Vor dem 20jährigen Jahrestag WAA-Hüttendorf

Armin Reich 12.11.2005 20:42 Themen: Atom
Am 16. Dezember 1985 begann mit der Platzbesetzung gegen die Rodungsarbeiten zum Bau der WAA Wackersdorf eine lange Phase des direkten Widerstands gegen ein Symbolprojekt. Es ist damit zu rechnen, daß sich dazu allerlei Retrospektiven in der Szene, in der Presse und in TV-Dokus ergießen werden. Einige Gedanken dazu bereits im Vorfeld.
Anläßlich des 10-jährigen Jahrestages hatte es in Regensburg eine Podiumsveranstaltung gegeben. Auf der Bühne in der ?Alten Mälzerei? räkelten sich vom Landrat über den Dachverbandssprecher bis zum Ex-Bundestagsabgeordneten eine Auswahl ehemaliger Funktionäre und beweihräucherten sich selbst vor 200 klatschenden Sozpäd-Studenten, wie gut sie das alles gemacht hätten. Die Selbstdarstellungs-Orgie war derart grausam, daß es dagegen nur noch ein Mittel gab: eine Batterie Tequilas mit einem alten Kampfgenossen. Es droht bald wieder eine Neuauflage dieser Show, auch sonst ist "Wackersdorf" zu einer bloßen Vokabel im Begründungs- und Analysendschungel verkommen. Daher sei hier mal der Versuch unternommen, abseits von autonomen Strategiepapieren, Aneinanderreihungen von BI- und Atommüllkonferenzbeschlüssen und der reinen Auflistung von Teilnehmerzahlen eine Sicht auf die eigentlichen "Reaktoren" des Widerstands zu entwickeln. Sie zu untersuchen ist nicht nur heimelig im nostalgischen Sinne, sondern äußerst interessant im Hinblick auf eine sich mehr und mehr entwickelnde außerparlamentarische Protest- und Widerstandsbewegung im Deutschland heute.

Am 16. Dezember steht mit dem 20ten Jahrestag des ersten Hüttendorfs gegen die WAA Wackersdorf im Taxöldener Forst wieder ein sattes Widerstands-Jubiläum an. Mehrere tausend Menschen waren 1986 im Anschluß an eine Demonstration in Wackersdorf gegen den Rodungsbeginn in den Forst gezogen und hatten innerhalb weniger Stunden mit den überall herumliegenden, bereits gefällten Bäumen eine veritable Anzahl von Hütten, Unterständen und Barrikaden in den Wald gebaut. Mehr als 1000 Leute übernachteten dort bei strengen Minustemperaturen. Bereits in dieser Nacht erfolgte umgehend der erste Versuch einer Räumung durch die Polizei, doch die hatte sich im Zeitplan gehörig verrechnet. Es dauerte bis 10 Uhr morgens, bis sich die Einsatzkräfte endlich durch die massiven Barrikaden geschnitten hatten und da waren bereits in Massen Besucher aus der näheren Umgebung mit heißer Suppe und Kaffeekannen dazu gekommen, bis zu 20.000 Oberpfälzer besuchten an diesem Tag das Dorf und bekundetet ihre Solidarität. Die Aktion wurde aus politischer Erwägung heraus abgeblasen, die Räumung auf den Montag verschoben. Damit war die großkotzige Ankündigung von Franz Josef Strauß, die Platzbesetzung werde keine 24 Stunden überdauern, gebrochen und die Bewegung hatte ihren ersten großen Sieg gegen die Atompläne und die sie durchsetzenden Polizei-Kohorten errungen.

