2.500 Demonstranten in Nordhausen

Ralf Heckel 17.08.2004 13:10 Themen: Soziale Kämpfe
In der kleinen Südharz-Stadt Nordhausen gingen ca. 2.500 auf die Straße. Ich gab dort 1989 die Grenzöffnung bekannt und hielt gestern die erste Rede vor dem Rathaus 2004. Die Proteste richteten sich nicht mehr allein gegen Hartz IV und Agenda 2010, sondern auch vermehrt gegen das System und die Lokalpolitiker.
Alle Gruppierungen traten auf. Die Kundgebung war unpolitisch und neutral. Die Redner richteten sich gegen Hartz IV, die Agenda 2010 und gegen die Lokalpolitik. Den beiden Frauen, welche die Veranstaltung durchführten, wurde die ganze Woche zuvor und noch am Nachmittag eine Demonstration durch das Ordnungsamt Nordhausen verboten (Begründung: Störung des Straßenverkehres und Imageschaden auf die Landesgartenschau). Ich brachte dies in der Abschlussrede nach Verkündung der ersten Teilnehmerzahlen anderer Demos zur Sprache. Die Demonstranten gebührten dies mit lauten BUH-Rufen und Pfiffen. Vereinzelt wurde gefordert, den Amtsleiter Asche abzusetzen. Im Anschluss suchte die eingesetzte Polizeistreife die Veranstalterin Petra Wenkel auf und erklärte, dass eine DEMO lediglich 48 Stunden vorher angemeldet werden müsse, dann würde auch die Polizei nichts dagegen haben. Also hat ab dem 23.8.04 auch Nordhausen seine DEMOs wieder.

Meine Rede am 16.8.2004 zur Montagkundgebung in Nordhausen
von Ralf Heckel ( kontakt@ralfheckel.de)

?Vor 15 Jahren, am 9.11.1989 um 21.15 Uhr verkündete ich in der übervollen ?Halle der Freundschaft in Nordhausen? die Öffnung der Grenze. Es war ein kalter Donnerstag, ich war gerade 20 Jahre alt und damals Jugendredakteur des Betriebsfunks der IFA-Motorenwerke. Diesem Tag gingen unzählige Kundgebungen und Demonstrationen voran an einigen davon nahm auch ich in Berlin, Leipzig und Nordhausen Teil und redete damals wie heute an diesem Mikrofon.

Ich bat an diesem Donnerstag Abend 1989 die Besucher der Protestkundgebung in Nordhausen zum Hierbleiben. Es gab ein neues Land aufzubauen, hier in unserer Heimat.

Inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher, ob dieser Wunsch richtig war. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob man jungen und gestandenen Menschen empfehlen kann, hier zu bleiben. Zu viel Ungerechtigkeit, Betrug, Intriganz und Korruption zerstört auf kommunaler und landesebene dieses Land. Fehlende Moral, Zivilcourage, zuviel Arroganz und Winkeladvokatenkriminatität machen das Leben in diesem Land ungenießbar.

Seht Euch diese Stadt an. Die einstigen Großbetriebe sind begraben: Nortak, IFA, NOBAS, RFT, Nordbrand liegt in der Hand eines Konzernes aus dem Westen, um nur einige zu nennen. Wir werden von einer schönen aber falschen Fassade umgeben und haben dafür umso mehr Supermärkte. Das braucht niemand.

Die Menschen hier brauchen Arbeitsplätze. Sie brauchen keine unbezahlten Überstunden oder Arbeitszeiterhöhungen.
Die Gewerbetreibenden hier brauchen Aufträge. Sie brauchen keine Hehler, die mit öffentlichen Aufträgen unter dem Ladentisch handeln.
Die Bürger hier brauchen keine Behörden, welche vor Selbstherrlichkeit kaum Laufen können. Wir brauchen keine Amtsträger die ständig die Gesetze brechen und Steuern verschwenden ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Ich habe inzwischen meine Heimatstadt Nordhausen verlassen, weil man mir hier eine Lebensgrundlage als Freiberufler entzogen hat. Ich konnte auch nicht mehr mit ansehen, wie hier in Thüringen die engagierten Menschen schleichend zu Grunde gerichtet werden. Ich wohne heute in Leipzig und sage Euch, liebe Nordhäuser, Lasst Euch die Montagsdemos nicht verbieten. Lasst Euch Eure Freiheit nicht nehmen. Lasst Euch den Mund nicht stopfen.


Demonstriert für Eure Freiheit.
Demonstriert für Eure Gerechtigkeit.
Demonstriert für eine sicherere Zukunft und gegen die Parasiten dieser Stadtverwaltung und Landesregierung. Denn von unten fängt man an.
Seid wachsam, streitbar und zeigt Zivilcourage auch gegen das formale Verbrechen in den Amtsstuben.

