Kunst oder Revolution?
"Widerstand braucht viele Sprachen". Das ist eine Parole, die vielleicht deshalb so oft wiederholt wird, weil ihre Umsetzung so schwer fällt. Unter diesem Titel ist nun ein Buch erschienen. Nein, kein theoretisches Traktat, sondern es geht um einen Schweizer, der auszog und das Fürchten nicht lernte. Im Knast, einer Station auf dem Weg von Jüre Wehren, machte er sich Bilder und Schreiben als Waffe im Widerstand zu Eigen. Seine "Gebrauchsgrafiken", Texte und Übersetzungen waren in seiner Lage eine Möglichkeit, um am Kampf für eine gerechte Gesellschaft beteiligt zu bleiben, wie zuvor mit seiner praktischen Arbeiten, Übersetzungen und seinen Kochkünsten.
Das Buch versammelt nun für alle seine FreundInnen Erinnerungsstücke und lässt jene, die nicht das Glück hatten, Jüre persönlich kennen zu lernen, an seinem Leben teilhaben. Es erlaubt einen persönlichen Eindruck von einem Menschen, der sich bis zum letzten Schlag seines großen Herzens immer da einmischte, wo er es gemeinsam mit anderen für richtig hielt.
Eigentlich war ein Katalog zu einer Ausstellung mit Linolschnitten und Plakaten geplant, die die Wochenzeitung "Vorwärts" im Frühjahr 2001 in Zürich organisierte. Doch es wurde ein eigenständiges Projekt, in dem Jüres Arbeiten die Gliederung und das Format vorgaben. Um seine Plakate und Linolschnitte erfahrbar zu machen, wählte der einfühlsame Gestalter Stefan Huber ein Großformat, um die vielen Details der Arbeiten erkennen zu können. Ausklappbare Seiten erreichen eine Größe bis zu DIN A3, ohne vom Buchrücken den Blick verstellt zu bekommen.
Ein Katalog barg die Gefahr, Jüres Leben auf die Bildkunst zu verengen. Er war aber stets mit all seinen Talenten aktiv, weshalb die HerausgeberInnen dafür sorgten, vielen Facetten Raum zu geben. Es wurden Texte aufgenommen, die Jüre für die "WoZ" verfasst hatte. In Beiträgen berichten FreundInnen über ihre subjektiven Begegnungen, ihre Zusammenarbeit und ihr Zusammenleben mit ihm.
Viele Texte und Bilder sind noch aktuell. Da ist die Solidarität mit Flüchtlingen, mit denen Jüre in seinen letzten Jahren besonders intensiv zusammengearbeitet hatte. So setzte er sich noch schwerkrank dafür ein, dass Flüchtling Patricio Ortiz nicht an den chilenischen Folterstaat ausgeliefert wird:"Um die Mauern der reaktionären Festung Europa dereinst zum Einsturz zu bringen, müssen unser winziges Brecheisen da ansetzen, wo Aussicht besteht etwas wegzubrechen", entgegnete er der Kritik, explizit für einen Einzelnen einzutreten. Viele seien Müde, von "einer ohrenbetäubenden Niederlage zur nächsten zu wanken". Ein kleiner Sieg wäre "Balsam auf unsere geplagten Seelen" und man könne "mutiger, frecher, militanter" auftreten, was allen Ausgegrenzten am meisten nützen würde. Als der Sieg im September 1998 erreicht war und Ortiz den Knast verließ, war Jüre schon drei Monate tot.
Denn am eigenen Leib hatte er die "Gesundheitsversorgung" im Knast erlitten. Weil sein Herzinfarkt ignoriert worden war, führte ihn sein Weg nach der Entlassung 1985 direkt auf die Intensivstation eines Hospitals, wo er um sein Leben kämpfte. Die irreversiblen Schäden prägten sein Leben, haben ihn aber nicht zur Aufgeben gebracht, ihn aber mit 48 Jahren früh ums Leben gebracht. Statt wieder auf den Bau zu gehen, schulte er dann zum Übersetzer für Französisch und Spanisch um und half fortan bei der Kommunikation über die Sprachgrenzen hinweg.
