1. Mai - Wessen Welt?
1. Mai - Wessen Welt - Europäische Bestandsaufnahme
Günter Melle 01.05.04
Teil I
Szene 1... Von der Kunst zu arbeiten: Maroni ist ein Künstler und wie sie alle, die Talent besitzen, ist seine Kleidung schlecht und ärmlich, seine körperliche Statur trägt die Narben des Achststundentages und die Physiognomie der Auszehrung. L'Art pour l'art ziert als Leitmotiv seiner Werkstätte im digitalen Maxidisplay die obere Etage des oval hochgezogenen Stahlbetonglasgemischs. Letzteres ein absolutes Muss für alle Kenner postmoderner Architektur, den Besuchern ans Herz gelegt als innovatives Modell des Einklangs zwischen Architektur und Technik. Am Eingang referiert das TV-Double eines jungen dynamischen Managers über den Bildschirm zur Funktionalität des Gebäudes. "Der Eindruck von Zerbrechlichkeit, Sensibilität und Leichtigkeit schwingt in jedem Pfeiler, jeder Glasfront dieses Gebäudes, die den Blick freigibt auf die inneren dynamischen Prozesse unserer Arbeit. Nichts, was dem Besucher verborgen bleiben könnte."
Gute Künstler arbeiten diszipliniert an sich selbst und an ihrem Material. Sie sind ständig bemüht, Defizite in der veranlagten Genialität aufzuspüren, sie zu beheben und auszugleichen. Bei Maroni ist das System der Selbstdisziplin zur Perfektion ausgereift. Die Werkstätte des New Stile of Economy and Production stellte alle Technologien zur selbsbewussten Weiterentwicklung. Meßtechniker zur perfekten Abstimmung der Körperbewegungen auf Material und Werkzeug. Biorhythmische Funktionaltests, welche auf eine Energie sparende, psychosomatisch ausbalancierte Funtionsweise trainieren. Verhaltenstraining im Umgang mit Konfliktsituationen und schließlich rhetorische Übungen zur Überbrückung linguistischer Codes.
Das brachte Maroni zwar keinen Centesimo mehr in Tasche, dafür aber die untrügliche Gewissheit, dass seine Kunst an höherer Stelle geschätzt wurde. Er war wie ein Hund, dem über Jahre hinweg Duftportionen eines penetrant riechenden Parfums verabreicht wurden, so dass er den eigenen Geruch auch bei bestem Gespür nicht mehr ertragen könnte. Maroni sang das Lob der Arbeit aus voller Kehle mit Überzeugung und am liebsten dann, wenn um ihn herum die Arbeitswelt wegbrach. Er sang das Hohelied vom Fleiß der Reichen und der Faulheit der Armen und brachte es so zu einem biegsamen Weltbild, das ihm das Auf und Ab des Lebens interpretieren half.
Dann aber kam die Zeit als es den Künstlern an den Kragen ging. Die ehernen Gesetze der Kunst trennten das Zeitlose vom Vergänglichen und dem Mittelmaß. Fleiß allein genügt nicht, erfuhr Maroni und es wurden bei ihm erhebliche Defizite in seiner Bildung aufgespürt. Ob er noch nichts von spartanischer Lebensweise gehört habe, vom Opfer für das große Anliegen der Kunst, von den Genies, die trotz aller Unbill des Lebens zur wahren Größe finden. Und als er zusätzlich erfuhr, dass auch dieses Jahr wieder etliche tausende dieser Genies zum wahren Reichtum gefunden haben, zweifelte er an seinen Fähigkeiten. Schließlich wurde Maroni seine Arbeit los und in der Folge noch so manch andere Dinge, die er als Früchte seines Schaffens begriff.
"Es ist sinnlos, die eigenen Dinge in die Hand zu nehmen." sagte Maroni zu Herrn K. "Ich habe keine mehr."
Szene 2 als Focus...
FIAT Melfi: Ein Mann tritt vor die Fernsehkameras, er gibt sich von Kopf bis Fuß als Römer. Die Toga hat er eingetauscht mit einem maßgeschneiderten englischen Zweireiher, sein Auftritt, seine Gebärden und Gesten sollen den Ernst der Lage unterstreichen. Das Rampenlicht der Scheinwerfer ist er gewohnt: keine Unsicherheit, kein Stocken in der Rede, abgestimmte Regie. Er ist ein Patrizier, der eine gründliche politische Ausbildung erhielt und sich Jahrzehnte auf die Rückkehr der Fasci vorbereitete. Sein Platz ist an der Seite des neuen Duce, dessen Machtantritt er in den geschlossenen Salons des Imperiums und seinen Geheimlogen vorbereitete. An seiner Seite nun widmet er sich der größten Aufgabe: die Umgestaltung der Res Pubblica zum Wohle der Rückkehr von Größe und Macht eines vom Pöbel geschändeten Italiens. Ihnen, den "Gaglioffi", galten kurz vor Antritt des hohen Amtes die klaren Worte, die zugleich Drohung und Programm des neuen Ministers für innere Angelegenheiten ausdrückten: "Ihnen allen hat die Regierung nichs zu sagen. Sie müssen auf gebührendem Abstand gehalten werden und dies wenn nötig mit der ganzen Gewalt des Staates."
