Repression gegen internationalistische Tour

Carlos 21.07.2005 15:09 Themen: Kultur Repression Weltweit
Kenianische Behörden gehen mit Verhaftungen & Beschlagnahme dgegen die "Name The Real Terrorists Tour" vor.
Nach den Anschlägen von London sieht sich die "Name The Real Terrorists" Tour massiver Repression ausgesetzt. Die weltumspannende Tournee - soll „bissig-ironische Anklage sein an die arschkriecherischen Regierungen auf 4 Kontinenten, die nebenbei den Terrorismushype zur Durchsetzung eigener Interessen im Innern der jeweiligen Länder nutzten. Sie - und diejenigen, die den Vorwand nutzten, um Kriege zu führen, sind die eigentlichen Terroristen - und das soll auf der Tour auch so benannt werden.“, schreiben die Organisatorinnnen auf ihrer Website. Die Vermischung unterschiedlichster musikalischer Ausdrucksformen soll dabei den weltoffenen Anspruch der Aktion unterstreichen. Die Tour startete am 11. März diesen Jahres - zum 1. Jahrestag der Anschläge von Madrid. Als erster Veranstaltungsort stand das baskische Bilbao auf der Tourliste. Der Ort wurde durchaus bewusst gewählt, hatte doch die damalige Regierung Aznar versucht, im Rahmen des Wahlkampfes die baskische ETA für die Anschläge verantwortlich zu machen. Von dort aus ging es weiter auf den amerikanischen und afrikanischen Kontinent. Ende Juli sollte die Tourkarawane zurück nach Europa kommen, um ab September nach Asien weiter zu reisen. Geplanter Abschluss und Höhepunkt der Tour sollte ein Konzert am 11. September in der afghanischen Hauptstadt Kabul sein.
Als Kopf des Projekts gilt der moldawische Techno, Noise & Verkleidungskünstler DJ Vicek. Er ist in seiner Heimat eine Kultfigur - nicht zuletzt wegen seiner konsequenten Antikommerzhaltung, und zieht zu seinen Events schonmal 10 000 und mehr Leute. Im Herbst 2003 wurde Jello Biafra bei einer Slowenienreise auf den DJ aufmerksam und spielte mit ihm den Track „Osamassacre“ ein, der in Moldawien zum Superhit wurde und dessen Verkaufserfolg den finanziellen Grundstein für die Tour legte.
Seit langem gibt es eine Zusammenarbeit mit dem slowenischen Branko Drugovic Project. Der Name der Performance - Gruppe geht auf den slowenischen Revolutionär Branko Drugovic zurück, Symbolfigur einer in der BRD kaum bekannten anarchistischen LandarbeiterInnenbewegung,die das Machtvakuum nach dem 2. Weltkrieg nutzte, um in der Region Jesenice im Norden des Landes massiv Großgrundbesitzer zu enteignen und das Land an arme Bauern zu verteilen. Die Bewegung konnte sich nur wenige Monate halten - baute in dieser Zeit jedoch erstaunlich Strukturen der Verwaltung von unten nach dem Räteprinzip auf. Das BDP gilt als Sprachrohr der in den letzten Jahren neubelebten Bewegung in Slowenien.
Die dritten im Bunde sind die AktivistInnen um Ion Poponescu, einem der Vordenker der libertären Bewegung von Tiraspol (Moldawien), der im Rahmen einer Repressionswelle nach dem 11.9.01 ausgewiesen wurde und Asyl in London erhielt. Dort gründete der Bassist zusammen mit ImmigrantInnen aus Kenia, Afghanistan und dem Brixtoner Street Poetry Star Le Montea das Orchestra LoNaKaTi. Der Name setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Herkunftsstädte der Aktivisten zusammen. Neben der Musik sind die Orchestermitglieder aktiv in der Bewegung „The Unregisterables“, die regelmässig spektakuläre Grenzaktionen organisiert. Per SMS werden dabei bis zu 200 Leuten mobilisiert, die ihre Pässe untereinander austauschen, an verschieden Grenzkontrollpunkte in Europa reisen und den gesamten Verkehr für mehrere Stunden lahmlegen, indem sie die Grenzposten an den Rand der Verzweifelung treiben.Ausserdem bestehen enge Kontakte zu der spanischen Immigrantengruppe „No Pringues Mas“. Ihre Videos mit Anleitungen organisiertem Schwarzfahren, Haus- und Platzbesetzungen oder „günstige“ Stromversorgung bringen sie über Videotheken in Umlauf, indem sie Originaltapes gegen ihre eigenen austauschen. Den aufsehenerregendsten Coup landete die Gruppe zur Weihnachtszeit 2004, als sie den Zentralcomputer der Londoner U-Bahn hackte und das auf den Bahnhöfen laufende Videoprogramm mit No Pringues Mas Tapes ersetzten.
Genau das scheint jetzt Ansatzpunkt für eine misteriöse Polizeiaktion in Nairobi zu sein, wo am 7. Juli mehrere AktivistInnen der Tour verhaftet wurden sowie das komplette Equipment beschlagnahmt wurde. 3 Mitglieder von Lonakati wurden aufgrund angeblich gefälschter Pässe in ihre Heimatländer abgeschoben, 2 weitere wurden "zu Untersuchungen" nach London ausgeflogen.
Möglicher Hintergrund sind die U-Bahnaktinen von 2004.
Ebenfalls verhaftet wurde der moldawische DJ Vicek, der sich aber - auch aufgrund massiver Proteste in Moldawien - inzwischen wieder auf freiem Fuß befindet. Auch in London gab es eine Kundgebung mit über 30 TeilnehmerInnen, die die Freilassung der Gefangenen und die Herausgabe des Equipments forderte. Die Tourorganisatoren haben daraufhin zunächst alle geplanten europäischen Konzerttermine gecancelt. Die für die Konzerte in Deutschland zuständigen Organisatoren haben seit mehreren Tagen keinen Zugriff auf ihre Website, die allerdings noch erreichbar ist:
 http://djvicek.funpic.de
Auch die Antideutschen haben inzwischen die Tour entdeckt und führen teilweise abstruse Diskussionen in einem Webforum:
 http://www.adf-berlin.de/wbb2/thread.php?threadid=352
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Ergänzungen