Zu den Meilensteinen des aufbrandenden Protests hatten zuvor schon die Demonstrationen in München und Schwandorf mit zehntausenden von Teilnehmern gehört, doch das Hüttendorf markiert den Beginn eines entschiedenen Widerstands gegen das Bauprojekt, in dessen Rahmen Aktionen, die lediglich eine Willensbekundung zum Inhalt hatten, eher eine Ausnahme bildeten. Diegeballte Ladung zivilen Ungehorsams, der Staat und Industrie entgegenschlug, war beeindruckend und wurde trotz mancher Fehler, Versäumnisse und Irrtümer zum linken Mythos. Bedingt durch den GAU in Tchernobyl und die Explosion der "Challenger" (verknüpft ließen die beiden Ereignisse das Jahr 1986 zu einem Wendepunkt in Hinblick auf den blinden Glauben an die grenzenlosen Möglichkeiten der Technik im Allgemeinen werden) wuchs die Bewegung zu einer bundesweit vernetzten Lawine an. Militante fällten 200 Strommasten, fast monatlich gab es Demos mit bis zu 150.000 Teilnehmern und die Infostände und Mahnwachen blühten bis ins letzte Dorf. Der wichtigste Umstand war jedoch die Breite der Bewegung, vom Anarchisten bis zum (dann ausgetretenen) CSU-Vorstandsmitglied und die sehr weit reichende Einigkeit dieser Bewegung. Es wurde klar, daß ein weiterer Ausbau der Atomtechnologie in Deutschland politisch nicht durchsetzbar ist und in der Folge verstarb auch das Projekt WAA Wackersdorf nachdem sich als letzter störrischer Behaupter der bayrische Ministerpräsident totgesoffen hatte (bei seiner Einlieferung in einer Klinik in Regensburg hatte er fast 2 Promille).

Alle, die damals auf der Straße waren, werden es mir bestätigen: der Zeitgeist schrie nach diesen Ereignissen, so daß sie die jeweiligen Strömungen und Strukturen nur noch in ihre Protokolle und Essays fügen mussten und solche wie das Hüttendorf oder die Pfingst-Krawalle entwickelten sich über einen Event-Charakter hinaus zu Bewußtwerdungsprozessen, die maßgebliche inhaltliche Akzente setzten. Wer behauptet, er oder seine Gruppe hätten zu irgendeiner Zeit irgend etwas im Griff gehabt, der lügt. Alles was uns blieb, war hier und da daran herumzufeilen und sich den ergießenden Energien als Sekretär/in zur Verfügung zu stellen. Im Folgenden werde ich mal einige Beispiele für kommunikativ wertvolle Eckpfeiler dieser Eigendynamik der Masse skizzieren, vom kleinen Kuchenstand am Rande bis zu dem zentralen Plenum in Gestalt der Sonntagsspaziergänge.

Der Kuchenstand: der Kuchenstand gehörte zu den festen Institutionen des unorganisierten Widerstands und wurde an die unterschiedlichsten Zwecke geknüpft, vom Ankauf von Nahrungsmitteln für Hüdo-Bewohner bis zur Prozeßhilfe. Im Vordergrund stand die Information, daß irgendwer einen Kuchenstand aufbaute und zu Kaffee und Kuchen derer, die ihn vorbereitet hatten, kamen noch etliche Teile dazu - der sprichwörtliche Ehrgeiz von typischen Hausfrauen bei solchen Anlässen die beste Arbeit abzuliefern sorgte für ein meist großes und schmackhaftes Angebot. Der erwirtschaftete Profit war jedoch eher gering. Eine eigentliche Bedeutung kam dem Kuchenstand daher mehr als Informationsdrehscheibe zu. Hier war der zentrale Platz für ein Päuschen, einen Kaffee und das Schwätzchen, das in den Wirrungen der Spaziergänge und Demos eher zu kurz kam. Außerdem lagen dort immer die aktuellen Flugis aus. Und so war eine der zentralen Fragen bei vielen Aktivitäten: "wo ist denn der Kuchenstand?" . Die Tätigkeit des Kaffee-Ausschenkens ist traditionell ein Hobby von Ratschkacheln ( das ist nicht ironisch gemeint:  http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20836/1.html ) und so war das Informationsniveau im Umfeld dieser Kuchenstände sehr hoch, so wie natürlich auch das Besucher-Interesse. Da kamen die Info-Stände der verschiedenen Strömungen lange nicht mit und die besondere Klasse der Kuchenstände ergibt sich aus dem gruppenübergreifenden Charakter. Kuchenstände wurden während der Auseinandersetzung um die Startbahn West so richtig populär und sind wohl aus dem Verständnis für die Notwendigkeit einer Brotzeit aus dem Feld der "Normalos" heraus entstanden. Bei linken Demos sind derartige Erscheinungen fast unbekannt, alternativ dazu gibt es "Convergence-Center" und "Info-Points".