Den ?Gaglioffi? gilt auch jetzt, vor der Ansammlung der schreibenden und medialen Hausmacht zur Erweiterung des bürgerlichen Bewusstseins, alle Aufmerksamkeit, denn es hat eher den Anschein, dass es nicht gelingt, den Pöbel auf Abstand zu halten. Die Arbeiter in Italien sind bereit, die Herausforderung des Innenministers anzunehmen. Von Süd bis Nord nimmt ihre Unzufriedenheit beunruhigende Ausmaße an. Streiks, Straßenblokaden, Demonstrationen sind deutliche Signale einer anwachsenden Welle der Bereitschaft, die Dinge in die eigene Hand zu nehmen. Genua, Melfi, Terni, Mailand, Neapel, Rom stehen für Orte des Widerstandes der Arbeiter gegen die Umgestaltung zu einer anderen Republik. Millionen Plebejer auf der Straße gegen die Beteiligung an imperialen Raubzügen, Millionen gegen den Versuch der Patrizier, sich an den Kornspeichern der Massen gütlich zu halten.
Doch auch die Qualität des Widerstandes bedarf der Erläuterung. Besser als das Presseorgan des italienischen Ministerrats dies tut, können die Veränderungen innerhalb der Arbeiterschaft kaum beschrieben werden:
"(AGI) FIAT, Melfi - Die diffizile Geographie der Gewerkschaft
Rom, 3. Mai. Melfi repräsentiert völlig die diffizile Geographie einer Gewerkschaft, die oft vom Widerspruch der Arbeiter bedrängt wird. Immer mehr gewinnt dieser Einfluss auf ihre Entscheidungen und wird zu einem 'Laboratorium', in dem sich die inneren und äußeren Schübe (von den No Global bis zu Personen völlig außerhalb der Gewerkschaften) bemerkbar machen. Nach fünfzehn Tagen Belagerung der Eingänge, der Streiks und von Appellen der Gewerkschaftssekretäre, wird ganz deutlich, dass alles unter Schwierigkeiten voranschreitet und es gibt viele Hürden: Streiks, die fortgeführt werden; Widersprüche zwischen den unterschiedlichen Gewerkschaften und ihren Dirigenten."
Notiz: 26.04.04, Blockaden in Melfi - Polizeieinsätze gegen FIAT-Arbeiter. Seit einer Woche halten die FIAT-Arbeiter von Melfi aus Protest den Eingang ihrer Fabrik besetzt. Die Metallarbeiter kämpfen gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in der Fabrik. 5000 Disziplinarmaßnahmen in einem einzigen Jahr. Kündigungen von Gewerkschaftsvertretern. Ruinierende Schichten, die zu lang sind. Als Fiat in Melfi 1993 sein Debut gab, wurde das neue Werk als ein Wunder der Technologie gepriesen. Gesprochen wurde von einer Avantguarde der Arbeitsorganisation, dem Toyotismus, der verbesserte Beziehungen zwischen Unternehmen, Arbeitern und Umland schaffen sollte. Heute glaubt niemand mehr diesen Lobgesängen. Die Arbeiter verlangen, dass die Doppelschicht abgeschafft wird. Die zwingt sie zwei Wochen hintereinander nachts zu arbeiten. Sie verlangen weiter volle gewerkschaftliche Rechte und eine Bezahlung, die den Gehältern ihrer Kollegen in anderen Unternehmen der Fiat-Gruppe gleichgestellt ist.
Die Sichtweise des Ministers, der vor der Abgeordnetenkammer zu den Ereignissen Stellung bezieht, reflekiert die zunehmende Stärke der sozialen Bewegungen Italiens, die in der Folge vergangener Jahre zu einer kraftvollen Einheit gefunden haben. Er reflektiert sie als einer, dessen politische Karriere Verschwörung und Intrige zur Handlungsmaxime erhoben hat. Die "kleinen radikalen Minderheiten", die "trojanischen Pferde" in den Gewerkschaften, sind für ihn die eigentlichen Urheber der sozialen Auseinandersetzungen. Es ist nicht die neoliberale Wirtschaftspolitik, die ihm zu denken gibt, sondern die politische und soziale Aktion der Arbeiterklasse.
