Augenzeugen-Berichte von Migranten in Marokko

indymedia Tanger 11.10.2005 00:46 Themen: Antirassismus Repression Weltweit
"Bis jetzt ist es unmöglich die Zahl der Vermissten festzustellen, aber wir wissen dass seit Samstag bis Mittwoch dieser Woche in ungefähr 60 Autobusse jeweils 40-60 Personen deportiert wurden, in ein Wüstengebiet, die Grenze zwischen Algerien und Marokko. Man kann sagen/ vermutet, dass in diesen Tagen mehr als 2400 Menschen deportiert worden sind.
Nach unterschiedliche Kontaktgruppen sind 36 Menschen tot und eine unbestimmte Zahl verschwunden."
Übersetzung aus dem Spanischen:

Die Morde von Nador und die Deportationen in die Sahara

Im Folgenden transkribiere ich Euch eine Zeugenaussage, die die Vision der MigrantInnen von Nador über den Versuch, nach Melilla hereinzukommen, zusammenfasst und reflektiert. Offiziell geben die Marokkanischen Behörden die Existenz von 6 Toten zu.

"Gegen 2.30 morgens (marokkanische Zeit) sind wir am Stacheldrahtzaun angekommen. Wir haben 4 Hubschrauber gesehen, es scheint, 3 waren spanisch und einer marokkanisch. Wir haben den ersten Zaun nicht überquert und niemand hat uns berührt [wurden in Ruhe gelassen]... wir haben es bis dorthin geschafft. Sie begannen auf uns zu schießen und Tränengas zu werfen. Ich habe neben mir 2 Körper fallen gesehen. Die marokkanische Polizei hat sich uns von hinten genähert und von vorn die spanische Polizei, von denen sich einige auf marokkanischem Territorium befanden. Sie schossen von beiden Seiten, der spanischen und der marokkanischen Seite.
Ich selbst habe einen Verwundeten transportiert, mit einer Kugel im Fuss.
Im Krankenhaus von Nador war ein verwundeter Compañero von uns, der 7 Körper eintreffen gesehen hat, das heißt es gab 7 Tote. Hier im Wald bleiben auch viele Verwundete, die, denen keine medizinische Hilfe gegeben worden ist.
Es gibt auch 32 Verletzte, viele verletzt durch Kugeln. Es gibt gebrochene Füsse und Arme und hier ist noch keine Hilfe der Humanitären Organisationen angekommen., wie die Ärzte ohne Grenzen, weil sie uns komplett umzingelt haben.
Wir haben nicht 1000 Personen angegriffen, es ist unmöglich... Die Situation ist erstickend. Wenigstens bevor sie uns gefasst haben, war unser Leben nicht in Gefahr. Jetzt schicken sie Dich in die Sahara zurück und Du stirbst. Du musst wählen zwischen sterben in der Wüste oder sterben in einer Schiesserei am Stacheldraht" L.C.

Der Compañero aus Kamerun hat recht. Bis jetzt ist es unmöglich die Zahl der Vermissten festzustellen, aber wir wissen dass seit Samstag bis Mittwoch dieser Woche in ungefähr 60 Autobusse jeweils 40-60 Personen deportiert wurden, in ein Wüstengebiet, die Grenze zwischen Algerien und Marokko. Man kann sagen/ vermutet, dass in diesen Tagen mehr als 2400 Menschen deportiert worden sind. Es ist das Gebiet des Korridors, wo die Grenze nicht definiert ist und wo die territorialen Konflikte zwischen Algerien und Marokko beginnen.
Unterschiedliche Kontaktgruppen haben uns berichtet, das 36 Menschen tot und eine unbestimmte Zahl verschwunden sind.
Die Besorgnis über diese Ereignisse ist latent unter allen Afrikanern und in den Herkunftsländern wird den ganzen Tag im Fernsehen und Radio davon gesprochen. In Schwarzafrika wird von Genozid gesprochen und von der Schwarzen Jagd.
Wir haben bestätigt, dass wirklich mindestens ungefähr 30 Asylantragsteller abgeschoben worden sind. Wenigstens konnten wir mit 3 Bürgern sprechen, einem Senegalesen und einem Kameruner, deren Papiere mit dem Staat Marokko in Ordnung sind.
Mindestens wurde die Abschiebung von 10 Frauen mit Kleinkindern/Babies und um die 50, die nach eigenen Angaben schwanger sind, bestätigt.
Das Thema der Frauen macht uns besonders Sorgen, weil sie verletzlicher gegenüber der Gewalt sind, vor allem der sexuellen Gewalt, die ebenfalls gegen sie angewandt worden ist während der Abschiebungen.

