DD: Beisheim- Kolloquium in Angst und Schreck

Kolloquiumbesucherin 19.11.2005 20:39 Themen: Antifa
Am 18.11.05 fand in Dresden das 7. Otto- Beisheim- Kolloquium unter der Überschrift „Zukunft der Innenstadt“ an der TU Dresden statt. Seit einiger Zeit tobt an der TUD ein Streit zwischen der Universitätsleitung, der Fakultät Wirtschaftswissenschaften und der Antifaschistischen Hochschulgruppe um die NS- Vergangenheit des Spenders Otto Beisheim.
Im Vorfeld erhielten ich und alle anderen studentischen TeilnehmerInnen am Kolloquium eine E-Mail von der Antifa Hochschulgruppe, in welcher diese über die Person Otto Beisheim informierte und ihren Standpunkt erläuterte. Die Antifaschistische Hochschulgruppe Dresden fordert die Umbenennung des Festsaales der Fakultät Wirtschaftswissenschaften, welcher den Namen Beisheims trägt. Vorerst mit Erfolg, aber nur wenige Tage später schaltete sich die finanzkräftige Beisheim-Stiftung ein. Momentan kann man am Eingang des Festsaales die vierte Schilderkombination innerhalb von 8 Wochen bewundern: „Festsaal der Fakultät Wirtschaftswissenschaften – Otto Beisheim – Saal“. Mit einem offenen Brief unterstrich die Hochschulgruppe ihr Anliegen: „Umbenennung des Saales und Aberkennung der Ehrendoktorwürde Otto Beisheims“.

Wie in der letzten Woche in der taz bekannt wurde, bestätigen Bundesdokumente dass Beisheim Angehöriger der Waffen-SS war. Dienst leistete er unter anderem im SS-Artillerieregiment, das Teil der so genannten „1. SS-Panzerdivision Leibstandarte SS Adolf Hitler“ war. In den letzten Jahren gab es in der Presse immer wieder Diskussionen um die Waffen-SS- Mitgliedschaft von Otto Beisheim. Er hat sich bisher noch nicht öffentlich dazu geäußert, d.h. auch nicht vom NS distanziert. Otto Beisheim ist heute als Begründer von Metro Cash & Carry (jetzt: Metro AG) einer der reichsten Männer in Europa.

Das Beisheim- Kolloquium selbst erinnerte auf Grund der Aktionen der Antifaschistischen Hochschulgruppe an einen Hochsicherheitstrakt. Scheinbar hatte die Beisheim- Stiftung Angst vor Störaktionen und engagierte ein ganzes Heer von Sicherheitsleuten. Einlass bekam man nur mit schriftlicher Einladung, Namensschild und Taschenkontrolle. Rund um die Eingänge und im Hörsaal selbst drängelte sich die Security, gut erkennbar an ihren Headsets. Scheinbar haben die Bemühungen der Antifa Hochschulgruppe, die Organisatoren des Beisheim- Kolloquium in Angst und Schrecken versetzt.
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Ergänzungen

beisheim

herr gänzer 19.11.2005 - 21:34
scheint sich für bildungsinstitute zu erwärmen und sorgt auch in bayern für ärger:
 http://www.taz.de/pt/2005/11/16/a0071.nf/text.ges,1

Bericht Teil 2

Kolloquiumbesucherin 19.11.2005 - 22:52
Da die Inhalte des Kolloquiums an sich nicht einer gewissen Kritikwürdigkeit entbehren, möchte ich darauf noch eingehen.

Kurz zum Ambiente: Der Hörsaal war wie für eine NATO-Konferenz aufgemacht, an der Decke schwebten die Begriffe des Tages in einer Animation "Otto-Beisheim-Stiftung", "Zukunft der Innenstadt", "Sauberkeit", "Sicherheit"; u.s.w. Dennoch war das Buffet die Hauptattraktion, aber das nur am Rande.

Der Rektor der TU Dresden hatte von der Eröffnung Abstand genommen bzw. liess den Co-Rektor eröffnen. Dann begrüsste auch der Dekan der Fakultät Wirtschaftswissenschaften Uhr, nach dessen Worten jetzt ein Ruck durch Dresden geht, wegen der Frauenkirche und einen solchen Ruck braucht ganz Deutschland und überhaupt sind Innenstädte was Wichtiges. Kein einziges Wort zur Person Otto Beisheim.

Den ersten Vortrag hielt Prof. Erich Greipl, Chef der Metro Vermögensverwaltungs GmbH. Dieser verwechselte den Hörsaal mit der Jahreshauptversammlung einer Aktiengesellschaft, ein Ökonom durch und durch. Nach ihm ist der Handel in der Stadtentwicklung unterrepräsentiert und "sträflich unterschätzt" - dabei ist der Handel doch DER "Kristallisationsbereich städtischer Kultur".

