Argentinien: Pendler verlieren die Geduld

Carlos el Coyote 03.11.2005 03:25 Themen: Globalisierung Soziale Kämpfe Weltweit
Am Montag brach im Osten von Buenos Aires für 5 Stunden der Notstand aus. Tausende Pendler rasteten aus, nachdem der Zug mal wieder Verspätung hatte. Der Zorn richtete sich zunächst gegen die Einrichtungen des Bahnbetreibers TBA, der die vormals staatliche Bahngesellschaft Sarmiento übernommen hatte. Bilanz des Tages: 29 Verletzte und 113 Festnahmen.
Um 9 Uhr morgens rollt langsam der vollbesetzte Bummelzug in Haedo ein, einem Vorort von Buenos Aires. Die meisten Leute wollen zur Arbeit. Der Zug mit einer Länge von 9 Waggons - ein jeder besetzt mit 250 Passagieren - hat bereits etwa 4 Stunden Verspätung. Im Bahnhof von Haedo kommt dann die Durchsage: Der Zug wird ausgesetzt!

Die Passagiere drehen durch: sie zünden den Zug an mehreren Stellen an und hindern die später eintreffende Feuerwehr daran, den Brand zu löschen. Dann zünden sie auch das Bahnhofshäuschen und einen weiteren Zug an, und lassen vorher die Kassen der Ticketverkäufer mitgehen. Die eintreffende Polizei setzt Gummigeschosse und Tränengasgranaten ein. Wegen der Überzahl tausender empörter Pendler müssen sie sich jedoch zunächst wieder zurückziehen. Die Situation spitzt sich immer weiter zu: Umliegende Geschäfte werden geplündert, zwei Steifenwagen angezündet und zwei Banken verwüstet. Gegen 1 Uhr Mittags trifft schließlich die Lokalpolizei, unterstützt von der Bundespolizei, mit 40 Fahrzeuge ein und macht dem Spuk gegen 3 Uhr ein Ende. Zurück bleibt ein Trümmerfeld. Wie kam es zu den Ausschreitungen?

Zunächst einmal sind die Bummelzüge des Bahnbetreibers TBA eine Misere: Sie sind nicht alt, sondern billig hergestellt. Ungefederte Plastikschüsseln auf Schienen. Zudem haben sie dauernd Verspätung und Ausfälle, was wohl auf deren mangelhaften Wartung zurückzuführen ist. Und eine Alternative zu den Zügen gibt es für die Pendler indes nicht.

Die vormals staatliche Bahngesellschaft Sarmiento wurde in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts privatisiert, wie damals alle staatlichen Dienstleistungsbetriebe.

Vgl. bezüglich der privatisierten Trinkwasserversorgung:
 http://de.indymedia.org//2005/09/127691.shtml

Ohne die versprochenen Investitionen zu tätigen und quasi ohne staatliche Aufsicht machen die Privaten was sie wollen. Erst im letzten Jahr hat der “Volksverteidiger” - ein von der EU mitfinanzierter unabhängiger Vertreter des öffentlichen Interesses - die schlechte Situation der Einsenbahnen im Land kritisiert, und dabei ausdrücklich den Bahnbetreiber TBA für dessen schlechten Service gescholten. Die Montagspendler kamen also nicht zum ersten mal zu spät zur Arbeit, dank der unzuverlässigen Bahngesellschaft TBA.

Und eine Fabrikarbeiterin hat mir heute das Problem so geschildert: “Ein Teil des Lohnes wird am Ende des Monats als Zuschlag ausgezahlt, wenn du den ganzen Monat pünktlich zur Arbeit erschienen bist. Kommst du nur einen Tag zu spät zur Arbeit, dann verlierst du diese Provision. Auch macht es kein Arbeitgeber lange mit, wenn du um Stunden zu spät kommen.”

