Linksregierung steht, Neo-Franquisten futsch

Ralf Streck 20.07.2005 10:01 Themen: Soziale Kämpfe Weltweit
"Der Wechsel hat in Galicien begonnen", sagte die Sozialistin (PSOE) Dolores Villarino nach ihrer Wahl zur Präsidentin des Regionalparlaments der spanischen Region am Montag. Bei der konstituieren Sitzung des Parlaments nach den Wahlen im Juni wurde erstmals eine Frau in der autonomen Region im spanischen Staat zur Parlamentspräsidentin gewählt. Erstmals hat das Parlament seit dem Militärputsch Francos 1936 auch keinen ultrarechten Vorsitzenden mehr. Mit den 38 Stimmen, die das Bündnis aus PSOE und Linksnationalisten des Nationalistischen Block Galiciens (BNG) bei den Wahlen erreichte, überstimmten Volkspartei (PP) und deren 37 Stimmen knapp, welche die absolute Mehrheit verloren hat.
Der bisherige Führer der Regionalregierung konnte es immer noch kaum glauben. Mit Tränen in Augen und belegter Stimme gab Manuel Fraga Iribarne das Ergebnis der Abstimmung bekannt. Es war ein schwerer Schlag für den Minister der Franco Diktatur, dass er als Gründer der PP mit 83 Jahren nach 16 Jahren abgewählt wurde. Auch in Galicien kann seit dem Jahrestags des Putsch der Generäle vor 69 Jahren am Montag nun damit begonnen werden, die Reste der Franco-Diktatur zu den Akten zu legen.

Einen "historischen Augenblick" nannte deshalb die Sozialistin den Beginn der neuen Legislaturperiode: "Der Konsens, der Dialog, die legitime Debatte und die legitimen Diskrepanzen können nun in einem Klima des Respekts ausgetragen werden". Denn alles andere als respektvoll war der Stil des Faschisten Fraga. "Das ist einfach Scheiße", erklärte der bisweilen. Seinen politischen Gegnern, die ihn auf seine Verbrechen in der Diktatur hinwiesen, warf er vor, sie würden "allgemein nur Dreck" absondern.

Das Fraga nun auf der Anklagebank Platz nehmen muss, schließlich ist er sogar noch für Morde in der Übergangsregierung nach der Diktatur verantwortlich ist, ist unwahrscheinlich. "Es muss euch egal sein, ob ihr tötet", wies er die Polizei 1976 an, eine Kirche mit streikenden Arbeitern zu stürmen. Fünf Menschen wurden getötet und mehr als 100 verletzt. Zum Jahrestag des Putschs hat Amnesty International in einem Bericht beklagt, dass den Opfern der Diktatur bis heute keine Widergutmachung erhalten haben. Noch immer seien die Orte unbekannt, an denen 30.000 Opfer heimlich in Massengräbern verscharrt wurden, von der Bestrafung der Täter erst gar nicht zu sprechen.

Statt Fraga wird der Sozialist Emilio Pérez Touriño neuer Regierungschef. Die PSOE hatte ein gutes Wahlergebnis erreicht und kam mit 32 Prozent der Stimmen auf 25 Sitze. Vizepräsident wird der Linksnationalist Anxo Quintana vom BNG. Der Block befindet sich in einer Führungskrise und hatte deshalb statt 17 nur noch 13 Sitze gewonnen. Gemeinsam reicht es, die PP nach dem Wahlverlust im spanischen Staat auch aus den Sesseln der Macht in ihrer Hochburg Galicien zu vertreiben.

In Kürze wird die neue Mannschaft der Regionalregierung bekannt gegeben. Die Linksnationalisten werden vier Ministerien leiten: Soziales, Landwirtschaft, Industrie und Innovation und Kultur. Das sind wichtige Positionen in der Armutsregion, die von Fischerei und Landwirtschaft lebt und ein sehr hohe Arbeitslosenquote aufweist. Die Frage der Kultur ist dem Block wichtig, der BNG fordert, die Sprachpolitik aus dem Erziehungsministerium zur Kultur übergeht. Bisher ist Galizisch, ein portugiesischer Dialekt, zwar in der EU anerkannt, darf aber nicht einmal in den Madrider Parlamenten gesprochen werden. Strittig ist auch noch, wer die öffentlich rechtlichen Medien kontrolliert. Hier soll die Klientelwirtschaft abgeschafft werden. Unter der Linkskoalition sollen deren Direktoren nicht mehr von Regierung bestimmt werden, die sie bisher zu ihrem Propagandainstrument gemacht hatte.

© Ralf Streck, Donostia den 19.07.2005
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Ergänzungen

was sind denn

bitte 20.07.2005 - 12:14
"linksnationalisten"...

linksnationalisten sind...

