Was war 1968 in Paris los?
Der Riot 2005 in Frankreich hat tiefe historische Wurzeln. Es wäre hilfreich, die Ereignisse von 1968 einmal mit denen von 2005 zu vergleichen.
Die Ereignisse des Mai 1968 in Frankreich schilderte Maurice Brinton als Augenzeuge so: »Zweifellos war es die bedeutendste revolutionäre Erhebung in Westeuropa seit den Tagen der Pariser Commune. Hunderttausende Studenten haben sich regelrechte Schlachten mit der Polizei geliefert. Neun Millionen Arbeiter standen im Streik. Die rote Fahne der Revolte flatterte über besetzten Fabriken, Universitäten, Baustellen, Werften, Haupt- und Realschulen, Grubeneingängen, Bahnhöfen, Kaufhäusern, Concorde-Flugzeugen, Theatern, Hotels. Die Pariser Oper, das Folies Berères und das Gebäude des Nationalen Rates für Wissenschaftliche Studien wurden besetzt, ebenso wie das Hauptquartier der französischen Fußballföderation, mit dem klaren Ziel, ›normale Fußballer davon abzuhalten, Spaß am Fußball zu haben‹.«
Der Umfang der Protestbewegung läßt sich nur mit den während der zehnjährigen Präsidialdiktatur General de Gaulles angestauten Spannungen und Widersprüchen in der Gesellschaft erklären. Tatsächlich »verschleiert das glänzende, verchromte Modell Frankreich von 1968 ein großes Ausmaß an wirklichem Elend«, wie das englische Sonntagsblatt Observer während der Streikbewegung erklärte. »Fünf bis sechs Millionen Franzosen leben nahe des Existenzminimums. Ein Viertel der Arbeiterschaft verdient weniger als 150 Francs die Woche. Arbeitslosigkeit – von der wahrscheinlich mehr als 500000 betroffen sind – und Kurzarbeit sind neue, fremde und erschreckende Erscheinungen in einem Land, das 30 Jahre lang nur Vollbeschäftigung gekannt hat.« Jugendliche machten 23 Prozent der Arbeitslosen aus. Dazu kamen völlig unzureichende Wohnverhältnisse, unter dem ein Drittel der Pariser Bevölkerung litt. In der Hälfte aller Wohnungen gab es keine Toiletten. Eine Inflation von 45 Prozent, Mehrwertsteuererhöhungen und Angriffe auf die Sozialleistungen während der Präsidentschaft de Gaulles hatte die Arbeiter ausgesaugt. Nur mit Überstunden kamen viele über die Runden. In den großen Automobilfabriken herrschten frühkapitalistische Arbeitsbedingungen. Citroën, wo ein Drittel der Belegschaft aus Einwanderern bestand, die in werkseigenen Wohnheimen kaserniert waren, stand in dem Ruf, ein Zuchthaus statt einer Fabrik zu sein.
Unmittelbarer Auslöser der Mairevolte war die Unzufriedenheit vieler Studenten mit dem starren Bildungssystem. Stipendien existierten kaum, und nur zehn Prozent der Studenten kamen aus Arbeiterfamilien. 50 Prozent der Studierenden wurde vor Beendigung des Studiums hinausgedrängt. Die Durchfallquote betrug 20 Prozent. Die Arbeitslosigkeit unter Hochschulabsolventen war hoch. Die Studierenden forderten Mitbestimmung über Studieninhalte und mehr Freiheiten auf dem Campus wie die Aufhebung der Geschlechtertrennung in den Wohnheimen.