Und dass die schlechte Stimmung dieses mal explodierte, ist vielleicht einem Zufall geschuldet. In den nächsten Tagen findet in Mar del Plata, einer Stadt etwa 250 Km von Buenos Aires entfernt, ein Treffen der amerikanischen Staats- und Regierungschefs statt, zu dem auch George W. Bush eingeladen ist. Es wird mit gewalttätigen Massenprotesten gerechnet. Vermutlich befanden sich unter den Zuggästen auch Demotouristen auf dem Weg nach Mar del Plata. Dies erklärt jedenfalls, warum einige der Fahrgäste Brandsätze bei sich führten.

Die Polemik von staatlicher Seite blieb natürlich auch nicht aus: “das waren alles keine Arbeiter, denn die würden versuchen, auf anderem Wege zu ihrer Arbeit zu kommen“. Oder: “die hatten alle Aspekte von Piqueteros“. Und einen Tag später konnte der Spieß in den Medien umgedreht werden: Sie zeigten eine kleine Schar von Anwohnern, die um ihr kleines, ausgebranntes Bahnhofshäuschen trauern. Dazu gibt es mit tragischer Musik unterlegte Bilder der Ruine. Ein Nachbar wird interviewt: er habe in dem Trubel die (ca. 60 cm hohe) Marienstatue aus dem Bahnhof gerettet und mit nach Hause genommen, um sie vor den Vandalen zu schützen und später wieder zurück zu bringen. Nach den Gründen der Unruhen fragt niemand mehr.

Einzelheiten in spanischer Sprache unter:
 http://www.pagina12.com.ar/diario/elpais/1-58722-2005-11-02.html
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Ergänzungen

Dubbel Bush wird Argentinien besuchen

4 - 5 November, 2005 03.11.2005 - 11:22
FOURTH SUMMIT OF THE AMERICAS
Mar del Plata, ARGENTINA
"Creating Jobs to Fight Poverty and Strengthen Democratic Governance"
 http://www.summit-americas.org/NextSummit_eng.htm

Auf dem Gipfel der Amerikas in Miami 1994 stellte Bill Clinton das Projekt einer Freihandelszone von Alaska bis Feuerland (ALCA) vor:
 http://www.summit-americas.org/eng/miamisummit.htm

Die Agenda sieht eigentlich immer wie Weltbank Ringelpiez aus:
 http://www.summit-americas.org/NextSummit_eng.htm

 http://argentina.indymedia.org/

 http://argentina.indymedia.org/news/2005/11/343496.php

In einem Eisenbahnforum ...

blubb 04.11.2005 - 09:58
... hab ich diesen Artikel gerade gepostet.

Könnte eine Interesannte Diskussion hier geben:
 http://s134260722.online.de/drehscheibe-online/forum/read.php?f=30&i=709&t=709

Zorn

tierr@ 04.11.2005 - 17:31
Was sollen solch, negativ beladenen, respekt-und
würdelosen Formulierungen wie "ausrasten","durchdrehen"
bei der Berichterstattung über ein Land, dessen Volk/Völker
Diktatur, brutale Repression und nun Armut und noch immer
Unterdrückung erleiden mussten und sollen?
Das adäquate Wort heisst : Entladung ( berechtigten )
Volkszornes. Zorn ist etwas anderes wie durchdrehen ...
Der Widerstand in Argentinien ist weder ein Kindergarten
noch eine Psychartrie ... die Menschen in Argentinien
rasten nicht au, sie leisten Widerstand und zwar
etwas temeperamentvoller und ehrlicher als hier
QUE SE VAYAN TOD@S
oder auch so:viele Bilder zu Kunst-Widerstandaktionismus
 http://barcelona.indymedia.org/newswire/display/211782/index.php



weitersagen

@ 04.11.2005 - 18:31
De víctimas a victimarios
Cuando se quiere tapar el bosque con un árbol…


Gisela Gaeta

¡Perfecto! Más de lo mismo… Resulta que los usuarios de TBA - o ex Ferrocarril Sarmiento – somos vándalos que arremetemos contra los trenes y los empleados de la empresa que, de tan buena gente que son, cuando el tren decide no continuar el viaje, nos dejan en medio del monte, a merced de electrocutarte con el famoso tercer riel, perder un laburo que costó tal vez años conseguir. Ni bien algo comienza a fallar, los empleados de TBA desaparecen de los lugares que solían frecuentar. Inútiles y cobardes que se parapetan detrás de un vidrio tipo cámara gesell y rejas. Te prepotean cuando vas a pedir que te devuelvan el dinero con el que pagaste el boleto que no pudiste usar.