Das Buch erinnert auch an fast vergessene Kämpfe. An die Härte, mit der gegen Kriegsdienstverweigerer vorgegangen wurde. Mit 20 Jahren wurde Jüre 1970 als Gymnasiumsabgänger seiner kleinen Heimatstadt Biel dafür von einem Militärgericht zu elf Monaten Haft verurteilt. Das war damals die bisher höchste Strafe in der Schweiz für dieses "Delikt". Doch Jüre riet den Genossen von der weiteren Verweigerung ab, weil dies nun kaum mehr "bewusstseinsbildende Wirkung" entwickeln könne. "In der Zusammenarbeit mit Lehrlingen" könnten sie einen "viel bedeutenderen Beitrag für den Klassenkampf leisten, als ich es mit den Gefangenen könnte".
Als Baumaschinist verfolgte er die Befreiungskämpfe im fernen Vietnam und Uruguay genauso wie die im nahen Baskenland oder in Nordirland. Er fühlte sich auch Arbeiterkämpfen in Frankreich oder Italien verbunden. Als Arbeiter, der ein kilometertiefes Loch in den Grimsel bohrte, unterstützte er Streiks genauso wie dann den Häuserkampf in Zürich, wo er später lebte.
Dort wurde er 1981 mit seiner Freundin Claudia Bislin verhaftet und zu fünfeinhalb Jahren Knast verurteilt. Die beiden traf ein exemplarisches Urteil "wegen Besitz von Sprengstoff in verbrecherischer Absicht im terroristischen Umfeld". Verrat von dem Arbeiter Jürg Bollmann hier und später bei einem fast geglückten Ausbruch aus dem Knast in Regensdorf von einem Mitgefangen. Er saß mit zwei Freunden dabei schon auf der Mauer saß. Der gescheiterte Ausbruch und die Isolationshaft danach ließen ihn krank werden: "Mehr Herz brach entzwei unter den verschiedenen Erwartungen und Hoffnungen".
Die Haft förderte Jüres Beschäftigung mit Bildern. In seinem Text, "Widerstand braucht viele Sprachen", beschreibt er die Entwicklung. Dem Gefangenen mangele es an Bildern und richte seinen Blick so nach innen. In den praktischen Ergebnissen erkannte er auch Positives im Umgang mit der Zensur: Die Bilder "waren oft eine bessere Möglichkeit" sich nach außen zu vermitteln. "Ich lernte rasch, dass meine Wächter ihnen verständnislos gegenüberstanden, ihnen diese Ebene der Kommunikation verschlossen blieb". Mit seinen gesamten Arbeiten blieb er Teil der Bewegung draußen.
Doch die kritisierte er auch hart. Die Texte von "Flugblättern und Dokus" der Linken seien oft wie "Strafaufgaben" geschrieben. "In einer flachen, dürren, grauenvollen Sprache, die nichts anderes dokumentiert als eine erschreckende Entfremdung von allem Lebendigen". Die Bilder: "Schrott. Nicht enger verbunden mit unseren Kämpfen als das breite Grinsen der Werbespot-Hausfrau mit dem klinischen Weiß ihrer Fernsehwäsche". Das Ganze mit einer antiquierten Symbolik verquickt: geschwellte Proletenfäuste und die Darstellung von Kapitalisten wie aus der "Mottenkiste eines Stadttheaters".
Lust werde "spitz gesagt" als "Verdachtsmoment" gesehen, weil die Revolution kein Spiel sei. Dort wo die "Kämpfe schärfer sind als hier", stoße die "Kunst und Literatur auf weit weniger Misstrauen als hier". Filme, Plakate, Murales, Volksliteratur und Musik eigneten sich die Menschen im Trikont als "Teil der kämpferischen Identität" an.
Den HerausgeberInnen Claudia Bislin, Sonja Hug, Edi Lehmann und Marc Rudin haben seine Worte ernst genommen. Seine FreundInnen haben weder eine seelenlose Bleiwüste produziert, noch ihn in eine Schablone eines heldenhaften Widerstandskämpfers gestanzt, der hoch auf einem Sockel über den Lebenden thront. Aus verschiedenen Bruchstücken, Fotos, Zeichnungen, Drucken, Plakaten und Texten haben sie stattdessen ein lebendiges Gesamtbild geformt. Seine Gedanken und Arbeiten bleiben der kollektiven Geschichte und der Zukunft des Widerstands erhalten. Der, dessen Herz aufgab, kann selbst in den Herzen derer fortleben, die ihn nicht gekannt haben.