Und gerade die kommt von weit her. Nach einem Jahrzehnt harter und schwieriger gewerkschaftlicher Kämpfe greift nun unter den Metallarbeitern von Melfi der Mechanismus, der in der kollektiven Einsicht seinen Ausdruck findet: "Adesso Basta!" - "Es reicht!" In diesen Tagen sind die Fiat-Arbeiter dabei, die Lohnschere, den Mangel an gewerkschaftlichen Rechten, den Brotverdienst zu einem Hungerlohn, der den Süden Italiens so attraktiv für Ausbeuter jeder heruntergekommenen Sorte machte, mit einer frischen und jungen Arbeiterbewegung zu bekämpfen. Der Mezzogiorno hat sich aus seiner leidenden, stimmlosen Situation befreit, zuerst die Krupp-Arbeiter aus Terni, nun die Fiat-Arbeiter (nicht nur) aus Melfi.
Vielleicht ist es das, was den eiligst nach Melfi gesandten Staatssekretär so wütend machte und seine Hasstiraden auf den Metallarbeiterverband FIOM begründete. Aus den Aktionen einer bewusstlosen Masse entsteht das Bewusstsein der eigenen kollektiven verzweifelten Lage und der Versuch, das sich regende ökonomische Bewusstsein der Arbeiterklasse zu unterdrücken, ist gescheitert. Aber damit nicht genug. Wie zu Beginn des Kapitalismus, als hätte es nie den Versuch des sozialdemokratischen Leugnens struktureller Abhängigkeiten zwischen Kapital und Staat gegeben, zeigt sich peinlichst genau die Parteilichkeit des Staates zu Gunsten des dominierenden Kapitals. Die Neutralität des Staates gegenüber den sozialen Prozessen und Konflikten in der Gesellschaft stellte sich als eine Chimäre heraus, die in die Welt der Fabeln verweist. Gleichzeitig blieben alle Versuche von Seiten der so genannten gemäßigten Gewerkschaften, die Radikalisierung der Arbeiter zu verhindern, erfolglos und selbst ihre Mitglieder sprachen sich gegen eine moderate und kollaborierende Linie der führenden Funktionäre aus.
Notiz: 20.04.04 - Bei Fiat in Melfi explodiert die Unzufriedenheit - Alle fünf Eingänge zur Fabrik in Melfi sind besetzt von dichten Gruppen streikender Arbeiter. Die Straßen wurden blockiert mit einer über einen Kilometer langen Reihe von Lastwagen. Die befindet sich zwischen den Autotransportern, die schon entladen haben, aber das Fabrikgelände nicht verlassen können und den ankommenden TIR, die es nicht erreichen können. Dieses Szenario kündigt einen der ersten "wirklichen" Proteste in diesem Werk, gegen das Vorzeigeunternehmen von Fiat an. Es ist auch Zeichen dafür, dass die Krise des Konzerns nun die Erde Lukaniens und das Werk erreicht hat, das als Symbol für die Effizienz des Produktionsmodells "Just in Time" bei Fiat stand. Wenn jetzt die Arbeiter von Melfi streiken, wird offensichtlich, dass das Erdbeben aus den Vorstandsetagen weit davon entfernt ist, abzuklingen. Das Konsortium, das 21 Firmen des Konzerns vereinigt, tappt im Dunkeln und verweist seine Mitarbeiter in die Arbeitslosenkasse. Im Einzelnen handelt es sich hiebei um die Gesellschaften IMAM, Recoflex, den französischen Multi Valeo, Avril, Lear, Magneti Marelli sowie den amerikanischen Multi Johnson Control. Eine Welle des "Stop" soll den Einbruch in den Kosten und die Delokalisierung der Produktion übertünchen und sie betrifft in etwa 600 Arbeiter.
Der Metallarbeiterverband FIOM und die Arbeiter bei FIAT sind mit den Symptomen des Auftragsrückgangs vertraut: es beginnt bei dem Konsortium, um dann automatisch das ganze Unternehmen mitzureißen. So haben gestern vor den Werkstoren in Melfi die Arbeiter einmütig den unbefristeten Streik beschlossen, der bessere Arbeitsbedingungen schaffen soll.