An den Universitäten hatten sich Studentengewerkschaften gebildet, in denen Kader trotzkistischer und anarchistischer Gruppierungen tonangebend waren. Bekanntester Aktivist war der in Frankreich als Sohn deutscher jüdischer Emigranten geborene Student Daniel Cohn-Bendit. Im Interview mit dem Spiegel erklärte der spätere Grünen-Politiker: »Für mich ist die grundlegende Analyse von Marx richtig, die Analyse der kapitalistischen Gesellschaft. Aber die Organisationsformen, die sich die kommunistische Bewegung gegeben hat, lehne ich vollkommen ab. Sie bringen keine neue Gesellschaft zustande, sondern nur neue autoritäre Herrschaft.«
Am 22. März besetzten Studierende an der Philosophischen Fakultät der Universität von Nanterre, einem Arbeitervorort von Paris, mehrere Hörsäle und organisierten basisorientierte Debatten. »Die Studenten erkannten, daß das, was sie in Soziologie lernten, nicht dazu diente, die Gesellschaft zu erkennen und zu verändern, sondern sie zu kontrollieren und zu manipulieren«, schrieb ein Beobachter. Die spontan gebildete »Bewegung des 22. März« stand unter der Leitung von Cohn-Bendit und des Trotzkisten Daniel Bensaid.
Polizei wurde zur Räumung des Gebäudes eingesetzt und die Universität am 29. März geschlossen. Auch auf die Sorbonne griff die Bewegung über. Am 3. Mai nahm die Polizei dort über 600 Studenten fest, die gegen einen Aufmarsch der faschistischen Studentenorganisation Occident protestierten. Ein Teil der Festgenommenen waren ausgesperrte Studenten aus Nanterre. Der Universitätsdirektor erklärte die Sorbonne für geschlossen. Schnellgerichte verurteilten »Rädelsführer« zu mehrmonatigen Haftstrafen.
Die Kommunistische Partei und ihr Studentenverband hatten sich bis dahin abseits gehalten. Am 4. Mai verteilten sie ein Flugblatt: »Nanterre ist geschlossen, die Sorbonne ist geschlossen. In drei Wochen sind die Examen und Zehntausende Studenten werden daran gehindert, sich normal vorzubereiten. […] Ultralinke und Faschisten spielen um die Macht! Man sieht heute sehr gut, wohin die Umtriebe der ultralinken Gruppen (Trotzkisten, Maoisten, Anarchisten und andere) – unter ihnen der deutsche Anarchist Cohn-Bendit – führen.« Und die Parteizeitung L`Humanité ergänzte: »So verhalten sich diese falschen Revolutionäre objektiv als Verbündete des gaullistischen Staates und seiner Politik.«
Für Montag, den 6. Mai, hatten die »Bewegung des 22. März« und die trotzkistische Revolutionäre Kommunistische Jugend zu einer Protestdemonstration gegen die Schließung der Universitäten aufgerufen. Schwerbewaffnete Polizisten der Sondereinheit CRS griffen die über 10000 Studenten an. Es gab mehr als 1100 Verletzte und über 400 Festnahmen. Schon einen Tag später demonstrierten in ganz Frankreich rund 60000 Studenten und Lehrer.
Zum eigentlichen Auslöser des heißen Mai, der den Funken auch auf die Arbeiterschaft überspringen ließ, wurde aber die Barrikadennacht vom 10. Mai in der Rue Gay-Lussac. Mehrere zehntausend Demonstranten belagerten die geschlossene Sorbonne. Die Brutalität der CRS überraschte alle. Tränengas, Chlor- und Phosphorgranaten wurden gegen die Schüler, Studenten und Lehrer eingesetzt. Anwohner öffneten ihre Wohnungen für fliehende Demonstranten oder schütteten Wasser auf sie, um sie vom Granatengas zu befreien. Andere warfen Blumentöpfe auf die Polizei. Am Morgen des 11. Mai gab es über 1000 schwerverletzte Demonstranten und Anwohner, einigen von ihnen hatten Granaten die Hände abgerissen. 460 Festnahmen wurden gemeldet. Den bisher als verwöhnt geltenden Studenten, die sich für ihre Anliegen bis zum letzten mit der auch unter der normalen Bevölkerung verhaßten Polizei geschlagen hatten, gehörte die Sympathie der Pariser.
Angesichts der Polizeibrutalität riefen die Gewerkschaften für Montag, den 13. Mai, einen Generalstreik aus. Auch die kommunistische CGT als einflußreichste Kraft unter den französischen Werktätigen beteiligte sich an dem Streik. Über 750000 Studenten, Arbeiter, Schüler und Professoren zogen durch Paris. Arm in Arm marschierten der kommunistische CGT-Vorsitzende Seguy und der Anarchist Cohn-Bendit. Junge Arbeiter gingen unter schwarzen und roten Fahnen in den Blöcken der Studenten mit.
