Videoaktivismus - kleiner Überblick

no use for a name 29.12.2004 19:58 Themen: Indymedia Medien
Videoaktivismus ist mehr als nur eine Videokamera sein eigen zu nennen. Dahinter verbirgt sich doch einiges mehr, es müssen Leute Videos drehen, bearbeiten, vertreiben und schließlich müssen die Clips auch gezeigt werden.
   Videoaktivismus - mehr als filmen für die private Bibliothek  

Geht man auf Demonstrationen oder verfolgt man soziale Proteste und ähnliches, sieht man immer häufigerMenschen die mit ihren Videokameras das Geschehen filmen. Doch was passiert mit diesem Filmmaterial?Das veröffentliche Material steht scheinbar in keinem Verhältnis zum Aufkommen an Videofilmern.
Andererseits haben sich vielerorts Videokollektive gegründet bzw. bestehen schon seit vielen Jahren die immer öfter qualitativ höherwertigere Videoberichte als in den Jahren zuvor veröffentlichen.Leider ist es oftmals schwer an dieses Material als interessierter Mensch heranzukommen bzw. viele scheuenden Weg einer Bestellung über den Postweg.

Die Gründung beziehungsweise der Start von Indytorrents, durchAktivisten von Indymedia Portland/USA, im Dezember diesen Jahres, soll hier als Anlaß genommen werden, ein wenig die(politische) Videoszene zu beleuchten.
Dabei sollen einzelne Gruppen vorgestellt werden, die Vertriebstechniken erläutert werden und Möglichkeitenangerissen werden selbst tätig zu werden.

Da der Autor nicht im Bereich des Videoaktivismus tätig ist, kann dieser Artikel allerdings nur ein relativoberflächlichen Überblick gewährleisten.

   Wozu neue Vertriebswege ?  

Der übliche Weg um an Videos oder Clips der einzelnen Videokollektive zu kommen, war bisher entweder über denPostweg oder man konnte sie in Infoläden ergattern. Als Videoformat wurde bis vor kurzem noch hauptsächlichdas VHS-Format (Videokassette) angeboten.
Abgesehen von den Kosten und der Versanddauer, ist der Fakt das man bei solch einer Bestellung meist seinen Namen und Anschrift angeben muß für einige Menschen eher abschreckend (wenn auch teilweise unbegründet).

Einige Kollektive bieten ihre Videos zusätzlich zum Download an. Dann allerdings meist in geringer Qualitätoder im Miniaturformat. Das reicht zwar um sich am heimischen Computer mal den ein oder anderen Clip anzusehen,aber für Präsentationen, Public Screening oder fürs Kino ist dies nicht sehr praktikabel.

In Zeiten von DVD und Beamer und fortschreitender Videotechnik haben viele keine Lust mehr aufverpixelte Videos oder Videokassetten. Wer der jüngeren Generation hat heutzutage z.B. noch ein Videorekorder?
Der Umstieg auf neue Medienformate und Vertriebswege ist aber leider auch oftmals mit technischen und finanziellenHürden verbunden. Nicht jedes Videokollektiv hat die Mittel und die Kapazitäten dazu. Denn man darf nicht vergessendas viele Videokollektive nur aus einer Handvoll Aktivisten bestehen die nebenbei noch Familie oder Jobs ect. haben und oftmalsein Großteil ihrer Freizeit für ihr Projekt opfern. Zusätzlich ist der finanzielle Aspekt nicht zu unterschätzen, da siemeist auf einer non-profit Basis arbeiten.

Neue Vertriebswege sind daher wichtig und werden auch zunehmend praktisch umgesetzt.

   Ein Blick hinter die Kulissen / Technik  

Neben dem herkömmlichen Vertriebswegen die teilwweise sehr unflexibel sind, wird nun allmählichverstärkt auf Peer-to-Peer Techniken (P2P)gesetzt. So will man eine bessere Verteilung überTauschbörsen erreichen.