...grenzenlos 20.07.2005 - 13:03
welche, die sich zum ziel gesetzt haben, das kulturelle oder auch regionale milieu, in dem sie leben, abzutrennnen von dem staatlichen oder auch kulturellen rahmen, der über sie zu bestimmen versucht - und durch diese ablösung ihre linken utopien verwirklichen zu können. die linken galizierInnen wollen sich wie die linken baskInnen vom franco-faschistischen bild einer "großen spanischen nation" abtrennen, deutsche autonome wollen sich durch linke freiräume und zentren vom repressiven, rassistischen deutschen staat und seiner gesellschaft abtrennen, "antideutsche" wollen sich durch eine herbeihalluzinierte identität als "opfer von antisemitismus" und "kämpferInnen für eine antiislamistische und westliche kultur" ein kleines eigenes "stäatchen" innerhalb des linken milieus schaffen.

Schön

einer 20.07.2005 - 13:42
Gute Ergänzung und Antwort auf die Frage. Ich war letztens auf dem Batasuna Kongress. Auch da wurde versucht die Frage der Selbstbestimmung mal weiter zu fassen. Welche Frau will sich nicht selbst bestimmen. Also bestimmen, wann man mit wem ins Bett geht. Nein ist Nein. Wollen wir nicht über unsere Räume bestimmen. Will ne Stadt, ne Region nicht über die Belange entscheiden, die für sie wichtig sind, statt ein willkürlich mit Gewalt erzeugte Nation wie Spanien? Merkwürdig ist, das genau die, die angeblich gegen den Nationalismus (im Fall der Basken oder Galicier) sind, einem agressiven spanischen Nationalismus (oder auch Deutschen) das Wort reden. Entlarvt sich selbst als Hirnriss, wie schon die Frage.

Teilweise noch Überbleibsel alter Ideologien

Anm. 20.07.2005 - 13:46
Heutztage sind viele Autonomie-Bewegungen ein Stück weiter. Die Zapatisten setzen der mexikanischen Nation nicht eine eigene entgegen. Jede Bewegung ist ein "Kind seiner Zeit". In Zeiten starker Nationalstaaten werden natürlich ganz andere linke politische Strmöungen geboren, als in Zeiten, wo die Nation langsam zum Anarchronismus verkommt. Gesellschaftliche Evolution halt.

@fragesteller

tagmata 20.07.2005 - 16:00
nee. linksnationalistische gruppen wollen linke ansätze oder utopien in einem nationalstaatlichen kontext umsetzen. 12:46 hat ja sehr richtig darauf hingewiesen, daß derlei in der heutigen zeit doch eher antiquiert ist.

in spanien allerdings sind linksnationalistische bewegungen sehr stark, grade im baskenland, galicien und katalonien. der grund ist die unterdrückung aller kulturen außer der kastilianischen (='spanischen') unter der faschistischen diktatur, womit sich der widerstand in den regionen hauptsächlich im regional-kulturellen milleu festmachte und nach ende der diktatur in politische parteien transformierte.

insgesamt scheint als moderne synthese ein regionsbasierter, grenzen transzendierender ansatz denkbar, also zb in galicien einer, der sich zunächst im regionalen kontext mit eigener kulturgeschichte, sprache etc sieht, dann im kontext mit den nachbarn nordportugal und euskal herria, dann in einem iberischen kontext etc; analog zb in andalusien einer, der auf überregionaler ebene beginnt, den maghreb einzubeziehen usf., also nicht staatsgrenzen, sondern den beziehungen der menschen vor ort, ihrem leben, ihrem kulturellen austausch, ihrem privaten wirtschaften (nicht: privatwirtschaft, sondern die ökonomie, so wie sie sich für das individuum darstellt) gemäß. ein analoger ansatz auf konventioneller staatlicher ebene findet sich in westdeutschland zb mit den konzepten euregio (aachener land-nordostbelgien-südniederlande) oder sox (saarland-lorraine-luxemburg), in ostdeutschland mit den kooperationen mit polen usw.

Also

Ralf 20.07.2005 - 16:26
Ich würde ja mal sagen, dass alle einen Recht haben einen eigenen Kulturraum zu haben, den sie selbst verwalten können. Wenn das erst mal ein Staat sein muss, weil die anderen was anderes nicht anerkennen, dann halt ein Staat. Aber im Baskenland ist das nicht das Ende der Diskussion. Siehe ein Gedicht vom ETA-Künstler Sarrionaindia  http://de.indymedia.org//2005/07/122512.shtml

Joseba Sarrionaindia
aus dem Buch Tondar Hrsg. Ralf Streck, Pahl-Rugenstein Verlag Bonn, ISBN 3-89144-348-X, 14,90 Euro

Herri Proiektoa (Nationales Projekt)
Wir werden als Ausländer in unserem eigenen Land geboren,
wir wachsen mit einer Sprache ohne Verben auf.
Es ist höchste Zeit, dass wir das Baskenland suchen,
hier selbst oder weiter jenseits,
mal sehen ob wir es wecken, es scheint, dass es schläft
unter der Brücke.
Wir werden es schützen vor Überschwemmung und der Trockenheit,
wir werden es vor Einschüchterung verteidigen.
Wir werden es alphabetisieren,
mittels generativen Transformationsgrammatiken und obszönen Aufgaben.
Wie werden das Baskenland übervölkern, ganz entgegen
Malthus mit Basken, Koreanern, mit schwarzen Suahelis
und blonden Skandinavierinnen.
Wir preisen es mit Zartgefühl, das dumm ist.
und mit klarem Eigensinn, weil es schön ist,
schrecklich und unseres.
Und schließlich, wenn es einmal bestanden hat, die Proben
von Sankt Augustin,
zur Entscheidung ob richtig/falsch,
wenn es ein richtiges Land sein wird,
dann vergessen wir die Erfindung.
Wir lassen ihn liegen diesen technischen Staat und verwandeln unsere
Fahnen in Küchenlappen,
damit das Baskenland gleichzeitig über beides verfügt, über die Vorteile zu existieren und über die nicht zu existieren.