FIAT hatte seit jeher den Ruf, gewerkschaftliche Organisierung in seinen Produktionsstätten zu verhindern und zu unterdrücken. Die fast hundertjährige Tradition des Familienunternehmens Agnelli ist schon historisches Lehrstück über die engen Beziehungen von Kapitalismus, Politik und Staat. Der in der Vorstandsetage von Turin residierende Senator des Faschismus rettete das Unternehmen aus den Tagen der Totenkopfembleme faschistischer Schwarzhemden unbeschadet in die neue antifaschistische Nachkriegsrepublik hinüber. Wie im Bonner Rheinstaat gab es auch in Italien nie eine grundsätzliche Ablösung und Entmachtung der ökonomisch und politisch potenten Schichten, die in Faschismus und Krieg einen Ausweg ihrer angeschlagenen Positionen sahen. Vom Senator des Faschismus zum Senator auf Lebenszeit in der Nachkriegsrepublik, wäre die knappe biographische Formel zweier Generationen des Fiat-Clans. Eingebettet bleibt sie in einer Tradition des antigewerkschaftlichen Kampfes, bei dem bis zu kriminellen Aktionen gegen die sozialen Kämpfe der Fiat-Belegschaften, alle Register gezogen wurden. Nicht nur erst seit Melfi setzte Fiat die brutalsten Repressionsinstrumente ein: Bespitzelung, Erpressung, Drohungen und Kündigungen sollte den aufrechten Gang der Belegschaft verhindern.
Und in der Woche vor dem ersten Mai, dem Tag der international um ihre Rechte kämpfenden Arbeiterklasse, geschieht das, was sich oft genug in der Geschichte der Arbeiterbewegung ereignete: Die Staatsmacht stellt sich im Konflikt auf die Seite des Unternehmens und versucht die Blockaden durch Carabinieri beseitigen zu lassen.
Notiz, 26.04.04 ? Polizei greift Straßenblockaden an ? Der Metallarbeiterverband FIOM ruft zum Generalstreik am 28. April auf ? Hochspannung bei Fiat in Melfi. Die Polizei prügelt auf die Arbeiter ein, die den Haupteingang zu dem Industriekomplex blockierten. Sinn der Aktion war es, Streikbrechern, die in zwei Bussen herangekarrt wurden, den Weg in die Produktionshallen zu öffnen. Die Antwort der FIOM erfolgte prompt:
"Das nationale Sekretariat der FIOM ist empört und verurteilt den brutalen Polizeieinsatz gegen die Besetzungen der im Arbeitskampf stehenden Arbeiter in Melfi. Der Einsatz der Polizei war völlig ungerechtfertigt, da die Besetzung immer unter Einhaltung des vollen Respekts gegenüber Allem und Allen durchgeführt wurde. Auch in diesen Stunden des Einsatzes reagierten die Arbeiter mit ihren Möglichkeiten des passiven Widerstandes. Erschwerend ist die Tatsache, dass die Einmischung der Ordnungskräfte zu einem Zeitpunkt geschieht, in dem einheitlicher Konsens der Arbeiter zum Streik besteht. In diesen Tagen des Schichtwechsels geschah nicht eine Episode, die ein Eingreifen der Ordnungskräfte rechtfertigen könnte."
Die Aktionen der Repression verfolgte in Wirklichkeit ein konträres Ziel zu der proklamierten Garantie eines Phantoms von Freiheit der Arbeit. Sie hatten zum Ziel die kämpfenden Arbeiter einzuschüchtern und das konstitutionell zugesicherte Streikrecht zu beschädigen. Diese Option ist Frucht der schwerwiegenden Entscheidung von Fiat und der Regierung auf die berechtigten Forderungen der Arbeiter von Melfi mit Repression zu antworten. Diese Arbeiter fordern die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen, die in Europa bezüglich ihrer Härte ihresgleichen suchen. Sie verlangen eine Angleichung der Löhne an die der anderen Arbeiter der Fiat-Gruppe und sie verlangen, dass das Regime der Lohnschere beendet wird. Sie fordern die Beendigung eines brutalen Systems der Arbeitsorganisation, das in diesen Jahren zu 9000 Disziplinarmaßnahmen bei 5000 Abhängigen in der Firma führte. Auf diese berechtigten Forderungen antwortete Fiat mit totaler Verweigerung und verlangte seinerseits die Beendigung und die Verurteilung der Kämpfe, drohte und schüchterte ein.
Angesichts der unversöhnlichen Haltung der Firma, hat sich die Regierung entschlossen, anstatt eine moderate und vermittelnde Haltung einzunehmen, die Schläge gegen die Arbeiter noch weiter zu verschärfen. Was sich in Melfi abspielt, ist also nichts anderes als ein gravierender Angriff auf die Rechte der Arbeiter und auf das konstitutionelle Prinzip der gewerkschaftlichen Freiheiten.