Das BitTorrent Filesharing ProtokollBittorrent ist ein P2P Filesharing-Protokoll, bei dem die Last des Downloads durch eine geschickteVerteilung nicht allein auf einem Server liegt, sondern auf die User verteilt wird. Dadurch könnenDateien mit Bittorrent oftmals deutlich schneller als z.B. über anderen Wege heruntergeladen werden.Da man die Runtergeladene Datei bzw. schon Teile der Datei bereits beim runterladen shared (mit anderen teilt)erhöht sich die Downloadgeschwindigkeit mit der Anzahl der User.Ausführlichere Erklärung: Bittorrent-Struktur

Das Edonkey Filesharing Prinzip

eDonkey2000 (abgekürzt auch ed2k) ist der Name einer bekannten Tauschbörse im Internet. Mit fast jedem Betriebssystemund entsprechender Software können Internet-User dieses Netzwerk nutzen. Bei ed2k kommen sowohl das Peer-to-Peer-Prinzip,als auch das Client-Server-Prinzip zum Einsatz. Die Software, die ein normaler ed2k-Benutzer installiert, nennt manim Allgemeinen dennoch Client.Ausführlichere Erklärung: Edonkey-Struktur und Emule

Unter anderem auf IndyPeer, IndyTorrents sowieIndymedia Portland wird bereits mit diesen beiden Formen derDistribution erfolgreich gearbeitet.

Independent Video Distribution Network (IVDN)

Das Ziel und die Idee dieses Video Netzwerks, ist die Verteilung von Videos in VHS/DVD Qualität über das Internet.Es basiert auf dem "Open Publishing" Prinzip von Indymedia und ermöglicht die Veröffentlichung von Copyright freienVideos unter derCreative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike License.

Zur Dezentralesierung der Bandbreitenbelastung wird ein Netzwerk von Sammel- und Veröffentlichungsserver genutzt.Die veröffentlichten Inhalte werden dazu in P2P Netzwerke und auf Spiegel-Servern (archive.org, ibiblio.org) mit hoherBandbreite geladen. Dadurch wird es Indymedia möglich sein eine breite Verteilung von den Inhalten der Video Projekteanzubieten. Das Ziel ist das jedes alternative Video Projekt solche Server aufsetzt. Das IVDN Projekt wird "nur" ein weiterer Knoten in diesem Netzwerk sein.
(aus der Selbstdarstellung des IVDN-Projektes übernommen)

Wer mehr über das Konzept des Medienprojekts Independent Video Distribution Network (IVDN) erfahren möchte, kann sich folgendes Video runterladen:

DSL-VersionModem-Version

Neben diesen neueren Methoden bleiben aber die herkömmlichen Vertriebsmöglichkeiten weiterhin der wichtigste Basisvieler Gruppen. Dazu zählen halt der Postversand oder der normale Download über FTP- und HTTP-Server.
Die Nutzung und Verteilung der Videoclips über P2P könnte aber helfen, die oftmals finanziell schwachenKollektive zu entlasten. Denn die wenigsten können es sich leisten ihre Arbeit auf Download-Servern anzubieten, daBandbreite bzw. Datenrate und Traffic noch immer mit relativ großen Kosten verbunden sind.
Eine Verteilung dieser Last auf viele Menschen oder Systeme kann entscheidend dazu beitragen diese Probleme zu verringern.

   Vorstellung einiger Videokollektive und Ideen  

Wir wollen hier einige zufällig ausgewählte Videokollektive vorstellen die teilweise schon seit vielenJahren aktiv sind und Gruppen die für eine bessere Verteilung der Videoclips sorgen wollen.

KanalB

Wer häufiger auf dem deutschen Ableger von Indymedia mitliest, wird schon häufiger auf Videoberichte vonKanalB gestoßen sein.

(aus der Selbstdarstellung)
kanalB ist eine Plattform für VideoaktivisInnen. Wir produzieren und vertreiben Videos und zeigen jeneSeite der Ereignisse, die von den Mainstream-Medien systematisch ignoriert wird.
kanalB - ersetzt herkoemmliches fernsehen.