Gegen die Absicht der CGT setzten die Arbeiter den Generalstreik auch an den folgenden Tagen fort. Am 14. Mai besetzten die Arbeiter von Sud Aviation in Nantes ihre Fabrik und sperrten den Direktor aus. Ihnen folgten die Belegschaften der Renaultwerke. Im ganzen Land kam es zu Fabrikbesetzungen, in einigen Fällen sogar zur Arbeiterkontrolle der Produktion. In der letzten Maiwoche standen rund zehn Millionen Arbeiter im Streik.
Auf dem Höhepunkt der Streikbewegung, als vielerorts die Losung nach der Arbeitermacht ertönte, bekundeten die Führer der kommunistischen CGT den Wunsch nach Verhandlung mit einer zu diesem Zeitpunkt weitgehend machtlosen Regierung. Am 27. Mai präsentierten die CGT-Führer schließlich ein Abkommen mit der Regierung und den Unternehmern, das eine Erhöhung des Mindeststundenlohns von 2,22 auf drei Franc, weitere Lohnerhöhungen von sieben bis 15 Prozent und eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 48 auf 46 Stunden vorsah. Im Vergleich dazu hatten die französischen Arbeiter 1936, als lediglich drei Millionen im Streik standen, schon einmal die 40-Stunden-Woche erkämpft. So forderten die Renault-Arbeiter den Generalsekretär der CGT Séguy auch dazu auf, das Abkommen nicht zu unterzeichnen.
Trotz eines von der Regierung verhängten Versammlungsverbots gingen die Massendemonstrationen im ganzen Land weiter. Noch einmal zogen am 29. Mai rund 800000 Demonstranten unter der von den Kommunisten ausgegebenen Losung »Volksfront demokratischer Einheit« durch Paris und forderten eine »Volksregierung«, an der die KPF teilnehmen sollte. Francois Mitterrand, Führer der Linksföderation, meldete seine Bereitschaft zur Präsidentschaftskandidatur an. Doch während Staatspräsident de Gaulle an einen demonstrativen Rücktritt dachte, blies KPF-Sekretär Waldeck Rochet zum Rückzug: »Wir müssen es verstehen, einen Streik zu beenden.«
Am 29. Mai wurde General Charles de Gaulle für mehrere Stunden als vermißt gemeldet. Der General hatte sich zu den im deutschen Baden-Baden stationierten französischen Streitkräften abgesetzt. Um sich der Loyalität der Armee zu versichern, sagte er die Freilassung einer Reihe von Offizieren der rechtsterroristischen OAS zu, die wegen ihres Aufstands in Algerien inhaftiert waren. Panzereinheiten wurden in die Umgebung von Paris verlegt.
Einen Tag später wandte sich de Gaulle in einer viereinhalbminütigen Rundfunkansprache an das französische Volk. Er erklärte die Nationalversammlung für aufgelöst und kündigte Neuwahlen für den 23. Juni an. »Frankreich ist in der Tat von einer Diktatur bedroht. Man will Frankreich zwingen, sich einer Macht zu beugen, die sich in dieser Situation der nationalen Hoffnungslosigkeit herbeidrängt. Diese Macht, die sich den Sieg zunutze machen wird, ist die des totalitären Kommunismus«, warnte der Präsident. Dem Aufruf de Gaulles zur »bürgerlichen Aktion« folgten am 30. Mai rund 400 000 Gaullisten und Faschisten mit einer Großdemonstration auf den Champs-Elysées. Das französische Bürgertum, darunter viele ehemalige Algerienkämpfer, demonstrierte unter Losungen wie »Vorwärts de Gaulle!«, aber auch »Cohn-Bendit nach Dachau« und »Erschießt Mitterrand«.
