Dresden: Jorge-Gomondai-Demo

ra0105 07.04.2006 15:44 Themen: Antifa Antirassismus
Am 1. April 1991 wurde Jorge Gomondai von einem Mob Neonazis in einer Straßenbahn angegriffen. Bei einem Sprung aus der Straßenbahn verletzte er sich so sehr schwer, so dass er wenige Tage später starb.Seit dem findet in Dresden traditionell die Jorge Gomondai Gedenkdemo statt. Dieses Jahr jährte sich der Todestag zum 15. Mal... Bericht & Photos
[Das bisschen Totschlag]

Unter dem Motto "Das bisschen Totschlag bringt so manche_n um…" versammelten sich etwa 150 - 200 AntifaschistInnen in der Dresdener Innenstadt um gemeinsam an den Todestag Jorge zu erinnern. Den TeilnehmerInnen ging es jedoch nicht nur um das Gedenken an einen Menschen der Opfer eines rassistischen Wahnes geworden war. In Redebeiträgen, durch Transparente, sowie durch das Rufen von entsprechenden Parolen, sollte gleichzeitig den ZuschauerInnen vermittelt werden, dass Rassismus nicht etwa auf grölende "Naziglatzen" beschränkt ist. Vor einigen Wochen etwa stürmten 4 Polizisten einen Kindergarten um mittels Geiselnahme eines 3 jährigen Kindes die Abschiebung der Mutter zu erzwingen. Der Aufschrei in Öffentlichkeit und die Selbstanzeige der Polizei können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass MigrantInnen beständig rassistischen Angriffen ausgesetzt sind.

Vom staatlichen Rassismus wie etwa rassistische Kontrollen, Residenzpflicht oder beständigen Gängelung durch Behörden, über den Alltagsrassismus etwa in Pirna wo "Ausländer" nur noch Begleitung eine Apotheke betreten durften - Rassismus ist für viele MigrantInnen täglich erlebte Realität. Mit einem besonders perfiden Beispiel setzt sich die Kampagne "Und wer kontrolliert ihren Einkauf?" auseinander. Hintergrund ist das Dresdener Chipkartensystem. Statt Bargeld sind AsylantInnen gezwungen zu Teils überteuerten Preisen aus einem engen Sortiment ihre Versorgung mit Lebensmittel sicher zu stellen. Abhilfe soll neuerdings ein Chipkartensystem schaffen. Mit einer EC-Karte vergleichbaren Methode sollen Betroffene in Läden einkaufen gehen, die an diesem Verfahren teilnehmen. Doch bei weniger als 200 Betroffenen kann man sich schnell ausrechnen wieviele Geschäfte sich daran beteiligen werden. Man sieht hier deutlich, obwohl die Einführung von Bargeld unbürokratischer und billiger wäre halten die Verantwortlichen an der entmündigenden und rassistischen Methode fest. Man verweigert sich einer rationalen Betrachtungsweise, um offensichtlich den MigrantInnen. das Leben so schwer wie möglich zu machen. Nur in einem solchen Klima sind Taten wie die Tötung von Jorge denkbar.

Nach der Abschlusskundgebung auf dem Altmarkt schloss sich praktisch die gesamte Demo einem vom Ausländerrat initiierten Gedenkmarsch an. Für Irritationen sorgte die Bitte des Veranstalters sämtliche Fahne und Transparente während des Gedenkmarsches nicht zu zeigen. Ausschließlich das das Fronttransparent sollte über den Hintergrund der Demo informieren. Ob dies hinsichtlich einer auf Außenwirkung orientierten Demonstration (von lat.: demonstrare, zeigen, hinweisen, nachweisen) sinnvoll ist sei dahingestellt. Abschließend versammelten sich die TeilnehmerInnen zu einer Kundgebung am Jorge Gomondai Gedenkstein.

[post sriptum]

Die polizeilichen Auflagen 5 OrdnerInnen zu stellen sollte eigentlich kein Problem darstellen. Nicht so in Dresden. Aufgrund der "Gewalttäter links" Kartei in der zahlreiche AntifaschistInnen erfasst sind wurde dies dann doch zum Problem. Obwohl es teilweise noch nicht einmal Ermittlungsverfahren gegen die AntifaschistInnen geschweige denn Vorstrafen gibt, lehnte die Polizei zahlreiche TeilnehmerInnen als OrdnerInnen ab.

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Ergänzungen

erstens

sind 07.04.2006 - 19:08
das 2 verschiedene Demos und zweitens wurden bei der Bürgidemo keine Fähnchen getragen!

Warum keine Transparente in die 2.Demo mitgenommen werden durften,bleibt ein Rätsel!
Redebeiträge am Ende der 2.Demo wirklich daneben,erste Demo ziemlich lahm...

