Bericht "Wie links ist der 8. Mai?"

hc 05.05.2005 13:31 Themen: Antifa
"Wie links ist der 8.Mai" ? unter diesem Motto hatte am 4.5. die Wochenzeitung Jungle World in den Grünen Salon in der Volksbühne Berlin zu einer Podiumsdiskussion geladen. Es diskutierten Katja Kipping (Stellv. Vorsitzende der PDS), Burkhard Schröder (Freier Autor), Deniz Yücel (Jungle World) unter der Moderation von Stefan Wirner (Jungle World).
Zusammengefasst lässt sich der Abend beschreiben als ein "stochern im Nebel". Es wurden viele unterschiedliche Themen angerissen und sobald es an einer Stelle spannend wurde, kamen die Diskussionsteilnehmer auf ein neues Gebiet. So wurden einzelne Felder wie "antifaschistische Bündnisse mit bürgerlichen Kräften ? ja/nein" oder "Nazis ? ein ostdeutsches Problem" recht oberflächlich abgehandelt.

Eine kurze Zusammenfassung einiger Punkte des Abends, die mir noch im Gedächtnis blieben:

Katja Kipping verteidigte die Position der PDS mit anderen Parteien am 8.Mai rund um das Brandenburger Tor auf den Veranstaltungen gegen die NPD teilzunehmen. Die Initiative dazu sei nicht von den bürgerlichen Parteien gekommen, sondern von Paul Spiegel, dem Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, und es sei "eine Frage des politischen Anstandes" dem nachzukommen.

Hier ging die Kritik von Yücel und Schröder gleichermassen an die Vertreterin der PDS: Es macht wenig Sinn "die Nazis" zu bekämpfen, wenn das eigentliche Problem rassistische, antisemitische Einstellungen sind, die in der deutschen Gesellschaft weit verbreitet sind.

Im Laufe der Veranstaltung verteidigte Kipping die PDS gegen die Angriffe von Schröder und Yücel. Einzig Konsens herrschte unter allen TeilnehmerInnen über die Ablehnung einer Plakatkampagne mit dem Motto "Heimat" der PDS, die Kipping nicht mittragen würde, "die PDS sei eine pluralistische Partei" und sie selbst wäre gegen eine solche Kampagne.
Süffisant bemerkte Wirner hier, dass in Diskussionsrunden mit der PDS immer genau die Fraktion anwesend wäre, die parteiintern entgegengesetzt zu den jeweiligen Kritikpunkten positioniert sei.
Ebenso meinte Kipping, dass beispielsweise Hacken im Internet ein besseres Mittel gegen Rechts sei als der Baseballschläger (nach dem bekannten Woody Allen Zitat, das Yücel fälschlicherweise Andy Warhol unterschob), da Linke den direkten Kampf meist verlieren würden.
Gegen die "Nationalismus" Vorwürfe am Ende aus dem Publikum verwehre sie sich, hier wolle sie konkrete Beispiele statt pauschaler Kritik.
Alles in allem eine routinierte Parteipolitikerin, die die Linie der PDS vertrat. Etwas anderes hätte ich auch kaum erwartet.

Burkhard Schröder meinte, dass er statt einer reinen Abgrenzung ("das ist typisch deutsch- das wollen wir nicht sein") es sinnvoller fände zu definieren, was die deutsche Nationenzugehörigkeit ausmache. Diese werde heute, zumeist von der CDU, immer noch völkisch aufgefasst nach dem Abstammungsprinzip. Linke würden diese Grundsatzfrage allerdings selten stellen. Eine Antwort und Gegenmodell sei die deutsche Gesellschaft inklusive der Zuwanderer.
Er sei strikt gegen "Verbote gegen Nazis", die von staatlicher Seite aber auch von Linken eingefordert würden und nichts brächten, sondern befürwortete "als Freund der amerikanischen Kultur" eine totale Meinungsfreiheit, in der auch Rechtsextreme ihre Bürgerrechte wahrnehmen dürften (vor rechten Übergriffen zu schützen sein ein polizeiliches d.h. anderersProblem). Dies sei besser als im staatlichen "Kampf gegen Rechts" -wie in den 70er Jahren im Kampf gegen die RAF- die demokratischen Freiheitsrechte einzuschränken. Hauptargument gegen Verbote allerdings sei, dass sie am eigentlichen Problem vorbei gingen und wirkungslos seien. Deswegen sei eine "Immunisierung durch mehr demokratische Kultur" vonnöten.
Allgemein hätte Deutschland eine Kultur des preussisch-protestantischen Gedenkens: Sinnentleerte Rituale wie in der katholischen Kirche. Statt sich mit lebenden Juden heute politisch auseinanderzusetzen, würden Juden nur im Museum ausgestellt. Ebenso seien Gedenkveranstaltungen, wie am 8.Mai, reine "Selbstvergewisserung der richtigen Gesinnung unter Gleichen". Wie die NPD im Landtag in Sachsen würde er an so etwas sinnlosem aus Prinzip nicht teilnehmen wollen.