Wenn Ihr Misstände aufdeckt, wie ich auch. Dann lasst Euch nicht durch solche juristische Lügen wie angebliche Verleumdung oder Beleidigung von Amtsträgern unterkriegen. Die Herren von der Stadtverwaltung sind schnell im verteilen von Strafanträgen, wenn es ihnen mit Recht an den Kragen geht. Das ist Unterdrückung. Allen voran nenne ich den Bürgermeister der Stadt, den sogenannten Leiter des Ordnungsamtes und den sogenannten Leiter des Gewerbeamtes. Diese Menschen haben unsere Demokratie nicht verstanden. Sie haben aber verstanden, wie man sie missbraucht.


Wenn in unserem Lande unsere Politiker und Juristen Entscheidungen und Urteile treffen und darüber steht der Satz: ?Im Namen des Volkes?, dann sage ich Euch heute wie 1989:

?Wir sind das Volk.? (Ruf hallte geballt mehrfach zurück)
?Wir haben es selbst in der Hand?


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63 % aller Deutschen halten die Deutsche Einheit für gescheitert. Darum stehen wir heute wieder hier und demonstrieren.

Wir demonstrieren hier für folgende Verfassungsartikel der Bundesrepublik Deutschland:


Die Würde des Menschen ist unantastbar. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich (Frage: in Ost und West bei unterschiedlichem Lohnniveau auch?).

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten.

Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet.

Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich zu versammeln.

Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen.

Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden.

Die Wohnung ist unverletzlich.

Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.


Herr Clemens, haben Sie eigentlich schon mal das Grundgesetz gelesen?


Die Bundesregierung hat uns vor einem Krieg im Irak bewahrt. Dafür danke ich der Standhaftigkeit des Kanzlers gegen Busch und Co. Unser Land hat damit weltweit eine hohe Anerkennung erhalten. Aber ich bitte Dich, lieber Kanzler, verspiele Deine Sympathie nicht in einer falschen Innenpolitik.


Wir demonstrieren daher gegen die Ungleichheit von Hartz IV und der Agenda 2010:

Mit diesen Gesetzen werden die Armen immer Ärmer und die Reichen immer Reicher. Während den Erwerbslosen ab 1. Januar 2005 10 Mrd. jährlich gestohlen werden, bekommt ein Einkommensmillionär durch die Steuerreform im selben Zeitraum 108.000 Euro geschenkt. So stopft man keine Löcher auf dem Rücken der Ärmsten!

Eine Arbeitszeitverlängerung schafft keine Arbeitsplätze.

Eine Erhöhung des Rentenalters schafft keine Arbeitsplätze.

Ein Fortgang der Großindustrie schafft keine Arbeitsplätze.

Eine bewusste Verdrängung der Ostprodukte im Markt schafft keine Arbeitsplätze.

Ein Heer von ICH-AG´s mit 80% anschließenden Insolvenzen schafft keine Arbeitsplätze

Die Zweitstellung der Ossis mit niedrigerem Lohn als im Westen, schafft keine Deutsche Einheit.

Der durch die Behörden gewollte und geschürte Verlust von Moral und Verantwortung bringt diese Gesellschaft keinen Schritt nach vorn.


Daher rufe ich heute und jetzt auf:

-?Wir sind das Volk? lasst uns stark werden,
-Wir haben eine 2. Chance wie damals 1989. Nur heute geben wir uns nicht mehr mit Versprechen, Speck und blühenden Landschaften ab.
-Lasst uns den Nordhäuser Bund für Courage und zivile Verantwortung gründen.
-Lasst uns den Politikern auf die Finger schauen.
-Lasst uns Schluss machen mit den Parasiten unserer Gesellschaft"

(tosender Applaus, "Wir sind das Volk"-Rufe)

Zum Ende der Demo gegen 20.15 Uhr verkündete ich die ersten Teilnehmerzahlen aus anderen Städten.

Rostock 6.000
Leipzig 25.000
Berlin 30.000
Magdeburg 15.000

Leider fährt die bundesweite und staatliche Berichterstattung diesen Erfolg der über 100 Städte runter. Es wird auf den staatlichen Sendern von bundesweit nur etwa 70.000-90.000 Demonstranten berichtet. Wenn man mal überschlägt,
dann komme ich allein oben auf 75.000. Da mass ja in den anderen 96 Städten ja der Hund begraben gewesen sein. Da aber immer von Tausenden Demonstranten aus jeder Stadt gesprochen wird, sind hier noch mindestens 100.000 Demonstranten zusätzlich im Spiel.

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Hinweise und Grundlagen, welche zum Angriff gegen die Lokalpolitik führten:

Die für mich entscheidenden Auslöser meines Auftretens sind auf meiner Webseite nachzulesen: www.ralfheckel.de
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Ergänzungen

@rolf heckel

xyz 17.08.2004 - 15:16
Ich versuche konstruktive Kritik an ihrer Rede zu üben. Erschrecken sie nicht, wenn einige direkter sind, der Ton auf indymedia ist nun mal manchmal etwas rauh.


