Der afrikanische Kontinent und die Deutschländer

Klara Fall 01.07.2005 23:39 Themen: Globalisierung Weltweit
Der afrikanische Kontinent ist in den vergangenen Jahren verstärkt wieder ins Blickfeld der Großmächte (G 8) und damit Deutschlands und der EU geraten.

Teil 1 eines Beitrages über Geschichte und Kontinuität der deutschen Afrikapolitik
»Engagement für Afrika«


Der afrikanische Kontinent ist in den vergangenen Jahren verstärkt wieder ins Blickfeld der Großmächte und damit Deutschlands und der EU geraten und in den nächsten Tagen (6.-8. Juli 2005), findet der G8-Gipfel in Schottland mit dem Fokus Afrika statt .
Es sei der Kontinent, der Außenminister Joschka Fischer "momentan am meisten umtreibt", berichtete unlängst das Magazin- Der Spiegel- und Horst Köhler sprach sich in für ein ehrliches und großzügiges Engagement in Afrika aus.
»Engagement für Afrika ist nicht nur eine Sache der großen Politik«, humanitäres Engagement für Afrika habe in Deutschland eine lange Tradition. Der .Grünen-Politiker Christian Ströbele begründete 1999 die Chancen Deutschlands bezüglich einer konstruktiven Rolle in Afrika damit, »dass Deutschland das Glück hatte, sehr früh aus der Kolonialisierung gewaltsam herausgetrieben worden zu sein. (...) Dies ist eine Chance, (...) Deutschland kann eine Rolle übernehmen, die unbelastet ist und die deshalb eine Vorreiterrolle sein kann.«
Unter diesem Deckmantel sognannter Entwicklungspolitik und Geschichtsleugnung laufen diskrete Planungen für militärische Interventionen und deren Durchsetzung in Afrika ,denn aufgrund der zunehmenden Bedeutung militärischer Interventionen in Krisen- und Konfliktsituationen und anderer „sicherheitspolitischer Herausforderungen“ des wieder erstarkten Deutschlands, nehmen auch die Berührungspunkte zwischen entwicklungspolitischen und militärischen Akteuren weiter zu.
Und Behauptungen wie , die Fragilität der afrikanischen Staaten und die Gewalt in Form von Terrorismus könnten von Afrika nach Europa herüberschwappen, dienen dabei im heutigen Deutschland , als Rechtfertigung für diese aggressive politische und militärische Einmischung in die afrikanischen Angelegenheiten.
Dabei ist eine immer stärkere Unterordnung der Entwicklungspolitik unter militärstrategische Gesichtspunkte (wie bei den US-Wiederaufbauteams in Afghanistan) oder die entwicklungspolitische Finanzierung von diesen Militäreinsätzen zu beobachten.

Politische Think Thanks in Deutschland unterscheiden in diesem Verhältnis, vier Schnittstellen zwischen Entwicklungspolitik und Militär :

(1)Sicherheit und Stabilität als Rahmenbedingung für Entwicklungspolitik,
(2) u.a. gemeinsame strategische Planung und Konzeption (etwa institutionelle Mechanismen wie der Bundessicherheitsrat, in dem das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) vertreten ist, sowie ressortübergreifende Länderstrategien),
(3)Überschneidung bei der Finanzierung nichtziviler Maßnahmen durch Mittel der Entwicklungspolitik (etwa Verwendung von Ressourcen des Europäischen Entwicklungsfonds für die Peace Facility for Africa) sowie die Finanzierung von zivilen Maßnahmen, die vom Militär durchgeführt werden, und
(4) Überschneidungen beim operativen Vorgehen (z.B. das ressortübergreifende Vorgehen bei der Unterstützung des Kofi Annan International Peacekeeping Training Center in Ghana

Der traditionsreiche Afrika-Verein aus Hamburg, auf den im Verlauf des Beitrages noch näher eigegangen wird, beschrieb diese Entwicklung so:
Mit einer Erfahrung von »über 100 Jahren im Dienste der deutsch-afrikanischen Wirtschaftsbeziehungen« begrüßte der Verein, daß die EU »ihre neuen militärischen Fähigkeiten auf dem afrikanischen Kontinent« anbietet, wie sie mit der Operation Artemis im Sommer 2003 in der DR Kongo bewiesen habe. »Damit ist die EU in Zukunft in Afrika nicht nur ein Akteur der Entwicklungs- und Handelspolitik, sondern auch der Sicherheitspolitik.«

Das diese Politikfelder keinesfalls getrennt betrachtet werden dürfen, unterstrich 2003 die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)-Wieczorek-Zeul gegenüber der Berliner Tageszeitung -die taz- in Bezug auf den Darfur-Einsatz , den sie durchaus auch mit Mitteln aus dem Europäischen Entwicklungsfonds unterstützt sehen wollte.