Kritik an PDS: Sie würd einer Extremismustheorie anhängen, die völlig veraltet sei. Im alten Westdeutschland sei diese gerichtet gewesen "gegen Extremisten von links und rechts", in der DDR hies es "den rechten Rand zurückdrängen". Wie Yücel meinte Schröder stattdessen, dass rechtsextremes Gedankengut aus der Mitte der Gesellschaft käme (was inzwischen auch eine Binsenweisheit sei). Die NPD sei nur eine Politsekte, die eigentliche rechte Bedrohung der nächsten Jahre würde wie in anderern europäischen Ländern mit einem "modernen" Image daherkommen und versuchen die ca. 15% potentiell rechtsextremer Wähler zu erreichen.


Deniz Yücel meinte, dass von ihm aus "die Nazis gerne durch das Brandenburger Tor marschieren können, den ganzen Tag lang- da seien in der Zeit wenigstens die Kanaken und Punker im Osten sicher vor Übergriffen". Ihm sei es als Linker schlichtweg zu dämlich, sich schützend vor "das deutsche Bauwerk schlechthin" zu stellen. Wenn Rechtsextremisten irgendwo hingehören würden- dann dort. Anders sei dies in der Oranienstrasse und Oranienburgerstrasse, aus jeweils völlig unterschiedlichen Gründen. Hier wären Blockaden gegen Aufmärsche angebracht.

Die extreme Rechte würde aber von Linken als "Pappkameraden" aufgebauscht. Man zeichne ein Bild orientiert an der Adenauerära und der Stahlhelm-Fraktion der CSU, dass es so heute nicht mehr gäbe. Etwas wie die Wehrmachtsaustellung sei noch vor 20 Jahren undenkbar gewesen. Deutschland habe sich verändert. Wie Jürgen Habermas schon in den 80er Jahren forderte, sei heute eben Ausschwitz der zentrale Punkt des deutschen Selbstverständnisses. 5000 Demonstranten gegen die Ausstellung in München seien eine verschwindend geringe Minderheit, dass deutsche Staatsverständnis heute sei das Problem, das zwar Auschwitz als zentralen Referenzpunkt hat, gleichzeitig aber eben auch die eigenen Opfer entdeckt. Dies sei wesentlich cleverer als der alte Rechtsextremismus im Nachkriegsdeutschland.
Deswegen sei auch der 8.Mai als Podium linker Politik verloren, hier könne man nur noch mit aber nicht mehr gegen den Staat demonstrieren. Dies äußert sich in dem Paradox, dass selbst die Gegendemo den NPD-Aufmarsch von der Polizei benutzt würde- die Route wurde so gelegt, dass sie den Aufmarsch direkt verhindern wird. Linke würden sich somit quasi zum Handlanger der Polizei und Nation machen. So verstehe er auch den Skandal um die NPD im Landtag in Sachsen und dem Boykott der Gedenkminute nicht- wenn sie sitzengeblieben wären, wäre das wesentlich dreister gewesen. (Anmerkung: die DVU Brandenburg beteiligte sich schon an Kranzniederlegungen in KZ-Gedenkstätten).

Allerdings wurde er in seine Ausführungen kritisiert von Wirner: einerseits eine differenzierte Betrachtung der deutschen Geschichte einfordern, andererseits ein statisches Bild von Gesellschaft aufwerfen, dass jeglichen Prozesscharakter ausblendet. Ebenso warf Schröder hier ein, dass es sehr wohl eben noch die CDU mit einem völkischen Staatsbürgerschaftsverständnis gäbe, insofern Yücel´s Thesen zu einseitig auf Rot-Grün ausgelegt seien.