So on.

weitere Bilder und Bericht

AKuBiZ 07.04.2006 - 21:26
ein weiterer Bericht und weitere Bilder, auch aktuelle News aus der Sächsischen Schweiz finden sich auf www.akubiz.de

zum Bericht:  http://akubiz.de/modules/news/article.php?storyid=113

zu den Bildern:  http://akubiz.de/modules/myalbum/viewcat.php?num=10&cid=43

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frage

ich 07.04.2006 - 17:44
Wie haben den die Initiatoren den nun auf die Fahnen und anderen Transparente, die auf den fotos zu sehen sind reagiert?

gar nicht

noname 07.04.2006 - 18:02
der veranstalter hat gar nicht reagiert, d.h. er musste gar nicht, da sich alle, einschließlich der antifaschistInnen, mit murren mit dieser merkwürdigen einschränkung abfanden.
allerdings guckte auch eine linkspartei-omi mit ihrer eingerollten fahne sehr trotzig drein. ;) naja, wenigsten ham wir uns es nicht nehmen lassen, wenigstens noch schöne parolen auf der demo zu rufen.

guten morgen

mir 07.04.2006 - 18:42
israel-fahne auf ner demo gegen rassismus,alles klar.

Sehr gut, aber...

Fahnenfetisch 07.04.2006 - 18:45
Aus welchem Anlass die Israelfahne?

... parolen

charles bronson 07.04.2006 - 19:24
leider(!!!) muss ich doch immer wieder feststellen, dass selbst in den achso progressiven teilen der radikalen linken, letztendlich wieder nur die reproduktion jenes verhaltens auftritt das doch so entschieden kritisiert wird; der gleiche reduktionismus lokalisierbar ist, der doch immer achso kritisch hinterfragt wird.
nichts gegen euren redebeitrag auf der antifademo, den teil ich (fast) voll und ganz, aber was bitte haben denn besagte parolen gerade auf der gedenkdemo des ausländerInnenrates verloren? handelt es sich im konkreten fall denn wirklich noch um "solidarität mit israel", oder eher schon um selbstdarstellung?
solidarität mit israel ist zwingend notwendig, denn dieser staat entstand als reaktion auf das scheitern der bürgerlichen aufklärung, auf die verspätete notwehr gegen den genozid an den europäischen juden. nur sollte eine radikale linke sich bemühen dieses anliegen via kritik in die zusammenhänge zu transportieren und mit denen zu diskutieren, so unmöglich das manchmal auch zu gehen scheint. das richtige ansinnen darf mensch nicht ständig instrumentalisieren!
welchem konkreten grund gab es denn bei der gestrigen demo des ausländerInnenrates, israelsolidarisch zu sein? wessen antisemitismus sollte denn hier konkret angeprangert werden? mal abgesehen von der forderung, keine nationalfahnen zu tragen - denn welche fahne wirklich gemeint war - ist uns ja klar.
nur war der anlass gestern ein anderer, provo hin und her; ist es nicht auch die aufgabe einer radikalen linken auf die zustände in denen migrantInnen hier leben müssen aufmerksam zu machen, auf allagsrassismus und ausgrenzung: egal ob als konstitutionelle form oder durch nazigewalt und natürlich aus der "mitte" der gesellschaft kommend anzugreifen?
ist dies alles nicht mindestens genauso notwendig, wie ein antifaschismus konsequent eine solidarität mit israel einforden muss?
mittlerweile glaub ich, dass der philosemitismus einiger hardline-ad´s jene groteske züge annimmt, die eine notwendige kritik am traditionslinken verständnis so erschweren, dass eine positive entwicklung bezüglich der obsoleten denkstrukturen dieser zusammenhänge nahezu unmöglich macht. vielleicht sollte mensch endlich mal lernen, dass kritik - gerade im verständnis adornos: ein gegenentwurf zum bestehenden ist!
polemik ist immer gut und wichtig, wenn beispielsweise der heulende dresdenspezifische bürgermob geärgert werden muss, wenn auf nationale identitätsfanatismen und geschichtsrevisionismus aufmerksam gemacht werden soll.
aber die parolen gestern waren unpassend, denn hier wurde an ein opfer der nazigewalt gedacht.
wenn ihr antisemitismus, antiamerikanismus, verkürzte kapitalismuskritik anprangern wollt, dann bin ich immer dabei, denn diese kritiken sind notwendig - wenn ihr aber die zwingend notwendige "solidarität mit israel" instrumentalisiert und euch statt konstruktiver und emanzipatorischer kritik nur in "selbstdarstellung" übt, dann frage ich mich immer wieder: quo vadis sinistra?

ansonsten danke an die organisatorInnen für die demo und beste grüsse aus dem trockenen hinterland.

charles bronson