(Indymedia) Newsreal

Dieses Netzwerk von non-profit Videogruppen-/Personen und Veranstaltern stellt jeden Monat ein Magazin zusammen, mit einigenausgewählten Clips zu Themen wie Umweltschutz, sozialen Protesten, Aktionstagen ect..
Das Newsreal ist somit eine Plattform um die verschiedensten sozial und politisch aktiven Gruppen zusammenzubringen und ihre Ideen einem breitem Publikum zugänglich zu machen. Der europäiche Ausleger(European Newsreal) wird daher auch inviele Sprachen übersetzt und es finden europaweit öffentliche Vorführungen in sozialen Zentren usw. statt.

demandmedia

Oftmals sind die Videos von Einzelpersonen oder Kollektiven übers gesamte Internet verstreut und schwer zu finden.Aus diesem Grund versucht demandmedia diese Videoclips übersichtlich auf einer Webseite zu vereinen.
Findet Mensch ein interessanten Clip kann er diesen demandmedia melden wo er dann mitsamt einer kurzen Zusammenfassung verlinktwird. Eingeteilt in Kategorien lassen sich dort einfach und schnell gute Videos finden. Die Sprache der Clips beschränktsich bis jetzt hauptsächlich auf englisch oder spanisch.

Ak-Kraak

(aus der Selbstdarstellung)
Seit 1990 taucht ein ca. einstündiges Videokassettenmagazin im family-tv-format aus den Informationsfluten empor und bringtgute Nachricht von unglaublichen Gegenströmungen, von wilden, verborgenen Strudeln im herrschend-erlogenen Einerlei.
AK Kraak ist kein Fernseh-, sondern ein Tiefsehmagazin: wir schauen dort genauer hin wo andere nur Klischees bedienen.Wir sind Teil des weltweiten sozialen Aufbruchs zu medialer Selbstbestimmung. Ganz dicht dran und und gleichzeitigdistanziert spielen wir mit den Absurditäten der Macht, prangern Ungerechtigkeiten an und haben Spass dabei.

trojan-tv

(aus der Selbstdarstellung)
ist ein Kollektiv von Video-AktivistInnen aus Deutschland und den Niederlanden, und Teil des Organic Chaos Networks. trojan tv leistet mit seinen Videos einen Beitragzu aktuellen politischen Diskussionen, wie z.B. um Migration, Innere Sicherheit, Umwelt. Video-Aktivismus heisst nichtnur, Videos zu machen, um andere Menschen zu informieren, sondern auch, um sie zu motivieren und zu aktivieren.trojan tv arbeitet auf unkommerzieller Basis und verbreitet seine Videos mit Copy-left. Das bedeutet, dass sie fürunkommerziellen Gebrauch vervielfältigt werden können.

Es gibt unzählige solcher Videogruppen, Kollektive oder Einzelpersonen, daher ließe sich diese Liste noch endloserweitern.

   Do it yourself - Umsonst-Kino, Public Screening & Video Guerilla  


...Laken, Beamer, schönes Wetter und fertig ist ein Public Screening

Was bringen nun alle die von den einzelnen Kollektiven erstellten Videoclips oder Filme, wenn sie keinem breitem Publikum zugänglich sind. Nicht jeder kennt die entsprechenden Downloadseiten im Internet oder kannFilesharingprogramme nutzen. Und ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung hat keinen schnellenInternetanschluß bzw. überhaupt keinen Onlinezugang.

Und was macht man also nun, wenn der Prophet nicht zum Berg kommt? Genau, dann kommt der Berg zum Propheten.
Hier kommt also die nächste Gruppe von Aktivisten ins Spiel, welche losziehen und z.B. Filme im öffentlichen Raumoder in entsprechenden Örtlichkeiten (Minikino) zeigen.

Das schöne daran ist, das dies wirklich jeder machen kann. Denn was braucht man schon um ein Public Screening durchzuführen? Eine Leinwand oder ein Laken, ein Stromgenerator oder ne Steckdose in der Nähe, ein Beamer, Filme/Clips, unter Umständen ein Fahrzeug und natürlich ein paar engagierte Menschen und schon kann es losgehen.
Ob ein Screening nun vorher angekündigt wird oder ganz spontan durchgezogen wird, ist dabei völlig egal.