Der Metallarbeiterverband FIOM verlangt die unverzügliche Einstellung der repressiven Interventionen und die Einleitung von Verhandlungen der involvierten Parteien unter Einbeziehung der Protagonisten und Repräsentanten der streikenden Arbeiter von Melfi. Nur wirkliche Verhandlungen, welche die Bereitschaft des Unternehmens voraussetzen, über die Forderungen der Arbeiter zu sprechen, erlauben die positive Auseinandersetzung mit dem bestehenden Konflikt.
Aus Solidarität und um diese Prinzipien und den Kampf der Arbeiter von Melfi zu unterstützen, um die fundamentalen Rechte der Arbeiter zu bekräftigen, ruft das nationale Sekretariat der FIOM für Mittwoch, den 28. April, für alle Metallarbeiter des nationalen Territoriums einen vierstündigen Generalstreik aus...?
Szene 3... Sand im Getriebe, mal zwischendurch:
Wo anders als an den geographischen Schnittpunkten zu Europa könnte in Deutschland frischer Wind wehen. Doch Windstille herrscht da, wo ansonsten die Windturbinen von den thermischen Gewalten zwischen Rhein und Vogesen profitieren. Hier im badischen Teil des Rheintals heißt es: Die Gewitter kommen aus den Vogesen. Es ist eine Weisheit so alt wie es hier Menschen gibt. Die historischen Gewitter waren hier zumeist verheerend, ihre Ausläufer immer noch präsent: 11% für den Front National im Elsaß, Schändung des jüdischen Friedhofs bei Colmar. Was drüben im Elsaß stark daherweht, kommt hier an den Rändern des Schwarzwalds nur noch geschwächt an. Geschichte stimmt hier noch so wie sie stimmen muss: keine Zweifel und eine Liberalität, die unterschwellig austeilt und versteckt zuschlägt, philanthrop gestimmte Kleinbürger, welche die Welt verändern wollen. Proletarier, die geduldig auf dem Kirchplatz das Ende der ökumenischen Messe abwarten, um dann, unter Führung einer schmucken Dorfkapelle in burgunderfarbenen Uniformen, am ersten Mai zur Ökumene mit den ?etwas kommunistisch angehauchten französischen Gewerkschaftern? zu schreiten. Das Idyll deutsch-französischer Gemeinsamkeit hätte nicht perfekter funktionieren können, wäre da nicht dieser kleine Eklat gewesen, dass die badisch-burgunderfarbene Dorfkapelle sich neudeutsch preußischer Tugenden erinnerte und Ig-Metaller, Bau-Steine-Erden, Verdi, VVN und etliche Grüppchen mehr, einschließlich der versammelten "Polizeigewerkschaft", fast im Gleichschritt unter den Marschklängen für wilhelminische Pickelhauben zur Rheinbrücke geleitete.
Notiz, 1. Mai, Straßburg - Wir trafen kurz vor Mittag auf der so genannten Europabrücke mit den französischen Gewerkschaftern zusammen. Der Zug der Franzosen war doppelt so stark wie der des DGB aus dem Ortenaukreis. Die Kapelle, die auch von der Kleidung her gut zu dem Trauerspiel deutscher Arbeiterbewegung passte, spielte das dritte Mal hintereinander mit dem Radetzkymarsch auf. Parteifahnen der Spd komplettierten das Bild und die Ankündigung einer Sprecherin aus der Sozialen Demontage Partei ließ uns in die Reihen der Franzosen flüchten. Dort wehte etwas von dem Wind, der den Geruch europäischer Arbeiterbewegungen mit sich führen könnte. Vorbei an den Reihen der Ligue Communiste Revolutionaire und der kommunistischen Gewerkschaft CGT, reihten wir uns schließlich im Block maghrebinischer Immigranten ein, deren Losungen ebenso laut vernehmbar waren, wie ihre rhythmische Musik. "Bush Assasin!", "Sharon Assasin!", "Chirac e Raffarin en prison!". Hinter uns intonierte eine Gruppe das italienische Lied der Resistenza "Bella Ciaò". Mit unserer roten Fahne der italienischen "Federazione delle Rappresentanze Sindacali di Base" passen wir hier ins Bild.