Anmerkung hierzu: So sehr es mir auch sympathisch ist, dass es noch eine Kritik gibt, die nicht mitspielen will, so unglaublich pathetisch kann das ganze auch wirken- wenn Kritik nur noch um ihrer selbst willen formuliert wird. Und diesen Eindruck hatte ich bei Yücel. Linke Postitionen ausschließlich als Anti-Haltung zu definieren täuscht mitunter über die fehlende eigene Programmatik hinweg. Teilweise wurde das auch krass ersichtlich- wo Yücel auf den Einwand "was sollte man deiner Meinung nach denn als Linke machen?" von Wirner und Kipping einfach nicht einging.


Abgerundet wurde die Veranstaltung durch sinnentleerte Verwirrungen des Publikums wie "Warum demonstrieren Linke eigentlich nicht gegen das Großkapital und Josef Ackermann?" (eine leider nicht gegebene Antwort: weil sie weder Handlanger von "Heuschrecken" Münte noch Linksruck sind) oder eine langatmige Ausführung über den Wechsel deutscher Arbeiter von rot zu braun in der 20er Jahren (Sinn davon: unbekannt). Glücklicherweise beendete der Moderator den Abend dann, als sich ein (wohl schon bekannter- denn man kannte sich beim Vornamen) Zwischenrufer gerade mit "Ja, aber die grauen Wölfe der Türkei" in Rage reden wollte.
Lobend erwähnt werden muss die Moderationsleitung- die war exzellent. Stefan Wirner schaffte es auf Widersprüche hinzuweisen und an einigen Stellen DiskussionsteilnehmerIn auf ihre Aussagen festzunageln.

Konsens des Podiums: nahezu keiner. Was "links" bedeutet, muss ein anderes Mal geklärt werden. Interessant war es trotzdem, eben nicht das klassisch radikal-linke Ghetto zu sehen, sondern extrem unterschiedliche Postitionen im Clash miteinander. Wirner schloss dann mit den sinngemässen Worten: "Ihr wisst dann alle hoffentlich selbst was ihr am 8.Mai macht- oder auch nicht."


Mein Fazit des Abends:
Es gibt verschiedene linke Ansätze ? den Alleinvertretungsanspruch sollte jeder davon vergessen. Auch wenn ich mich nie in der PDS engagieren würde- ich bin froh, dass jemand im Abgeordnetenhaus in Sachsen sitzt und sich gegen die NPD im Parlament betätigt.
Ja, ich bin gegen die ziemlich deutsche Reaktion der Einschränkung von bürgerlichen Freiheiten im "Kampf gegen Rechts" (dies ist eine Bankrotterklärung des bürgerlichen Antifaschismus). Ebenso bin ich der Meinung, dass sich kritisch gefragt werden sollte, ab wo sich Linke zu nützlichen Idioten für Nation und Polizeibehörden machen.
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Ergänzungen

Burks

Murks 05.05.2005 - 17:41
Burkhard Schröder ist nicht links, noch nicht einmal antifaschistisch. So wie er seinen Schützling Detlef Nolde (Cholewa) besorgt ist. Wer in den letzten Monaten ein paar Foren-Einträge verfolgt hat, konnte eine unheilige Allianz aus Aussteiger-Aussteiger-Nolde, Querfront-Krienen und eben diesem Burks beobachten.

Soweit ich weiß, darf Burks auch nicht mehr bei Heise Telepolis schreiben, aber wenn die "Jungle World" die Reste verwerten kann. Dem Blatt muss es ja wirklich schlecht gehen.

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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auszug aus grass-text in zeit.de

lang 05.05.2005 - 15:03
Fünfzehn Jahre nach der Unterzeichnung des Einheitsvertrages ist zu erkennen und nicht mehr zu verschweigen oder schönzureden, dass uns die Einheit Deutschlands, trotz erbrachter finanzieller Leistungen, in ihren Grundzügen missraten ist. Und das von Anbeginn. Kleinliches Kalkül hinderte die damalige Regierung, einer im Grundgesetz vorsorglich verankerten Aufforderung zu folgen, also den Bürgern beider Staaten eine neue, in gesamtdeutschem Bemühen erarbeitete Verfassung vorzulegen. So kann es nicht verwundern, dass sich die Menschen in den bloß angeschlossenen Bundesländern als Deutsche zweiter Klasse erleben. Was den Besitz von Produktionsstätten, der Energieversorgung, der Zeitungen und Verlage betrifft, ist diese einst »volkseigene« Substanz des verschwundenen Staates unter gelegentlich krimineller Mitwirkung der Treuhandanstalt abgewickelt, schließlich enteignet worden. Der Anteil der Arbeitslosen ist doppelt so hoch wie in den westlichen Bundesländern. Westdeutsche Arroganz ließ keinen Respekt vor ostdeutschen Biografien aufkommen. Die vormals befürchtete Abwanderung der Bevölkerung – weshalb überstürzt und zu früh die D-Mark eingeführt wurde – findet gegenwärtig und alltäglich statt: Ganze Landstriche, Dörfer und Städte entleeren sich. Nachdem die Treuhand ihr Schnäppchengeschäft gemacht hatte, verweigerten die westdeutsche Industrie und desgleichen die Banken notwendige Investitionen, Kredite und also das Schaffen von Arbeitsplätzen; lieber redet man gebetsmühlenhaft den deutschen Standort schlecht und bringt sein Schäflein im Ausland ins Trockene. Da helfen keine Hauruck-Reden. Angesichts dieser Schieflage kann nur, wenn überhaupt noch jemand, der Gesetzgeber, das Parlament helfen. Womit die Frage nach der Handlungsfähigkeit der parlamentarischen Demokratie abermals gestellt wird.