Zwei Varianten eines Umsonstkinos oder Public Screenings seien hier kurz an Beispielen vorgestellt:

Variante 1: Durchführung eines quasistationäres Screenings mit einem längeren Film oder vielen Kurzclips.
So geschehen in Magdeburg im Sommer 2004.Bildbericht: Umsonstkino in Magdeburg

Variante 2: Durchführung eines mobilen Screenings mit Kurzclips.
So geschehen in Berlin im Sommer 2003.Bildbericht: Public Screening Berlin

In Duisburg hat sich im Sommer 2004 eine Gruppe von Menschen zusammengefunden die nun regelmäßig undunabhängig vom Wetter, da feste Behausung, public Screenings durchführt.
Regelmäßig jeden 1. und 3. Dienstag im Monat zeigt das Duisburger Indy-Kino in der Duisburger Innenstadtkostenlos politische Filme und Dokumentationen.
Indymedia-Artikel: IndyKino Duisburg stellt sich vor

Und in Berlin gibt es auch seit geraumer Zeit die sogenannteCineoffensive, eine Initiative freier und unkommerzieller Videokinosin Berlin die regelmäßig zu bestimmten Themenblöcken zu kostenlosen Screenings in verschiedenenLokalitäten einladen.

Zu guter Letzt gibt es noch die Video-Guerilla, eine speziellere Form des Public Screenings, wobei dies eher eineAuslegungssache ist. Für einige ist es das gleiche wie ein normales Screening und für andere nicht. UnterVideo-Guerilla könnte man also z.B. ein Screening verstehen, welches zu besonderen Aktionen (z.B. sozialen Protesten)direkt am Ort des Geschehens mit starken Bezug zum Ereignis stattfindet.
Als fiktives Beispiel könnte man sich also ein Screening an den Werkstoren einer Fabrik vorstellen, in der gerade gestreiktwird. Gezeigt würden dann Clips mit Bezug zum Streikthema oder zu ähnlichen Protesten in anderen Teilen der Welt.

Einige Videoclips von linken politischen Aktionen und Veranstaltungen gibt es inzwischen im DVD Format.

Viele Dutzend Videodokumentationen, die in den letzten Monaten bei kanalB und indymedia veroeffentlicht wurden, sind ab sofort auf DVD-R und damit in wesentlich besserer Bild- und Tonqualitaet als im Internet, erhaeltlich.Mehr dazu und den Bestellmöglichkeiten findet ihr hier.

Egal ob Umsonst-Kino, Public Screening oder Video-Guerilla, machbar ist vieles und vor allem mit relativ geringenAufwand. Die "Linke", oder sich selbst so bezeichnenden Gruppen oder Einzelpersonen, ist leider oftmals ein ziemlich passiverund nur konsumierender "Haufen".
Im Bereich des Videoaktivismus aber kann für viele von euch der Sprung vom reinen konsumieren zum aktiven Mitmachen relativ leicht vollzogen werden, denn Bilder sagen oftmals mehr als tausend Worte.

Don't hate the media - become the media!

   Linkliste von Videokollektiven, Downloadseiten & Projekten  

Diese Liste ist bei weitem nicht vollständig und wartet nur auf eure (inhaltlichen) Ergänzungen. Insbesondere für den Outreach-Teil würde ich mir mehr Links erhoffen.
Eine große Liste mit vielen Links zu Medienkollektiven gibt es hier:Klick mich

Videokollektive (zusätzlich zu den im Artikel bereit erwähnten)

Downloadseiten / Vertrieb

Outreach


die "black-bloc"-Abteilung des Indymedia Portland Videokollektivs :-)

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(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

nicht vergessen

blackroze 29.12.2004 - 20:16

Verbreitung für alle!!

Untermieter 29.12.2004 - 21:38
Hey,
ich benutze den Internetzugang über ein uninetzwerk und da ist sämtliches Filesharing blockiert. Es ist echt besch...eiden, dass die Leute nicht stinktnormale http-Downloads anbieten sondern oft nur noch torrents oder donkey-links anbieten mit dem so manch einer nichts anfangen kann.

Wie oft noch?