Doch anders als es die rot-grüne Koalition und ihre VorgängerInnen behaupten, ist Kolonialideologie und koloniale Praxis keineswegs nur Teil der Wilhelminischen Zeit ,sondern wirkt kontinuierlich bis in die heutige Zeit fort.

Dies ist ein Grund ,sich die deutsche Geschichte und die Planungen des neuen Deutschland für ihren alten/neuen Kontinent Afrika mal etwas näher anzusehen, denn in der deutschen Öffentlichkeit wird bis heute (wenige Ausnahmen ausgeschlossen) das Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte verdrängt.


Deutscher Kolonialismus


Deutsches Kaiserreich



Ab 1883 begann das deutsche Kaiserreich mit seiner aggressiven Kolonialpolitik. Die Entdeckung von wertvollen Rohstoffen, wie Diamant und Gold, machte die Eroberung Afrikas auch für Deutschland reizvoll.
Südwestafrikanischen Besitzungen,Togo und Kamerun ,Gebiete in Ostafrika(heute: Tansania, Burundi und Ruanda),die Marshall-Inseln,Kiautschou (heute: Teil Chinas),Karolinen, Palau und Marianeninseln,die Samoa-Inseln und Nord-Neuguinea wurden unter „so genannten“ Schutz ,also unter deutsche Herrschaft gestellt,
wobei Mensch, die Ähnlichkeiten zu den heutigen so genannten „Schutztruppen“ geradezu ins Auge springen.
Zu den wichtigsten ideologischen Vorbereitern dieser Politik gehörten die Kolonialgesellschaften ,u.a. der 1882 gegründete "Deutsche Kolonialverein", die "Deutsche Kolonialgesellschaft" von 1887, der "Alldeutsche Verband" (1894) sowie der "Deutschnationale Kolonialverein" (1904). Deren jahrzehntelange ideologische Arbeit schuf eine kontinuierliche Verbindung von Anthropologie und Gesetzgebung in der deutschen Gesellschaft, wie z.B. die Diskussionen über das Verbot kolonialer »Mischehen« um die Jahrhundertwende oder die Auseinandersetzung um die Neufassung des Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetzes 1912/13, die bis heute nachwirken.

Die Jahrzehnte des Kolonialismus haben das politische Denken und den Alltag der Deutschen grundlegend beeinflusst. Kolonialwarenläden, Kolonialliteratur oder Straßen- und Kasernennamen sind Zeugen dieser Zeit. Die wissenschaftliche Diskussion über „Rassenhygiene“ seit der Jahrhundertwende , an der sich nicht nur national-völkisch Interessierte, sondern auch viele Personen aus allen Teilen der deutschen Gesellschaft beteiligten, prägte u.a. die bis heute vorherrschende Vorstellung , dass deutsche Frauen und Mädchen in großer Zahl Opfer schwarzer Vergewaltigungstäter wurden und werden.

Die kaiserlichen „Schutztruppen“ mußten im Laufe der Jahrzehnte immer wieder antikolonialer Aufstände bekämpfen. So war das Jahr 1900 , das Jahr des Boxeraufstands in China, und vier Jahre später schlug die „Schutztruppe“ in "Deutsch-Südwestafrika" (heute Namibia) die Erhebung der Herero nieder - ein deutscher Krieg, der zum Massenmord wurde. Nach dessen Niederschlagung lebten von den in früheren Jahren auf 60.000 bis 80.000 geschätzten Herero noch 16.000. Etwa 70% der Hererobevölkerung waren vernichtet worden.