Die Sonntagsspaziergänge: Der erste Sonntagsspaziergang war eine Schau! Lang und bedeutend waren die Diskussionen der Vertriebenen Hüttendörfler im Kölbldorfer Stall gewesen. Unbedingt mußte eine Eskalation vermieden werden, die bürgerlichen Leute sollten auf gar keinen Fall verschreckt werden und die Sonntagsspaziergänge zu einer erfolgreichen, regelmäßigen Institution. Sie überlegten sogar, wie sie deeskalierend bei Gefahr einschreiten können. Sonntags war die Enttäuschung erst groß, da sich am Marterl nicht sehr viele und auch noch besonders konservative Leute eingefunden hatten. Als der Kölbldorf-Mob jedoch in die Nähe der Rodungszone kam, stellte er fest, daß sich bereits hunderte von Spaziergängern dort befanden und alte Männer mit Spazierstöcken auf die Waldarbeiter losgingen. Da waren die Militanten so baff, daß sogar die ersten Hippies bereits munter mitrangelten, bevor sie wieder aufwachten. In der Folge wurden die Rodungsarbeiten entgegen dem Zeitplan dann Sonntags wegen Undurchführbarkeit eingestellt. "Der Sonntagsspaziergang" war eine absolute zentrale Veranstaltung und neben dem institutionalisierten Widerstand aus lokalen BIs und überregionalen Konferenzen oder Treffen die dritte Kraft auf der Bühne der Anti-AKW-Politik. Die "Zaunis", wie dieses aus seltsamer Eigendynamik heraus gelenkte Völkchen aus notorischen Unruhestiftern im sonntäglichen Forst genannt wurden, besaßen zwar keine offizielle Instanz, waren doch in Form von Argumenten wie "da machen die Zaunis nicht mit" oder "dann pöbeln die Zaunis sofort wieder los" stets bei Entscheidungen der Offiziellen präsent, schließlich standen auch viele BI-Obere mit einem Bein im Zauni-Block so wie die Zaunis
einen sehr großen Teil der aktiven BI-Basis bildete. Der Sonntagsspaziergang startete in der Regel zwischen Zwei und Drei nach der Andacht beim Franziskus-Marterl am Bahnhof Altenschwandt. Ein Haupt-Tross von 200-300 Leuten bewegte sich dann von dort am Zaun entlang zum Haupttor. Doch war eigentlich der ganze Wald voller Leute und Gruppen, die sich sporadisch dem Zug anschlossen und auch wieder verliessen. Es ist schwierig, die Zaunis zahlenmäßig zu definieren, zwar kann gesagt werden, daß es 300 - 500 regelmäßige Spaziergänger gab, doch konnte es durchaus passieren, daß sich noch viel mehr tausend Menschen diesem konzeptionellen Sonntagsspaziergang anschlossen. Ziel und Zweck war es in erster Linie die Staatsmacht zu stressen, wo immer sie sich zeigte und Einrichtungen derselben, der Atommafia und beteiligter Firmen und Institutionen zu beschädigen. Die Gewalt-Akzeptanz war sehr hoch angesetzt, in einem Fall verstellten mehrere Hundert der Polizei die Sicht mit ihren Körpern und aufgespannten Regenschirmen, während ein kleines Grüppchen ein Zementwerk anzündete und mehrere 100.000 Mark Sachschaden anrichtete. Dies markierte jedoch bereits einen Übertritt über eine kritische Linie, es kam zu einer Verfolgungs- und Verhör-Welle, die zwar nicht den erwünschten Ermittlungserfolg brachte, aber deutlich machte, daß dieses Niveau eine zu starke Belastung der Gemeinschaft darstellte. Es kam jedoch auch zu spontanen Telefonketten, wo mehrere Dutzend Leute - alle aus dem Spektrum der "Normalbürger" - morgens zu Tatorten von Anschlägen fuhren, um dort Spuren zu zertrampeln. In der Regel lagen die Provokationen der Zaunis aber auf einer niedrigen Eskalationsstufe, auch muß hier auf das besonders provozierende Verhalten der Polizei verwiesen werden, das viel zum Knistern beigetragen hat. Auch inhaltlich gab es eine Entwicklung bei den Zaunis, zuerst waren da die Konflikte mit rechts angehauchten Kameraden und ihren fremdenfeindlichen Sprüchen. Insgesamt fielen diese Leute im Verlauf des Jahres 1986 alle aus den Zusammenhängen heraus, doch leider auch die Autonomen, denen diese Abgrenzung nicht konsequent genug betrieben wurde. Schade, hier haben etliche Leute wie ältere Hausfrauen und Arbeiter angefangen sich mit den Hausbesetzungen zu beschäftigen und anarchistische Texte gelesen, sie blieben jedoch ohne Anknüpfpunkte an die sich verhärmenden Szenen in den Metropolen. Was blieb waren gelegentliche Fahrten etwa zur IWF-Kampagne in Berlin und die Erkenntnis, nun von den Leuten, mit denen man einst so sympathisch zusammenwerkelte, nurmehr als Exot behandelt zu werden. Von der generellen Politisierung - an den Stammtischen in Neuenschwandt ging es bereits um Globalisierung - abgesehen ist es jedoch schwierig, eine inhaltliche Gesamtausrichtung zu erkennen - erstreckte sich das Spektrum doch vom Autisten bis zum hohen Angestellten. Der Konsens lautete in etwa "ziviler Ungehorsam gegen Kapitalismus und Polizeistaat". Auch hier möchte ich den Blick auf die kommunikativen Funktionen dieses regelmäßigen Treffens lenken, das mitnichten von ständigen Querelen mit den Ordnungskräften gezeichnet war, sondern zu 90 Prozent aus Gesprächen untereinander. Neben der Politisierung brachte dies ein Gefühl von Solidarität mit sich, das sogar familiär war und ein beachtenswertes Agieren nach einem gemeinsamen Konsens. Inhaltlich setzten Zaunis Meilensteine wie die Blockadetage als "Manöver" zu den erwarteten Transporten, die hauptsächlich aus diesen Reihen gegen das Befremden sowohl aus den Kreisen der Autonomen als auch der BIs durchgedrückt wurden, ein schönes Beispiel für den großen Einfluß, den das Potpurri aus so unterschiedlichen Menschen in dem ganzen Widerstandspuzzle spielen konnte. Regelmäßig wurden auch spontane Angriffe oder Nachtspaziergänge angesetzt, regelrechte Widerstands-Kaffeefahrten mit Busladungen voller pöbelnder Zaunis fanden z.B. nach Gorleben oder Temelin statt. Auch gegen den Nazi-Aufmarsch in Wunsiedel wurde mobilisiert. Noch lange nach dem Aus für Wackersdorf hielten sich die Zaunis als Gruppe, doch zahlenmäßig immer mehr zerbröselnd weht ihr Geist heute nur noch als Hauch durch die Oberpfalz. Der kommunikative Wert wurde nur einmal thematisiert, als nach dem Aus für die WAA der häufige Kommentar "Schade" war - die Sonntagsspaziergänge waren längst zu einem übergreifenden Plenum und einem Hort gegen die Vereinzelung geraten und ist in den bleiernden späten 90er Jahren leider allzu früh still und leise verschieden.