Peter Paul & Mary 29.12.2004 - 23:37
Gesichter Unkenntlich machen!

Auch Bullen können downloaden

video kills the radio star 30.12.2004 - 01:15
Das klingt ja alles ganz nett, nur gehen viele frisch gebackene MedienaktivistInnen nicht sorgfältig genug mit den ihn offenstehenden Möglichkeiten um. Für viele mit guten Freemedia-Absichten vielleicht nicht sofort ersichtlich, erleichtert die Dokumentationswut linker AktivistInnen den Verfolgungsbehörden, Bullen, Staatsschutz aber auch schlicht politischen Gegnern, Hausbesitzern, Nazis usw. ihre Arbeit erheblich. Mitunter filmen brauchen die Bullen gar keine Undercover-Bullen mehr einsetzen, da jedeR mit einer Digicam auf einer Demo, zumindest potentiell (bei Festnahme oder Beschlagnahme des Materials), ein Counter ist.

Bei einem 1.Mai Verfahren 2004 (Berichte:  http://de.indymedia.org/2004/12/100676.shtml und  http://de.indymedia.org/2004/12/101767.shtml) stellte sich heraus, dass eine Verurteilung nur aufgrund von belastenem Videomaterial von AnwohnerInnen möglich war. Da, wo die Polizei mit ihren unzähligen Kameras noch nicht vorgerückt war, richteten sich zwei private Videokameras unabhängig voneinader, auf eine Gruppe, die einem vorrückenden Naziaufmarsch am 1.Mai 2004 in Berlin durch das Umkippen eines Autos, aufhalten wollten. Beide Videos bekam die Justiz in die Hände und wurden als Belastungsmaterial vor Gericht verwendet.

Verschiedene Rechtshilfegruppen haben zu diesem Thema einen Text verfasst, den ich hier mal zitiere:

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Safer Journalism
von unabhängige EAs und Rechtshilfegruppen - 07.04.2004 19:12

In den letzten Jahren sind wir Rechtshilfegruppen vermehrt mit neuen Beweiserhebungsmethoden der Strafverfolgungsorgane konfrontiert worden. Dieses neue Feld hat sich durch die neuen Techniken und der vermehrten Nutzung des Internets linker Zusammenhänge eröffnet.

Die einstmals als technikfeindlich verschrieene Linke nutzt vermehrt die durch Internet und technische Hilfsmittel bereitgestellte Möglichkeit zur unabhängigen Berichterstattung.

So kann häufig der Einsatz von Digitalkameras auf Demonstrationen durch deren TeilnehmerInnen beobachtet werden. Einschlägige Internet-Seiten wie zum Beispiel Indymedia Deutschland, der wohl bestbesuchtesten deutschsprachigen Seite dieser Art, bieten durch die vereinfachte Publiziermöglichkeit eine Informationsverbreitung, die mit klassischen Mitteln nicht realisierbar wäre. Leider haben sich hierdurch einige Risiken ergeben, über die wir zum Schutz linker Strukturen und Einzelpersonen eine Diskussionen anregen wollen.

Die Vorteile der Publikationen im Internet liegen auf der Hand: innerhalb kurzer Zeit nach Ende einer Veranstaltung, wie beispielsweise Demonstrationen oder Kundgebungen, können Informationen über das Netz veröffentlicht werden. Dabei kann eine Aktion von der Gruppe beschrieben werden, die sie organisierte und trotzdem - unter Wahrung bestimmten technischer Vorsichtsmaßnahmen - ihre Anonymität bewahren (nachzulesen z.B. im Rechtshilfe-Handbuch "Durch die Wüste", Kapitel Computerunsicherheit,  http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,56,7.html ). Aber auch z.B. bei großen Gipfelprotesten kann noch während der Proteste durch eine Berichterstattung von der Straße durch eindrucksvolles Bildmaterial eine Gegenöffentlichkeit geschaffen werden. Dazu ist der Zugang einfach, fast umsonst und nicht nur in den westlichen Industrienationen ohne großen Aufwand für fast Jede und Jeden erreichbar.

