Opernball in Weimar bereichert

RonkongComa 27.02.2006 16:57 Themen: Freiräume Kultur Soziale Kämpfe
Am Samstag den 25. Februar lud das Komitee "Sekt und Kuchen für Alle" ein, um den Weimarer Opernball, der unter dem Motto "Pariser Leben" stand, mit einer Guillotine und einer Barrikade zu berreichern und um gesellschaftliche Missstände aufzuweisen.
Nicht nur in Frankfurt will man seinen Reichtum feiern, auch in Weimar ist ab nun jedes Jahr Opernball angesagt. Die VEranstalter waren geschickt und haben sich ein soziales Alibi verschafft.

Am 25. Februar inszenierte das Deutsche Nationaltheater in Weimar einen Opernball unter dem Motto „Pariser Leben“. Der Erlös einer Tombola, bei der man ein Los für 10 € erwerben konnte, soll an Kinder- und Jugendfonds der Bürgerstiftung gespendet werden.

Dass Kritik an einer solchen Veranstaltung geäussert wird, mag zunächst verwunderlich und nicht haltbar erscheinen : Wer freut sich nicht darüber, wenn beim Feiern auch ein bisschen Geld für Kinder- und Jugendeinrichtungen gesammelt wird?

Mit Kritik muss aber rechnen, wer in Zeiten von sozialen Spannungen und verstärkter Armut einerseits und Arbeitszwang und sozialer Ausgrenzung andererseits zeitgleich zum Frankfurter Opernball einen luxuriösen Opernball nach französischem Vorbild des 19. Jahrhunderts ausrichtet.

Denn was zunächst großmütig und sozial erscheint, ist eine Manifestation Besorgnis erregender, gesellschaftlicher Umstrukturierung, nämlich des Klassenkampfes von Oben. Die Gründung einer Bürgerstiftung und ein tüllknisterndes Fest, das sich mit der Tombolaspende ein soziales Alibi zu verschaffen sucht, ist unbedingt im Zusammenhang mit Kürzungen der Gelder für Jugendarbeit im öffentlichen Haushalt zu sehen. Förderung, welche selbstverständlich und notwendig ist, wird gestrichen! Dies bedeutet für viele Jugend- und Kultureinrichtungen erschwerte Arbeit, wenn nicht sogar deren Ende. Statt einer geregelten Finanzierung ist Jugend-, Kultur- und Sozialarbeit in Zukunft auf die Willkür weiterer Benifizveranstaltungen angewiesen. Die Kombination von Sozialabbau und Stiftungsprinzip am Beispiel Weimarer Opernball dokumentiert anschaulich den Umbau eines verlässlichen Sozialstaats in eine anzubettelnde Wohlfahrtsgesellschaft.

Dass die Gerberstraße die einzige Trägerin einer Erweiterungsveranstaltung zum Opernball aus Protest gegen eine solche „Wohlfahrts"-Gesellschaft ist, zeigt, dass die Jugendeinrichtungen schon jetzt abhängig von eben solchen Almosen sind und um ihre Existenz zu fürchten scheinen, wenn sie diesbezüglich offen ihre Meinung kund tun. Nach der in diesem Zusammenhang erwähnten Devise „Die Hand, die einen füttert, beißt man nicht.“

Die Besucher und Initiatoren des Opernballs sind entweder naiv, oder sie wünschen sich tatsächlich nicht nur eine abhängige Masse von Armen, sondern sie sehnen sich anscheinend ganz zurück in die französische Klassengesellschaft des 19. Jahrhunderts. Dies wird klar, wenn mensch den Artikel über den Opernball im Rathauskurier genauer betrachtet. Da wird ein Zitat von Siegfried Krakauer angeführt, welches den Charakter des „Pariser Lebens“ veranschaulichen soll: „Der Boulevard trat in Paris um 1880 die Erbschaft des Palais Royal an. Dem Passanten stellten sich bei jedem Schritt neue Hindernisse in den Weg: Leute, die Dioramen zeigten, Leute mit putzigen Äffchen, fliegende Händler, Kinder, die Perlmuttknöpfe feilhielten, als Türken kostümierte Männer, deren Serailpastillen weithin rochen.“ Da wird in nur zwei Sätzen gleichzeitig der europäische Kolonialismus (die putzigen Äffchen), Kinderarbeit (Kinder, die Perlmuttknöpfe feilhielten) und der damalige Rassismus (Türken waren zu der Zeit eines der beliebtesten Feindbilder in Frankreich) verherrlicht und verniedlicht. Wenn man den realpolitischen Bezug betrachtet, dann muss man sich für Weimar mit seiner historisch gewachsenen Verantwortung schämen und da hilft auch nicht die Ausrede, dass es ein Karnevallsball sei.

Die Kritik richtet sich nicht gegen das Nationaltheater, das ebenfalls Opfer von fortlaufenden Etatkürzungen ist und dessen Mitarbeiter auf Jahre hinaus auf Gehaltserhöhungen verzichten, damit das Haus weiter bestehen kann. Leider wird das Nationaltheater von solchen Opernbällen abhängig gemacht. Dieses immer reicher werdende Land ist durchaus in der Lage, sowohl Jugendarbeit als auch Kultur angemessen zu finanzieren. Stattdessen versucht die derzeitige Politik, diese beiden Sektoren gegeneinander auszuspielen.

Auch gegen das Feiern haben wir nichts und deshalb haben wir mitgefeiert und den Opernball mit den Dingen bereichert, die zu ihm gehören: Guillotine und Barrikade, Sekt und Kuchen für Alle. Wir wollten nicht den Eindruck erwecken, aufdringlich zu sein, aber in Zeiten, in denen gleichzeitig Steuern gesenkt und die öffentlichen Kassen bewusst unterfinanziert werden, ist es notwendig, dass wir näher zusammen rücken.... (-;

Wir sind ebenfalls der Meinung, dass jeder Euro, der für Jugendarbeit gespendet wird, gut angelegtes Geld ist. Die Notwendigkeit von Spendensammlungen beweist aber anzugreifende gesellschaftliche Missstände.

Wärend der "Anreicherungsveranstaltung" wurden Flugblätter verteilt und Opernballbesucher angesprochen. Außerdem gab es Redebeiträge, Sekt und Kuchen und es wurde zu Musik getanzt. Trotz der Kälte waren zeitweise ca. 30 Personen anwesend.

Sekt und Kuchen,
Jugendarbeit und Theater
für ALLE !
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Guillotine

U 27.02.2006 - 18:52
Hier noch mal die gedrehte Version des ersten Bildes