Göttingen: Protestschreiben

böser wulf 02.01.2006 13:35 Themen: Bildung
Nachdem die Proteste gegen Studiengebühren und gegen Fakultätsschließungen in Göttingen über die Weihnachtstage zumindest auf der Straße eingeschlafen sind regt sich nun von anderer Seite Wiederstand. In einem Solidaritätsschreiben positionieren sich bekannte Autoren, Verleger und Buchhändler, Journalisten und Wissenschaftler gegen die Plänes des Göttinger Uni Präsidenten von Figura, der unter anderem die Politologie in Göttingen einstampfen will.
Nachdem auf Mailinglisten von Göttinger Studenten dazu aufgerufen wurde sich gegen das zu stemmen, was leider allzu oft bei studentischen Protesten zu beobachte ist - nämlich das abflauen der Proteste regt sich nun von anderer Seite Wiederstand. In einem Solidaritätsschreiben positionieren sich bekannte Autoren, Verleger und Buchhändler, Journalisten und Wissenschaftler gegen die faktische Schließung der Politologie in Göttingen. Dies könnte wieder ein wenig Bewegung in den Wiederstand gegen Studiengebühren bringen. Es bleibt abzuwarten ob die Proteste auch im neuen Jahr fortgeführt werden. Figura seinerseits hatte angekündigt die Proteste aussitzen zu wollen. Hinzu kommt das Ende Januar in Göttingen ASTA Wahlen in Göttingen sind.

so keep on fighting - wir haben keine Chance also nutzen wir sie

Im folgenden wird der Aufruf, der heute in der TAZ erschien dokumentiert:

WIE IM ZUGE DER HOCHSCHULREFORM »SCHWACHSTELLEN AUSGEMERZT« WERDEN

Im Jahre 1837 hat König Ernst August von Hannover sieben Göttinger
Professoren, unter ihnen Jakob und Wilhelm Grimm und Friederich
Dahlmann, abgesetzt. Von diesem absolutistischen Aderlass hat sich die
Göttinger Universität, die damit ihre bedeutendsten Lehrer verlor,
lange Zeit nicht erholt.

Am »Platz der Göttinger Sieben« residiert heute das Seminar für
Politikwissenschaft der Universität Göttingen. Nun werden die drei
bedeutendsten Köpfe des Faches, Franz Walter, Peter Lösche und Bassam
Tibi, diskreditiert. Uni-Präsident Kurt von Figura bezeichnete die
Göttinger Politikforschung vor rund 1.000 Studenten und
Hochschulangehörigen kürzlich als »Schwachstelle«, die »auszumerzen« sei.

Bassam Tibi, einer der wichtigsten Vertreter des arabisch-jüdischen
Dialogs, äußerte sein Befremden: »Ich hatte gedacht, das mit dem
Ausmerzen sei endgültig vorbei in Deutschland.« Auch Franz Walter
verwahrte sich gegen die »Beleidigung« und »Kränkung« durch den
Biochemiker von Figura. Für die taz istWalter der »publizistische Star
seiner Zunft«, und das Feuilleton der ZEIT attestierte ihm, dass seine
Prognose des Ausgangs der Bundestagswahl 2005 »präziser war als jede
Demoskopie«.

Doch gerade hier liegt der Hase im Pfeffer.Walter und seine Kollegen
gelten von Figura als »Feuilletonpolitologen«. Angeblich ist die
Politologie in Göttingen zu sehr durch »Individualforschung« geprägt.
Die Politikwissenschaftler müssten sich so ausrichten, dass sie
»anschlussfähig« seien an die Forschungsfelder, die von der Soziologie
definiert würden. »Medienpräsenz kann das Feld der wissenschaftlichen
Exzellenz nicht ersetzen.« Nun muss die »narrative und essayistische
Potenz eines brillanten Autors wie Franz Walter«, wie Christian
Füller von der taz es formuliert hat, einem Naturwissenschaftler nicht
unmittelbar einleuchten. Kurt von Figura bekennt sogar, dass ihn
Bücher nicht interessieren. Aber wie will er erklären, dass in dem
Gutachten der Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsen, auf das er
sich bei seiner Mission beruft, ausdrücklich festgehalten wird, gerade
die Göttinger Parteienforschung habe die »besten Aussichten, in
Zukunft mehr internationale Sichtbarkeit zu gewinnen«?

