Einige Eindruecke vom 1. Tag ESF in London

a horizontal 15.10.2004 14:30 Themen: Globalisierung Soziale Kämpfe
Die grossen Plenarveranstaltungen zum Europaeischen Sozialforum finden im Alexandra Palace statt, von den Einheimischen wird das Spektakel spoettisch Ally Pally Rally genannt. In der grossen Halle finden gleichzeitig mehrere Podien statt, abgetrennt durch hohe Stellwaende, umrahmt von Buecher- und Zeitungsstaenden. Ein lautes Stimmenwirrwarr droehnt durch die riesige Halle. Etwa 30000 TeilnehmerInnen sollen hier sein.
Gestern lud Buergermeister Ken Livingstone von der kriegsfuehrenden Labour Party (ist das links?) zur Eroeffnungsfeier. Aus unverstaendlichen Gruenden wurde sie in eine Kathedrale verlegt, die nur 1000 Menschen fasste, wo doch 20000 Menschen zum ESF erwartet wurden (und noch mehr kamen). Der Ausschluss von zahlreichen Interessierten und PressevertreterInnen fuehrte zu Tumulten (da durchaus noch Stehplaetze vorhanden waren), aber die Sicherheitstypen und Zivilpolizisten liessen niemanden mehr rein. Es sprachen noch Aleida Guevara (die Tochter von Che) sowie Gerry Adams aus dem Norden Irlands. Letzterer wurde frueher im Radio synchronisiert weil seine Stimme verboten war. Er und die anderen sprachen ihre Solidaritaet mit Kuba aus, sozusagen wiederkehrendes Thema des Abends.

Bereits am Tag zuvor wurden die autonomen Raeume eroeffnet, mit einer kurzen Einfuehrung, kostenlosem leckeren Essen und nettem Beisammensein. Das Angebot ist spannend und riesig, leider auf verschiedene Orte quer ueber den Norden der Stadt verteilt. Mit dabei war der Offene Frauentag, der im Gegensatz zur offiziellen Frauenversammlung auf dem ESF eher basisorientiert war. Viele Basisorganisationen hatten von Anfang an einen ganzen Frauentag gefordert wie er in Paris einen Tag vor dem ESF erfolgte. Sie stiessen zunaechst auf taube Ohren, erst als Fraueninitiativen zum autonomen Frauentag aufriefen, wurde auch beim ESF eine Frauenversammlung zugelassen, mit den ueblichen Podiumsreden.

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Ergänzungen

@ikdüw

weist 15.10.2004 - 15:54
"Red Ken" Livingstone ist nicht New, sondern Old Labour, sozusagen. Er schaffte es aufgrund seiner Popularität, sich gegenüber Blair durchzusetzen, der ihn wegen heftiger Kritik an den hierarchischen Strukturen, neoliberalen Wirtschafts- und Sozialpolitik, Kriegskurs etc in "New Labour" aus der Partei schmeißen wollte. Einer der wenigen Politiker in Westeuropa, der wirklich als Sozialist bezeichnet werden kann, und zwar im klassischen Sinne des britischen cloth cap-Sozialismus. Nicht mehr und nicht weniger.

SWP nervig

caravan 22.10.2004 - 19:27
Das ESF und besonders die Abschlussdemo waren so von der aufdringlichen Präsenz der SWP- MissionarInnen dominiert, dass vielfach andere auf dem ESF vertretene Ansätze und Inhalte an den Rand gedrängt und verdeckt wurden. In der Art von Sekten wie Zeugen Jehovas o.ä standen sie an jeder Ecke und priesen ihre Erzeugisse an, zeigten keinerlei Sensibilität,dafür, dass in einer Bewegung der Multitude womöglich auch andere Ansätze und Meinungen als die Ihre existieren und funktionierten die Abschlussdemo, die diese Bewegung in ihrer Breite dokumentieren sollte zu einem StopthewaragainstBushIsraelterroristevent um.
Überall, wo irgendwas los war in der Demo, sei es Sambagruppe, sei es irgendeine Performance oder nur ein attraktives Transpi kamen sie sofort mit ihren Schildern angehoppelt und setzten sich quasi drauf.
Deshalb kann ich nur sagen: die Demo war Scheisse. Der Gipfel waren aber die massenhaft unkritisch getragenen Israelterrorist Schilder der Muslimassociation,gleicher Stil wie SWP, wo Judenstern und Hakenkreuz miteinander abgebildet waren. Interventionen dagegen ergaben, dass Leute z.T. nicht realisierten, was sie da trugen oder schafsähnliche dumpfe Ignoranz.
So kann eine Bewegung kaputt gemacht werden.
Dass z. B. in Sudan innerhalb von ein paar Monaten mehr Menschen umgebracht wurden, als in 20 Jahren Nahostkonflikt, war auf der Abschlussdemo kein Wort wert. Hätte wohl genaueres hinsehen erfordert...