Es gibt einiges was zu besprechen wäre, ich erwähne aus Zeitgründen nur einen, aber entscheidenden Punkt:
Ein Satz wie "Lasst uns Schluss machen mit den Parasiten unserer Gesellschaft" hat in in keinem Land und schon gar nicht in Deutschland etwas in einer auf fortschrittliche Ziele hin ausgerichteten Bewegung zu suchen, selbst wenn, wie ich ihrer Rede entnehme, damit Staatsangestellte gemeint sind. Da läuft einem ein Schauder über den Rücken. Die Sprache des dritten Reiches hat einfach einige Wörter und Begriffe in Deutschland kontaminiert.

Dessen muss man sich bewusst sein. Ich hoffe sie waren sich dessen nicht bewusst.






hinweis

der wegweiser 17.08.2004 - 15:29
die kundgebung war mit sicherheit nicht "unpolitisch". sonst hätte sie gar nicht stattgefunden.
und "neutral" kann man einen protest gegen verarmungsgesetze die ein kapitalistisches System produziert wohl auch nicht nennen.

Antworten auf Beiträge

Ralf Heckel 31.08.2004 - 20:53
Im Prinzip sind Beiträge ohne die Nennung eines Verfassers keine Beiträge. Sie sind nichts. Ein Anonymus wird von Feiglingen verfasst und jenen, die sich vor ihrer eigenen Meinung verstecken wollen.

Aber ich stelle mich trotzdem offen den Kritiken meines Beitrages:

zu XYZ:
Danke für den Hinweis. Nun, Demagogie ist eines, eine einfache Sprache des Volkes etwas Anderes. Ich habe weder im dritten Reich gelebt, noch mich derer Begriffe bedient. Wenn man "Schluss machen muss mit dieser Politik" dann ist das meine Meinung. Wenn ich Steuerverschwender, Formalvebrecher und Winkeladvokatenkriminalität mit einem parasitären Verhalten bezeichne, dann ist das eine Feststellung. Sie basiert auf eigenem Erleben und ist fachlich richtig.

Ich habe nicht von Deportation und Ermordung geredet. Ich bin mir bewusst, dass dies die falschen Worte wären. Eine radikale Neigung ist meiner Rede nicht zu entnehmen. Der von Ihnen kritisierte Satz steht wie Sie erkannten in einem anderen Zusammenhang, als Sie glauben mir nachreden zu müssen. Ich hoffe sie waren sich dessen bewusst.


der wegweiser:
Auf dieser Kundgebung redete kein Politiker. Sie war damit zunächst unpolitisch. Es gab auch keine Auseinandersetzungen doer Zusammenstöße aus möglichen verschiedenen Meinungslagern der Demonstranten. Keiner der Demonstranten bestand auf einem bestimmten politischen Standpunkt. Die Demo war somit neutral.


ralf popalf
Ich habe meinen Text nicht nur selbst gelesen, sondern auch selbst geschrieben. Wenn es einen kleinen Tippfehler gibt, dann liegt das daran, dass ich Schlosser gelernt habe und nicht Tippse. Ich tippe heute noch mit 2 Fingern, wenn auch schneller als ein Schlosser. Die Gramatik und den Ausdruck überflog eine Deutschlehrerin. Sie konnte nichts daran aussetzen.

Das Land brauchen wir, das Volk. Ohne dieses Land sind wir Vertriebene.


H.P.
Nun, ich bitte lieber den Kanzler zunächt um etwas, bevor ich Forderungen stelle. Vielleicht meint oder sieht er es selbst nicht so. Dabei wurde bereits durchschaut, dass der Kanzler in seinem aktuellen Vorgeben nur eine Marionette der Situation ist, welche ihn selbst umgibt. Eine Politik gemäß der "Systemzwänge" betreibt der Kanzler, dessen bin ich mir sicher. Aber hat er auch erkannt, dass dies auch die damalige Regierung der DDR betrieb? Es hat sich nur der Grund des Zwanges geändert. Heute ist es die Diktatur des Geldes.

Ich stimme mit Dir überein. Wir müssen von dieser Scheindemokratie weg, weg vom alten System.





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nix für ungut

ralf popalf 17.08.2004 - 14:09
aber mit protesten auf diesem niveau ist gar nix gewonnen, vielleicht eher was verloren. herr heckel, haben sie ihren text eigentlich mal gelesen? und da muss ich nichtmal inhaltlich werden, das fängt schon bei der sprachlichen qualität an! obwohl die demo durchs ordnungsamt schon echt ein lacher war... dieses land braucht gute redner - aber wer braucht dieses land? fragen über fragen ;o)

noch was:

H. P. 17.08.2004 - 15:50
Es bringt nichts auf einer Rede den "lieben" Kanzler um etwas zu bitten.

Es muss durchschaut werden dass hinter der Politik des Kanzlers die Interessen der Wirtschaft, der Konzerne, des Kapitals stehen. Sprich: der Kanzler betreibt lediglich eine den "Systemzwängen" gemäße Politik.
Willst du seine Politik ändern, musst du das System ändern.