Mobi-Kundgebung zum 13.2. an Dresdner Uni

hsg 04.02.2005 13:41 Themen: Antifa
Am 3.2.05 fand an der Neuen Mensa der Technischen Universität Dresden eine Mobilisierungs-Kundgebung für den 12. und 13. Februar statt. Insbesondere ging es darum, gegen den Naziaufmarsch, bei dem bis zu 5.000 Nazis erwartet werden, zu mobilisieren.
Letzte Vorlesungswoche an der Uni um die Mittagszeit an der größten Mensa: Die Polit-Mucke rockte und es wurden etwa 1.500 bunte Flyer mit den Worten "gegen den Naziaufmarsch am 13." an die vorbeiströmenden Studierenden verteilt. Wer noch mehr Info wollte, konnte auch die weiteren antifaschistischen Aufrufe zum 12./13. Februar bekommen, oder gleich im Gespräch über Sinn und Taktik gegen Naziaufmärsche verweilen.
So ganz nebenbei erschien das Positionspapier der Antifa-Hochschulgruppe "Zur Notwendigkeit linker Interventionen an sächsischen Hochschulen".


Hier das verteilte Flugblatt:


13. Februar 2005
Den deutschen Opfermythos im Visier
Naziaufmarsch sobotieren!

Am vergangenen Wochenende haben in Kiel ca. 8.000 Menschen gezeigt, was sie von dem Aufmarsch der NPD dort halten: Nämlich nichts. Mehrere hundert Menschen beteiligten sich an Strassen-Blockaden, die Polizei versuchte diese ohne Erfolg aufzulösen. Die knapp 300 Neonazis liefen gerade mal ein paar hundert freigeknüppelte Meter, dann wurde die Nazidemo abgebrochen.
Kiel in Schleswig Holstein wählt am 20. Februar den neuen Landtag. Sachsen als herausragend gutes (schlechtes) Beispiel dafür, wie erfolgreich Nazis sein können, spielt sicherlich eine Rolle für den verstärkten Kampf gegen Nazis. Im letzten halben Jahr wurden auch andere Nazidemos - in Leipzig, Potsdam und Magdeburg - blockiert und damit verhindert.
Was in Schleswig Holstein noch Prophylaxe ist, hat Sachsen schon verspielt: Hier ist das Kind schon lange in den Brunnen gefallen. Angesichts mangelnder Gegenwehr konnte sich am 13. Februar in Dresden als jährliches Ritual ein Nazigrossaufmarsch entwickeln. Letztes Jahr marschierten mehr als 2.000 Nazis und brachten ihre NS-Verherrlichung offen zum Ausdruck. Dieses Jahr werden es weitaus mehr werden. Die bloße Anwesenheit dieser riesigen Nazimenge schafft neonazistische Realitäten - als Machtdemonstration und gerade auch dadurch, dass potentiellen Naziopfern ihre Ohnmacht vor Augen geführt wird, da ja jede Intervention der Mehrheit der Gesellschaft und der staatlichen Institutionen demonstrativ ausbleibt. Und wenn das Ergebnis rechtextremer Kräfte bei der nächsten sächsischen Landtagswahl nicht deutlich geringer ausfällt, dann wird nicht nur die Erklärung des Phänomens als einmalige Protestwahl unglaubwürdig, Neonazis im Landtag werden langfristig auch in der Lage sein, rechtsextremen Realitäten eine ganz neue Dimension zu verleihen. Insofern sind antifaschistische Interventionen nicht nur aber gerade am 13. Februar notwendig.

Ansatzpunkt der Nazis ist in Dresden das geschichtsrevisionistische Gedenken an die Bombardierung Dresdens am 13. Februar. Dabei tritt die völkische Variante dieses Gedenkens anklagend, revanchistisch, NS-verherrlichend und offen antisemitisch auf. Dabei bedienen sie sich einer eigenen in Bezug auf die NS-Verbrechen relativierenden „Opfer“-Terminologie, wie etwa dem Begriff „Bombenholocaust“. (In diesem Jahr nennen die Nazis den 13. 2. 1945 nur noch "Holocaust".) Dies bleibt mittlerweile nicht mehr nur auf die Naziszene begrenzt, sondern hat z.B. mit dem Buch „Der Brand“ von Jörg Friedrich den Weg in die bürgerliche Gesellschaft gefunden. Friedrich benutzt das Vokabular der Shoa, um die Bombenangriffe zu beschreiben – indem er beispielsweise brennende Keller als Krematorien bezeichnet.
Völkische Positionen prägen zunehmend das Gedenken. Zum einen wird die offizielle Gedenkveranstaltung der Stadt auf dem Heidefriedhof mittlerweile von Nazis zahlenmäßig dominiert und zum anderen stellt der Naziaufmarsch am frühen Nachmittag die zentrale alternative Möglichkeit des Gedenkens dar, welche auch von „normalen“ Bürgerinnen genutzt wird. Zudem nutzen sie öffentliche Veranstaltungen und Diskussionen zum Thema als Plattform für die Artikulation ihrer Propaganda. Sie behalten sich dabei vor, das „wahre Gedenken“ an den 13. Februar zu vertreten und aufrecht zu erhalten.