© Ralf Streck, Donostia-San Sebastián den 18.04.2006
„Widerstand braucht viele Sprachen“, Gebrauchsgrafik und Texte von Jüre Wehren, Edition 8, Zürich, 36 Franken. ISBN 3-85990-097-8
Eigentlich war ein Katalog zu einer Ausstellung mit Linolschnitten und Plakaten geplant, die die Wochenzeitung "Vorwärts" im Frühjahr 2001 in Zürich organisierte. Doch es wurde ein eigenständiges Projekt, in dem Jüres Arbeiten die Gliederung und das Format vorgaben. Um seine Plakate und Linolschnitte erfahrbar zu machen, wählte der einfühlsame Gestalter Stefan Huber ein Großformat, um die vielen Details der Arbeiten erkennen zu können. Ausklappbare Seiten erreichen eine Größe bis zu DIN A3, ohne vom Buchrücken den Blick verstellt zu bekommen.
Ein Katalog barg die Gefahr, Jüres Leben auf die Bildkunst zu verengen. Er war aber stets mit all seinen Talenten aktiv, weshalb die HerausgeberInnen dafür sorgten, vielen Facetten Raum zu geben. Es wurden Texte aufgenommen, die Jüre für die "WoZ" verfasst hatte. In Beiträgen berichten FreundInnen über ihre subjektiven Begegnungen, ihre Zusammenarbeit und ihr Zusammenleben mit ihm.
Viele Texte und Bilder sind noch aktuell. Da ist die Solidarität mit Flüchtlingen, mit denen Jüre in seinen letzten Jahren besonders intensiv zusammengearbeitet hatte. So setzte er sich noch schwerkrank dafür ein, dass Flüchtling Patricio Ortiz nicht an den chilenischen Folterstaat ausgeliefert wird:"Um die Mauern der reaktionären Festung Europa dereinst zum Einsturz zu bringen, müssen unser winziges Brecheisen da ansetzen, wo Aussicht besteht etwas wegzubrechen", entgegnete er der Kritik, explizit für einen Einzelnen einzutreten. Viele seien Müde, von "einer ohrenbetäubenden Niederlage zur nächsten zu wanken". Ein kleiner Sieg wäre "Balsam auf unsere geplagten Seelen" und man könne "mutiger, frecher, militanter" auftreten, was allen Ausgegrenzten am meisten nützen würde. Als der Sieg im September 1998 erreicht war und Ortiz den Knast verließ, war Jüre schon drei Monate tot.
Denn am eigenen Leib hatte er die "Gesundheitsversorgung" im Knast erlitten. Weil sein Herzinfarkt ignoriert worden war, führte ihn sein Weg nach der Entlassung 1985 direkt auf die Intensivstation eines Hospitals, wo er um sein Leben kämpfte. Die irreversiblen Schäden prägten sein Leben, haben ihn aber nicht zur Aufgeben gebracht, ihn aber mit 48 Jahren früh ums Leben gebracht. Statt wieder auf den Bau zu gehen, schulte er dann zum Übersetzer für Französisch und Spanisch um und half fortan bei der Kommunikation über die Sprachgrenzen hinweg.
Das Buch erinnert auch an fast vergessene Kämpfe. An die Härte, mit der gegen Kriegsdienstverweigerer vorgegangen wurde. Mit 20 Jahren wurde Jüre 1970 als Gymnasiumsabgänger seiner kleinen Heimatstadt Biel dafür von einem Militärgericht zu elf Monaten Haft verurteilt. Das war damals die bisher höchste Strafe in der Schweiz für dieses "Delikt". Doch Jüre riet den Genossen von der weiteren Verweigerung ab, weil dies nun kaum mehr "bewusstseinsbildende Wirkung" entwickeln könne. "In der Zusammenarbeit mit Lehrlingen" könnten sie einen "viel bedeutenderen Beitrag für den Klassenkampf leisten, als ich es mit den Gefangenen könnte".
