Symposium in Berlin

Johann Werst 21.04.2005 18:53 Themen: Gender
Von heute bis zum 23. April 2005 treffen sich MedizinerInnen im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin-Mitte zum 5. Berliner Symposium für Kinder- und Jugendgynäkologie.
Sie werden darüber sprechen, wie geschlechtlich nicht eindeutige Kinder „angepasst“ werden können. Dass dies geschehen muss, darüber herrscht bei ihnen Einigkeit. Dabei dient ein Zirkelschluss als Argumentationsgrundlage. Diese Kinder hätten es im späteren Leben viel zu schwer, wenn sie nicht als eindeutig männlich oder weiblich erkennbar sind –dient als Begründung für die medizinische Herstellung der zweigeschlechtlichen Norm. Das ist in etwa so logisch, wie alle Migrant_innen aus Deutschland abschieben zu wollen, damit sie sicher vor rassistischen Übergriffen und Schikanen der weißen deutschen Mehrheitsbevölkerung sind.
Seit Jahren gibt es Bestrebungen von Betroffenen der Zwangsoperationen, diese endlich zu stoppen. Doch davon wird auch beim diesjährigen Symposium offiziell keine Rede sein. Denn die VeranstalterInnen haben es sogar abgelehnt einen Informationsstand von Kritiker_innen zu gestatten. Sie wollen unter sich bleiben und werden gewiss nicht die zweigeschlechtliche Norm hinterfragen, oder sich Gedanken darüber machen, wie und warum sie zu deren gewaltsamer (Re-)Produktion beitragen.
Doch die „Anpassung“ findet nicht nur medizinisch bei vermeintlichen Abweichungen, sondern auch immer sozial bei jedem_jeder einzelnen statt. Wenn auch mit sehr viel softeren Techniken, werden wir alle von Geburt an dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugeordnet. Das beginnt mit der Frage „Was ist es denn, Junge oder Mädchen?“, geht dann über einen entsprechenden Namen, Spielzeug, Zuwendung immer so weiter. Wir spielen dabei nicht einfach nur Rollen, sondern empfinden uns in der Regel relativ ungebrochen als Frau oder Mann und ordnen auch alle anderen Menschen entsprechend ein. So wird Geschlecht, u.a. die Grundlage der kapitalistischen Arbeitsteilung in reproduktive und produktive Arbeit, von den meisten Menschen gar nicht mehr hinterfragt, sondern als natürlich angesehen. Doch die biologistisch begründete zweigeschlechtliche Norm ist historisch gewachsen und entwickelte sich erst im 18. Jahrhundert mit dem Aufstieg des Bürgertums. Bis dahin hatte es als Allerweltsweisheit gegolten, dass Frauen und Männer über die gleichen Genitalien verfügen, nur einmal nach außen und einmal nach innen gestülpt. Trotz dieses `Wissens´ über nur einen Geschlechtskörper gab es durchaus entscheidende Unterschiede, und zwar auf sozialer Ebene. Männer galten als Höhepunkt der menschlichen Schöpfung, als universeller Maßstab an dem alles gemessen wurde. Von dem aus betrachtet galt die Frau als unvollkommen und minderwertig. Mit dem Siegeszug der modernen Medizin und Wissenschaft konnte nicht länger an dem überholten Eingeschlechtermodell festgehalten werden. Doch die neuen Erkenntnisse wurden durch die Brille der sozialen Zweigeschlechtlichkeit gesehen. Auf der Grundlage des seit dem gültigen und wiederum biologistisch begründeten Zweigeschlechtermodells können Männer psychische und physische Gewalt gegen Frauen ausüben. Die soziale Macht ist klar zugunsten des männlichen Geschlechts verteilt.
Es werden also verschiedene Kennzeichen zu zwei und nur zwei sich vermeintlich konträr gegenüber stehenden Kategorien zusammen gefaßt. Und wenn das mal nicht geht - was z.B. bei mindestens einem von 2000 Neugeborenen vorkommt - wird u.a. mit dem Skalpell nachgeholfen und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. So geht es bei den OP`s meist nur darum den Schein zu wahren. Die Betroffenen sollen nicht auffallen und später zum heterosexuellem Akt, also der Penetration fähig sein. Das bei diesen Genitalverstümmelungen in der Regel das Lustempfinden der Operierten stark eingeschränkt wird spielt keine Rolle – es geht ja ums Prinzip...
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Ergänzungen

Gegenaktion am Sonnabend

Anna 21.04.2005 - 19:38
Treffpunkt zur medizinkritschen Aktion der Arbeitsgruppe TransInterGenderSex:

Samstag, 23. April 2005, 7.30 Uhr morgens vor dem Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur, Friedrichstr. 176-179, U2/U6 Stadtmitte

Kommt alle!