Anti-Atom-Demo in Kamen - Verkehr steht

X 27.09.2004 12:01 Themen: Atom
Mit 100 TeilnehmerInnen, weniger als erwartet worden war, fand am Samstag eine kreative Demo in Kamen (Westf.) statt. Zur Demo hatten die lokale Anti-AKW-Gruppe, Antifa und GAL sowie weitere Anti-Atom-Initiativen aus dem Ruhrgebiet und dem Münsterland aufgerufen. Anlass war der drohende Castortransport von Dresden-Rossendorf nach Ahaus. Die DemonstrantInnen zeigten eindrucksvoll, dass auch mit wenigen TeilnehmerInnen eine Menge Trubel erzeugt werden kann. Das Ergebnis: Autobahnauffahrt Kamen-Zentrum (A1) für ca. 4 Stunden gesperrt, riesiger Stau auf der mehrspurigen Zufahrtsstraße, 1 Hundertschaft als Demobegleitung, Helikopter und Unmengen an Polizei auf der Autobahn und an Rastplätzen. Mittendrin eine gutgelaunte Demo, die auf Kreuzungen ein überdimensioniertes Castor-Stopp-Mikado spielt und auch mal die Route selbstbewusst verlegt.
Mit der üblichen Viertelstunde Verspätung begann um 12.15 Uhr die Auftaktkundgebung am Alten Markt. Die Stimmung war noch etwas gedämpft. Nach einer Begrüßung folgte ein Redebeitrag über Castortransporte. Gefordert wurde natürlich der sofortige Ausstieg aus der Atomenergie. Drei Lieder brachte die am Freitag Abend spontan als Ersatz eingesprungene Band „NO TIES REQUIRED“ zum Besten. Nach einem Grußwort eines lokalen GAL-Vertreters folgte ein kurzer Redebeitrag, der vor allem noch einmal deutlich machte, dass der Widerstand mit einer weitergehenden Perspektive, die einer herrschaftsfreien Gesellschaft nämlich, verbunden sein sollte. Auch die lokalen Bündnis90-Grünen erhielten ihr Fett weg. Ihr am Samstag morgen erfolgter Kommentar zum Castortransport wurde kritisiert, da die Grünen darin den Transport nur mit dem Argument ablehnten, die Ostdeutschen sollten sich doch gefälligst um ihren eigenen Atommüll kümmern und diesen nicht nach NRW verfrachten.

Die Polizei hielt sich die ganze Kundgebung, wie auch während der Demo zurück. Die unsinnigen Auflagen der Kreispolizeibehörde Unna (10 Leute = 1Ordner, nur Bürgersteige benutzen, Signalwesten für Leute die auf der Straße gehen...) wurden zurückgezogen. Einzig der Staatsschutz war überdimensioniert vertreten.

So konnte dann der von einem Redner angekündigte Spaß beginnen. Bevor die Demo losging wurde kurz das Mikado erklärt und probegespielt. Drei Teams waren vertreten (Schwarz, Rot, Grün). Wenn beim Versuch die Mikadostäbe zu Räumen gewackelt wird, ist das nächste Team am Zug. Regeln sind halt Regeln und daran muss sich auch die Polizei halten. Die zeitgleich eingetroffene Castorattrappe wurde symbolisch blockiert. Dann zog die Demo parolenrufend durch die Innenstadt, mit kleinen Abweichungen von der Demoroute. Die erste Kreuzung wurde gleich mit Mikado blockiert. Später sollte es noch einen Kreisverkehr und die Hochstraße (Autobahnzubringer) treffen. Derweil schlossen sich weitere Menschen der Demo an.

Die Stimmung in der Demo wuchs immer mehr und erreichte dann sicherlich einen ersten Höhepunkt als der LKW mit der Band die Demo auf der Hochstraßen-Auffahrt einholte. Diese hatten zuvor einen anderen Weg fahren müssen und spielten dabei unermüdlich von der Pritsche herunter. Auf der Hochstraße, einer zweispurigen Bundesstraße, Zubringer zu der Autobahn A1 und aufgrund der Eisenbahnschienen wichtigste Verbindung nach Kamen hinein, war dicht. Hinter der Demo eine lange Autoschlange. Die beiden Spuren in Fahrtrichtung nahm die Demo ein und eine Gegenverkehrspur die Polizei. Eigentlich sollte die Demo nur den ganz rechten Fahrstreifen erhalten. Von einer Fußgängerbrücke und einem Parkplatz beobachteten PassantInnen das bunte Treiben. Eine Redebeitrag machte das Demoanliegen ersichtlich und erntete auch Zustimmung.