Wie ist der Amoklauf des Göttinger Uni-Präsidenten also zu erklären? Die
Hochschulpolitik nicht nur in Niedersachsen steht unter den
Zeichen von Sparzwang und »Exzellenzförderung«. Im Zuge des
»Hochschuloptimierungskonzeptes« war von Figura zu so genannten
»Clustergesprächen« ins Hannoveraner Wissenschaftsministerium geladen.
Dort wurde verabredet, in Hannover die Politikwissenschaft
unter der Maßgabe der »Kompetenzbündelung« zu clustern,also
anzuhäufen,und in Göttingen die Soziologie.Heißt:In Göttingen muss die
Politologie »ausgemerzt« werden.

Doch trotz allen Sparzwangs: »Der Osnabrücker Professor Jörn Ipsen, der
häufig als Gutachter für die Landesregierung tätig ist«, soll von
Ministerpräsident Christian Wulff „als Gegenentwurf zu den Wahlanalysten
(...) wie den Göttinger Professoren Peter Lösche und Franz
Walter oder dem Mainzer Jürgen Falter aufgebaut werden.Wulff möchte
deshalb Ipsens Institut … mit mehr Finanzmitteln ausstatten“.Das
las man kürzlich im Rundblick, einem Zirkular zur niedersächsischen
Landespolitik. Ipsens Fachgebiet ist insbesondere die
Parteienfinanzierung. Doch die ist in Niedersachsen kein Defizit,
sondern etwa in Oldenburg gut vertreten – und auch in Göttingen, denn
gerade Professor Lösche gilt als Experte auf diesem Feld.
Es hat also den Anschein, dass unter dem Vorwand der Hochschulreform
politisch missliebige Professoren aus Göttingen vertrieben werden
sollen.

Wir wenden uns entschieden gegen eine geistlose Hochschulpolitik und
fordern den Göttinger Uni-Präsidenten und den Ministerpräsidenten Wulff
auf, von ihren Plänen Abstand zu nehmen.

Die so genannte »Schwerpunktbildung« zu Lasten der Geistes- und
Sozialwissenschaften – Göttingen ist hier kein Einzelfall – bedroht die
Volluniversität klassischen Zuschnitts und widerspricht, wie der AStA
der Uni Göttingen festhält, dem Humboldtschen Ideal vom vielseitig
ausgebildeten Spezialisten. Das war einmal ein deutscher Exportschlager
und darauf ist auch die moderne Wissensgesellschaft mehr denn
je angewiesen. Hochschulen sind nicht nur Vermittler von Wissen und
wirtschaftstauglichen Kernkompetenzen. Ohne eine lebendige,
pluralistische Universität ist auch die Demokratie gefährdet. Denn wo
sonst soll die Gesellschaft über sich selbst nachdenken, ohne dass die
dabei gewonnenen Erkenntnisse unmittelbar in ökonomischen Gewinn
umzusetzen sind?