Nun, ich behaupte, dass unsere frei gewählten Abgeordneten nicht mehr frei sind in ihren Entschlüssen. Dabei ist nicht der übliche Fraktionszwang, für den es Gründe geben mag, entscheidend; vielmehr ist es der Ring von Lobbyisten aus vielerlei Interessen, der den Bundestag und dessen demokratisch legitimierte Abgeordnete einengt, beeinflusst, unter Druck setzt und sich bis in die Gestaltung und Texte der Gesetze Mitsprache erzwungen hat. Kleine und größere Gefälligkeiten helfen nach. Strafwürdige Machenschaften werden als Kavaliersdelikt abgetan. Niemand nimmt ernsthaft mehr Anstoß an einem mittlerweile ausgefeilten System, dessen Praxis sich aus wechselseitigen Begünstigungen speist.

Mithin entscheidet das Parlament nicht souverän. Es ist von den mächtigen Wirtschaftsverbänden, den Banken und Konzernen abhängig, die keiner demokratischen Kontrolle unterliegen. So macht sich der Gesetzgeber zum Gespött. So missrät das Parlament zur Filiale der Börse. So unterwirft sich die Demokratie dem Diktat des global flüchtigen Kapitals. Wen wundert es, wenn sich mehr und mehr Bürger empört, angewidert, schließlich resigniert von solch offen zutage tretenden Machenschaften abwenden, den Wahlgang als bloße Farce werten und auf ihr Wahlrecht verzichten? Vonnöten wäre der demokratische Wille, den Bundestag vor dem Andrang der Lobbyisten durch eine Bannmeile zu schützen. Doch sind unsere Parlamentarier noch frei genug für einen Entschluss, der radikaldemokratischen Zwang ausüben müsste?

Wiederum stellt sich die Frage: Was ist aus der uns vor sechzig Jahren geschenkten Freiheit geworden, zahlt sie sich nur noch als Börsengewinn aus? Unser höchstes Verfassungsgut schützt nicht mit Vorrang die bürgerlichen Rechte, ist vielmehr zu Niedrigpreisen verschleudert worden, auf dass es, dem neoliberalen Zeitgeist genehm, vor allem der sich »frei« nennenden Marktwirtschaft dienlich wird. Doch dieser zum Fetisch gewordene Schummelbegriff verdeckt nur mühsam das asoziale Verhalten der Banken, Industrieverbände und Börsenspekulanten. Wir alle sind Zeugen, wenn weltweit Kapital vernichtet wird, wenn so genannte feindliche und freundliche Übernahmen Tausende Arbeitsplätze vernichten, wenn die bloße Ankündigung von Rationalisierungsmaßnahmen als Entlassung von Arbeitern und Angestellten die Kurse steigen lässt und dies reflexhaft als hinzunehmender Preis für »das Leben in Freiheit« gewertet wird.

Die Folgen dieser als Globalisierung verkleideten Entwicklung treten deutlich zutage, sind an Statistiken abzulesen. Mit der seit Jahren konstant hohen Zahl von Arbeitslosen, die nun bei fünf Millionen liegt, und der gleichfalls konstanten Weigerung der Unternehmer, trotz nachweislich hoher Renditen, besonders im Exportbereich, neue Arbeitsplätze zu schaffen, hat sich die Hoffnung auf Vollbeschäftigung verflüchtigt. Ältere Arbeitnehmer, die durchaus noch leistungsfähig wären, werden in die Frührente abgeschoben. Jungen Menschen bleibt der gelernte Einstieg ins Arbeitsleben verwehrt. Schlimmer noch: Bei gleichzeitigem Gejammer über drohende Vergreisung und papageienhaft wiederholten Forderungen, mehr für Jugend und Bildung zu tun, leistet sich die Bundesrepublik – das immer noch reiche Land – einen Zuwachs von beschämendem Ausmaß, »Kinderarmut« genannt.

