Nazbols, Gopniks und Naschisti

max hoelz 08.09.2005 17:01 Themen: Antifa Soziale Kämpfe Weltweit
Der Schreck angesichts der orangenen "Revolutionen" in verschiedenen Nachbarlaendern ist dem russischen Staat tief in die Knochen gefahren. So schafft er sich jetzt eine eigene "antifaschistische patriotische Jugend": НАШИ - Naschi - "Unsere".
Der Schreck angesichts der orangenen "Revolutionen" in verschiedenen Nachbarlaendern ist dem russischen Staat tief in die Knochen gefahren. So schafft er sich jetzt eine eigene "antifaschistische patriotische Jugend": НАШИ - Naschi - "Unsere". Doch bereits jetzt werden deren Mitglieder meist abfaellig "Naschisti" (ein Wortspiel mit "Nazi") genannt. Es ist ein offenes Geheimnis in Russland, dass der Staat sich ein eigene Jugendbewegung wuenscht, um im Falle aehnlicher Ereignisse wie in der Ukraine nicht die Polizei gegen friedliche DemonstrantInnen einsetzen zu muessen.
Dazu kommt die nach wie vor relativ grosse Anziehungskraft von Gruppen wie der "National-Bolschewistischen Partei" (NBP), die mit einem vagen Gemisch aus bolschewistischem und faschistischen Gedankengut vor allem Wert auf "radikale Aktionen" legen. Mit polizeilicher Repression liess sich der NBP bislang nicht recht beikommen. Eine eigene "antifaschistische" Jugendgruppierung koennte hingegen den "Nazbols" den Boden entziehen.
Und dann ist da noch der soziale Hintergrund. In Russland ist unter maennlichen Jugendlichen der "Gopnik"-Lebensstil recht weit verbreitet. "Gopniki" - das sind maennliche Jugendliche im Alter von 15 bis 25, die ihre Tage meist damit verbringen, im Trainingsanzug in Neubauvierteln herumzuhaengen, Bier zu trinken, sich zu schlagen oder Frauen anzumachen. Uns gegenueber erklaerte ein freundlicher Gopnik seine Weltsicht so: "Wir sind freie Leute. Kurze Haare, Bier und Zigarette, auf der Strasse und Kickboxen. [zeigt stolz eine Schramme auf seiner Stirn] Wir schlagen uns, aber wir sind keine Rassisten." Wer es jedoch schafft, diese Gruppe fuer seine politischen Interessen einzuspannen, verfuegt ueber eine enorme Machtbasis.

Vor diesem Hintergrund wurde "Naschi" Anfang diesen Jahres gegruendet, als unabhaengige Jugendbewegung mit massiver Unterstuetzung aus Politik und Verwaltung. Am 15. Mai fand die erste Demonstration in Moskau statt. Der 3. September, erster Jahrestag der Geiselnahme von Beslan ( http://de.wikipedia.org/wiki/Geiselnahme_von_Beslan), bot nun den gewuenschten Anlass fuer die erste russlandweite Aktion von Naschi.

Auch in Novosibirsk, der "Hauptstadt Sibiriens" haengen ueberall schwarze Plakate. Auf ihnen steht nichts weiter als "bez slov" - "Ohne Worte". Dazu klein am unteren Rand "Schweigeversammlung im Gedenken an die in Beslan Umgekommenen". Lediglich aus der Mailadresse laesst sich sich auf die Veranstalter schliessen. Das hat System. Die Gedenkveranstaltungen, die in allen groesseren Orten Russlands stattfinden, werden ueberall von der Verwaltung unterstuetzt, sie erscheinen als normale patriotische Veranstaltungen. So auch in Novosibirsk.

Seit halb vier sammeln sich auf dem Platz vor der Hauptbibliothek Jugendliche. Sie sind meist SchuelerInnen, die zum Teil im Schulbus hergefahren wurden, eingeladen von ihren Direktoren. Die etwa 30 OrganisatorInnen sind in der 300-koepfigen Menge leicht zu erkennen: sie tragen eigens gedruckte schwarze "bez slov"-T-Shirts. Fast alles sind Jugendliche, die vorher kaum politisch aktiv waren. Unter ihnen sind auch "Gopniki", die sich in ihrer Rolle als Ordner sehr wohl fuehlen. Einer macht Fotos von Auffaelligen mit seinem Handy. Spaeter erfahren wir, dass einige von der DND ("dobrovolnaja narodnaja druzhyna") sind, einer Art freiwilliger, unbezahlter Hilfspolizei.

Von der Bibliothekstreppe aus laesst sich der Platz gut ueberblicken. Hier sitzt Dima, einer der Hauptorganisatoren der Novosibirsker Naschi-Gruppe. Bis Anfang diesen Jahres war er noch in der NBP aktiv. Doch dann fand die Polizei bei der Gruppe eine groessere Menge Waffen, darunter Maschinengewehre und Granaten. Ein frueherer Freund von Dima sitzt jetzt im Gefaengnis, und eigentlich, so munkelt man in Novosibirsk, haette er auch einsitzen muessen, doch dann sagte er sich ploetzlich von der NBP los, und wurde zu einem der Gruender von Naschi Novosbirsk. Jetzt blickt er zufrieden auf die kleine Menge, die sich unten versammelt hat.

Die Rede, die da gehalten wird, ist ebenso schlicht wie patriotisch. Der etwa 18-jaehrige spricht viel von "unseren Kindern", "jener schrecklichen Tragoedie", und "jenen Menschen" denen man entgegentreten muesse. Keine Kampfesrede, aber auch natuerlich kein Wort darueber, dass die Hintergruende der Geiselnahme und die Verantwortlichkeiten der russischen Spezialeinheiten noch lange nicht geklaert sind.
Deutlicher ist da schon das Flugblatt, das eine oppositionelle linke Gruppe in der Menge verteilt: "Sie schlagen uns vor, zu schweigen, nicht zu denken, nichts zu wissen, zu stehen OHNE WORTE ...". Auch die autoritaer-kommunistische "Avantgarde der Roten Jugend" verteilt kritische Flugblaetter. Nicht lange, dann haben die Ordner sie ein Stueck von der Buehne abgedraengt. Schliesslich soll Ruhe herrschen, wenn dort die goldene Glocke 331mal geschlagen wird - jeder Glockenschlag fuer einen Toten in Beslan. Die Schlaege gehen unter im Verkehrslaerm. Bald laesst die Konzentration nach, manche gaehnen. Kleine Gruppen von SchuelerInnen verlassen diskret den Platz, vorbei an der Haltestelle, wo anscheinend jemand kurz zuvor ein Graffitti angebracht hat: "Naschi - Faschi".
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