Konstitutiv für jede Variante des Gedenkens, ob völkisch oder bürgerlich geprägt, ist die Fokussierung auf die deutschen Opfer, deren unterschiedliche Ausdrucksformen kein Grund für Zurückhaltung in der Kritik sein können. Die Formen des Gedenkens sind zwar verschieden, aber im Unterschied zu anderen Städten bietet das Dresdner Bürgergedenken für Nazis zahlreiche Anknüpfungspunkte.
Die Artikulierung "deutschen Leids" steht im Kontext deutscher Geschichtsschreibung und Identitätsbildung, bzw. der identitätsbildenden nationalen Diskurse um den Bombenkrieg. Es kann von einer Zentralität des Opfermythos gesprochen werden, der den gemeinsamen Ansatz für das Gedenken bildet.

Bedeutendstes Ereignis ist jedoch der zu erwartende Nazigrossaufmarsch am späten Vormittag in der Innenstadt, der zu einem der größten Naziaufmärsche der Nachkriegsgeschichte zu werden droht. Dazu werden etwa 5000 Nazis aus dem In- und Ausland erwartet. Diese Demonstration ist von großer Bedeutung für die Naziszene, vergleichbar etwa mit dem „Rudolf-Hess - Marsch“ oder dem „Heldengedenken“ in Halbe.
Dies ist in der großen Integrationskraft des Themas begründet und spricht damit ein Spektrum von Rechts-konservativ bis hardcore-nationalsozialistisch an.
Schirmherr der Demonstration ist Holger Apfel, der als NPD-Fraktionsvorsitzender im sächsischen Landtag den Tabubruch inszenierte und vom „Bombenholocaust“ sprach. Wir wissen genau, dass es deswegen am 13. Februar nicht zu einem „Aufstand der Anständigen“ kommen wird.
Deshalb ist es unbedingt notwendig, zahlreich in Dresden auf die Strasse zu gehen, diese Demonstration zu behindern, anzugreifen und den Nazis an diesem Tag eine Niederlage zu bereiten.

Antifa-Kundgebung am Sonntag, den 13. Februar 05
ab 11 Uhr Synagoge / Rathenauplatz

antifaschistische Auftaktdemonstration am Samstag, den 12. Februar 05
15 Uhr Kulturpalast / Wilsdruffer Strasse

alle Infos zur Naziroute und zu Gegenaktivitäten
 http://venceremos.antifa.net
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Ergänzungen

Passend dazu: nationale Kampagne im Spiegel

Willkommen in Orwells' "1984" 04.02.2005 - 14:20
Der Spiegel begann in der letzten Ausgabe eine vierteilige Reihe zum Thema "Wie der Krieg nach Deutschland kam". Deutsche werden in dieser Reihe als Opfer dargestellt. Ein Artikel zur Vertreibung wird mit "Vater, erschiess mich" übertitelt. Ausgerechnet zum 60.Jahrestag der Befreiung (die meisten Zeugen des Krieges sind längst tot) läuft eine Kampagne, die die Geschichte umschreiben soll, an. Begonnen hat's ja schon im letzten Sommer. Der Spiegel spielt dabei eine zentrale Rolle - als Haus- und Hofblatt von BDI ("NPD ist uns lieber als PDS") und SPD wahrscheinlich nicht verwunderlich. Es wird nicht mehr lange dauern, bis es in der offiziellen bundesdeutschen Geschichtsschreibung heißt: "Deutschland wurde in einen furchtbaren Krieg gezwungen. Die Allierten waren rücksichtslos und brutal. Was haben wir Deutschen denn Schlimmes getan, daß die unser Land überfallen haben?"... Passt auf alle Fälle gut zur neuen Großmachtpolitik Deutschlands, da wirken solche schwarzen Flecke wie die Weltkriege eher störend.