Soy lamentablemente usuaria de la ex línea Sarmiento. No existe un solo día de mi vida en el que no llegue tarde a cualquier destino, gracias a la empresa líder en transportar "cosas" no humanas, dignos hijos de los ferrocarriles que transportaban judíos al Gheto de Varsovia.

Unos años atrás, regresaba con mi hijo, pequeño entonces, desde la Capital Federal. Justamente en Haedo, salió de su cubículo el motorman, dijo: "queda cancelado en ésta". Fastidio, protestas, malos humores de los pasajeros. Todos bajamos. Me encaminé hacia la boletería con mi pequeño niño y ya no había nadie. Mmmmmm… ¿y ahora? Lo primero que tengo a la vista en una grandote vestido de azul, claramente un hermoso ejemplar de "yutaprivada", especie que nunca está en vías (ja! casualmente) de extinción, que sacando pechito argentino y haciendo alarde de poder, me dijo que me retire si no quería ser sacada por la fuerza de la estación. Me pregunté: ¿con un pibe me iba a sacar por la fuerza? ¿No escuchó que no tenía plata para tomar un bondi y necesitaba de ESE dinero que utilicé para abonar los dos boletos y regresar a casa con mi hijo? No, no escuchó ni le importó. Efectivamente fuimos retirados de la estación de Haedo, debiendo caminar más o menos 10 kilómetros hasta nuestro destino.

Hoy, 1 de noviembre de 2005, todo es mucho peor que entonces. Cada día morimos un poquito apretujados unos con otros, humanos en el camino de la maldad ajena, (perdón Gastón por utilizar el nombre de tu programa, pero amerita) condenados a tiranía perpetua por parte de los dueños de la cosa. Sí, ellos son los culpables de esto que pasó, maleantes autorizados y subvencionados por el Estado Nacional, con pista libre para ejercer todo tipo de violación a los derechos humanos.

Sr. Ministro Fernández Aníbal: quiero comentarle que me ofende ser tratada como "vándalo". En este día y en ese tren, había trabajadores que todos, TODOS, los días son ultrajados por TBA. Dr. Fernández, por favor, abandone la paranoia de que aquello que comienza como una legítima protesta de seres humanos que no dan más, que varias veces lloramos tirados en cualquier andén de cualquier estación en la que fuimos abandonados por la Empresa TBA, somos terroristas de izquierda, pertenecientes a la Agrupación Quebracho y al ¡MTP! (??) Es notable como cuando las papas queman, los gobiernos resucitan organizaciones que, según los mismos gobernantes, ya estaban erradicadas. Sr. Ministro; nadie me lo contó ésta vez, lo muero todos los días de mi vida como otras tantas miles de personas.

Esto empezó con un impulso lógico de impotencia, una pueblada "fuenteovejunesca" contra la maldita empresa de la que somos cautivos. Hace más de dos años todavía contábamos con la legendaria Lujanera, la que nos sacaba del oeste cuando la bosta del ferrocarril decidía no funcionar porque ese día estaba con la regla. Ya no tenemos Lujanera, tenemos una ex línea del Oeste, ahora formada cooperativa que hace lo que puede con la mejor intención, pero carece de la cantidad necesaria de coches para cubrir la inmensa masa de personas en tránsito del Oeste a Capital Federal.