Nach der Mittagspause, für StudentInnen gab es dazu wieder einen Flyer der Antifa Hochschulgruppe über Beisheim, ging es hochspannend weiter. Helmut Schneider referierte über "Die Stadt als Marke". Diese unterliege den gleichen Anforderungen an Qualität und Markenführung wie Handelsgüter.
Ein eigenes Referatsthema war "Sauberkeit" der Stadt. Da durfte im Anschluss auch die "Sicherheit" nicht fehlen, über welche selbstverständlich ein New Yorker erzählte.
Schliesslich fand sich auch das Licht, in welches der Hörsaal getaucht war, als Referatsthema wieder, nämlich die "Einzigartigkeit der Stadt durch eine Architektur des Lichts".

Den Schluss des Kolloquium bestimmte wiederum Erich Greipl von der Metro Vermögensverwaltungs GmbH, der auch Vorstandsvorsitzender der Stiftung für die Uni in Vallendar - die Otto-Beisheim-Hochschule ist.
Ein Schelm wer an Kapitalismus dabei denkt und an einen Altnazi, der das Gerede über seine Vergangenheit mit viel Geld erstickt.

Ganz schön krass...

Bayer 20.11.2005 - 05:21
...was da mit dieser 10Millionen Euro Spende abläuft. Im Tegernseer Tal tobt der Bürgerkrieg...und auf die Lehrer, die zuerst gegen die Umbennung gestimmt haben, wird jetzt druck ausgeübt, sich freiwillog versetzen zu lassen!

Ergänzung der Antifa Hochschulgruppe

antifa hochschulgruppe dresden 20.11.2005 - 16:09
Seit mehreren Monaten protestiert die Antifaschistische Hochschulgruppe Dresden gegen die Zurschaustellung des Namens „Otto Beisheim“ an der TU Dresden. Ergänzung zu Kolloquiumbesucherin: Inzwischen gibt es ein Gesprächsangebot von Seiten der Beisheim-Stiftung. Unsere Minimalforderung ist ein Beweis dafür, dass Otto Beisheim unfreiwillig in die Waffen-SS eingezogen wurde. Außerdem ist eine öffentliche Distanzierung Beisheims zur Waffen-SS, verknüpft mit einer Entschuldigung an die Opfer des NS das mindeste was wir erwarten. Sollten diese Punkte nicht erfüllt werden, so werden wir unsere Aktionsformen ausweiten.

Folgender Flyer wurde vor und während dem Beisheim – Kolloquium an StudentInnen der TU Dresden verteilt:

Otto Beisheims Ehrendoktor absägen!!!

Am Freitag, den 18.November 2005 findet im Hörsaalzentrum das 7. Kolloquium der Otto Beisheim Stiftung an der TU Dresden statt. Die Antifaschistische Hochschulgruppe Dresden protestiert gegen die Durchführung dieser Veranstaltung an der TU.
Die NS- Geschichte Otto Beisheims ist sowohl dem Rektor der TU Dresden Prof. Kokenge, wie auch dem Dekan der Fakultät Wirtschaftswissenschaften Prof. Uhr, welche die Eröffnungsreden des Kolloquiums halten werden bekannt. Beide erhielten im Oktober 2005 offene Briefe der Antifaschistischen Hochschulgruppe in denen sie über Otto Beisheim informiert wurden und zu einer Auseinandersetzung mit dessen Person aufgefordert wurden. Bis zum heutigen Tage wurde hierauf weder vom Dekanat, noch vom Rektorat reagiert. In den letzten Semesterferien wurde der Festsaal der Fakultät Wirtschaftswissenschaften, welcher den Namen Beisheims trägt, bereits auf Druck der AHSG umbenannt. Doch wenige Tage später machte die vermögende Beisheim- Stiftung von ihrem Einfluss Gebrauch. Jetzt prangt am Festsaal der Fakultät Wirtschaftswissenschaften die inzwischen vierte Schilderkombination innerhalb von 8 Wochen: „Festsaal der Fakultät Wirtschaftswissenschaften – Otto Beisheim Saal“.
Die Fakultät Wirtschaftswissenschaften der TU Dresden ist im Georg-Schumann-Bau angesiedelt. Schumann war ein antifaschistischer Widerstandskämpfer, der von den Nazis auf dem Münchner Platz hingerichtet wurde. Dort befindet sich jetzt eine Gedenkstätte für die Opfer der nationalsozialistischen Strafjustiz. Professor Dr. h. c. Otto Beisheim ist seit 1993 Ehrendoktor der TU Dresden und gehört zu den großzügigsten Spendern der Universität, bzw. der Fakultät Wirtschaftswissenschaften. Er gilt als einer der wohlhabendsten Menschen in Europa und ist Gründer des Großhandelskonzerns Metro Cash and Carry, jetzt Metro AG, zu welchem u.a. Galeria Kaufhof, Media Markt/Saturn, Real, Praktiker, Extra gehören. Im Zuge der Erneuerung des Potsdamer Platzes in Berlin hat sich Otto Beisheim durch umfangreiche Investitionen verewigt (u.a. gigantischer Hochhauskomplex namens Beisheim-Center). Der Multimilliardär engagiert sich in mehreren gemeinnützigen Stiftungen. In Vallendar/Rheinland- Pfalz wurde nach großzügigen Spenden eine ganze Wirtschaftsuniversität nach ihm benannt. 1995 verhinderten StudentInnenproteste in Mannheim, dass der Unternehmer Ehrensenator der dortigen Universität wurde. Im November 2005 verhinderten LehrerInnen in einem Gymnasium am Tegernsee, dass ihre Schule nach Otto Beisheim benannt wird. Sie forderten Aufklärung über die NS- Vergangenheit von Beisheim, woraufhin er trotzig eine versprochene Spende von 10 Millionen Euro zurückzog (Spiegel Online und taz berichteten). In dem Buch „Außer Kontrolle. Die Medienmacht des Leo Kirch“ von Michael Radtke stellt dieser fest: „Beisheim muß Scharführer bei der Waffen-SS, Leibstandarte Adolf Hitler, gewesen sein; (…)“. Namenslisten gibt es nicht, bekannte Mitglieder waren aber unter anderem ein Otto Beisheim, Joseph Mengele und Franz Schönhuber (Gründer der Republikaner, jetzt Mitarbeiter der NPD-Landtagsfraktion). Die Indizien sind eine Krankenakte eines SS-Scharführers Otto Beisheim in der Wehrmachtsauskunftsstelle von 1943 und ein Artikel von Franz Schönhuber, in dem er schreibt, er habe wie Otto Beisheim bei der SS-Leibstandarte „seine Ausbildungszeit absolviert“. Nach jüngsten Erkenntnissen beweisen Bundesdokumente die Mitgliedschaft von Beisheim in der „Leibstandarte Adolf Hitler“ der Waffen-SS, allerdings in einem niedrigeren Dienstgrad.