Das Hüttendorf: es wurde von niemanden geplant oder angesetzt, es war einfach da. Der Gedanke an ein Hüttendorf zum Rodungsbeginn strich - bedingt durch die romantischen Vorbilder in Gorleben und Mörfelden-Walldorf - bereits durch die Herzen junger Rebellen im ganzen Land, lange bevor er zum ersten Mal auf einem Atomplenum geäußert wurde. Bereits auf der Großdemo in München im Frühjahr ging ein Flüstern durch die Massen und der Bau einer Freundschaftshütte von Auswärtigen und Einheimischen im sommerlichen Forst war ein richtungsweisendes Symbol. Eines, das die überwiegend von konservativen Kreisen bestellten Vorstandszirkel der BIs allerdings eher vor Befremden stellte, weshalb der Dachverband auch explizit nicht zum Hüttendorf aufrief und die kargen bundesweiten Zusammenhänge sich mit Rücksicht auf die lokalen Kräfte eher verhalten äußerten. Doch als die ersten Bilder von Störern bei der Rodung durch die Gazetten kreisten, war dies das Signal: die Säge gepackt und auf zur Großdemo am 16. Dezember. Zu groß war die Kraft der Symbolik und unter den Auswärtigen selbst war die Lage im Hüdo klar: hier gings gar nicht so sehr um die WAA als um das System, das seine häßliche Fratze in perfekt umgesetzter Dramatik zeigt. Die reaktionären Zeitungen druckten diese These auch fleissig in der irregeführten Absicht, die Hüttendörfler in Mißkredit zu bringen und so hatte der WAA-Abwehrkampf bald seinen Platzhalterstatus bekommen, auch für die, denen es um die Maxhütte, um die Entwicklung zur Demokratur oder um das jugendliche Rebellieren ging. Das zweite Hüttendorf, das wegen dem Straußchen Weihnachtsfrieden 10 Tage geduldet wurde, verstärkte den Effekt eines bundesweiten Plenums. Kein Eck aus der ganzen Republik, aus dem nicht irgendwelche Leute da waren. Beide Hüttendörfer wurden in ihrer Dynamik sehr wesentlich von der praktischen Erfahrung der autonomen Gruppen bestimmt, die im Gegensatz zu Landleuten oder Studenten bereits auf eine gewisse Tradition des direkten Widerstands zurückblicken konnten. Mit demVerhandlungsgeschick aus Hausbesetzertagen war die "Soli" schnell auf die Reihe gebracht und im Wettstreit der Barrikadenbauer siegte Freiburg ("Mocambo") ganz klar mit weitem Abstand zu Berlin ("Panzerknacker"). Der Besuch durch mehrere zehntausend Oberpfälzer brachte einen soziologischen Erdrutsch mit sich. Die beherzt zupackenden und durchweg freundlichen Chaoten und Studenten machten auf diese Leute einen mächtigen Eindruck, ebenso lernte die Szene, daß die vermeindlichen Spießer nicht selten verrückte aber symphatische Leute mit guten Gefühlen sind. Da fing so manche kleine Welt das Rutschen an, die Gespräche und Diskussionen florierten. Die polizeiliche Räumung erschien dann wie das brutale Abmurksen eines kreativen Prozesses allerhöchster Güte und löste eine direkt überproportionale Empörung über diese eigentlich vorhersehbare Konsequenz aus.
Viele Ansätze werten das Hüttendorf leider rein in der sensationistischen Medienwirkung und im demoskopischen Mobilisierungseffekt. Doch in der Tat springt es aus dem Rahmen konventioneller Betrachtungsweisen heraus und ist eher mit einem Pow-Wow nordamerikanischer Indianer zu vergleichen. Zusammengefaßt mit den Anekdoten beim abendlichen Bier im Bürgerkeller bis zur Story beim Joint in Kreuzberg steht diese Zeit für einen gesellschaftlichen Kommunikationsprozeß, der eine fundamentale Bedeutung für den gesamten Ablauf der kommenden Ereignisse hatte und als Fundament des Potentials, aus dem die Funktionäre der geordneten Strukturen schöpften, auch dieser Verbandspolitik die Weichen stellte. So war eine unmittelbare Folge des Hüttendorfes eine Putschwelle bei den BIs, die einen Haufen progressive Leute nach vorne brachte. Den Autonomen brachte dies einen sprunghaften Zulauf von Neueinsteigern, die die verkarsteten Strukturen aufbrachen und frischen Wind reinbrachten. Im Hüttendorf wurden die Protestler mit einer Energie aufgeladen, die sie lange nicht mehr loslassen sollte, die insgesamt die Qualität des gesamten Widerstands bestimmte und genau betrachtet wurden die atomfeindlichen Funktionärs-Strukturen befruchtete, anstatt umgekehrt.