Trotzdem interpretierte die Kommunistischen Partei die vorgezogene Parlamentswahl als ein Zugeständnis. Die KPF orientierte sofort ihren gesamten Apparat auf den Wahlkampf, ihre Vertrauensleute in den Betrieben forderten den Abbruch der Streiks und ein Ende der Demonstrationen. Dort, wo die Arbeiter nicht auf Weisung der CGT wieder an die Produktion gingen, griff die Polizei gewaltsam ein. CRS-Einheiten attackierten Streikende bei Renault-Fins und Peugeot. Der 24jährige Arbeiter Pierre Beylot wurde dabei getötet. Auch ein 17jähriger Schüler starb nach Polizeiangriffen auf eine Solidaritätsdemonstration mit den Renaultarbeitern.
Gegen die radikale Linke setzte Mitte Juni eine massive Repressionswelle ein. Elf trotzkistische, maoistische und anarchistische Organisationen wurden mit Hilfe des aus der Zeit der Volksfront von 1936 stammenden Verschwörergesetzes verboten, das ursprünglich gegen faschistische Gruppen erlassen worden war. 80 ausländische Aktivisten wurden abgeschoben. Cohn-Bendit hatte bereits nach einer Berlin-Reise am 23. Mai Einreiseverbot erhalten. 17 führende Revolutionäre wurden inhaftiert. Im Gegenzug wurden 50 Mitglieder der rechtsextremen OAS aus dem Gefängnis entlassen.
Die KPF, die sich im Wahlkampf als »loyale Opposition« präsentierte, schwieg zur Kriminalisierung der radikalen Linken. »All unsere Aktivitäten haben im Dienst des Volkes gestanden. Ich bekräftige, daß es vor allem die ruhige und entschlossene Haltung der Kommunistischen Partei war, die ein blutiges Abenteuer in unserem Land verhinderte«, erklärte Parteisekretär Waldeck Rochet. Die Wähler dankten es der KP nicht. Die Partei verlor bei den Parlamentswahlen, auf die sie ihre ganze Hoffnung gesetzt hatte, fast zweieinhalb Prozentpunkte und kam auf 20,03 Prozent. Vor allem in Arbeitervierteln waren viele KP-Wähler den Urnen ferngeblieben.
Die Gaullisten konnten dagegen einen Erdrutschsieg verzeichnen und stiegen von 37,73 auf 43,65 Prozent der Wählerstimmen. Als einzige Kraft links von der KPF war die linkssozialistische Vereinigte Sozialistische Partei (PSU) angetreten, die einen Achtungserfolg von 3,94 Prozent verzeichnete. Der Mai 1968 hat den bis heute andauernden Niedergang der einst mächtigen Kommunistischen Partei Frankreichs eingeleitet, während die radikale Linke, die inzwischen auf zehn Prozent der Wählerstimmen kommt, seitdem aus den gesellschaftlichen Kämpfen nicht mehr wegzudenken ist.
Der Umfang der Protestbewegung läßt sich nur mit den während der zehnjährigen Präsidialdiktatur General de Gaulles angestauten Spannungen und Widersprüchen in der Gesellschaft erklären. Tatsächlich »verschleiert das glänzende, verchromte Modell Frankreich von 1968 ein großes Ausmaß an wirklichem Elend«, wie das englische Sonntagsblatt Observer während der Streikbewegung erklärte. »Fünf bis sechs Millionen Franzosen leben nahe des Existenzminimums. Ein Viertel der Arbeiterschaft verdient weniger als 150 Francs die Woche. Arbeitslosigkeit – von der wahrscheinlich mehr als 500000 betroffen sind – und Kurzarbeit sind neue, fremde und erschreckende Erscheinungen in einem Land, das 30 Jahre lang nur Vollbeschäftigung gekannt hat.« Jugendliche machten 23 Prozent der Arbeitslosen aus. Dazu kamen völlig unzureichende Wohnverhältnisse, unter dem ein Drittel der Pariser Bevölkerung litt. In der Hälfte aller Wohnungen gab es keine Toiletten. Eine Inflation von 45 Prozent, Mehrwertsteuererhöhungen und Angriffe auf die Sozialleistungen während der Präsidentschaft de Gaulles hatte die Arbeiter ausgesaugt. Nur mit Überstunden kamen viele über die Runden. In den großen Automobilfabriken herrschten frühkapitalistische Arbeitsbedingungen. Citroën, wo ein Drittel der Belegschaft aus Einwanderern bestand, die in werkseigenen Wohnheimen kaserniert waren, stand in dem Ruf, ein Zuchthaus statt einer Fabrik zu sein.
