Endlager eingemauert

Ralf Streck 01.08.2005 15:05 Themen: Atom
Statt einem Widerstandscamp organisieren die französischen Atomkraftgegner dieses Jahr ein Festival im lothringischen Bure. Dort soll ihrer Meinung nach das Endlager für Frankreichs hochradioaktiven Müll entstehen, den das Atomstromland über Jahrzehnte angehäuft hat. Etwa 1000 Menschen haben sich an dem Aktivitäten gegen das Endlager beteiligt. Die Stimmung war nach Angaben der Organisatoren ausgezeichnet. Schon am Donnerstag gelang es etwa 35 Menschen das Eingangstor zu öffnen und auf das Gelände der ANDRA vorzudringen. Die Polizei war kaum präsent und beschränkte sich aufs zuschauen. Auf der Demonstration heute wurde das gesamte Gelände zugemauert. Die Mauer ist etwa 1,5 Meter hoch. Mit einer riesigen Menschenkette wurde der Steinwall errichtet, der dann mit schnellbindendem Zement verfestigt wurde.
Es gibt dieses Jahr in Frankreich viel für die Atomkraftgegner zu feiern. Allen voran feiern sie ab Freitag, dass es ihnen gelungen ist, sich mit einem „Widerstandshaus“ in Bure dauerhaft festzusetzen. Das Haus wird offiziell am Samstag um 11 Uhr in Bure eingeweiht, wo sich fortan die Widerstandsgruppen aus den umliegenden fünf Departements koordinieren. Bei der 80 Seelen Gemeinde soll ihrer Meinung nach in einer Lehm-Ton Schicht in 500 Metern Tiefe das französische Endlager für hochradioaktiven Abfall nahe der Grenze zu Luxemburg und Deutschland entstehen.

Seit Jahren wehren sie sich gegen das Projekt, dass die Regierung stets nur als „Forschungslabor“ betitelt. Zuvor war die Nationale Agentur für Radioaktive Abfälle (Andra) an mehreren anderen Orten am massivem Widerstand der jeweiligen Bevölkerung bei der Suche nach einem Endlagerstandort gescheitert. Deshalb sei die nahezu menschenleere Gegend um Bure ausgewählt worden, das habe nur wenig mit der Beschaffenheit des Untergrunds zu tun, sagen die Atomkraftgegner.

Eigentlich sollten in diesem Jahr die Forschungen abgeschlossen werden und auf Basis eines Berichts sollte das Parlament entscheiden. Das es nicht mal einen Bericht gibt, hat diverse Gründe. So hat die konservative Regierung die Entscheidung nun auf die lange Bank geschoben. Ein Grund mehr für die Gegner zum Feiern. Für die Suche nach einer Lösung sei „ein weiteres Jahrzehnt“ erforderlich, sagte Industrieminister François Loos kürzlich in Paris. Ein Gesetz von Ende 1991 hatte 15 Jahre Forschungen vorgesehen; demnach sollte 2006 definitiv über ein Atommüll-Endlager entschieden werden. Für eine derartige Entscheidung sei „keine Zeit“ sagte auch Forschungsminister François Goulard mit Blick auf die 2007 anstehenden Wahlen zu Präsidentschaft und Parlament.

In Bure sind die Bohrungen kürzlich erst in der entsprechenden Lehm-Ton Schicht angelangt. Immer wieder gab es Probleme, mal standen die Arbeiten monatelang still, weil ein Arbeiter ums Leben kam und entsprechende Untersuchungen stattfanden. Es gibt auch Probleme, wie von den Arbeitern zu erfahren ist, weil das Gestein sehr brüchig sei und die Bohrungen deshalb langsamer voran gingen.

Da dringend Ergebnisse gefordert waren, wurde im Frühjahr etwa 30 - 40 Meter über der eigentlichen Schicht ein Labor eingerichtet, um endlich Forschen zu können. Doch wie soll das Verhalten der Schicht auf das Einbringen hochradioaktiver Stoffe untersucht werden, wenn man noch gar nicht in der Schicht ist, fragt sich der Laie. Andra kritische Geologen halten die dort gewonnenen Ergebnisse für wertlos.