Die deutsche Kolonialzeit (1884-1918) stellte bereits zu diesem Zeitpunkt eine Verknüpfung kolonialistischer und eugenischer Konzepte her , die die wichtigste rassenpolitischen Grundlagen für die Shoa, die Entrechtungen, Zwangssterilisationen und Ermordungen von Menschen in der NS-Zeit bildete. Da die anderen Kolonialmächte im 1. Weltkrieg auch Kolonialtruppen einsetzten, stellte die deutsche Propaganda dies als „Sünde“ gegen die gesamte „weiße Rasse“ dar ,und schon Ende der zwanziger Jahre wurde auf deutscher Regierungsebene diskutiert,schwarze Menschen ins Ausland zu verbringen und/oder sie durch Zwangssterilisierung an der Fortpflanzung zu hindern.


Die Weimaer Republik

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Verlust der Kolonien lebten ungefähr zweieinhalb- bis dreitausend schwarze Menschen in Deutschland: EinwandererInnen aus den ehemaligen deutschen Kolonien , kriegsgefangene KolonialsoldatInnen Frankreichs und Großbritanniens sowie schwarze KriegsteilnehmerInnen aus den USA, sowie Menschen aus den verschiedensten Gebieten Afrikas, der Karibik und den Vereinigten Staaten.
Die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung hatte keinen unmittelbaren Kontakt zu diesen Menschen. Sie erlebte sie im allgemeinen nur als ExotInnen im Zirkus ,auf der Bühne oder auf den damals modischen Völkerschauen.
Eine besondere Form der in der Weimarer Zeit geschürten nationaldeutsch-völkischen Angstphantasien, ist die von einem vermeintlich bevorstehenden Krieg der Rassen , denn die beginnende Emanzipations- und Unabhängigkeitsbewegung in den Kolonien und Halbkolonien gefährdete die Revanche von Versailles.


Der NS-Staat , die verlorenen Kolonien und die Vernichtung

Nach 1933 wurden die Kameruner Plantagen,die trotz Verlust der Kolonien von Deutschen betrieben wurden, zum Versuchsfeld einer zukünftigen nationalsozialistischen Kolonialwirtschaft. Deutsche WissenschaftlerInnen pilgerten zum Kamerunberg, um Untersuchungen an Böden, Klima und PflanzungsarbeiterInnen durchzuführen. Gleichzeitig wurden Filme und Broschüren produziert, die der Welt die »deutsche Tatkraft in Kamerun« vor Augen führen und für den Anspruch auf deutschen Kolonialbesitz in Afrika werben sollten.

Innerhalb des NS-Staates galten schwarze Menschen ("Neger") als minderwertig und gefährlich, da sie laut NS-Ideologie durch "Mischung" die weiße Rasse der "Arier" schwächen könnten. Häufig sprach die Propaganda vom jüdischen Drahtzieher, der sich des Schwarzen bedient, um sein “schändliches” Spiel zu betreiben. Anders aber ,als etwa die JüdInnen blieben sie bis zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion noch von systematischer Verfolgung verschont, denn

ursprünglich sollten die in Deutschland lebenden Schwarzen bei der geplanten Rückeroberung der ehemaligen Kolonien in Afrika und deren Wiederaufbau als Hilfstruppen dienen.
Nach dem Sieg der Alliierten in Afrika , wurden auch sie in großer Zahl verhaftet, zwangssterilisiert und in die Arbeits- und Vernichtungslager gesperrt.


Fortsetzung folgt ....


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Quellen und Links zur deutschen
Afrikapolitik:

# cybernomads -  http://www.cybernomads.net/cn/home.cfm?p=1235

# "Initiative Schwarze Menschen in Deutschland"
ISD-Bund e.V. - http://www.isd-bund.org/index.php

# „Besondere Kennzeichen: Neger“ Schwarze im NS-Staat/Ein Ausstellungsprojekt des NS-
Dokumentationszentrums Köln
 http://www.museenkoeln.de/ausstellungen/nsd_0211_schwarze/aus_10.asp

# KOLONIALISMUS: 100 Jahre Herero – Aufstand (indymedia-Beitrag)
- http://de.indymedia.org/2004/01/71560.shtml

# - http://www.baerfilm.de/

# Webportal zum deutschen Kolonialismus und den ehemaligen
deutschen Kolonien.- http://www.deutschland-postkolonial.com/

# "Strategien und Dilemmata externer Akteure in fragilen Staaten"
Debiel, Tobias / Stephan Klingebiel / Andreas Mehler / Ulrich
Schneckener
Zwischen Ignorieren und Intervenieren. Strategien und Dilemmata
externer Akteure in fragilen
Staaten SEF Policy Paper Nr. 23, Stiftung Entwicklung und Frieden,
Bonn- lautet

 http://www.sef-bonn.org/download/publikationen/policy_paper/pp_23_de.pdf




Termine:

Di, den 5.7.05 um 20.30 Uhr
Film-"Weisse Geister
Der Kolonialkrieg
gegen die Herero"
„Weiße Geister ...“ wird am
in der Verbrecherversammlung, Festsaal Kreuzberg, Skalitzerstr. 130, 10999 Berlin gezeigt. Eintritt: 4Euro.