Hier an diesem europäischen Ort, wo zumindest metaphorisch entschieden wird, ob das reiche Europa auf dem Weg des Militarismus und des Sozialabbaus voranschreiten wird, gab aber die europäische Arbeiterbewegung insgesamt ein jämmerliches Bild ab: Die ohnehin schwache Ansammlung an Demonstranten verkrümelte sich in die Nähe des linken Rheinufers, fernab von den Banlieus, denen die Botschaft des 1. Mai hätte gelten können. Sicherlich wissen auch die lokalen deutschen Gewerkschaftsfunkionäre sehr gut, dass dort in den französischen Vorstädten über ihre Lösungsvorschläge sozialer Konflikte nur müde gelächelt wird. Am Schluss blieben die "Allemands" ohnehin unter sich, von denen sich aber ebenfalls nur eine eng begrenzte Anzahl, den maigerechten, etwas radikaler ausfallenden reformistischen Sonntagsreden widmete. Alles redet von der Agenda 2010, die Gewerkschaften auch. Aber sie erklären nicht wie halbherzig sie dagegen im Vorfeld gekämpft haben und wie halbherzig sie weiterhin kämpfen werden. Soll die Agenda weg oder "sozial modifiziert" werden? Sollen die Miglieder in der Enfaltung sozialer Kämpfe zu einem neuen politischen Bewusstsein finden oder in einem durch die Bürokratie kontrollierten Prozess zur Stärkung deren gesellschaftspolitischen Gewichts beitragen (Die alte Taktik des Dampfablassens und Entpolitisierens der Massen)? Welche Aktionsformen schließlich in Betrieb und Gesellschaft - Kennen die Gewerkschaften, die in den Nachkriegsjahrzehnten immer eifrig bemüht waren, dem Kapital seine Arbeitsstunden zu erhalten, kennen sie den Begriff Generalstreik überhaupt noch? Und wenn, wären sie überhaupt zu seiner Realisierung in der Lage, da der breiten Mitgliedermasse schlichtweg das Bewusstsein von den Machtmitteln der Arbeiterklasse fehlt.
Der DGB war als Kaltekriegsgewerkschaft gegründet und personell an der kapitalbejahenden Position der westdeutschen Sozialdemokratie ausgerichtet. Nach '90 ist ihm die grundlegende Aufgabenstellung der Bindung breiter Arbeiterschichten an die Bedürfnisse des Frontstaates abhanden gekommen (B.B. hat sie sehr gut in seinem Drama Caligula beschrieben: Öffnung der Kornspeicher, um die Plebejer Roms an der Teilnahme des Kriegs gegen die Volsker zu gewinnen). Die Zuwendung, die er von Seiten der Bourgeoisie und ihrer politischen Parteien erhielt, sind nunmehr obsolet. Insofern nur oberflächlich der gleiche Prozess, der ab Mitte der achtziger Jahre mit dem Zurückdrängen von Gewerkschaftsmacht in allen westeuropäischen Ländern einsetzte. Das spezifisch deutsche ist die Einheitsgewerkschaft unter sozialdemokratischer Hegemonie und der jahrzehntelang hysterisch praktizierten Haltung radikale und kämpferische Positionen zu isolieren und an den Rand zu drängen. Den Bann der Gewerkschaftsfeindlichkeit traf somit auch jede und jeden, die nur den Versuch machten, Positionen links von der SPD durchzusetzen. Die deutsche Sozialdemokratie war seit Weimar jeher der Garant zur Durchsetzung der raffgierigen Bedürfnisse des Großkapitals gegenüber den unteren Schichten der Gesellschaft. Die Gewerkschaften einer ihrer Transmissionsriemen.
Der Mai hier in der Provinz hat schon bessere Zeiten gesehen. Die Gewerkschaften haben sich zielgenau auf diese Agenda eingeschossen. Sie warnen heute schon vor dem schwarzen Peter. Doch die Geschosse sind Blindgänger und schlagen weitab vom Ziel ein. Oder weniger marzialisch gesprochen: wer kann Kritik am Sozialabbau besser formulieren, als diejenigen, die über tausend Fäden mit seinen Urhebern verbunden sind. So ergibt es sich dann, dass bei wehenden Fahnen der Sozialen Demontage Partei, über "ein Europa im Dienste der Menschen" sinniert wird, wobei Mensch und Menschin nicht erfährt, welche Menschen gemeint sind. Von denen ganz unten wird wenig gesprochen. Fünf Millionen Arbeitslose, zweieinhalb Millionen "Sozialhilfeempfänger" und ein weiteres wachsendes Millionenheer prekärer Arbeitsverhältnisse, sind Sans Voix, die keine Stimme haben. Mit ihnen beschäftigen sich Politik, Statistik, Wissenschaft, Sozialverbände, private und öffentliche Institutionen vom Standpunkt der Macht und den daraus folgenden regulierenden Konsequenzen der Desorganisation ihres kollektiven radikalen Potentials.
Notiz: MayDay, Milano - Barcelona
Außer dem großen Tag der traditionellen Arbeiterorganisationen, war der erste Mai auch der Festtag der neu entstehenden sozialen Bewegungen und ihrer Organisationen. In Milano, der modernen lombardischen Metropole, war MayDay angesagt:
EURO MAYDAY 004
Flexworkers of Europe let's unite!
There's a world of rights to fight for:
Steady income and paid vacation,
access to housing, loving, hacking.