Die Autobahnauffahrt war komplett mit Wannen und Gittern gesperrt. Nach einer weiteren Runde Mikado und Bandmucke wurde dann die Fahrstrecke geräumt. Die FoodnotBombs-Gruppen erreichten die Demo und es wurde ausgiebig auf der Zufahrt gespeist. Neben Obst und Brot, servierten sie eine warme Suppe und ein Reisgericht. Da wurde sogar die Polizei etwas neidisch, die zuvor mit ihrem ’Kaffee-Koch-Bulli’ angegeben hatte. Gegen 16.45 Uhr löste sich die Demo bei bester Stimmung auf.

Alle TeilnehmerInnen gingen mit einem guten Gefühl nach Hause. Die Organisation hat bestens funktioniert. Die Demo war lautstark und die Ablehnung der Atomkraft konnte gut vermittelt werden. Es wurde deutlich gezeigt: Wir sind in der Lage einiges auf den Kopf zu stellen und am Tag X können sich Polizei und Regierung auf was gefasst machen.
Alles in Allem ein äußerst gelungener Auftakt für das Ruhrgebiet und den Anti-Atom-Widerstand überhaupt.

NRW-Innenminister Behrens verkündete fast zeitgleich, dass 2004 keine Transporte rollen werden. Die Anti-Atom-Initiativen bleiben skeptisch und stellen sich auf den Tag X ein. Kamen hat am Samstag gezeigt, dass sich auch hier Widerstand am Tag X formieren wird.


Berichte auf Indymedia im Vorfeld der Demo:
 http://www.de.indymedia.org/2004/09/94500.shtml
 http://www.de.indymedia.org/2004/09/94279.shtml


Aufruf zur Demo:
 http://www.bo-alternativ.de/kamen-25-09-04.htm


Weitere Infos zum Ahaus-Castor und Atomenergie allgemein:
 http://www.wigatom.de
 http://www.bi-ahau.de
 http://www.nixfaehrmehr.de
 http://www.mega-waltrop.de

Nicht vergessen:
Dahin gehen wo die Atomspirale beginnt. Bundesweite Demo gegen die Uranaufbereitungsanlage in Gronau (Münsterland) am 9.Oktober 2004.
 http://www.aku-gronau.de
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Ergänzungen

Links falsch

surferin 27.09.2004 - 12:21
einige links scheinen nicht zu stimmen. hier die verbesserung:

 http://www.bi-ahaus.de
 http://www.nixfaehrtmehr.de


weitere Demobilder

Schware Katze 27.09.2004 - 13:51
sind hier:

Test bestanden

Team Schwarz 28.09.2004 - 04:10
Ich war schon lange nicht mehr auf einer Demo, die so fett Spaß gemacht hat wie die Demo in Kamen. Statt ellenlanger Reden gab es super Punkmucke und statt endlosen latschen und rumstehen gab es Mikadostangen und Aktion. Besonders gelobt werden muß die Super Organisation, vor allem das selbbestimmte/selbstbewußte Auftreten gegenüber Team Grün war ein absolutes Highlight. Wäre nur schön gewesen wenn mehr Menschen den Weg nach Kamen gefunden hätten. Meine Einschätzung nach waren wir bestenfalls 80 Leute. Um so bemerkenswerter das es den Antiatomis im Vorfeld gelungen ist, so einen Wirbel zu entfachen, dass die Autobahnauffahrt für 4 Stunden gesperrt wurde. Alles im allem ein gelungener Test für den Tag X. Danke auch für die Unterstützung aus dem Münsterland, insbesondere bei der WigA Münster.

Fragen zu den krassen Rohren

Wolfgang 28.09.2004 - 18:10
Aus was für Matrial habt ihr die Rohre gebaut? Wie haben die Bullen auf die Rohre reagiert? Gab es Stress? Wo kann ich mich melden will dabeisein, beim nächsten Mal. Wäre lieb wenn ihr das mal genauer beschreiben könntet.