All das wird mittlerweile, als sei es gottgewollt, hingenommen, begleitet allenfalls von landesüblicher Nörgelei. Fragen nach der Verantwortung geraten schnurstracks auf den zentral liegenden Verschiebebahnhof. Dort werden sie mal auf dieses, mal auf jenes Abstellgleis rangiert. Doch die Zukunft von mehr als einer Million Kindern, die in verarmten Familien aufwachsen, bleibt weiterhin verhängt. Wer auf diesen Missstand und auf weitere ins soziale Abseits gedrängte Menschen hinweist, wird von alerten Jungjournalisten günstigstenfalls als »Sozialromantiker« verspottet, in der Regel jedoch als »Gutmensch« diffamiert. Fragen nach den Gründen für die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich werden als »Neiddebatte« abgetan. Das Verlangen nach Gerechtigkeit wird als Utopie verlacht. Der Begriff Solidarität findet sich nur noch in der Rubrik Fremdwörter.

Hier die Ackermänner und Esser – dort die Namenlosen, denen die Suppenküche Zuflucht bietet. Hier die coolen Besserverdienenden – dort die statistisch erfassten Sozialfälle. Bei aller Beschwörung einer gewiss erstrebenswerten Zivilgesellschaft formiert sich in der Bundesrepublik Deutschland die längst überwunden geglaubte Klassengesellschaft. Nicht mehr zu vermuten, festzustellen ist: Was als neoliberal plakatiert wird, erweist sich, genau besehen, als Rückgriff auf die menschenverachtende Praxis des Frühkapitalismus. Und die soziale Marktwirtschaft – einst ein Erfolgsmodell wirtschaftlichen und solidarischen Handelns – degeneriert zur freien Marktwirtschaft, der die verfassungsgemäße Sozialverpflichtung des Eigentums lästig und das Streben nach Rendite sakrosankt ist.

Kommt am 8. Mai nach Berlin!

BlackLabel 05.05.2005 - 15:33
Damals wie heute gilt: Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!
8. Mai - Tag des Sieges über den deutschen Faschismus
Beteiligt euch am internationalistischen, antimilitaristischen Block!

Demonstration am 8. Mai in Berlin
8. Mai 2005 - 10 Uhr - Bertolt-Brecht-Platz, Berlin/Mitte

Niemals vergessen wir die Bilder der Mordstätten von Auschwitz und Treblinka! Niemals vergessen wir die Bilder der feiernden und jubelnden Menschen am 8. Mai 1945 in Paris, London, Moskau, Krakau und Amsterdam! Niemals vergessen wir die Profiteure von Krieg und Vernichtung!

Als die faschistische Wehrmacht am 8. Mai 1945 - vor 60 Jahren - kapitulieren musste, war dies für all jene Menschen, deren Länder von den Deutschen besetzt und mit unvorstellbarem Terror überzogen worden waren, ein Tag der Freude und der Befreiung. Die Nazis waren besiegt, und der Holocaust hatte ein Ende. Der 2. deutsche Welteroberungskrieg forderte über 50 Millionen Menschenleben. Sechs Millionen Jüdinnen und Juden, eine halbe Million Sinti und Roma waren in den Vernichtungslagern im Gas ermordet worden; Hunderttausende starben in der Zwangsarbeit für deutsche Konzerne wie die IG-Farben, Flick, Opel und Mercedes-Benz; dem eugenischen Rassenbild oder der bürgerlichen Sexual- und Arbeitsmoral nicht Entsprechende wurden als "unwertes Leben" getötet; genauso wie KommunistInnen, SozialdemokratInnen und alle anderen, die versuchten gegen die Nazibarbarei Widerstand zu leisten.

Wessen Niederlage? Wessen Sieg?