Ein Film von
Martin Baer-  http://www.baerfilm.de/

Mi. 6. 7. 2005
S- und U-Bhf. Friedrichstrasse: Streetparade am Global Action Day
in Form einer alternativen Stadtbesichtigung zum Thema "Neue Afrikapolitik" der G8 findet am 6. Juli eine kunterbunte Protestveranstaltung gegen die neokolonialistische Politik der G8 statt. Treffpunkt für die Streetparade ist um 17.00 Uhr der U-Bahnhof Friedrichstrasse/Mitte. Anlass für den Global Action Day ist der Tagungsbeginn der G8 in Schottland. Veranstalter: Gruppen und Einzelpersonen aus dem Berliner dissent-Netzwerk-  http://de.dissent.org.uk/
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Ergänzungen

Informationen zu deutscher Großmachtpolitik

Ver-Linker 02.07.2005 - 03:06
 http://german-foreign-policy.com ist eine Nachrichtenseite, die von einer Gruppe unabhängiger Publizisten und Wissenschaftler erstellt wird, "die das Wiedererstarken deutscher Großmachtbestrebungen auf wirtschaftlichem, politischem und militärischem Gebiet kontinuierlich beobachten"...


Aktuell auf der Seite:

- Die Bundesregierung exportiert Armeeausrüstung im Wert von mehreren Millionen Euro nach Namibia und verlängert einen Militär-Kooperationsvertrag mit Windhoek bis zum Jahr 2008. Die ehemalige deutsche Kolonie hat in den vergangenen Jahren Kriegseinsätze in Angola und in der Demokratischen Republik Kongo durchgeführt und will sich stärker an innerafrikanischen Militärinterventionen beteiligen, wie sie von Berlin befürwortet werden. Deutsche Soldaten sind seit 1993 in Windhoek stationiert und werben für die Bundeswehr. Die Bemühungen der deutschen Militärs sind Teil konkurrierender Maßnahmen der ehemaligen Kolonialmächte, die in Afrika über soldatische Hilfsverbände verfügen wollen.

- Die libyschen Grenzbehörden werden einem EU-Kommando unter deutscher Beteiligung zugeordnet und sollen afrikanische Migranten im Mittelmeer abfangen. Dies bestätigt das Büro des EU-Delegationsleiters in Nordafrika auf Anfrage von german-foreign-policy.com. Der vom deutschen Innenminister Schily (SPD) verfolgte Plan wird seit Anfang Juni umgesetzt und bereitet den Einsatz einer hochgerüsteten "Task Force" vor.

- Berliner Außenpolitiker halten eine Totalübernahme der russischen Staatlichkeit durch westliche Interessenten nicht länger für ausgeschlossen. Russland erlebe gegenwärtig "eine zweite dramatische Auflösung seines einstigen historischen Territoriums und Einflussgebiets in der GUS", heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Die Berliner Organisation steht dem Auswärtigen Amt nahe.

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..... 02.07.2005 - 13:42
sehr gute Artikel zu diesem Thema finden sich regelmäßig übrigens auch in der "iZ3W", um hier mal ein bisschen Werbung zu machen...

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Verstecke den folgenden Kommentar

noch mal der Link und Titel

Klara fall 02.07.2005 - 00:23
Vieleicht kann das die Mods noch mal ändern?
Der Titel ist Der afrikanische Kontinent und die Deutschlännder
und der link zu „Strategien und Dilemmata externer Akteure in fragilen Staaten“
Debiel, Tobias / Stephan Klingebiel / Andreas Mehler / Ulrich
Schneckener
Zwischen Ignorieren und Intervenieren. Strategien und Dilemmata
externer Akteure in fragilen
Staaten SEF Policy Paper Nr. 23, Stiftung Entwicklung und Frieden,
Bonn- lautet

 http://www.sef-bonn.org/download/publikationen/policy_paper/pp_23_de.pdf