Precari e cognitarie d'Europa uniamoci!
C'è un mondo di diritti per cui lottare:
continuità di reddito,
madernità e vacanze pagate,
accesso a casa, amore e conoscenza.
La cultura è libera condivisione,
cooperiamo alla nuova scienza!
Precaires d'europe unissons-nous!
Il y a un monde de droits a conquérir:
securité de revenu, congés payés,
accès alla connaissance et à l'amour
(en ligne, aussi!)
MayDay, MayDay!!! Warum Prekäre, Intermittents und Geistesarbeiter/innen in ganz Europa zu rebellieren beginnen...
Erinnert ihr euch des ersten Mai, dem globalen Fest der Arbeiter? Er ist den Anarchisten und Sozialisten in der ganzen Welt heilig. Er wurde in Amerika geboren und in Russland wie China mumifiziert. In Europa ist er mit dem Anwachsen des Neoliberalismus und dem Ausverkauf vieler Gewerkschaften in Ungnade gefallen.
Seit 2001 existiert in Mailand ein Netzwerk, das die allährliche MayDay Parade organisiert. In ihm arbeiten italienische, katalanische und französische Medienaktivisten mit, des weiteren Basisgewerkschaften, Kollekive der Prekären, selbstverwaltete Sozialzentren der Hausbesetzerszene, kritische Mitglieder der Fahrradsportvereine, Studentenkollektive, Arbeitergruppen, Migrantenorganisationen und die ganze Palette von Kommunisten, Anarchisten, Grünen sowie Gay und Femministinnen. Sie alle organisieren die Parade der Umzugswagen am Nachmittag des ersten Mai, die nun innerhalb dreier Jahre von 5000 auf 50000 Teilnehmer angestiegen ist. Sie bezieht sich auf die städtischen Aktionen und sozialen Konflikte, die in den lohnabhängigen Schichten immer mehr zunehmen: bei Prekären, Freelancer, Geistesarbeitern, Wissenschaftlern, Lehrern, Arbeitern und Arbeiterinnen des Kulturservices in Italien, Frankreich, Spanien und anderen Orten Europas.
Mayday ist nicht nur eine Veranstaltung, sondern auch eine Methode, ein Projekt und ein Prozess: er ist die horizontale Methode, welche die Netzwerke der Bewegungen von Genua kreuzt, mit ihren radikalen Sektionen des gewerkschaftlichen Kampfes. MayDay ist eine Methode, basierend auf Subvertising, Streikposten und Organisationen von unten. Er basiert auf der Teilnahme vieler, unterschiedlicher Identitäten und Modalitäten der Aktion und erlaubt somit auch die Allianz zweier Konfliktgenerationen. MayDay ist ein Prozess dank dessen transeuropäische Arbeiter und Arbeiterinnen der Informationsdienste, die sich radikalisieren, eine Identität der Rebellion entwickeln können. Er schafft somit einen neuen politischen, sozialen, europäischen RAUM, anstelle dessen, der im Dezember in Brüssel anklang und vorgeschlagen wurde.
Dieses Jahr beabsichtigen wir mit der MAYDAY-Parade 2004, das pathetische Konzert, das die Konföderalen (gemeint sind die traditionellen, reformistischen Gewerkschaften; d.Ü.) den jungen Italyani in Rom seit einigen Jahren anbieten, unbeachtet an uns vorbeiziehen lassen. Der erste Mai der Pizza Sangiovanni ist beispielhaft dafür wie die CGIL/CISL/UIL-Leute uns Under40iger betrachten. Für sie sind wir unpolitische Konsumateure, die abzulenken sind, anstatt Arbeiter und Arbeiterinnen, die es zu verteidigen gilt (und wir sind zu 75% Prekäre!). Wir vergessen nicht, dass unsere zurechtgestutzten Tarifverträge über das Gesetzespaket Treu eingeführt wurden (akzeptiert von der CGIL). Dass sie mit dem Gesetz Biagi verschlechtert wurden (gegegezeichnet von der CISL und UIL!). So erinnern wir alle daran, dass es am ersten Mai kein besseres Fest gibt als die selbstorganisierte Parade der prekären Arbeiterinnen und Arbeiter von Mailand.