Das Anti-Waahnsinnsfestival: seit Beginn der 80er Jahre, als Wackersdorf zum ersten Mal als Standort genannt wird, organisierte das Jugendzentrum Burglengenfeld, das aus der Anti-Autoritären Bewegung der frühen 70er heraus entstanden ist und als letztes bayrisches Juz noch selbstverwaltet ist (ist Dorfen schon zu?), dieses Musikfestival, das sich fast ausschließlich aus regionalen Bands speiste und mit dem Konzept der kostengünstigen Teilnahme auch in einem gewissen Zussammenhang mit den aus der Juz-Bewegung herausgekommenen Umsonst&Draußen-Festivals steht. 1986 kippte der Clan über und blies die ganze Sache zu einem bundesweit beachteten Mega-Ereignis auf, um danach eine private Konzertagentur aufzumachen und im lokalen Jet-Set zu versumpfen. Die folgenden Festivals litten unter dem Zwang, zumindest ansatzweise an die vorherigen Dimensionen heranzukommen und endeten in einem gewaltigen Flop. Seitdem hat es im Juz nie wieder den Versuch gegeben, ein Open-Air zu veranstalten. Das Anti-Waahnsinnsfestival war die Plattform der gesamten Freak-orientierten oberpfälzer Jugend, die ja bereits als Brückenglied existierte, bevor der erste "Alien" aus den Universitäten der Metropolen mit seinen bunten Haaren oder dem Ökopullover im Taxöldener Forst auftauchte.

