Agenturschluss in Hannover mit Bildern

DagewesenEr 03.01.2005 18:28 Themen: Soziale Kämpfe
Ein längerer Bericht über die Aktionen am Agenturschlusstag vor der Arbeitsagentur in Hannover
Seit dem frühen Morgen verteilten AktivistInnen des Bündnis gegen Bildungs- und Sozialabbau Flugblätter mit Informationen zum ALG 2 und Hartz IV. In dem Flugblatt wurden die Betroffenen, soweit sie es noch nicht wussten, über Möglichkeiten informiert, wie sie mit dem ALG 2 umgehen können, insbesondere wurde auf die unabhängigen Beratungsstellen für Erwerbslose hingewiesen. Außerdem fand sich auf dem Flugblatt Werbung für eine Veranstaltung mit dem Thema „Hartz IV – Der Weg in die Armut“ bei der Mitglieder des Arbeitslosensyndikats Köln Infos zu den „Reformen“ und Anregungen für den Widerstand diskutieren werden (am 14.1. um 20:00 Uhr im UJZ Korn).

Von Seiten der Betroffenen wurden die Flugblätter überwiegend gleichgültig bis positiv entgegengenommen. Teilweise wurden die VerteilerInnen sogar für MitarbeiterInnen des Arbeitsamts gehalten und gefragt, was sie angesichts der Computerpanne zu tun hätten um an Geld zu kommen. Viele Betroffene hatten keine Geld bekommen und mussten nun auf eine Abschlag hoffen. Dies gestaltete sich schwierig. So musste zunächst de aktuellste Kontostand beigebracht werden, was für viele bedeutete: erst in der Agentur warten, dann zur Bank und wieder zur Agentur. Entsprechend waren auch die Kommentare der Betroffenen. Häufig nutzen sie die Möglichkeit ihrem Ärger bei den FlugblattverteilerInnen deutlich zu machen und erzählten „lustige“ Anekdoten aus ihrem Erwerbslosenleben.

Gegen 10:00 war im Internet eine Aktion angekündigt worden, so dass am Haupteingang sich einige Menschen sammelten (ca. 15-20). Die Gruppe (attac??) erregte damit auch das Aufsehen der Staatsmacht, die mit fünf Wagen und somit 30 Beamten Präsens zeigte. Da aber im Wesentliche nur Flugblätter verteilt wurden verloren sie schnell das Interesse und zogen von dannen.

Um 12:00 war dann die Kundgebung des Bündnis angesetzt. Diese verzögerte sich aufgrund eines Polizeieinsatzes. Gut 30 Personen hatten sich im nahegelegenen UJZ Korn getroffen und waren nun auf dem Weg zur Arbeitsagentur. Diese Gruppe wurde dann von einem größeren Aufgebot der Staatsmacht gestoppt und vor die Wahl gestellt entweder eine Demonstration anzumelden oder solange festgesetzt zu werden bis alle Personalien aufgenommen worden wären. Eine Person meldete daraufhin eine Spontandemonstration an und erhielt umgehend die Information, dass eine Anzeige gegen sie wegen Verstoß gegen das Versammlungsgesetz aufgegeben werden würde. Dieser Einschüchterungsversuch scheint die neue Linie der hannoverschen Polizei zu sein, sich über Gesetzte und Verordnung einfach hinweg zu setzen. Zur Information: bevor die Gruppe gestoppt wurde liefen die Personen auf dem Gehweg, riefen keine Parolen und zeigten keine Transpas. Also passt auf, wenn ihr in größeren Gruppen in Hannover unterwegs seid! Geht immer weit auseinander! Ihr könntet für eine Demonstration gehalten werden!

Die Kundgebung selbst verlief in Solidarität mit dem Chaos im Arbeitsamt und in geistiger Tradition zu einem bekannten Medienereignis das mit Sommer und bunten Haaren in Verbindung gebracht wird leicht desorganisiert. Zunächst fehlte das Megafon und als es nach etwa 10 Minuten auftauchte gab es zwischenzeitlich den Geist auf. So dass nur ein freier Redebeitrag von einer Person der FAU gehalten wurde.

In den Beitrag wurde darauf hingewiesen, dass die Arbeitsagentur eine Schlüsselrolle in der Umsetzung von Hartz IV einnimmt und daher der Protest am richtigen Ort stattfindet, zwar nicht bei den politisch Verantwortlichen aber bei den für die Durchführung verantwortlichen.
Auf die Rolle der Arbeitsagentur als Zwangsmittel wurde hingewiesen. Dabei wurde die Brücke zwischen Erwerbslosen und LohnarbeiterInnen geschlagen. Erwerbslose werden durch die Hartz IV Gesetze zu Ein-Euro-Jobs gezwungen und so indirekt dazu „motiviert“ werden auch schlecht bezahlte Arbeit anzunehmen. Anders herum werden Menschen, die noch Arbeit haben aus Angst vor Harzt IV, bereitwilliger Lohnkürzungen und Arbeitszeitverlängerungen hinnehmen. Der extrem niedrige Krankenstand zeigt, dass Leute aus Angst ihren Job zu verlieren, lieber krank zur Arbeit gehen oder Urlaub nehmen. Letztendlich wurde noch darauf verwiesen, dass ein Politikwechsel per Wahl nichts ändern wird, da das System „Marktwirtschaft“, also Kapitalismus, der die Probleme von Hartz IV angeblich gelöst werden würden, erst hervorruft. Außerdem wurde angedeutet, dass die kommunalen Verantwortlichen (maximale Mietehöhe und Höhe der Bezahlung der Ein-Euro-Jobs werden von den Kommunen festgelegt) mit Aktionen zu rechnen haben werden, da die am Bündnis beteiligten Gruppen den Agenturschluss als Auftakt für weitere Proteste sehen.