Unmittelbarer Auslöser der Mairevolte war die Unzufriedenheit vieler Studenten mit dem starren Bildungssystem. Stipendien existierten kaum, und nur zehn Prozent der Studenten kamen aus Arbeiterfamilien. 50 Prozent der Studierenden wurde vor Beendigung des Studiums hinausgedrängt. Die Durchfallquote betrug 20 Prozent. Die Arbeitslosigkeit unter Hochschulabsolventen war hoch. Die Studierenden forderten Mitbestimmung über Studieninhalte und mehr Freiheiten auf dem Campus wie die Aufhebung der Geschlechtertrennung in den Wohnheimen.
An den Universitäten hatten sich Studentengewerkschaften gebildet, in denen Kader trotzkistischer und anarchistischer Gruppierungen tonangebend waren. Bekanntester Aktivist war der in Frankreich als Sohn deutscher jüdischer Emigranten geborene Student Daniel Cohn-Bendit. Im Interview mit dem Spiegel erklärte der spätere Grünen-Politiker: »Für mich ist die grundlegende Analyse von Marx richtig, die Analyse der kapitalistischen Gesellschaft. Aber die Organisationsformen, die sich die kommunistische Bewegung gegeben hat, lehne ich vollkommen ab. Sie bringen keine neue Gesellschaft zustande, sondern nur neue autoritäre Herrschaft.«
Am 22. März besetzten Studierende an der Philosophischen Fakultät der Universität von Nanterre, einem Arbeitervorort von Paris, mehrere Hörsäle und organisierten basisorientierte Debatten. »Die Studenten erkannten, daß das, was sie in Soziologie lernten, nicht dazu diente, die Gesellschaft zu erkennen und zu verändern, sondern sie zu kontrollieren und zu manipulieren«, schrieb ein Beobachter. Die spontan gebildete »Bewegung des 22. März« stand unter der Leitung von Cohn-Bendit und des Trotzkisten Daniel Bensaid.
Polizei wurde zur Räumung des Gebäudes eingesetzt und die Universität am 29. März geschlossen. Auch auf die Sorbonne griff die Bewegung über. Am 3. Mai nahm die Polizei dort über 600 Studenten fest, die gegen einen Aufmarsch der faschistischen Studentenorganisation Occident protestierten. Ein Teil der Festgenommenen waren ausgesperrte Studenten aus Nanterre. Der Universitätsdirektor erklärte die Sorbonne für geschlossen. Schnellgerichte verurteilten »Rädelsführer« zu mehrmonatigen Haftstrafen.
Die Kommunistische Partei und ihr Studentenverband hatten sich bis dahin abseits gehalten. Am 4. Mai verteilten sie ein Flugblatt: »Nanterre ist geschlossen, die Sorbonne ist geschlossen. In drei Wochen sind die Examen und Zehntausende Studenten werden daran gehindert, sich normal vorzubereiten. […] Ultralinke und Faschisten spielen um die Macht! Man sieht heute sehr gut, wohin die Umtriebe der ultralinken Gruppen (Trotzkisten, Maoisten, Anarchisten und andere) – unter ihnen der deutsche Anarchist Cohn-Bendit – führen.« Und die Parteizeitung L`Humanité ergänzte: »So verhalten sich diese falschen Revolutionäre objektiv als Verbündete des gaullistischen Staates und seiner Politik.«
Für Montag, den 6. Mai, hatten die »Bewegung des 22. März« und die trotzkistische Revolutionäre Kommunistische Jugend zu einer Protestdemonstration gegen die Schließung der Universitäten aufgerufen. Schwerbewaffnete Polizisten der Sondereinheit CRS griffen die über 10000 Studenten an. Es gab mehr als 1100 Verletzte und über 400 Festnahmen. Schon einen Tag später demonstrierten in ganz Frankreich rund 60000 Studenten und Lehrer.