Einer der Zeugen erklärt und fasst zusammen den Verlauf der Abschiebung durch die marokkanischen Behörden.

"Ich war in Spanien. Die Nacht, in der wir versucht haben, nach Ceuta hineinzukommen. Ich hatte die beiden Zäune überwunden und dann hat mich die Guardia Civil gefunden, die mich zum Umkehren gezwungen haben mit einer starken Brutalität, von der ich nie geglaubt hätte, sie in einem demokratischen Land zu vorzufinden. Sie lieferten mich an das marokkanische Militär ab, zusammen mit 155 Personen, die unverletzt waren und etwas mehr als 20 Verletzte unterschiedlichen Grades. Beide haben mit scharfer Munition geschossen, die Marokkaner und die Spanier, die Spanier während wir oben auf dem Zaun waren und die Körper fielen herunter. Ich denke an die Toten und ich sterbe von innen.
Die marokkanischen Behörden überführten uns in die Stadt Oujda, wie immer. Als ich dort ankam, traf ich auf eine Menge Afrikaner aus anderen Orten Marokkos. Ich sah viele mit Asylpapieren, ausgestellt von UNHCR und das heißt, dass sie unter dem Schutz der Vereinten Nationen stehen. Ich sah auch Compañeros, die ein Visum für Marokko hatten oder in ihrem Pass einen Stempel der Einreise, der noch nicht abgelaufen war. Ich sah Frauen und Babies, ich sah schwangere Frauen.
Sie steckten uns in Busse. Ich glaubte, dass sie uns wie immer bis 20 km von der Grenze von Oujda bringen würden. Es waren 40 Busse, aber sie haben uns in den Süden geleitet, ich schätze ungefähr 600 km von Oujda. Dann hielten die Busse und es kamen Militär-Lkws und Jeeps, die uns in kleine Gruppen aufgeteilt und uns in die Wüste gebracht haben. Sie ließen uns dort ohne Wasser und ohne Essen.
In der Ferne gab es Lichter, von Algerien, sagten die Marokkaner. Wir sind die ganze Nacht zu den Lichtern hin gelaufen, mit einigen sind wir dort angekommen und wir haben gesehen, dass es ein Algerisches Militär-Lager war. Die Militärs gaben uns Wasser und Essen. Compañeros haben es geschafft, anzukommen, andere sind nicht angekommen. Wir haben sie in der Wüste verloren. Ich versichere Euch, dass jene, die nicht angekommen sind, in Wahrheit gestorben sind.
Die Algerier haben uns in diesem Moment nicht schlecht behandelt. Sie haben uns geleitet und einen Weg gezeigt, um nicht auf das marokkanische Militär-Lager zu stoßen, die uns in Jeeps oder Lkws gebracht haben.
Das Problem ist, wenn Du wieder die marokkanischen Militärs triffst, weil sie Dich wieder deportieren und Du kehrst zum Anfang zurück.
Es gibt Deportationen von Verwundeten, mit kaputten/gebrochenen Beinen, die nicht laufen konnten und die in der Wüste geblieben sind. Wir denken nicht an jene, denen es gut geht, sondern an jene, die inmitten der Wüste geblieben sind. Wir bitten, dass Sie sie mit Hubschraubern suchen, bitte, die Stunden zählen."
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Ergänzungen

hm

tagmata 11.10.2005 - 11:43
"Oder leben in einem ganz normalen marokkanischen Dorf."

Ja, als Tagelöhner. Was meinst du, was die meisten dieser Leute die vergangenen Monate gemacht haben? Denkst du, die haben noch was übrig von ihrem bißchen Fluchtgeld, nachdem sie sich in N'Djamena oder Tomboctou n Schleuser aufgetan haben, der sie durch die Sahara schafft - oder einfach mit ihrer Kohle abhaut?

Die meisten subsaharischen Flüchtlinge und Migranten haben genau das schon wochenlang gemacht: in einem marokkanischen Dorf - oder vielmehr einer kleiner