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funfactor 15.10.2004 - 14:49
Quelle:  http://jungle-world.com/seiten/2004/42/4149.php

No Fun

Eine emanzipatorische globalisierungskritische Politik ist vom Europäischen
Sozialforum nicht zu erwarten. von klaus blees und roland röder

Die Bewegung der Europäischen Sozialforen ist nach der Anfangseuphorie in
eine Sackgasse geraten. Gedacht waren die ESF als organisatorisches und
kulturelles Sammelbecken aller irgendwie mit dem Bestehenden Unzufriedenen.
Am Anfang mag es noch angehen, wenn man eigentlich nur einen besseren
Kapitalismus fordert und damit mitunter ungewollt (?) zum Modernisierer
desselben mutiert. »Irgendwie unzufrieden« zu sein und ein diffuses
Unbehagen an der eigenen Regierung zu spüren, ist jedoch als Grundlage einer
politischen Organisierung auf Dauer nicht ausreichend.

In London wird sich das Gleiche abspielen wie bei den Sozialforen in Florenz
und Paris. Für diese Voraussage braucht man kein Prophet zu sein. Man
protestiert gegen »die da oben«, ohne sich einen Begriff von Politik und
Staat zu machen; zumindest keinen, der über das Bestehende hinausweist. Der
von Kirchentagen bekannte »Markt der Möglichkeiten« erlebt hier seine
außerklerikale Wiederauferstehung. Man fühlt sich gut und einig. Gestritten
wird nicht grundsätzlich. Geduldet wird das unbefangene Nebeneinander von
zum Teil sich widersprechenden Ansichten. Pluralität ist angesagt. Einmal
tief Luft holen, sich von den alltäglichen politischen Niederlagen erholen
und eintauchen in ein ideologienübergreifendes Miteinander. So wird es der
ideelle no global seinen Enkelkindern berichten und ihnen die Digitalfotos
zeigen.

Diesem »Wir-Gefühl« entspricht es dann auch, dass - aller Pluralität zum
Trotz - diejenigen, die Kritik äußern, als Störenfriede wahrgenommen und zum
Teil auch gewaltsam ausgeschlossen werden. So geschehen letztes Jahr in
Paris mit Mitarbeitern der Aktion 3. Welt Saar, als sie sich in einem
Flugblatt für das Existenzrecht Israels aussprachen. Diese Erfahrungen waren
für uns ein Grund, uns trotz ursprünglicher Absicht nicht am ESF in London
zu beteiligen.

Gleichzeitig werden neue, klerikal angehauchte Bündnisse gesucht, wie der
Auftritt des Soft-Islamisten Tariq Ramadan auf dem ESF in Paris zeigt. Eine
klare Avance der globalisierungskritischen Bewegung an migrantische
jugendliche Moslems. Und es hat funktioniert. Ramadan löste eine heftige,
antisemitisch aufgeladene Diskussion in Frankreich aus. Er symbolisiert die
Zusammenarbeit eines Teils der no globals mit Islamisten, denen auch eine
andere Welt vorschwebt: ein islamischer Gottesstaat, in dem die Religion den
Alltag kontrolliert und normiert. Ähnliche Avancen an den Islamismus zeigten
sich auch beim WSF in Mumbai, als die indische Schriftstellerin Arundhati
Roy in ihrer Rede auf der Eröffnungsveranstaltung unter starkem Beifall
allen Ernstes dazu aufrief, den Widerstand im Irak, also de facto auch den
islamistischen Terror, gegen die US-Besatzungstruppen zu unterstützen.
Interessant ist auch, dass diese Passage später in dem schriftlich
verbreiteten Redemanuskript fehlte.

Was den ESF fehlt, ist eine Aufarbeitung des offensichtlichen
Antiamerikanismus und einer Israel-Kritik, die zwar ab und an auch Richtiges
beinhaltet, aber Gleiches oder mit Abstand Schlimmeres nicht an den
arabischen Staaten kritisiert. Zweierlei Standards sind Markenzeichen des
sekundären Antisemitismus. Gleichzeitig werden die USA im Prinzip für alle
Übel der Welt verantwortlich gemacht. Das nicht Gesagte ist dabei das Salz
in der Suppe. Offen bezeichnen die wenigsten die EU als das zivile,
friedliebende Gegenstück zum militärischen Satan USA. Es ergibt sich eben
aus dem Kontext.

Wir suchen die Zusammenarbeit mit den Teilen der Bewegung no global, die
bereit sind, sich der Aufarbeitung der antisemitischen Tendenzen in den
eigenen Reihen und des dort anzutreffenden subtilen, häufig auch offenen
Hasses auf Israel zu stellen. Der hat ohnehin Eingang in den Aufruf der
sozialen Bewegungen gefunden, wie er in London beschlossen werden soll. Ein
Erstarken der heute minoritären Kräfte wäre die Voraussetzung, die
kapitalistische Verfasstheit der Weltgesellschaft ins Zentrum der Kritik zu
rücken, statt auf der Basis eines diffusen »Wir wollen eine andere
Welt«-Gefühls Unterdrückung und Ausbeutung zu personifizieren, mit Israel
und den USA als Sündenböcken. Solange diese Auseinandersetzung verweigert
wird, ist das ESF kein Ort, an dem eine emanzipatorische Politik entwickelt
werden kann.