Zuvor konnten sogar nur oberirdische Versuche mit gezogenen Proben gemacht werden. „Die Resultate sind kohärent zu den Voruntersuchung und Hypothesen die wir über das Gebiet angestellt hatten“, versuchte der Laborleiter Jaques Pierre Piguet die Situation gegenüber dem ND schön zu reden. Dabei hat die Andra noch weitere Probleme. Nach dem Gesetz von 1991 hätte sie mehrere Standorte und Lagermedien untersuchen müssen. So wich Michele Chouchan, Direktionsmitglied der Andra, im Gespräch der Frage nach dem gesetzlich vorgeschriebenen Zweitstandort aus. „Es ist sehr schwer für uns, auf diese Frage zu antworten“. Das Gesetz sehe zwar mehrere Standorte vor, aber man werde den Bericht vorlegen, „ob danach ein zweiter Standort gesucht wird, wissen wir nicht.“ Auch das ist nun Schnee von gestern.

Skeptisch sind allerdings die 700 Antiatomkraftgruppen, die in Frankreich zu einem Netzwerk zusammen geschlossen sind. Kürzlich habe die Kontrollkommission für Bure angeregt, ein definitives Endlager im Umkreis von 200 Quadratkilometern nördlich von Bure zu suchen, erklärte der Koordinator des Widerstandshauses Peter Desoi dem ND: „Die Atommüllfrage ist in Frankreich virulent und die Kritik nimmt zu“. 140.000 Tonnen hochradioaktiver Müll müssen weg, die Frankreich in den letzten 40 Jahren angehäuft hat. Schließlich will das Land in eine die neue Reaktorlinie EPR einsteigen. Es könnte sich um ein Wahlkampfmanöver der Regierung handeln, um der zunehmen Kritik an der Atommüllfrage zu entgehen, meint Desoi.

Die Feierstimmung werde man sich nicht verderben lassen. 30 Musikgruppen werden von Freitag bis Sonntag auftreten. Darunter auch Carpe Diem. Ihr gehörte der Jugendliche Sebastién Briat an, der im November letzten Jahres vom Luftwirbel eines zu schnell fahrenden Atomtransports erfasst wurde und von dem Zug überrollt wurde. Neben dem Gedenken an den 21jährigen wird auch über die Perspektiven des Widerstands gegen das Endlager um Bure, gegen die Atomtransporte und gegen den Bau des EPR in Flamanville beraten. Dort wird es am 14. und 15. April eine Großdemonstration geben, anlässlich des 20. Jahrestags des Supergaus in Tschernobyl. Am Sonntag um 11. wird es ebenfalls eine Großdemonstration vom Ort Bure zum Versuchslabor geben.
Weitere Berichte:

 http://de.indymedia.org/2005/08/124247.shtml
 http://de.indymedia.org/2005/07/123978.shtml
 http://de.indymedia.org/2005/07/123894.shtml
 http://de.indymedia.org/2005/07/123888.shtml


© Ralf Streck, Donostia - San Sebastian den 28.07.2005
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Ergänzungen

Widerstandshaus eingeweiht - Hilfe willkommen

Markus Pflüger 08.08.2005 - 21:46
Während des Festivals wurde das internationale Widerstandshaus „Bure Zone Libre“ eingeweiht, weiterhin sind HelferInnen für die Renovierung willkommen, T. 0033-329-454177  http://burezonelibre.free.fr

Vor der Parlamentsentscheidung 2006 gilt es jetzt den Protest auszuweiten. Menschen aus ganz Europa sind daher am Samstag 24.9.05 nach Bar-le-Duc zur internationalen Demonstration gegen das geplante französische Endlager eingeladen.
Infos: www.burestop.org oder: www.neckarwestheim.antiatom.de