Der Multimilliardär Beisheim hat sich jedoch bis zum heutigen Tage noch nicht vom NS distanziert oder sich bei Opfern des NS für seine Waffen-SS- Mitgliedschaft entschuldigt. Die Waffen-SS war eine armeeähnliche Organisation der SS, welche dazu diente, den politischen Willen Hitlers mit Gewalt durchzusetzen. Adolf Hitler hatte sich damit eine Truppe zu seiner ganz persönlichen Verfügung entwickelt, die sich durch „unbedingte Treue“ ihm gegenüber auszeichnen sollte und für Sicherungsaufgaben vorgesehen war. Der Dienst in dieser „Elitetruppe“, welche zu einer „rassischen“ und politischen Führerschicht im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie gebildet werden sollte, war freiwillig. Neben Massakern an ZivilistInnen war die Waffen-SS zum Beispiel auch für zahlreiche Menschenversuche in den Konzentrationslagern verantwortlich. Die Leibstandarte Adolf Hitler war eine Sondereinheit innerhalb der Waffen-SS, welche unter anderem eine persönliche Leibgarde darstellte. Die Biographie Beisheims im NS bleibt vage. Damit ist er kein Einzelfall, sondern Teil des deutschen Geschichtsbewältigungsmusters: die Entnazifi zierung versickerte sobald sich die politische und ökonomische Demokratie-Normalität wieder einstellte. Geht es nach der unerträglichen herrschenden Geschichtsauffassung, gab es im NS nur wenige EinzeltäterInnen und ihr Opfer, die deutsche Zivilbevölkerung. Der NS bestand natürlich nur aus ersteren, deren Verantwortlichkeit an der Zahl der Sterne auf den Schulterklappen und an der Büroetage im Ministerium oder der Behörde erkennbar ist. Letztere, die Bevölkerung, heißt daraufhin in den Berichten nur Zivilbevölkerung und was sie erzählt sind Geschichten von Angst, Bombardierung, Besatzung und Leid. Schluss mit dem Freikaufen von der NS- Vergangenheit! Es gilt dafür zu sorgen, dass der Festsaal der Fakultät Wirtschaftswissenschaften nicht mehr den Namen von Otto Beisheim tragen darf und auch im alltäglichen Sprachgebrauch nicht mehr als „Beisheim-Saal“ bezeichnet wird. Die Öffentlichkeit ist über die Person und Geschichte Beisheims zu informieren. An der TU Dresden darf es in Zukunft keine Beisheim- Kolloquien mehr geben. Ausserdem fordern wir die Aberkennung der Ehrendoktorwürde Beisheims. Dem geht voraus, dass die TU Dresden endlich nachholt, was sie so gern beiseite schiebt: die generelle Auseinandersetzung mit dem NS


auch in der jungle world gab es schon einen beitrag zu den auseinandersetzungen um beisheim an der tu dresden. allerdings ist dieser beitrag nach den neuesten erkenntnissen zu beisheim nicht mehr so aktuell:  http://www.jungle-world.com/seiten/2005/46/6669.php