Wer immer noch nicht weiß

unterdrücker 20.07.2005 - 16:27
was faschistische Unterdrückung bedeutet hat, besonders für Katalanen, Basken und Galicier, sollte vielleicht dem anderen Streck Artikel mal Aufmerksamkeit schenken.  http://germany.indymedia.org/2005/07/123455.shtml

zum Thema Nationalismus

antwort 21.07.2005 - 19:15
So also, ich versuch das hier mal zu erklaeren..
Nationalismus ist Ende des 18. Jh entstanden und einige wichtige Bestandteile.weiss nich ob ich sie noch alle zsm. bekomme, aber ich versuch mal mein bestes...
Der Nationalismus ist inder Zeit der franzoesischen Revolution entstanden und Nationalisten haben den Wunsch nach einer Nation , die sich durch verschieden Merkmale wie zum beispiel, gemeinsame Sprache, Erschaffung eines gemeinsamen Feindbildes, Leben in gemeinsamen Territorium oder auch das Vorhandensein gemeinsamer Ziele(koennte man fortfuehren, aber dazu muesst ich mal meine Unterlagen waelzen, geht jedoch grad nich, da ich in kanada bin) aus einer Gruppe bildet und dadurch zu einer Nation wird...
Auch wenn das einige hier jicht gern hoeren, koennte man daher auch Linke als Nationalisten bezeichnen, obwohl das nicht gaengig ist und ich auch froh darueber bin..Aber der Definition des Nationalismus entsprechend, fallen auch die Linken (oder zumindest ein Teil der Szene) unter diesen Begriff...mh, hoffe hat n bsichen Aufschluss gegeben...
ciao

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zum Begriff "Linksnationalisten"

Mann der langen Worte 20.07.2005 - 13:35
Sogenannte Linksnationalisten sind (meiner Meinung nach) im Regelfall Linke wie Sozialisten bzw. Kommunisten, die aus wahrscheinlich realistischer Einschätzung von Wirtschaft und Gesellschaft, zunächst in nationalen oder überregionalen Kategorien denken und handeln wollen. Überregional bedeutet hier auch die Überwindung von Grenze und Nation, wenn ein bestimmte Grenzgebiete wie z.B Aachen und West-Belgien/-Holland oder in Frankreich und Spanien (Baskenland), Handel jenseits globaler Großkonzerne betreiben. Exotische Lebensmittel und Konsumgüter werden extrem seltener, allerdings haben die nicht vom sog. "Fair-Trade" bevorzugten Menschen in der "Dritten Welt" (eigentlich sind wir "eine Welt") die Möglichkeit sich zunächst einmal von den Ketten der Ausbeutung zu befreien.
Das Stichwort "Internationalismus" ist hierbei von großer Bedeutung, da über den Internationalismus eines Tages das Ideal des "Antinationalismus" und des "kosmopolitischen Kommunismus" erreicht werden soll.
Linksnationalisten zeichnen sich dadurch aus, dass Rassismus und Antisemitismus geächtet werden. Allerdings kann man einigen sog. Linksnationalisten einen latent vorhandenen Antisemitismus unterstellen, wenn der Staat Israel aufgrund seiner Politik gegenüber Palästina des öfteren hart attackiert wurde. In der Regel widersprechen diese Israel-kritischen "Linken" sich selbst, da auch der Zionismus meiner Ansicht nach die NOTWENDIGSTE Form des Linksnationalismus ist. Für das Fehlschlagen des Zionismus sind dummerweise wiederum machtgierige Kader verantwortlich, die das Prinzip der Völkerverständigung seit spät. 1967 mit Füßen treten und mißachten.
Und bla bla bla

irgendwie hat das alles auch gar nichts mit dem Thema zu tun, aber egal.

@ Mann der langen Worte

ich 20.07.2005 - 13:40
ob zionismus nötig ist oder es vielleicht auch andere wege gibt, sei dahingestellt. er ist jedoch keine linke strömung, sondern in seiner gängigen form eine rechtskonservative.

Zionismus Linksnationismus?

Ralf 21.07.2005 - 12:32
Das halte ich mal für ein Gerücht. Nationalismus ja, von Beginn an bei der Gründung in Basel. Dass es im Zionismus mal linke Strömungen gab, Bund in Polen..... ja, aber die sind inzwischen marginal. Wäre ja schön wenn es einen linken Zionismus gäbe, der auf eine Klassenfrage und damit auf eine Einbeziehung der palästinensichen Massen zielen würde.