonorar zahlen wir grund-
sätzlich nicht. Aber es ist doch auch von
Vorteil für sie, wenn ihr Name genannt
wird". Aus dem Alter bin ich raus, in dem
ich scharf darauf bin, meinen Namen ge-
druckt zu sehen. Also: Auftrag futsch. Der
Verleger des Hamburger Stadtmagazins
OXMOX hat es auf den Punkt gebracht,
indem er bei einer Honorarklage sagte:
"Bei mir im Impressum zu stehen, ist Be-
zahlung genug." (Kleiner Trost: Er verlor
den Prozess.)

Das nächste Geschäft bahnt sich an.
Ein Fernsehteam eines Hamburger Senders
kündigt sich an. Drei Personen drehen in
meiner Agentur zum Thema Jugendkultur
der 60er Jahre. Viele Fotos werden repro-
duziert. Als ich der (vermeintlichen) Re-
dakteurin einen Lieferschein mit den Ge-
schäftsbedingungen in die Hand drücke,
fragt sie: "Was ist denn das?" Ich erkläre
ihr, dass dies zur Abrechnung der Sende-
honorare dient. "Ach, das kostet was?
Dann können wir das nicht senden." Die
"Kollegin" war eine Praktikantin, die bis-
her nur PR Agenturen und Pressestellen
kennengelernt hatte. Wen wundert's, es
ist ja inzwischen üblich ganze Redaktio-
nen mit Praktikanten zu besetzen.

Aber die Woche ist ja noch nicht zu
Ende. Nächster Anruf: ZDF, Frau G.: Wir
machen eine Sendung zu 20 Jahre "Ganz
unten" von Günter Wallraff. Wir haben
verschiedene Fotos aus Ihrer Urheber-
schaft im Archiv. Der Produktionsleiter
lässt nachfragen, ob wir da nicht einen
Sonderpreis haben? Ich mache klar, daß
auf meinen Lieferscheinen deutlich steht:
Honorar nach MFM-Richtlinien. Schließ-
lich werden nur zwei Fotos ausgesucht. Er-
neuter Anruf: "Da gibt es doch sicherlich ei-
nen Mengenrabatt?" Ich bin sprachlos
und werde ärgerlich: "Wir haben mit der
dju (ver.di), der VG Bild-Kunst und dem
BVPA (MFM-Richtlinien) in langen Ver-
handlungen und Prozessen Tarife und Ho-
norare festgelegt, die nun unterlaufen wer-
den sollen. Entweder sie bezahlen nach
Tarif, oder sie nehmen meine Fotos aus der
Sendung." Frau G. entschuldigt sich. Das
sei wohl eher ein Problem dieser Redak-
tion als des ZDF. Hoffentlich hat sie Recht.
Der nächste Anruf macht mir Hoff-
nung: Die Fotoredaktion von Schrot &
Korn ruft an. Wir haben 20jähriges Jubi-
läum und brauchen Fotos vom Autofreien
Sonntag 1973, von Anti-AKW-Demos in
Brokdorf, von Demos gegen die Not-
standsgesetze 1968 und von der Startbahn
West. Frau T. hätte schon erfolglos bei
CORBIS (Bill Gates) Getty Images und Goo-
gle nachgeschaut. Bei mir bekommt sie,
was sie sucht. Endlich kann ich ein paar
Fotos verkaufen. Allerdings befürchte ich,
dass Frau T. das nächste Mal vergebens an-
rufen wird. PAN-FOTO ist dann Pleite.
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Ergänzungen

interessant..

DJ unterhose 04.08.2006 - 22:48
Tatsächlich ist zu beobachten das einige (Medien)Konzerne sich mal an der Opensource Sache versuchen. Das Bild-schmierblatt z.B. sucht auch immer neue "Fotografen" die für Nüschte um ihre Amateur-Papparazzibildchen veröffentlichen. Naja und das (teilweise hochstudierte) Praktikantenheer schuftet sich blöd und hangelt von Praktikum zu Praktikum. Freie Medien (indy), freies Wissen (wiki) und Opensource (bedroht durch Softwarepatente) passen einfach nicht in eine unfreie Welt. Klar mit Spenden, viel Opferbereitschaft und einigem Hin-und her klappt das (zur Zeit) noch alles irgendwie halbwegs.

Und die Konzequenz aus dem Sparwahn (bei den öffentlichen dank dicker GEZ-kohle völlig unangebracht) ist dann halt, dass dieses oder jene foto nicht genommen wird, die Recherche nicht mehr vertieft werden kann usw. Mindere Qualität, aber stört das überhaupt noch die breite Masse? Klar, Bildblogger (www.bildblog.de) und Indys suchen sich halt hier die Qualität bzw. machen sie selber, aber der Rest ist entweder mit Arbeitswahn, Resignation oder seinem "eigenen Kram" beschäftigt, oder kann es sich erst gar nicht leisten.

Artikel in FTD

Maxe 05.08.2006 - 17:20
Nachrichten umsonst
Amateure mit Foto-Handys, Digitalkameras und Mini-DV-Camcordern haben dank Internet die Nachrichtenwelt schneller und stärker verändert als einst das Fernsehen. Jetzt versuchen die etablierten Medien davon zu profitieren: "CNN" sendet Amateuraufnahmen - ohne dass es den Sender etwas kostet.

Die Berichterstattung durch Nicht-Journalisten über Ereignisse ist in Deutschland unter dem Stichwort "Graswurzel-Journalismus" bekannt. International wurde der englische Begriff "citizen journalism" geprägt. Diese Art der Berichterstattung über Ereignisse von überregionalem oder internationalem Interesse ist, so sehen es die Befürworter, unmittelbar, schnell und persönlich. Vor allem sind Nicht-Journalisten aber unabhängig von Redaktionsleitlinien, Werbekunden und ähnlichen Beschränkungen.

Eines der ältesten Portale für Graswurzel-Journalismus ist die Website von Indymedia. Das "Independent Media Center", wurde für die Berichterstattung über die WTO-Verhandlungen in Seattle 1999 gegründet. Unabhängig, aber auch tendenziös und kommentierend ist Indymedia und gibt das offen zu. Der Einsatz von vielen Graswurzel-Journalisten mit Mini-DV-Camcordern oder digitalen Fotoapparaten führte dazu, dass auf der Website von Indymedia so schnell und gründlich über Vorfälle bei Demonstrationen berichtet wurde, dass selbst "CNN" das Projekt überschwänglich lobte. Bei den Protesten gegen den G8-Gipfel in Genua 2001 war die italienische Polizei so besorgt über das "unabhängige Medienzentrum" Indymedia , dass sie kurzerhand in dessen temporäres Hauptquartier, Computer beschlagnahmte oder zerstörte und zahlreiche "Mitarbeiter" festnahm.

www.ftd.de/technik/medien_internet/101234.html

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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danke... — hans wurst

Geh mit der Zeit — Spießbürger