In Deutschland gab es keine Partisanenbewegung wie in Italien, Frankreich, Jugoslawien, Polen oder Griechenland. Nach der blutigen Zerschlagung der Arbeiterbewegung waren es nur die überlebenden KommunistInnen, SozialdemokratInnen und wenige bürgerliche DemokratInnen, die in den Lagern, der Illegalität oder aus dem Exil heraus versuchten weiter gegen die Nazis zu kämpfen. Geschlagen wurden die Nazis von außen - durch die Armeen der Alliierten, die mit Unterstützung der Partisanenverbände die faschistische Wehrmacht besiegten.

Der 8. Mai wird in allen Nationen, die während des 2. Weltkrieges besetzt waren und deren Angehörige gegen Wehrmacht und SS gekämpft haben, als Tag der Befreiung vom Faschismus gefeiert. Angesichts des Grauens und des Leidens, aber auch des erfolgreichen Widerstands ist uns der 8. Mai, als Tag der Befreiung, Anlass zu feiern, dass "der große Weltbrand" (Brecht) vor 60 Jahren aufgehalten und besiegt werden konnte.

Der Krieg ist noch längst nicht vorbei

Gerade die Nazi-Erfahrung, so die rot-grüne Regierungspropaganda, befähigt Deutschland zu "verantwortungsvollem Handeln in der Welt" - die bigotte Moral der späten Sieger passt perfekt ins militärische Kalkül und ökonomische Geschäft. So lassen sich selbst die Gräuel von Auschwitz, Treblinka und Sobibor nachträglich noch mal verwerten. Als Deutschland 1999 mit seiner Beteiligung am Angriffskrieg gegen Jugoslawien die zentrale Konsequenzen aus dem Faschismus - "Nie wieder Krieg!" - bei Seite wischte, diente die Nazi-Geschichte ausdrücklich als Aufforderung zur Kriegsbeteiligung. Wer, wenn nicht die Deutschen könnte besser das neue "Auschwitz", das Fischer und Scharping im Kosovo herbeilogen, verhindern?

Ließen sich Kriege in der Vergangenheit eher als eine Art Ausnahmezustand beschreiben, so sind sie heute längst grausame Normalität. Imperialistische Kriege haben keinen Anfang und kein Ende mehr. Und dies sowohl zeitlich, als auch territorial. Krieg ist permanent und global. Um ihn zu legitimieren werden wahlweise Massenvernichtungswaffen oder Menschenrechte herangezogen.

Dagegen muss sich antimilitaristische Politik zur Prämisse machen:
Was bewaffnet worden ist, kann auch wieder entwaffnet werden.
50 Jahre Bundeswehr sind 50 Jahre zuviel.

Aber Appelle an die Herrschenden nützen da nichts. Was gebraucht wird, ist eine Strategie die eingreift. Was gebraucht wird, ist eine Haltung, die die zunehmende Normalisierung des Militärischen im Alltag durchbricht, ihr alltäglichen Widerstand entgegensetzt.

Wir stehen gegen den imperialistischen Krieg und die Relativierung des deutschen Faschismus. Der Nazifaschismus ist uns Mahnung und Aufforderung - in Zeiten gesteigerter Ausbeutung, globaler Kriegsverhältnisse und Besatzungsregime, sowie eines grassierenden Rassismus, Antisemitismus und einer aggressiven neofaschistischen Bewegung nicht wegzuschauen, sondern zu handeln und die Neonazis, sowie ihre geistigen Brandstifter an den Stammtischen und in den Parlamenten zu bekämpfen!

Im Trikont hat für den Großteil der Menschen der Krieg 1945 genauso wenig aufgehört, wie er ihnen jemals erklärt wurde. Es ist das imperialistische Herrschaftsverhältnis und der Kapitalismus, das den Faschismus überhaupt erst ermächtigte und seinen Expansionskrieg möglich werden ließt. Der Aufbau einer freien und gleichen Gesellschaft ist ohne Überwindung der kapitalistischen Ausbeutung, der Herrschaft des Menschen über den Menschen, nicht zu denken.
In diesem Sinne rufen wir alle Menschen auf am 8. Mai 2005 mit uns auf die Straße zu gehen und sich den Faschisten entgegenzustellen!
Beteiligt euch am internationalistischen, antimilitaristischen Block!

Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!
Kein Frieden mit dem deutschen Großmachtstreben!
Für einen kämpferischen Antifaschismus!
Hoch die internationale Solidarität!

 http://www.08mai2005.de.ms/
 http://8-mai.antifaschistische-aktion.com/

Lob und Danke

jens 06.05.2005 - 21:35
Danke für den guten Artikel/Zusammenfassung, wäre selber gerne zu dieser Veranstaltung, habe aber ein kind.

jens