Updates

NTRTT2005 supporter 21.07.2005 - 21:36
Im britischen Revolverblatt 'Sun' ist ein Artikel zum Thema erschienen, in dem - auf die gewohnt reißerische Weise der YellowPress - über einen Zusammenhang zwischen der Tour, den G8-Protesten in Gleneagles und den Anschlägen von London spekuliert wird. Unter dem Titel 'Gotcha' berichtet das Blatt über die Festnahme des Anarchisten Ion Popunescu, der als 'Al Capone der Krawallmacher' dargestellt wird. Ion Popnescu lebt im Exil in London, da er in seiner Heimat Moldawien politisch verfolgt wird.

Hat jemand einen Link zu dem Artikel? Mir liegt er leider nur in Papierform vor und ich habe keine Lust, ihn abzutippen. Wenn es keinen Link gibt, tu ich das aber später vielleicht noch.

Neues

Carlos 22.07.2005 - 00:11
Nach Informationen von Freunden aus London soll es bei den Verhören in Nairobi tatsächlich um die U-Bahn Aktionen gegangen sein. DJ Vicek berichtete in einer Piraten-Radiosendung, er sei in der englischen Botschaft von Mitarbeitern des MI6 verhört worden, die vor allem an der Technik des Computerhacks interessiert waren. Offenbar versuchte man hier den Schlüssel zur koordinierten Gleichzeitigkeit der Bombenexplosionen zu finden. Das Ganze war aber wohl keine ernstzunehmende Angelegenheit, eher eine Art blinder Aktionismus, um überhaupt irgendwelche Ermittlungsergebnisse vorweisen zu können. DJ Vicek betonte weiterhin, dass es nach wie vor den Plan gibt, nach Kabul zu reisen, wenn die Technik wieder freigegeben wird. Einen Teil der in europa geplanten Auftritte könnten evtl. anschliessend doch noch stattfinden - allerdings ohne das Orchester LoNaKaTi in seiner jetzigen Form.