Bald schon heißt es: Dank an das Wahrheitsministerium! Dank an Friedensministerium!

Lieber eine ...

ohje 04.02.2005 - 15:31
Volle Unterstützung und hoffentlich gelingt es den Nazimarsch zu stoppen, aber "lieber eine Bombe auf den Kopf als nach Ausschwitz" geht für mich als Spruch gar nicht. Mir mangelt es da am sensiblen Umgang mit den Tatsachen und zwar in Richtung der Menschen, die im KZ Ausschwitz getötet, gefoltert und drangsaliert worden sind, deren Angehörigen und Freunden. Außerdem bin ich auch der Auffassung, dass mensch als Antifaschist durchaus die Bombenabwürfe auf Dresden kritisch betrachten kann. Dies freilich darf nicht relativierend geschehen, keine Frage. Viele der vermeintlich "Anständigen" werden das ohnehin als geschmacklose Provokation betrachten und weg bleiben und das sollte nicht das Ziel sein.

Postkarte: "Lieber eine Bombe auf den Kopf...

post 04.02.2005 - 16:53
"Lieber eine Bombe auf den Kopf als nach Auschwitz."

Rückseite dieser Postkarte:

Zitat einer Überlebenden, die im Zuge der deutschen industriellen Vernichtung von Jüdinnen und Juden am 12. Februar 1945 Anweisung erhielt, sich vier Tage später in der Dresdner Zeughausstr. 3 einzufinden, und von dort aus nach Theresienstadt deportiert werden sollte.
Der Luftangriff auf Dresden am 13. Februar verhinderte diesen Transport.

aus."'Die Juden sind weg'. Das Lager Dresden Hellerberg. Eine Dokumentation", Heller-Film Dresden/Berlin 1997 von Ernst Hirsch und Ullrich Teschner

gruppe-sabotagek.tk | venceremos.antifa.net | frauenkirche-abreissen.tk

Auch Dresdner Bürger machen Gegenaktionen

aXel 04.02.2005 - 23:03
Auch wenn der Spiegel gerade eine Nationalismuskampagne führt, welche die Geschichte neu "definieren" soll, ist zumindest Spiegel-Online teilweise für tagespolitische Nachrichten brauchbar....

Hier ein paar Zitate aus www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,340424,00.html

"Eine Gruppe von Bürgern rief dazu auf, den Rechtsextremen Paroli zu bieten. Mit weißen Rosen aus Kunststoff sollen die Dresdner ein Zeichen setzen für Frieden und Menschlichkeit. Damit solle aller Opfer des Krieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedacht werden, heißt es in dem Aufruf, der von Prominenten unterstützt wird.
Auch Regierungschef Georg Milbradt (CDU) rief zum "Aufstand der Anständigen" auf. Geplant ist unter anderem eine Aktion auf dem Platz vor der berühmten Semperoper. Mit dem Bild einer Kerze, zusammengesetzt aus Tausenden Kerzen, soll ein Gegengewicht zum geplanten Aufmarsch der Rechtsextremen gesetzt werden. "Wenn wir am 13. Februar der Opfer der Zerstörung unserer Stadt gedenken, so erinnern wir gleichzeitig an die Vorgeschichte dieses entsetzlichen Ereignisses, insbesondere an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft", sagt Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP)."
[....]
"Das Präsidium beschloss außerdem, dass es am 13. Februar im und am Landtagsgebäude keine politische Werbung geben darf.
Hintergrund der Maßnahme ist auch eine von der NPD angemeldete Kundgebung vor dem Parlament, die jedoch vom Landtagspräsidenten untersagt worden war. Das Land Sachsen als Eigentümer des Platzes benötigt an diesem Tag die Fläche als Basislager für die Polizei, die Veranstaltungen absichern soll. Bis Freitagmittag war unklar, ob die NPD dagegen klagt. Ursprünglich wollte sie im Fall einer Ablehnung den Rechtsweg beschreiten."