Das Plenum als solches: wenn eine große Ansammlung von Menschen orientierungslos herumstehen, dann erschallt oft der Ruf "Plenum" und ein gewisser Teil der Anwesenden beginnt, über die Möglichkeiten der Orientierung zu debattieren. Das ist manchmal genauso verwirrend wie die Orientierungslosigkeit selbst, weshalb dem Plenum ein schlechter Ruf nachhängt. Es gab Plena über grundsätzliche Fragen, die hätten eigentlich filmisch dokumentiert werden müssen und solche, die gehören auf die Liste der schlimmsten Zeitverschwendungen. Berühmt ist auch das Plenum der wilden Demo an der ersten Straßenkreuzung. Bei einem Plenum weiß man zwar nie, was bei rauskommt, doch das einst von basisdemokratischen "Spinnern" angezettelte Kommunikationsmodell hat sich bereits bis in die Büroetagen von Konzernen durch etabliert. Trotzdem ist uns das Plenum noch weitgehend fremd geblieben, von einer Plenums-Kultur kann schon gar keine Rede sein. Die Existenz unsichtbarer Plena wie in den oben genannten Beispielen ist weitgehend unbekannt oder wird gar in Abrede gestellt.

All die genannten Kommunikationsprozesse sind nur sehr schwer steuerbar, oder nur mit fiesen und aufwändigen Mitteln der Propaganda und Manipulation. Es sind langfristige und zähe Prozesse mit sehr vielen Beteiligten. Das Hüdo und die Sonntagsspaziergänge waren nicht nur Demonstration und plakativer Ausdruck des Protestes, sondern es stehen ihnen wesentlich mehr Bedeutung zu als Freiräume, in denen diese Prozesse ungehindert ablaufen konnten und damit eine sehr produktive Eigendynamik in Gang kam. Wenn wir ein Gefühl von Revolution entwickeln wollen und Schritte unternehmen hin zu einer anderen Gestaltung von Gesellschaft, dann sollten wir uns neben den theoretischen Grundlagen auch völlig unbefangen mit Kommunikation und der Gestaltung von Kommunikationsräumen widmen und zwar nicht nur in der Internetwelt, sondern auch von Angesicht zu Angesicht. Zumindest wenn wir auf der Grundlage hierarchiefreien Denkens bleiben wollen. Ein interessanter Ansatz wäre 1986 das Pfingstcamp gewesen, das ähnlich wie eine Wirtschaftsmesse mit Kultur und politischen Vorträgen bewußt abseits der "Front" am Bauzaun zu einem Innovationspool hätte werden sollen, das angesichts der Entwicklung nach dem GAU in Tchernobyl allerdings plötzlich eine völlig andere Stoßrichtung bekam. Dem Ausbruch von Massenmilitanz an Pfingsten konnte man sich nur in der ein oder anderen Form beugen, diese eruptive Gewalt gehörte sich eigentlich wie die anderen Events oben aufgelistet. Ob derartige aktivistische Phasen als Ergebnis oder als Blockade inhaltlicher Auseinandersetzung zu werten sind, bleibt im Moment noch Ansichtssache. Wichtiger erscheint mir die zeitliche Einteilung.