Gegen 13:00 war dann die Aktion beendet und für die ProtestiererInnen zunächst Feierabend. Die Betroffenen standen teilweise noch bis in den frühen Arbeit in der Agentur Schlange um Schecks mit einer Abschlagszahlung zu erhalten.
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Ergänzungen

Presse und Nachtrag.

freebse 04.01.2005 - 13:00
NP: "Niedersachsenweit sei der Tag gestern reibungslos verlaufen, eine Ausnahme bildete Hannover" Warum konnte Sprecher Kessler nicht erklaeren.
"Erst nach 18 Uhr ist der letzte Kunde gegangen. 198 haetten schliesslich eine Teil des Grundbetrags von 345 Euro in bar oder als Scheck bekommen - zusammen 52.000 Euro"

In wie fern, diese Abschlagszahlungen reichen um die noetigen Kosten zu decken ist unklar. Einige Gespraeche auf dem Amt besagen anderes. Einige haben wohl auch alles als Abschlag bekommen, andere nicht. Zumindest haben einige das Problem, das man die Miete fuer 1 Zimmer Luxuswohnungen (ca 300 Euro ortsueblich) nicht von Abschlagszahlungen begleichen kann. Auch war unklar auch heute (4.1.2004) noch, wann bei den Leuten mit Abschlagszahlung das Geld eintrifft (der Rest), das muss schliesslich neu angewiesen (Amtsdeutsch) werden. Eine Abschlagszahlung haben nur Leute bekommen bei denen es nach massiveren Problemen aussieht. Viele Leute haben trotz des fehlenden Geldeingangs wohl nicht den Weg zum Amt gefunden, weil sie von der Arbeitslosenhilfe Monat Dezember (bezahlt am 30.12.2004) wohl noch die noetigsten Ausgaben (wie Essen) decken koennen. Eine Zahl gibt es hier nicht. Zumindest waren gestern die meisten Leute ehemalige Sozialhilfeempfaenger, die nicht die Doppelbezahlung hatten. Die Doppelzahlung (gennant) ist auch kein wirkliches Geschenk, das bitte ich zu bedenken.

Ob alle Leute ihren Antrag abgeben konnten ist auch unklar. Ab dem 4.1.2004 ist es nicht mehr moeglich (also heute) die Antrage ohne finanzielle Einbusen abzugeben. In wie fern Leute davon betroffen sind ist auch unklar. Vielleicht haben nicht alle in der Schlange gewartet und probieren es heute noch mal, was dann allerdings nach Auskunft des Arbeitsamtes eine finanzielle Einbuse waere, denn der Antrag zaehlt nach Abgabe, das heisst es fehlen 3 Tage.

HAZ: "Nur einige derjenigen, die gestern kein Geld auf dem Konto hatten, gehoerten zu den insgesamt 400 Faellen im Arbeitsamt Bezirk Hannover, bei denen die Banken die Ueberweisungen wegen der falschen Kontonummern zurueckgewiesen hatten. Viele haetten beispielsweise ihren Antrag zu spaet oder gar nicht abgegeben."

Das ist nach vielen Gespraechen eine Behauptung. Die Postbank hat gestern um 15 Uhr das Geld gutgeschrieben. Morgens hatten viele eben kein Geld. Ein Warten auf 15 Uhr ist/war nicht unbedingt moeglich, denn das war ja wie Lotto. Kommt das Geld, kommt es nicht. Das waren viel mehr Faelle. Einige Leute mit denen ich gesprochen habe, hatten am Abend immer noch keinen Geldeingang (Stadtsparkasse Hannover), dieser soll angeblich heute morgen erfolgen. Auch diese leute haben ein Recht auf Auskunft usw. Viele davon haben sich aber gar nicht beim Amt gemeldet (siehe Doppelzahlung). Keiner mit dem ich gesprochen habe, hatte am 3.1.2005 morgens um 8 Uhr sein Geld. Ob dieses im Laufe des Tages kommt, war unklar. Statistiken hierueber gibt es nicht, also bleibt dies, wie vieles andere auch, unklar. So verhaellt sich das auch mit der Behauptung des A-Amt Sprechers, unklar war daran wahr ist! Und 400 Leute waren es kaum, viele hatten um 12 Uhr immer noch kein Geld und wurden von A-amt zum Sozialamt geschickt, zur Bank und zurueck. Auch heute morgen gibt es noch Leute ohne Geld. Gut, diese haben sich gestern nicht sofort beschwert und warteten erstmal ab, somit wuerde ich 400 als glatte Luege darstellen.

Nachtrag 2

freebse 04.01.2005 - 13:37
Ausserdem ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass sich die Demonstrationen nixht ausschliesslich gegen das Chaos richten, dass die Nichtbezahlung ausloesste.

Es geht um Hartz, die Agenda 2010, die Sozialkuerzungen, Kapitalismuskritik usw... aber das war eigentlich klar, nur ist mir beim Durchlesen meiner Ergaenzung aufgefallen, dass einige Leute vermuten koennten:

Kohle da, alles klar, keine Probleme, deshalb Demos.

So war das nicht gedacht, es war nur die Beschreibung der Tatsachen auf dem Amt gestern und wohl auch heute noch und in den naechsten Tagen.

Gegen Sozialabbau, Geschaeftemacher, Ausbeuter und Kapitalismus !!!