Presse zu Mikado

genervter Zeitungsleser 28.09.2004 - 18:21
Kamen |
40 Autonome wetzten ihre Mikadostäbe

Castor-Großdemo entpuppt sich als viel Lärm um wenig - Mehr Polizei als Protestler und noch mehr genervte Autofahrer

kamen | Ende der 80er ist David Katze schon in Gorleben mitmarschiert. Heute, am Samstag, verteilt er ungebrochen eifernd Anti-Castor-Zettel auf dem Kamener Markt. Ein atomgelbes Plakat flattert im Wind: „Autonome, putzt Eure Werkzeuge!“
Die meisten der 150 angekündigten Protestler haben ihren Werkzeugkoffer nicht bloß im Schrank gelassen, sondern sind erst gar nicht erschienen. David Katze vom Anti-Atom-Bündnis Märkischer Kreis ist erschienen, unverdrossen wie weiland in Gorleben. „Wir sind das einzige Aktionsbündnis im ganzen Märkischen Kreis“, verrät der an Jahren gereifte 34-Jährige. „Wir sind bloß fünf“, setzt er hinzu. „Aber das brauchen Sie ja nicht zu schreiben.“ Insgesamt zählt das Häuflein Versprenkelter gerade mal 40, was sie allerdings nicht daran hindert, den Samstagvormittagsverkehr auf der Unnaer Straße mittels polizeilicher Absperrungen bereits ab 11 Uhr lahm zu legen und eine Hundertschaft Uniformierter aus Unna und Duisburg sieben Stunden lang mit Aufpassen zu beschäftigten. Martin Vonstein, Leiter Strafverfolgung bei der Kreispolizei, besieht sich die autonome Ballung auf dem Markt in Seelenruhe von Rande aus. „Solche Versammlungen sind vom Bundesverfassungsgericht vorgesehen“, doziert er streng neutral. „Unsere Pflicht ist es, die Demonstranten zu schützen.“ Die sehen 20 Minuten nach geplantem Beginn selbst ein, dass „da wohl nicht mehr viele dazukommen“. Auch die Band Slup wird nicht kommen, der Gitarrist hat Rippenfellentzündung und lässt solidarische Grüße ausrichten, ersatzweise kommt eine andere Band, „die spielt coole Punk-Mucke.“ Von cooler Mucke umdröhnt zieht das Häuflein Unermüdlicher durch die Innenstadt über die B 233 gen Autobahn. Alle paar 100 Meter knubbeln sie sich zusammen und schmeißen unter brachialem Kampfgeschrei meterlange stilisierte Mikadostäbe auf die Straße. Bevorzugt tun sie das auf Kreuzungen, und die genervten Autofahrer finden das nicht wirklich witzig. „Das sind ja bloß ein paar Männeken“, ruft eine Frau auf der Fußgängerbrücke über der Unnaer Straße fassungslos, „dafür dieser Wahnsinnsaufwand?!“ Immerhin läuft alles friedlich, wenngleich die Definition von „Erfolg“ abhängig ist von der jeweiligen Perspektive: Während das Aktionsbündnis Münsterland in seiner abschließenden Pressemitteilung von „rund 100 Atomkraftgegnern“ tönt, kommt die Polizei beim besten Willen bloß auf 40 (mehr waren es auch nicht, wir haben nachgezählt). Und dass dieser Castortransport übers Kamener Kreuz, gegen den sie am Samstag so leidenschaftlich mit ihren autonomen Werkzeugen rasselten, laut samstäglicher Verkündigung des Innenministers nun doch nicht rollen soll - das konnte das Häuflein Unermüdlicher am Freitag ja noch nicht wissen.

Linktipps

cat 29.09.2004 - 14:10
Große Sammlung von Fotos und Presseberichten zur Demo

 http://www.free.de/schwarze-katze/texte/atom07.html

Material für die mikadostangen

Peter (findet`s) lustig 29.09.2004 - 16:03
Also die tolle Idee mit dem mikado ist auch nur geklaut, aus dem Wendland. Aber es war hier in der Region wohl das erste mikado!!
Die Stangen bekommt mensch in jedem Baumarkt für umsonst. Das sind halt alte Teppichrollen oder sowas, aus Pappe!!

Nachahmung ausdrücklich empfohlen.
Prädikat pädagogisch wertvoll!!