Der Tabasco-Effekt bei den Wahlen in Mexiko

Ralf Streck 08.07.2006 18:23 Themen: Weltweit
Nun ist es offiziell: Die Nationale Wahlkommission(IFE) hat den konservativen Felipe Calderón zum Sieger der Präsidentschaftswahlen erklärt. Gut 0,5 % Prozent soll er vor dem linken Andrés Manuel López Obrador (AMLO) liegen, habe die Kontrollzählung in 300 Distrikträten ergeben. Das Ergebnis erstaunt, Obrador lag bis kurz vor Ende der Zählung vor Calderón. Erst nach Abschluss von 95 % wendete sich plötzlich das Blatt. Erneut könnten Rechenspiele Aufklärung bringen. AMLO ficht das Ergebnis an und mobilisiert die Anhänger.

Feature: Kurioseste Vorgänge bei Wahlen in Mexiko
Erneut hat sich die Wahlkommission nicht mit Ruhm bekleckert. Warum sie schon gestern gegen 20 Uhr (Ortszeit) Calderón zum Sieger erklärte, obwohl erst 99,83 % ausgezählt waren, ist ihr Geheimnis. Warum die Eile? Nach dem Wahlgesetz hätte sie Zeit bis heute Nacht gehabt. Ohnehin hatte man nur erlaubt, in 300 Distrikträten nachzuzählen, dabei waren aus dem ganzen Land nachprüfbare Anomalien gemeldet worden. Auffällig war das Bestreben, der von der "Partei der Nationalen Aktion" (PAN) bestimmten Kommission, den PAN-Kandidaten zu küren. Das hatte sich schon gezeigt, als sie 2,5 Millionen Stimmen in ein Untersystem verfrachtete und nicht erwähnte.

Es klingt deshalb hohl, wenn der IFE-Präsident Luis Carlos Ugalde nun in einer Art Beschwörungsformel "sauberen und transparenten Wahlen" spricht. Dafür müssten tatsächlich alle Stimmen neu gezählt und mit den Akten verglichen werden. Die neue Zählung hat den angeblichen Vorsprung von Calderon vor Obrador ja sogar weiter verringert und stützt somit die Betrugsvorwürfe. Nach Einbeziehung der 2,5 Millionen verlorener Stimmen lag er noch 0,63 % vor Obrador. Nach der neuen Zählung sind es aber nur noch etwa 0,5 %.

Obrador hat vor seinen Anhängern angekündigt, die "Wahl vor dem Wahlgericht anzufechten". Dafür hat er vier Tage Zeit. Er hatte schon nach den ersten Anomalien gefordert, die Zählung komplett zu wiederholen. Davon ist er auch nicht abgerückt, als er bis kurz vor Ende der Kontrollzählung als Sieger geführt wurde. Angesichts der Vorgänge ist es wahrscheinlich, dass die Klage angenommen wird. Im Jahr 2000 annullierte das Gericht wegen Betrugs die Wahlen im Bundesstaat Tabasco auf Antrag von Obrador, der aus Tabasco stammt.

"Das Mexiko der Zukunft benötigt die Einheit aller, über unsere Divergenzen hinweg, die wir natürlich haben", sagte Calderón. Er werde alle seine Kraft darauf richten, die nationale Versöhnung mit Prosperität und Gerechtigkeit zu erreichen. Erneut bot der angebliche Wahlsieger seinem Kontrahenten eine Regierung der nationalen Einheit an. Die Strategie ist klar. Eine von ihm geführte Einheitsregierung unter Teilnahme von Obrador würde die Linkskoalition spalten, Calderón nach der Wahlfarce Glaubwürdigkeit verleihen und eine Teil des Widerstandspotentials einbinden. Damit könnte die PAN ihre Pfründe sichern und weitere vier Jahre ausbauen.

Bisher hat Obrador den Lockrufen widerstanden. Stattdessen beginnt er, neben den juristischen Schritten, seine Anhänger zu mobilisieren. Für den morgigen Samstag ist eine Großkundgebung auf dem zentralen Platz in Mexiko geplant. Hier wird Obrador vor zahllosen Anhängern die Marschrichtung ausgeben. Bestärkt sieht sich durch den gesamten Vorgang die "Andere Kampagne" der Zapatisten, die sich ohnehin nicht an dem "Wahlspektakel" beteiligte. Trotz allem hat auch Subkommandante Marcos den "Wahlbetrug" in einer Radiosendung angeprangert.