Zum eigentlichen Auslöser des heißen Mai, der den Funken auch auf die Arbeiterschaft überspringen ließ, wurde aber die Barrikadennacht vom 10. Mai in der Rue Gay-Lussac. Mehrere zehntausend Demonstranten belagerten die geschlossene Sorbonne. Die Brutalität der CRS überraschte alle. Tränengas, Chlor- und Phosphorgranaten wurden gegen die Schüler, Studenten und Lehrer eingesetzt. Anwohner öffneten ihre Wohnungen für fliehende Demonstranten oder schütteten Wasser auf sie, um sie vom Granatengas zu befreien. Andere warfen Blumentöpfe auf die Polizei. Am Morgen des 11. Mai gab es über 1000 schwerverletzte Demonstranten und Anwohner, einigen von ihnen hatten Granaten die Hände abgerissen. 460 Festnahmen wurden gemeldet. Den bisher als verwöhnt geltenden Studenten, die sich für ihre Anliegen bis zum letzten mit der auch unter der normalen Bevölkerung verhaßten Polizei geschlagen hatten, gehörte die Sympathie der Pariser.
Angesichts der Polizeibrutalität riefen die Gewerkschaften für Montag, den 13. Mai, einen Generalstreik aus. Auch die kommunistische CGT als einflußreichste Kraft unter den französischen Werktätigen beteiligte sich an dem Streik. Über 750000 Studenten, Arbeiter, Schüler und Professoren zogen durch Paris. Arm in Arm marschierten der kommunistische CGT-Vorsitzende Seguy und der Anarchist Cohn-Bendit. Junge Arbeiter gingen unter schwarzen und roten Fahnen in den Blöcken der Studenten mit.
Gegen die Absicht der CGT setzten die Arbeiter den Generalstreik auch an den folgenden Tagen fort. Am 14. Mai besetzten die Arbeiter von Sud Aviation in Nantes ihre Fabrik und sperrten den Direktor aus. Ihnen folgten die Belegschaften der Renaultwerke. Im ganzen Land kam es zu Fabrikbesetzungen, in einigen Fällen sogar zur Arbeiterkontrolle der Produktion. In der letzten Maiwoche standen rund zehn Millionen Arbeiter im Streik.
Auf dem Höhepunkt der Streikbewegung, als vielerorts die Losung nach der Arbeitermacht ertönte, bekundeten die Führer der kommunistischen CGT den Wunsch nach Verhandlung mit einer zu diesem Zeitpunkt weitgehend machtlosen Regierung. Am 27. Mai präsentierten die CGT-Führer schließlich ein Abkommen mit der Regierung und den Unternehmern, das eine Erhöhung des Mindeststundenlohns von 2,22 auf drei Franc, weitere Lohnerhöhungen von sieben bis 15 Prozent und eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 48 auf 46 Stunden vorsah. Im Vergleich dazu hatten die französischen Arbeiter 1936, als lediglich drei Millionen im Streik standen, schon einmal die 40-Stunden-Woche erkämpft. So forderten die Renault-Arbeiter den Generalsekretär der CGT Séguy auch dazu auf, das Abkommen nicht zu unterzeichnen.
Trotz eines von der Regierung verhängten Versammlungsverbots gingen die Massendemonstrationen im ganzen Land weiter. Noch einmal zogen am 29. Mai rund 800000 Demonstranten unter der von den Kommunisten ausgegebenen Losung »Volksfront demokratischer Einheit« durch Paris und forderten eine »Volksregierung«, an der die KPF teilnehmen sollte. Francois Mitterrand, Führer der Linksföderation, meldete seine Bereitschaft zur Präsidentschaftskandidatur an. Doch während Staatspräsident de Gaulle an einen demonstrativen Rücktritt dachte, blies KPF-Sekretär Waldeck Rochet zum Rückzug: »Wir müssen es verstehen, einen Streik zu beenden.«
Am 29. Mai wurde General Charles de Gaulle für mehrere Stunden als vermißt gemeldet. Der General hatte sich zu den im deutschen Baden-Baden stationierten französischen Streitkräften abgesetzt. Um sich der Loyalität der Armee zu versichern, sagte er die Freilassung einer Reihe von Offizieren der rechtsterroristischen OAS zu, die wegen ihres Aufstands in Algerien inhaftiert waren. Panzereinheiten wurden in die Umgebung von Paris verlegt.