DD-Bürger Gegenaktionen???

add 05.02.2005 - 11:56
Was die Dresdner Bürger gegen die Nazis machen werden? Nichts bis Garnichts!!!
Die Aktion eine Kerze aus 10.000 Kerzen auf dem Theaterplatz zu formieren, steht nach Eigenveröffentlichungen in keinem Zusammenhang mit irgendeiner Art Protest gegen die Nazis.
Die Aktion mit den weißen Rosen (auf die dubiose Geschichte, woher dieses Symbol an der Stelle kommt - es steht im Zusammenhang mit der Bombardierung Dresdens und mit nichts sonst - soll hier verzichtet sein) wurde von den Nazis bereits ausdrücklich begrüsst, da sie auch in Magdeburg auf der Nazidemo dieses Symbol verwendeten. Von den Kundgebungen die in diesem Zusammenhang von einem Friedensbündnis geplant waren, werden wir wohl auch nicht viel sehen.
Einzige tatsächliche Aktion: Ein Gewerkschafter/PDS/etc.-Bündnis macht am 13.2. um 16 Uhr auf dem Albertplatz eine Kundgebung unter dem Motto "Geh Denken!". Dies ist sinnvoll, da im Vorjahr um diese Zeit die Nazis über den Albertplatz marschierten, was damit nicht mehr möglich sein wird.

Und die Wahrheit wird zerdrückt...

Sebastian 06.02.2005 - 05:23
...zwischen den Parolen der Rechten wie der Linken.
"Opfer" und "Täter" (sofern man denn eine solchen in meinen Augen pauschalisierenden schwarz-weissen Maßstab anlegen will), gab es im 2. Weltkrieg, wie auch in heutigen Kriegen, auf jeder Seite. Die Bombardierung eines dicht besiedelten Stadtzentrums war sicherlich kein rühmliches Kapitel un der Geschichte der Alliierten Luftstreitkräfte, zumal sich die strategisch wichtigen Ziele wie Industrie- und Militäranlagen in den Randbezirken der Stadt befanden und im Vergleich zum Stadtzentrum nur wenige Treffer abbekommen haben.

Es ist verständlich, daß sich viele Bewohner Dresdens zu dieser Zeit als Opfer eines "Bombenterrors" sahen, und heute eine solch verzerrende Darstellung der Tatsachen wie die angebliche "Opferrolle" der Deutschen seitens der Rechten einen Nährboden findet. Eine pauschalisierende Bezeichnung der deutschen Bevölkerung entweder als "Opfer" wie auch als "Täter" seitens der Linken (wie es z.B. das Transparent auf dem ersten Foto impliziert) zeugt von großer Ignoranz auf beiden Seiten, da hier Einzelschicksale ignoriert, und die Geschehnisse in Dresden für eigene Propaganda instrumentalisiert werden.

Schuld kann niemals eine Gruppe von Menschen tragen. Schuld kann nur der einzelne durch seine persönlichen Taten (oder Nicht-Taten) auf sich laden.
Sicher wurden in Dresden auch Menschen getötet, die es vielleicht 'verdient' hatten, genauso wurden aber auch viele unschuldige Opfer dieses wahnsinnigen Infernos.

Nazipropaganda arbeitet mit Halbwahrheiten und Wirklichkeitsverzerrungen. Es gab unschuldige Opfer, und es gab Bombenterror genauso wie es willfährige Deutsche gab, die sich an Greueltaten und Kriegsverbrechen beteiligt haben oder auch einfach wie die Maus im Angesicht der Schlange erstarrt sind und tatenlos zugesehen haben. Den Bombenangriff als gut und gerecht zu bezeichnen, oder gar die ehemaligen Leidtragenden zu verhöhnen (wie z.B. mit diesem Flyer:  http://media.de.indymedia.org/images/2005/01/105210.jpg , oder gar der äußerst geschmacklosen "do it again, little bomb"-Animation auf der unter dem Beitrag verlinkten Website), spielt nur den Neonazis in die Hände, da sich die Menschen und deren Nachfahren, die damals ihre Familien und Freunde verloren haben, wahrscheinlich nur dort vertsanden fühlen.

Es ist wichtig, die Thematik sachlich und weniger emotionsgeladen anzugehen. Sicherlich muss man etwas gegen das Erstarken der Rechten unternehmen, aber nicht indem man sich auf die gleiche pauschalisierende Rhetorik herablässt. Man sollte sich stets vor Augen halten, daß die Welt sich nicht in Schwarz und Weiss gliedert, und nicht immer das genaue Gegenteil von dem, was falsch ist, richtig ist.

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