© Ralf Streck, den 07.07.2006
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Ergänzungen

Wahlbetrug auch in D. geplant

... 08.07.2006 - 21:47
Der Wahlprüfungsausschuß des Rheinland-Pfälzischen Landtags hat den Einspruch eines Bürgers gegen die Verwendung von Wahlcomputern bei der Landtagswahl am 26. März 2006 zurückgewiesen. Der Wähler hatte beanstandet, dass die Geräte zur elektronischen Stimmerfassung und -auszählung Manipulationen ermöglichten und er nicht wissen könne, ob seine per Knopfdruck abgegebene Stimme auch tatsächlich gezählt worden sei.
 http://www.heise.de/newsticker/meldung/75226

Ist halt einfacher für SPD und CDU sich gegenseitig per Absprache an die Macht zu lassen, anstatt dem unkontrollierbaren Willen des Pöbels ausgeliefert zu sein.

Liebe Leute

Ralf 10.07.2006 - 11:34
Bitte, es geht erstmals in der zweiten Linie um die politische Einschätzung, was nun Obrador ist oder macht oder machen wird. Fakt ist doch, dass da heftig getrickst wird. Warum? Weil der Sieg auch eines weichgespülten Linken Wasser auf die Mühlen der Linksentwicklung in Südamerika ist, was vor allem den USA gar nicht gefallen würden.
Wenn bei Wahlen geschoben wird, dann ist das wie mit Folter oder anderen Menschenrechten, da frage ich doch nicht, ob der Betroffene die "richtige" politische Einstellung hat, sondern zeige auf, was da passiert. Die politische Bewertung ist dann ne andere Sache und das sollte man auch trennen.

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Ausgang von Wahlen

frosch 08.07.2006 - 19:48
Hallo Ralf,
festzuhalten ist, dass kein Präsidentschaftskandidat in Mexiko eine deutliche Mehrheit hat. Der Eine nennt sich "links", der andere nicht. Ist das schon Grund, dass wir Linke in Europa uns für den einen stark machen?
Mein Eindruck ist, dass es der Linken in Mexiko ziemlich egal ist, ob der eine oder der andere Präsident wird.

Wahlbetrug? Aber sicher! Nur spielt es eine geringe Rolle, ob die eine oder andere Figur durch Wahlbetrug die Staatsmacht inne hat.
Also bitte ein bisschen weniger Aufregung über Wahlbetrug in Mexiko oder anderswo!

Gruß frosch

Alles einerlei? (@frosch)

Kröte 08.07.2006 - 20:55
@Frosch. Sorry, aber Dein Kommentar klingt ein wenig so, als würdest Du Deine Meinung vom deutschen Parteiensystem auf Mexiko übertragen, ohne wirklich zu wissen, um was es dort geht. Natürlich ist AMLO kein Linksrevolutionärer und er würde sicher nicht die mexikanische Gesellschaft so gründlich verändern, wie sie es verdient hätte. Das ist ja auch der Grund, warum Teile der sozialen Bewegungen nicht zu einer Wahl von AMLO aufgerufen haben. Allerdings gibt es auch von weit links wenig Boykottaufrufe, einfach weil es tatsächlich um etwas geht: Mexiko ist ein Land mit wahnwitziger Armut, die unvorstellbares Leiden erzeugt. Und auch wenn AMLO kein radikaler Linker ist, sind sich doch alle einig, dass seine Projekte zur Armutsbekämpfung glaubwürdig sind. Sie sind sicher nicht hinreichend, greifen das Problem nicht bei der Wurzel usw., aber sie hätten unbestritten dazu geführt, dass z.B. tausende von Menschen erstmals Zugang zu sauberem Trinkwasser bekommen hätten. Wer hier mit der "Eh alles egal" Attitüde ankommt hat entweder keine Ahnung von der Situation dort oder vergisst unter der großen, linken, revolutionären Politik das aberwitzige Leiden der Menschen. Sicher ist eine grundsätzliche, außerparlamentarische Kritik nötig (die gibt es ja in Mexico glückerweise), aber die Situation in Mexico ist einfach nicht mit dem CDU-SPD-"Links"partei-Einheitskram zu vergleichen. Grüße.

@kröte

molch 09.07.2006 - 14:53
Hallo Kröte,
deine Argumentation, wir müssten einen "linken Präsidenten" in Mexiko und anderswo unterstützen, weil er linke Rhetorik drauf hat und ein paar Millionen Almosen an die Armen raushaut (aber keineswegs die ökonomischen Ursachen der Armut beseitigen kann/will), mit dieser Argumentation bist du in Deutschland ein Parteigänger von Lafontaine/Gysi. Das ist genau deren Politik.
Im fernen Ausland ("Linkes Lateinamerika"!) wird von dir und Ralf Streck romantisiert, was man in der näheren politischen Umgebung längst satt hat.