Dr. Jürgen Albers (Dozent, ISM Dortmund), Dr. Jürgen Alberts
(Schriftsteller) , Prof. Dr. Klaus Antoni (Japanologie, Uni Tübingen),
Wolfgang Balk (Verleger des dtv), Prof. Dr. Sigrid Baringhorst
(Politikwissenschaft, Uni Siegen), Dr. Hans-Peter Bartels, MdB (SPD),
Ursula Bender (Agence Hoffman), Prof. Dr. Norman Birnbaum (Prof. Emer.
Georgetown University,Washington DC), Dr. André Brie (Mitglied des
Europäischen Parlaments),Werner Buss (Göttinger Tageblatt), Peter
Conradi (SPD), Prof. Dr. Frank Decker (Politische Wissenschaft, Uni
Bonn), Prof. Dr. Dr. Mariano Delgado (Patristik und Kirchengeschichte,
Uni Freiburg), Dr. Klaus Detterbeck (Politikwissenschaftler, Uni
Magdeburg), Prof. Diedrich Diederichsen (Merz-Akademie, Stuttgart),
Christian v. Ditfurth (Schriftsteller und Publizist), Jutta Ditfurth
(Schriftstellerin und Publizistin) , Stephan Dorgerloh (Direktor der
Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt),Matthies van Eendenburg
(Rechtsanwalt), Andrea Ernst (Fernsehjournalistin), Ulrich Faure
(BuchMarkt), Alexander Fest (Verleger Rowohlt Verlag), Annett Fleischer
(Max Planck Institute for Demographic Research) , Markus Frenzel
(Deutsche Welle TV), Prof. Dr. Hajo Funke (Politikwissenschaften,
FU Berlin), Ralph Giordano (Schriftsteller und Publizist), Prof. Dr.
Peter Grottian (Politikwissenschaften, FU Berlin), Prof Dr. Hans Ulrich
Gumbrecht (Stanford University), Janita Hämäläinen (XXP-Spiegel TV),
Peter Härtling (Schriftsteller), Ulrike Haibach-Daniel
(Buchhandlung Daniel & Haibach),Dr. Peter Hammans (Droemer Knaur), Dr.
Anne Hampele-Ulrich (Heinrich-Böll-Stiftung), Hubertus Heil
(SPD-Generalsekretär), Dr. Siegfried Heimann (Dozent
Politikwissenschaften, FU Berlin), Prof. Dr. Arne Heise (Wirtschafts-
und Sozialwissenschaften, Uni Hamburg), Dr. Beate Hoecker (IPW Uni
Hannover), Dr. Rolf Hosfeld (Autor und Publizist), Andrea Hünniger
(Stadtmagazin37, Göttingen), Dr. Peter Jahn (Leiter Museum Karlshorst),
Dirk Katzschmann (Herausgeber »Universitats«), Margit Ketterle
(Literaturagentin), Annette Kirsch (Programmleitung VS Verlag für
Sozialwissenschaften), Michael Koss (Department of IR and Politics,
University of Sussex), Prof. Dr. Michael R. Krätke (Politische Ökonomie,
Uni Amsterdam), Anita Kugler (Autorin und Publizistin), Antje
Kunstmann (Verlegerin Kunstmann Verlag), Karolina Lang (German Industry
and Commerce Office Oman), Regina Lange (Pressesprecherin, Vandenhoeck &
Ruprecht), Frank Lübberding (Journalist), Helge Malchow (Verleger
Kiepenheuer & Witsch), Monika Meisterernst (ILO Publications), Prof. Dr.
Andreas Merkt (Historische Theologie, Uni Regensburg), Robert Misik
(Publizist), Carola Müller (Geschäftsführung Vandenhoeck & Ruprecht),
Sten Nadolny (Schriftsteller),Dr. Klaus Naumann (Hamburger Institut für
Sozialforschung), Dr. Gero Neugebauer (Politikwissenschaft, FU Berlin),
Prof. Dr. Ton Nijhuis (Deutschland-Institut, Uni Amsterdam), Barbara Oh
(Patmos Verlag), Prof. Dr. E. Orywal (Institut für Völkerkunde, Uni
Köln), Dr. Ernst Piper (Autor und Publizist), Prof. Dr. Manfred Pfister
(Institut für Englische Philologie, FU Berlin), Prof.Dr.Joachim Raschke
(Prof.Emer.Politikwissenschaft, Uni Hamburg), Prof.Dr.Rainer Rilling
(Soziologie, Uni Marburg), Sabine Rosenbladt (Chefredakteurin
»Internationale Politik«), Prof. Dr.Werner Ruf (Politologie und
Friedensforschung, Uni Kassel), Erich Schmidt-Eenboom (Autor und
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Schulze-Engler (England- und Amerikastudien, Uni Frankfurt/M.), Harald
Schumann (Tagesspiegel), Eckhard Schwettmann (Geschäftsführer Humboldt
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Basel), Dr. Anja Stichs (Konflikt- und Gewaltforschung, Uni Bielefeld),
Prof.Dr. Richard Stöss (Politik- und Sozialwissenschaften, FU Berlin),
Frank Strickstrock (Rowohlt), Sabriye Tenberken (Blindenzentrum Tibet),
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München), Dr. Harald Wieser (Autor und Publizist), Roger Willemsen
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Ergänzungen

Frage

Samid 17.02.2006 - 14:50
Wo ist denn dieser Brief erschienen. Würde mich über eine Antwort freuen!

GRuß
samid

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ganz nett, aber — göttinger