Es sollen hier nicht die Akzente von Positionspapieren, Ratsentscheidung oder Demo-Aufrufen verniedlicht werden. Es soll auch nicht der Einfluß anderer Faktoren verkannt werden, von denen ich einen hier mal besonders erwähnen will: die Oberpfalz wird in autonomen Papers und anderen Analysen stets als ein Netz von Bauerntrampelhausens dargestellt, doch das ist ein völliger Mißgriff. Der Verbund aus Kohle in Schwandorf, Verhüttung in Sulzbach und Walzwerk in Maxhütte-Haidhof galt ein Jahrhundert lang als der Ruhrpott Bayerns. 1918 war die Gegend Hochburg der Münchner Räterepublik, in Burglengenfeld war die dominierende Gewerkschaftsbewegung die zwar von der KPD finanzierte, aber aus Sozialrevolutionären bestehende RGO - was in etwa auch den Zustand der linken Arbeiterbewegung dort trifft, die sehr wesentlich von dem Maler Josef Schmid geprägt war, einem Anhänger Erich Mühsams. Als es 1932 zu einer Schlägerei zwischen auswärtigen Nazi-Propagandisten und Rotfrontlern auf dem Marktplatz kam, bildete sich schnell ein Mob aus 400 Personen, der die Nazis lynchen wollte - nur unter heftigem Einsatz zweier Gemeinderäte war es möglich, das Maß an körperlichen Schäden bei schweren Verletzungen zu begrenzen. Da wird dann schon schnell klar, warum im Städtedreieck der etwas andere Wind wehte, der Ruhrpott Bayerns wurde zudem just zur Hüttendorfzeit ersatzlos geschlossen. Und so unüberbrückbar sind die Gegensätze zwischen dem Berliner Jobber-Punk und dem Stahlarbeiter aus Maxhütte nicht, da liegt sogar eher eine gegenseitige Achtung nahe.

Ist also dieser Aufstand von 1986 als Modelfall für zivilen Ungehorsam zu sehen, gar für künftige Revolutionen? Welcher Teufel hat uns da eigentlich geritten, als wir so gescheit auf die Kacke hauten? Ist das kurzfristige Zusammengehen von Chaoten und Spießern eine Liebe fürs Leben oder eine peinliche Affäre? Was bedeutete der Bruch mit dem System für unser weiteres Leben? Ist das alles überhaupt wichtig? 20 Jahre nach dem Hüttendorf stehen da immer noch Fragen über Fragen und wer im Internet nach Antworten sucht, findet - nix. Außer einer groben Darstellung der Amberger BI, einer Schülerarbeit und ein paar Impressionen auf Indymedia ist da ein großes Loch im allesumspannenden Netz. Da wären noch ein paar alte Druckerzeugnisse, die in 1000er-Auflagen erschienen sind und noch in ein paar wenigen gut sortierten Archiven zu finden sind.

Als nächstes wird dann jeder Fehler unweigerlich nochmal gemacht und Chancen jahrelang verkannt. Damit dies nicht so wird und als bewußter Gegenpol zu den Podien der sich selbst beweihräuchernden Funktionäre findet am Wochende vom 16. bis zum 18. Dezember im Jugendzentrum Burglengenfeld ein "Klassentreffen" statt, zu dem alle Beteiligten an den damaligen Aktionen, Zaungäste mit emotionalem Bezug wie Aktivisten, sowie alle, die etwas darüber wissen wollen, herzlich eingeladen sind. Das Programm lautet wie folgt:

Freitag: Anreise, Kennenlernen und Wieder-Kennenlernen mit großem Abendplenum. Anschließend Tanz und Alkohol.
Samstag: Bestimmt viele individuelle Ziele und alternativ dazu Café und Kneipe im Jugendzentrum. Um 17 Uhr gibt es eine gemeinsame
Feierstunde im Stall in Kölbldorf mit "Kuchenstand" und Glühwein. Abends im Juz ein facettenreiches Kulturprogramm.
Sonntag: gehen wir selbstverständlich abschließend alle gemeinsam spazieren, wann und wo entscheiden wir dann, wir wollen ja nicht das
Ordnungsamt bemühen.