Nosotros, víctimas de la Empresa TBA, negamos rotundamente haber saqueado comercios, apedreado a la inútil policía que miraba desde lejos lo que estaba ocurriendo, no echamos a los bomberos tal como se dijo, TODO LO QUE HICIMOS FUE PROTESTAR, ES NUESTRO DERECHO, LEGÍTIMO, ASÍ LO DICE LA CONSTITUCIÓN NACIONAL. Todo lo demás, fue producto de grupos que se "anotaron" en la joda y hasta da para pensar si esto no ha sido preparado en connivencia con el gobierno, TBA y los mercenarios que responden al mejor postor.

Nosotros, trabajadores, decentes, buena gente con demasiada más paciencia de la que yo misma desearía, bastante complaciente casi siempre; nosotros no saquemos, no rompimos vidrios, no prendimos fuego a nada. Viajamos niños, mujeres, abuelos y abuelas, intentamos llegar a destino. Tampoco cometemos desmanes y después nos tiramos a chupar cerveza que le saqueamos al pobre tipo que tiene un puesto en el andén. De hecho ni la necesitamos, LA CERVEZA LA PODEMOS COMPRAR ARRIBA DEL TREN, con total autorización de TBA.

¡Basta de imbecilidades! ¿Volvemos a lo mismo que pasó el 16 de julio de 2004, cuando los sucesos de Legislatura? ¡Basta en serio! Los usuarios nada tenemos que ver con lo que pasó después de la protesta. Los usuarios sabemos bien cómo manejar la situación; cuando porque sí cancelan el tren que sale de Plaza Miserere, que lleva como destino la estación Castelar. Sabemos que batiendo palmas, cantando loas a la empresa, logramos que el "cancelado" aparezca en menos de diez minutos. Esa es nuestra acción terrorista, somos culpables.

¡Ah! Tengo una duda: ¿El Intendente del Municipio de Morón, Martín Sabbatella – el transparente – no recuerda que Haedo pertenece a su Municipio? ¡Ya se! … de tan transparente, no lo vi para nada… o a lo mejor estaba muy ocupado en la construcción de alguna nueva plaza, o habilitando nuevos boliches para diversión de la noche castelarense… ¡Qué cosa, no! ¿Tampoco tenemos ya un director de Defensa Civil y Seguridad? Claro… es probable que estén atendiendo en la Oficina Anticorrupción, porque la misma está atendida por sus dueños, los funcionarios del Municipio… Y bueh! Como verán en el Oeste del Gran Buenos Aires, nos hacemos la fama y nos echamos a dormir… ¡cómo somos eh!

 http://www.prensadefrente.org/anticumbre

durchdrehen und MTP

carlos el coyote 04.11.2005 - 20:52
durchdrehen:

die bezeichnung durchdrehen habe ich gewaehlt nicht als herabwuerdigenden ausdruck, sondern vielmehr als psychische Kategorie: der mensch macht leider viel unrecht mit, ohne dass er seinen unmut gegen die ursache des unrechts richtet. dieses verhalten ist wohl der moral, oder mit freud: dem ueberich geschuldet. durchdrehen meint soviel wie dass die verinnerlichte moral der Zurückhaltung bricht und unter der aufgestauten wut von vielen verspaetungen hinweggespuehlt wird. das ist durchaus gesund!

MTP

MTP ist das kuerzel fuer: movimiento todo por la patria (Bewegung alle fuer die Heimat). Unter diesem kuerzel haben sich ex-guerrilleros der PRT-ERP: Partida revolutionaria trabajadora - ejercito revolucionario del pueble (Revolutionaere arbeiterpartei - revolutionaere volksarmee) mit juengeren leuten zusammengeschlossen, um eine neue bewaffnete revolutionaere bewegung in den 90er jahren zu gruenden (sie arbeiteten mit der frankfurter bewegung: kein friede den banken / kein friede zusammen. auf ihrem hoehepunkt haben sie in argentinien eine polizeikaserne ueberfallen und die meisten sind fuer 15 jahre hinter gittern gelandet. bei den ausschreitungen auf dem bahnhof hatten zwei junge leute kaputzenpullis mit der aufschrift MTP getragen. der innenminister hat dies zum anlass genommen, den gesamten protest in die ecke gefaehrlicher krimmineller zu stellen.

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