Die Autoren sind Mitarbeiter der Aktion 3. Welt Saar. www.a3wsaar.de
----------------
2.) Pressemitteilung - 12.Oktober 2004 - Nr. 56

Zum Europäischen Sozialforum London 14. -17. Oktober:

AKTION 3.WELT SAAR beteiligt sich nicht wegen anti-israelischer
Grundstimmung

Antiglobalisierungsbewegung muss eigenen Antisemitismus aufarbeiten

Die AKTION 3.WELT SAAR wird sich in diesem Jahr nicht am Europäischen
Sozialforum (ESF) der Globalisierungskritiker vom 14. - 17. Oktober in
London beteiligen, zu dem rund 50.000 Teilnehmer erwartet werden. "Wir
haben uns bis zuletzt die Option einer Teilnahme offen gehalten.
Ausschlaggebend war vor allem die Weigerung, den Antisemitismus in den
eigenen Reihen aufzuarbeiten. Antisemitische Passagen fanden sogar
Eingang in den Resolutionsentwurf, der von einem tief sitzendem Hass
gegen Israel geprägt ist", so Klaus Blees, Mitarbeiter der AKTION 3.WELT
SAAR. In dieser in mehreren Sprachen vorbereiteten Abschlussresolution
wird die "Zerstörung" des von Israel gebauten Sicherheitszaunes
gefordert. "Dies ist für mich nicht hinnehmbar, da dieser Zaun,
ungeachtet des Streits über seinen Verlauf, bis jetzt schon vielen Juden
und Jüdinnen das Leben gerettet hat, da die Anschläge zurück gegangen
sind. Wer Juden deswegen kritisiert, weil sie sich erfolgreich gegen
einen Teil der Selbstmordanschläge schützen, hat ein grundlegendes
humanitäres Defizit", so Klaus Blees.

Ihre Zuspitzung erfährt diese antiisraelische Grundstimmung, wenn in der
ESF-Resolution dazu aufgerufen wird, ausgerechnet am 9. November gegen
den Bau dieses Zaunes zu demonstrieren. So als hätte es am 9. November
1938 keine brennenden Synagogen gegeben.

Umstritten war bei der AKTION 3.WELT SAAR die Teilnahme am ESF in London
auch wegen der Negativ-Erfahrungen beim ESF in Paris im November 2003.
Damals erhielten Mitarbeiter der AKTION 3.WELT SAAR mehrfach Saal- und
Redeverbote und wurden zum Teil körperlich angegriffen. Der Grund war
ein dreisprachiges Flugblatt, in dem sich die Organisation zum
Existenzrecht Israels bekannte. Als Alternative werde man verstärkt die
Zusammenarbeit mit den Teilen der globalisierungskritischen Bewegung
suchen, die bereit sind, sich der Aufarbeitung der antisemitischen
Tendenzen in den eigenen Reihen zu stellen.

@funfactor

gaaaaaeeeehn 15.10.2004 - 15:05
gaaaaeeeehhn

@ Horizontale

all over the place 15.10.2004 - 19:22
Luefte mal deine Bettdecke, damit der selbstbeweihraeuchernde Mief (Eigenlob stinkt) entweichen kann. Wie ich diese Gut-Boese-Schema-F-Geprotze hasse... Das ist null-komma-nix besser als das Aufgespiele von den paar Vertikalen in der ansonsten sehr breiten und diversen Sozialforumsbewegung. Aber wo Erfolge erzielt werden, gibt es ja immer SektiererInnen - in Mumbai die MaoistInnen, in London nun die Anarcho-DogmatikerInnen. Wir haben Wichtigeres zu ERLEDIGEN! Wake up! This world needs a shake-up!

@ Linksruck

Icke 15.10.2004 - 19:47
Was ist denn bitte schön daran dogmatisch zu kritisieren, daß der Linksruck/SWP zusammen mit der Regierung die Sozialorumsbewegung zerschlagenhat und alle, die nicht Parteimitglied sind, aus dem ESF rausgedrängt hat?
90% der ESF-Veranstaltungen finden nun außerhalb der von Stalinos/Trotzkis/Neoliberalen dominierten Räume statt.
Ihr Kommies habt es aber schon immer drauf gehabt, alle die nicht Mitglied in euren Sekten sind, als Sektierer bezeichnen - sozusagen als Projektion ("99% aller Menschen sind dogmatische Sekten, weil sie nicht in unserer Sekte Mitglied sind").