Einen Tag später wandte sich de Gaulle in einer viereinhalbminütigen Rundfunkansprache an das französische Volk. Er erklärte die Nationalversammlung für aufgelöst und kündigte Neuwahlen für den 23. Juni an. »Frankreich ist in der Tat von einer Diktatur bedroht. Man will Frankreich zwingen, sich einer Macht zu beugen, die sich in dieser Situation der nationalen Hoffnungslosigkeit herbeidrängt. Diese Macht, die sich den Sieg zunutze machen wird, ist die des totalitären Kommunismus«, warnte der Präsident. Dem Aufruf de Gaulles zur »bürgerlichen Aktion« folgten am 30. Mai rund 400 000 Gaullisten und Faschisten mit einer Großdemonstration auf den Champs-Elysées. Das französische Bürgertum, darunter viele ehemalige Algerienkämpfer, demonstrierte unter Losungen wie »Vorwärts de Gaulle!«, aber auch »Cohn-Bendit nach Dachau« und »Erschießt Mitterrand«.
Trotzdem interpretierte die Kommunistischen Partei die vorgezogene Parlamentswahl als ein Zugeständnis. Die KPF orientierte sofort ihren gesamten Apparat auf den Wahlkampf, ihre Vertrauensleute in den Betrieben forderten den Abbruch der Streiks und ein Ende der Demonstrationen. Dort, wo die Arbeiter nicht auf Weisung der CGT wieder an die Produktion gingen, griff die Polizei gewaltsam ein. CRS-Einheiten attackierten Streikende bei Renault-Fins und Peugeot. Der 24jährige Arbeiter Pierre Beylot wurde dabei getötet. Auch ein 17jähriger Schüler starb nach Polizeiangriffen auf eine Solidaritätsdemonstration mit den Renaultarbeitern.
Gegen die radikale Linke setzte Mitte Juni eine massive Repressionswelle ein. Elf trotzkistische, maoistische und anarchistische Organisationen wurden mit Hilfe des aus der Zeit der Volksfront von 1936 stammenden Verschwörergesetzes verboten, das ursprünglich gegen faschistische Gruppen erlassen worden war. 80 ausländische Aktivisten wurden abgeschoben. Cohn-Bendit hatte bereits nach einer Berlin-Reise am 23. Mai Einreiseverbot erhalten. 17 führende Revolutionäre wurden inhaftiert. Im Gegenzug wurden 50 Mitglieder der rechtsextremen OAS aus dem Gefängnis entlassen.
Die KPF, die sich im Wahlkampf als »loyale Opposition« präsentierte, schwieg zur Kriminalisierung der radikalen Linken. »All unsere Aktivitäten haben im Dienst des Volkes gestanden. Ich bekräftige, daß es vor allem die ruhige und entschlossene Haltung der Kommunistischen Partei war, die ein blutiges Abenteuer in unserem Land verhinderte«, erklärte Parteisekretär Waldeck Rochet. Die Wähler dankten es der KP nicht. Die Partei verlor bei den Parlamentswahlen, auf die sie ihre ganze Hoffnung gesetzt hatte, fast zweieinhalb Prozentpunkte und kam auf 20,03 Prozent. Vor allem in Arbeitervierteln waren viele KP-Wähler den Urnen ferngeblieben.
Die Gaullisten konnten dagegen einen Erdrutschsieg verzeichnen und stiegen von 37,73 auf 43,65 Prozent der Wählerstimmen. Als einzige Kraft links von der KPF war die linkssozialistische Vereinigte Sozialistische Partei (PSU) angetreten, die einen Achtungserfolg von 3,94 Prozent verzeichnete. Der Mai 1968 hat den bis heute andauernden Niedergang der einst mächtigen Kommunistischen Partei Frankreichs eingeleitet, während die radikale Linke, die inzwischen auf zehn Prozent der Wählerstimmen kommt, seitdem aus den gesellschaftlichen Kämpfen nicht mehr wegzudenken ist.
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Nanterre
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