Offene Uni Bielefeld

Harry Wijnvoord 20.07.2006 11:42 Themen: Soziale Kämpfe
Dem Sicherheitsdienst der Universität Bielefeld ist während einer Protestaktion gegen Studiengebühren ein Generalschlüssel abhanden gekommen... Solche Offenheit scheint das Rektorat der Uni zu erschrecken, so dass nun der Staatsschutz gegen Studierende ermittelt.
Als am 12.07. mehrere hundert Studierende gegen die Senatssitzung an der Uni Bielefeld protestierten, auf der letztlich Studiengebühren eingeführt wurden (siehe  http://de.indymedia.org/2006/07/152061.shtml ), war bei manchen Beteiligten eine gewisse Resignation zu spüren. Die Nachhaltigkeit der Proteste an diesem Tag war noch nicht zu erkennen.

Nun hat die Universität öffentlich bekannt gegeben, dass ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes an diesem Tag einen Generalschlüssel verloren hat, der Zugang zu allen Räumlichkeiten in der Uni erlaubt. Der materielle Schaden wird, ungeachtet möglicher "Folgeschäden" mit 1 Million Euro beziffert.

Für Studierende stellt sich die Situation etwas anders dar - wäre es doch wünschenswert alle Hochschulangehörigen mit einem solchen Schlüssel auszustatten, um der vorhandenen Hierarchisierung und Ausgrenzung sowie bisher hinter verschlossenen Türen gefällten Entscheidungen über die Köpfe der Studierenden wirksam Vorschub zu leisten.

Freuen dürfte sich auch die Kampagne "Wir zahlen nix!", deren Slogan für den Fall einer Einführung von Studiengebühren bereits im Vorfeld lautete: Jedes Gebührensemester eine Million Sach(zwang)schaden - ein Ansatz, der zwischenzeitlich auch an anderen Universitäten aufgegriffen wurde (siehe  http://de.indymedia.org/2006/07/152614.shtml ).

In Zusammenhang mit diesem hierarchiefreien Protestansatz könnten diverse kleine Brandanschläge und Sachbeschädigungen an der Uni Bielefeld stehen.

Nicht begeistert ist einzig das Rektorat - obwohl es sich erst vor wenigen Tagen um einige Millionen an seinen Studierenden bereichert hat. Polizei wurde eingeschaltet, nun ermittelt - na klar - der Staatsschutz. Aber Anna, Artur und all die anderen Studis freuen sich klammheimlich, still und leise.
Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
Creative Commons-Lizenz lizenziert.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

Presse

... 20.07.2006 - 11:57
Neue Westfälische, 18.7.2006:

Bielefeld. Gleich zwei mysteriöse Brande in der Bielefelder Universität geben der Polizei Rätsel auf. Zum einen brannten am Sonntag zwei Toilettenspülkästen im zweiten Obergeschoss. Zum genauen Zeitpunkt konnte die Polizei gestern keine Angaben machen. Am Samstag waren zwei Papierkörbe in Brand gesetzt worden. Der Sachschaden in beiden Fällen war gering. Dennoch hat der Staatsschutz der Polizei die Ermittlungen aufgenommen, da es sich möglicherweise um Straftaten mit politischem Hintergrund handeln könnte. Stichwort: Studiengebühren.


Neue Westfälische, 19.7.2006:

Uni-Toilette nach Brandanschlag gesperrt
Bielefeld. Nach den Brandanschlägen in der Universität (NW von gestern) hat die Polizei die Toiletten sperren lassen, in denen Feuer ausgebrochen war. Die Polizei will dort nach Hinweisen auf die Täter fahnden. Neue Erkenntnisse gebe es noch nicht, hieß es gestern beim Staatsschutz, der politischen Polizei. Die ermittelt wegen des möglichen Zusammenhangs mit den Studiengebühren-Protesten. Die Uni wird jetzt die Wachdienste verstärken, will die kleinen Brände aber nicht so hoch gehängt wissen.


Neue Westfälische, 20.7.2006:

Der Uni-Schlüssel ist weg
Im Handgemenge entrissen / 10.000 Schlösser vor dem Austausch / Mehr Wachdienst

Bielefeld. Die Studiengebühren bringen der Universität mehr Ärger als befürchtet. Seit einer Woche sind Unbefugte im Besitz eines Generalschlüssels. Er war einem Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes am Rande der Senatssitzung zu Studiengebühren entrissen worden. Das bestätigte gestern Unisprecher Ingo Lohuis der NW. Mehr als 10.000 Schlösser im Hauptgebäude lassen sich damit öffnen.

Die Situation war unübersichtlich, als es zum Zwischenfall kam. Mehrere Studenten hatten – wie berichtet – versucht, in den Senatssaal zu gelangen. Dort tagten die Senatoren. Anders als bei früheren Sitzungen traf sich das Gremium nicht im Audimax aus Angst vor Übergriffen. Die Sitzung wurde auf Leinwand in der Halle übertragen.