Es wäre schön, wenn sich neben einem nostalgischen Wochenende auch noch etwas anderes ergeben würde, vielleicht ein etwas detaillierteres Symposium im Frühjahr. Und sich die Befürchtung, um die Veteranen würde es sich um eine Armada der Resignierten handeln,
sich als Trugschluß herausstellen. Für die, die nicht private Anknüpfpunkte hier haben (bei Kontaktschwierigkeiten helfen wir) organisieren wir gerne Pennplätze. Bitte meldet euch recht bald an, damit wir hier einen Plan haben, wieviele Leute kommen und welche Infrastruktur
benötigt wird. Desweiteren bitten wir um eine weitreichende Verteilung dieser Einladung, auch an die, die irgendwo depressiv in der Dachkammer vor ihrem Bong hocken.

Telefonkontakt: 0 94 71 / 8 04 02 jeden Freitag von 17.00 - 19.00 Uhr
e-mail:  erichmuehsam@gmx.de

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homepage der BI gegen Atomanlagen Amberg:  http://www.amberger-bi.de/
Salzburger Plattform gegen Atomgefahren, Wackersdorfdenkmal -  http://www.plage.cc/de/aktiv/waadenkmal.shtml
"Für die, die nicht dabei waren..." Eine Wackersdorf-Chronik von Westberliner Szenefossil -  http://de.indymedia.org/2003/06/54284.shtml
"Geschichte der Startbahnbewegung", stark verbunden, nicht nur allein beim Bau der Gemeinschaftshütte -
 http://www.graswurzel.net/234/startbahn.shtml
"Der vergessene Konflikt", der Schriftsteller Peter Härtling über seine Erinnerungen an die Startbahn-Zeit, sehr ähnlich -
 http://www.fr-aktuell.de/uebersicht/alle_dossiers/regional/waechst_der_flughafen_weiter/waechst_der_flughafen_weiter_magazin_sonderausg
abe/?sid=aa8433c333fd72787fbef59aa22c3873&cnt=372224
"Chronik der Anti-Atom-Bewegung", eine stichwortartige Auflistung von Meilensteinen -
 http://rhein-zeitung.de/old/98/03/10/topnews/ahauschr.html
"Bürgers" (damaliges Kosewort in Autonomenkreisen) gibt es immer noch: "Eine Bürgerin erzählt" -
 http://www.widersetzen.de/Eine_Buergerin_erzaehlt.htm
Landrat Hans Schuirer bei der Räumung -  http://www.oskar-duschinger.de/neu/buecher/unbestechlich_2.htm
"Impressionen Wackersdorf 85/86", einige Fotos -  http://www.germany.indymedia.org/2003/06/53829.shtml
"Gummigeschosse, Wasserwerfer, CS-Gas", '86 erschienene Broschüre über die Entwicklung hin zum Polizeistaat -
 http://www.nadir.org/nadir/initiativ/sanis/archiv/cs/kap_00.htm
"Der vergessene Konflikt", der Schriftsteller Peter Härtling über seine Erinnerungen an die Startbahn-Zeit
 http://www.fr-aktuell.de/uebersicht/alle_dossiers/regional/waechst_der_flughafen_weiter/waechst_der_flughafen_weiter_magazin_sonderausg
abe/?sid=aa8433c333fd72787fbef59aa22c3873&cnt=372224
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Ergänzungen

In die Zukunft gedacht:

egal 13.11.2005 - 16:08
Gegen den G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm:
"Protestieren, Umzingeln, Blockieren"
Sehr guter Text!
 http://www.g8-2007.de/

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