Dass Information per Internet schnell verbreitet werden können, ist auch für öffentliche Mobilisierung vorteilhaft, insbesondere für kurzfristige. Nachteilig ist, dass die Informationen auch der Polizei zugänglich sind und sie dadurch aktionserschwerende Massnahmen einleiten können. Dies gilt nicht nur für das Internet, sondern für alle Medien über die eine Live-Berichterstattung, wie z.B. Radio, machbar ist.

Neu ist die Möglichkeit, dass zu Aktionen nicht mehr nur schriftliche Erklärungen verbreitet werden, sondern auch ein eindrucksvolles Bild oder ein Videoschnippsel mit geringen Aufwand veröffentlicht werden kann. Diese Dokumentation wird zumeist von in linken Zusammenhängen eingebundenen FotografInnen und ReporterInnen oder bereits bestehenden Mediengruppen übernommen. Um eine zeitnahe Präsentation erreichen zu können, arbeiten diese Personen/Gruppen relativ eigenständig und selten erfolgt eine Sichtung der Aufnahmen durch die AkteurInnen selbst. Bei den meisten Internetseiten, die die Möglichkeit bieten, eigenständig Materialien zu publizieren, entfällt die klassische Redaktion, die sich bei der Nachbereitung des Bildmaterials den Überblick verschafft und eventuell belastendes Material aussondern könnte. Selbst Materialien, die keine Straftatbestände zeigen, können strafrechtlich relevante Puzzelteile sein. Eine Aufnahme, die Menschen in einer unverfänglichen Situation vor oder nach einer Aktion zeigen, können in Verbindung mit anonymisierten Aufnahmen während der vermeintlichen (oder auch nicht vermeintlichen) Straftat zu der Überführung von AkteurInnen führen.

Da in der Praxis eine gemeinsame Auswahl der gemachten Aufnahmen, sprich eine Autorisierung durch die AkteurInnen, zeitlich unmöglich ist (Motto: nichts ist so alt wie die Zeitung vom Vortag), sollte im Vorfeld abgesprochen werden, welche Szenen dokumentiert werden sollen. Je begrenzter, beziehungsweise überlegter der Ausschnitt gewählt wird - zeitlich wie auch räumlich -, je unbrauchbarer sollte das Material für Ermittlungsbehörden sein. Falls es die Kapazitäten zulassen, könnte eine Person, die mit dem Ablauf der Aktion vertraut ist, die Dokumentation betreuen. Manchmal gibt es Zusammenarbeit mit ReporterInnen, die wenig Verständnis für linke Konspirativität haben, bei denen sich ein rigoroses Filmverbot nicht durchsetzen lassen wird. Eine Beschränkung könnte gesetzt werden, indem die Person erst zu einem konkreten Zeitpunkt zum Geschehen geführt wird. Leider ist es selten möglich deren Material durchzusehen.

Da sich die unterschiedlichen Unsicherheitsfaktoren ergeben können, sollte im Vorfeld die Pressearbeit unter diesem Gesichtspunkt diskutiert werden. Nicht zuletzt sollte nie vergessen werden, dass auch bei der Beschlagnahmung einer Digitalkamera viele Rückschlüsse auf den Aufenthaltsort und -zeit der mitführenden Person gezogen werden kann, bzw. für andere Menschen belastende Aufnahmen in die Hände von Polizei und Staatsanwaltschaft fallen können. Diese Person könnte nicht nur in Ermittlungen oder einem Verfahren als Beschuldigte, sondern als Belastungszeugin/-zeuge herangezogen werden. In einem Prozess hat eine Zeugin / ein Zeuge kein Aussageverweigerungsrecht und die Belastung anderer zu verhindern kann schlimmstenfalls in Beugehaft resultieren. Im Gegensatz zu konventionellen Kameras, bei denen es ausreicht den Film herauszuziehen, um die gemachten Aufnahmen zu vernichten, ist es bei Digitalkameras nicht so einfach. Wie bei allen digitalen Speichermedien können auch auf den Datenträgern der Digitalkamera gelöschte Daten rekonstruiert werden. Deshalb sollte gründlich überlegt werden, ob die Kamera nicht doch lieber zu Hause bleibt. Bei manchen Demos entsteht auch der Eindruck es gibt mehr Linke, die die Demo dokumentieren als an ihr teilnehmen; aber das ist jetzt nicht unser Thema. Aber thematisiert werden sollte, dass es einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Fotografieren und Filmen auf Demos geben muss. Hilfreich sind klare Vorstelllungen seitens der DemoveranstalterInnen, wie das Fotografieren reglementiert werden könnte. Ebenso sollten TeilnehmerInnen vor Beginn der Demonstration sich informieren, ob es Reglementierung hierzu gibt.