Kurz vor dem Senatssaal kam es zum Handgemenge, nachdem Studenten über ein Vordach geklettert und durch ein offenes Fenster in ein Büro gelangt waren. Dabei riss ein Protestierer einem Wachdienst-Mitarbeiter eine Schlüsselkette von der Hose ab. Am selben Tag meldete der Dienst den Verlust des Generalschlüssels, von dem nur eine Handvoll im Umlauf ist.

In einem Brief mit Datum 18. Juli schreibt Prorektor Gerhard Sagerer (in Vertretung des Rektors) an 2.000 Mitarbeiter über den Schlüsselverlust. Das Schreiben liegt der NW vor. "Ein vollständiger Ersatz (der Schlösser) ist (...) kurzfristig nicht möglich", heißt es darin. Deshalb wolle die Uni ein Notsystem installieren für etwa 500 der insgesamt 10.000 Schlösser in "sicherheitssensiblen Bereichen".

Gefährdete Büros und Flure gibt es viele: Rektorat, Personaldezernat, Personalvertretung, Fakultätsverwaltungen zum Beispiel. Hinzu kommen Prüfungsämter, Studierendensekretariat, Experimentier- und Laborräume der Naturwissenschaften und Computerserver-Räume. Außerdem will das Rektorat bestimmte Flure mit neuen Schließanlagen versehen. Es gibt einen speziellen Ansprechpartner und Koordinator der Sicherheitsmaßnahmen. Alte Tresore werden in vielen Büros reaktiviert, um wichtige Dokumente wegzuschließen. Das Überwachungspersonal nachts ist deutlich aufgestockt worden.

Die Unruhe unter Mitarbeitern, wissenschaftlichem Personal und Studenten ist vernehmbar – sofern sie in Bielefeld sind. Viele haben zu Beginn der vorlesungsfreien Zeit Urlaub und werden den Brief wohl erst lesen, wenn die ersten neuen Schlösser eingebaut sind.

Die Uni hat Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet, die Polizei ist eingeschaltet, der Staatsschutz (NW von gestern) ebenfalls. Es wird untersucht, inwiefern weitere Delikte (Farbbeutelwürfe, Brände auf Toiletten) im Zusammenhang mit Protesten gegen inzwischen beschlossene Studiengebühren stehen.

Die Kosten des gestohlenen Schlüssels lassen sich schwer bemessen. Wenn kein weiterer Schaden entsteht, kein Diebstahl oder Missbrauch von Daten und geheimen Forschungsergebnissen, beläuft sich der geschätzte Preis allein für den Austausch aller Schlösser auf 800.000 bis 1 Million Euro. Das Rektorat hat Schadenersatzansprüche gegenüber der Sicherheitsfirma angemeldet.

some like it hot

snoopy 24.07.2006 - 23:18
Der Protest gegen Studiengebühren ist okay.
Bleibt die strafrechtliche Variante zu überlegen und ob Studierende ihre Zukunft in einem solchen Projekt aufs Spiel setzen. Wenn jetzt eine Vielzahl an Studierenden sich ein Beispiel nehmen an dieser Guerillataktik könnte dies letztendlich von Erfolg gekrönt werden. Solange aber die meisten Studierenden den Kopf in den Sand stecken und mit den Zähnen knirschen, ist kein Erfolg erreichbar! Wer einigermassen Sympathien mit den Tätern hat, sollte die Taten aufgreifen, wenn er wünscht das daraus eine Massenbewegung wird. Denn nur eine Massenbewegung könnte es schaffen die Verantwortlichen für Studiengebühren in die Knie zu zwingen. Jeder Einzelne macht sich aber strafbar! Aber wieviele tausende Studierende will man bestrafen? Das ist genau die Crux an der Sache, je mehr Studierende sich an allen Universitäten beteiligen, desto mehr Familien sind involviert, die ihre Kinder unterstützen. Will der Staat in einer Massenverfolgung gegen diese Menschen vorgehen, wie es der Unrechtstaat DDR getan hat? Demokratie ist die Macht der Mehrheit und nicht der Regierenden! Sachbeschädigung ist natürlich strafbar, aber manchmal rechfertigt das Ziel die Mittel! Und wenn dieses Mittel, das einzige sein sollte, das der Staat noch versteht, da er jeden normalen Protest kalt lächelnd weggrinst, dann ist er auch legitim, da es das einzige Mittel ist um sich Gehör zu verschaffen!

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Zeige die folgenden 5 Kommentare an

ganz großes Kino — ein studierender Normaldenker

@normaldenker — pipilotta

@studiernder Normaldenker — anderer Studierender

@normalstudent — tagmata

Unglaublich — Uni-Angestellter und ex-Student