Als Baumaschinist verfolgte er die Befreiungskämpfe im fernen Vietnam und Uruguay genauso wie die im nahen Baskenland oder in Nordirland. Er fühlte sich auch Arbeiterkämpfen in Frankreich oder Italien verbunden. Als Arbeiter, der ein kilometertiefes Loch in den Grimsel bohrte, unterstützte er Streiks genauso wie dann den Häuserkampf in Zürich, wo er später lebte.
Dort wurde er 1981 mit seiner Freundin Claudia Bislin verhaftet und zu fünfeinhalb Jahren Knast verurteilt. Die beiden traf ein exemplarisches Urteil "wegen Besitz von Sprengstoff in verbrecherischer Absicht im terroristischen Umfeld". Verrat von dem Arbeiter Jürg Bollmann hier und später bei einem fast geglückten Ausbruch aus dem Knast in Regensdorf von einem Mitgefangen. Er saß mit zwei Freunden dabei schon auf der Mauer saß. Der gescheiterte Ausbruch und die Isolationshaft danach ließen ihn krank werden: "Mehr Herz brach entzwei unter den verschiedenen Erwartungen und Hoffnungen".
Die Haft förderte Jüres Beschäftigung mit Bildern. In seinem Text, "Widerstand braucht viele Sprachen", beschreibt er die Entwicklung. Dem Gefangenen mangele es an Bildern und richte seinen Blick so nach innen. In den praktischen Ergebnissen erkannte er auch Positives im Umgang mit der Zensur: Die Bilder "waren oft eine bessere Möglichkeit" sich nach außen zu vermitteln. "Ich lernte rasch, dass meine Wächter ihnen verständnislos gegenüberstanden, ihnen diese Ebene der Kommunikation verschlossen blieb". Mit seinen gesamten Arbeiten blieb er Teil der Bewegung draußen.
Doch die kritisierte er auch hart. Die Texte von "Flugblättern und Dokus" der Linken seien oft wie "Strafaufgaben" geschrieben. "In einer flachen, dürren, grauenvollen Sprache, die nichts anderes dokumentiert als eine erschreckende Entfremdung von allem Lebendigen". Die Bilder: "Schrott. Nicht enger verbunden mit unseren Kämpfen als das breite Grinsen der Werbespot-Hausfrau mit dem klinischen Weiß ihrer Fernsehwäsche". Das Ganze mit einer antiquierten Symbolik verquickt: geschwellte Proletenfäuste und die Darstellung von Kapitalisten wie aus der "Mottenkiste eines Stadttheaters".
Lust werde "spitz gesagt" als "Verdachtsmoment" gesehen, weil die Revolution kein Spiel sei. Dort wo die "Kämpfe schärfer sind als hier", stoße die "Kunst und Literatur auf weit weniger Misstrauen als hier". Filme, Plakate, Murales, Volksliteratur und Musik eigneten sich die Menschen im Trikont als "Teil der kämpferischen Identität" an.
Den HerausgeberInnen Claudia Bislin, Sonja Hug, Edi Lehmann und Marc Rudin haben seine Worte ernst genommen. Seine FreundInnen haben weder eine seelenlose Bleiwüste produziert, noch ihn in eine Schablone eines heldenhaften Widerstandskämpfers gestanzt, der hoch auf einem Sockel über den Lebenden thront. Aus verschiedenen Bruchstücken, Fotos, Zeichnungen, Drucken, Plakaten und Texten haben sie stattdessen ein lebendiges Gesamtbild geformt. Seine Gedanken und Arbeiten bleiben der kollektiven Geschichte und der Zukunft des Widerstands erhalten. Der, dessen Herz aufgab, kann selbst in den Herzen derer fortleben, die ihn nicht gekannt haben.
© Ralf Streck, Donostia-San Sebastián den 18.04.2006
„Widerstand braucht viele Sprachen“, Gebrauchsgrafik und Texte von Jüre Wehren, Edition 8, Zürich, 36 Franken. ISBN 3-85990-097-8
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Ergänzungen
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