Nachrichtenseiten, wie Indymedia, haben in den letzten Jahren eine breite Gegenöffentlichkeit entstehen lassen, die oft genug in bürgerlichen Medien aufgenommen wurden - wenn auch in den seltensten Fällen mit Quellenangabe. Leider haben die ModeratorInnen Indymedias nur nach der Veröffentlichung die Handhabe Texte oder Bilder mit komprometierendem Charakter zu entfernen. Für die ModeratorInnen muss auch nicht unbedingt ersichtlich sein, welches Material strafrechtlich relevant werden könnte. Auch ist es nicht die explizite Aufgabe der Moderationsgruppe dies zu tun. Eine Entfernung oder eine Entschärfung eines Beitrages kann bereits zu spät erfolgen, wenn Ermittlungsbehörden das Material bereits kopiert haben. Also muss die Selbstverantwortung und Selbstkontrolle der NutzerInnen diese Aufgabe übernehmen.

In ihren Moderationskriterien Indymedias kann nachgelesen werden, dass es sich um kein Diskussionsforum handelt. Dennoch ist häufig zu beobachten, dass die Funktion inhaltliche Ergänzung unter Beiträge zu setzen, für Kommentare und Diskussionen missbraucht wird. Jede Gegendarstellung/Kommentar gibt Details über die NutzerIn oder einer Gruppe preis, wobei die Konsequenzen selten absehbar erscheinen. Unter dem Gesichtspunkt der Repression stellt sich hier die Gefahr ein, dass gezielte Provokationen auftauchen, die Veröffentlichung von Internas herausfordern. Dasselbe gilt auch oft für Kommentare aus dem Bereich "linke Grabenkämpfe".

Die Erwartungshaltung an eine unverzügliche Dokumentation ist mittlerweile in linken Zusammenhängen recht groß. Der größte Teil der bei Indymedia veröffentlichten Beiträge sind mit Einweg-Pseudonymen signiert und selten lassen Inhalt und UnterzeichnerInnen darauf schließen, dass die Beiträge nicht von Einzelpersonen verfasst wurden. Problematisch erwiesen sich die Vorstellung der NutzerInnen darüber, was zu veröffentlichendes Material sein könnte und was lieber im Wald besprochen werden sollte. NutzerInnen wägen sich durch ihren scheinbar anonymen Zugang sicher und übersehen dabei schnell, dass der Inhalt für sie oder andere trotz dessen strafrechtliche Folgen haben kann. Deshalb ist es mehr als nur ratsam vor einer Veröffentlichung weitere Personen den eigenen zukünftigen Beitrag gegenlesen zu lassen und idealerweise ihn in den eigenen Bezugsgruppe oder -zusammenhängen zu diskutieren.

Leider scheint gutes und sicheres Bildmaterial oft ein Gegensatzpaar zu bilden. Aber gerade weil wir in dieser Zwickmühle stecken, sollten wir so problembewusst wie eben möglich handeln. Immer wenn Teile unserer Strukturen kriminalisiert werden, braucht es viel Kraft für die Soli-Arbeit. Solidarität wird immer ein Zeichen unserer Stärke sein ... und ein Zeichen unserer Umsicht ist es, wenn wir so wenig belastendes Material wie möglich beisteuern.

Sicherheit international

lala 31.12.2004 - 14:41
www.undercurrents.org/ arrest.htm

Korrektur: Link zur IndyKino Duisburg

IndyKino Duisburg 19.05.2005 - 10:07

Webportal zu Videoaktivismus

f 20.01.2006 - 15:11
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Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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