Prekarität ist die Bedingung in der wir leben. Flexicurity ist die Bedingung, die wir einatmen und das in ganz Euroland. Und auf die Schnelle! Deshalb verlangen wir Sicherheit und Universalität unseres Einkommens, Sozialbeiträge und bezahlter Urlaub. Wir verlangen eine Verbesserung der Pausen, Überstundenzuschläge bei gleichzeitiger Beschränkung der Nacht- und Feiertagsarbeit. Wir verlangen Bildung, Wohnung, öffentliche Gesundheitsvorsorge, freier und subventionierter Zugriff auf die Mittel der Kommunikation und der Bildung. Wir verlangen einen europäischen Mindestlohn, das Recht auf eigenständige gewerkschaftliche Organisierung für Zeit- sowie flexible Arbeitskräfte. Wir verlangen das Ende der Diskriminierung, welche die Firmen in der Unterscheidung von eigenen und Zeitarbeitern machen. Beispielsweise dadurch, dass eine Stunde Part-Time schlechter bezahlt wird als eine Arbeitsstunde Full-Time. Wir verlangen die Beseitigung der fremdenfeindlichen Gesetze und das Ende der Deportationen, welche die freie Zirkulation von Menschen anderer Hautfarbe, Religion und Kultur überall in NEUROPA behindern.
Nach dem, was in Atocha und anderen Punkten Madrids geschah, ist offensichtlich, dass wir in einem Zustand des Krieges leben. All diejenigen, die lieben und leben, die denken und kämpfen, die verzweifeln oder sich begeistern, sind sowohl zum Schlachtvieh für die Franchise des Terrors wie auch für den Unilateralismus der Neoliberalen geworden. Wir leben beständig in Gefahr, unter der andauernden Bedrohung gewaltiger Zerstörung. Nicht nur die soziale Grundversorgung, unsere Einkommen und Arbeitsbedingungen stehen überall unter Beschuss, sondern auch unsere physische Existenz, kann von einem Augenblick zum anderen ausgelöscht werden. In einem Zug, einem Palazzo, einer Metro, einem Einkaufszenttrum. Der zynische Versuch von Aznar, den Schmerz der Spanier, Katalanen Basken und Europäer zu manipulieren, schlug fehl und ließ einen der drei neoliberalen Säulen, auf denen der Eurobushismus wächst, zusammenbrechen. Es wird Zeit, dass Blair und Berlusconi ebenfalls den Weg ihres militärischen Verbündeten gehen. Das haben die flexiblen und Zeitarbeiter in ganz Europa am 20. März bei machtvollen und friedlichen Demonstrationen in den europäischen Metropolen gefordert. Der 20. März könnte die Umkehr der apokalyptischen Dynamik bedeuten, die seit dem 11. September und dem globalen Krieg, der ihm folgte, die ganze Welt ergriff. M-20 zeigt, dass radikale Demokratie den Neoliberalismus bezwingen und die Welt in einen sicheren und besseren Ort für alle Menschen verwandeln kann.
Wir leben in einer KRIEGSÖKONOMIE, die durch imperiale Aggression in Gang gesetzt wurde, um die Welthegemonie des Modells Neoliberalismus zu rechtfertigen. Es hat sich unfähig gezeigt, Reichtümer zu verteilen oder Krisen zu verhindern. Im Namen des Neoliberalismus haben die politischen Eliten Europas Seelen und öffentliche Güter an die Finanzmärkte und transnationalen Konzerne verkauft. Sie privatisierten Dienstleisungen, Wohnungen, Gesundheit, Bildung, natürliche Ressourcen und sie stärkten die neoliberale Tendenz zur Erhöhung der Ungleichheit. Diese politischen Eliten haben sich durch restriktive soziale Normen, durch Proibitionismus und Vetternwirtschaft gestärkt. Sie kontrollieren konstant aus der Distanz und unterdrücken jede Rebellion oder Unruhe.
Der flexible Krieg von Rumsfeld hatte WAL-MART als logistisches Modell kopiert. Es zeichnet sich aus durch seine effizienten Waren- und Dienstleistungsströme, durch seine hohe Informationsstruktur und seine intensive Ausbeutung der Arbeitskraft. Wal-Mart ist die größte Firma und Handelskette der Welt. Im Durchschnittt bezahlt sie Löhne unterhalb der Armutsgrenze. Sie importiert Textilien und andere Waren von chinesischen Fabriken, die keine gewerkschaftliche Organisierung haben und Semisklaverei betreiben. Globale Ketten wie Wal-Mart, Ikea, Carrefour, Adecco, Auchan/Alcampo, Manpower, Metro, Yum!, McDonald's, Esselunga, Autogrill sind Essenz dessen, welche Eigenschaften neoliberale Korporationen bei Menschen schätzen: passiv, unterwürfig, gehorsam, manipulierbar, jederzeit und auf Abruf verfügbar, beliebig ausbeutbar, jederzeit kündbar.
Wir sind überzeugt, dass der Kern der neoliberalen Akkumulation die flexible und prekäre Arbeit von Jugendlichen Frauen und Migranten sowie prekarisierter Lohnabhängiger darstellt. Dass er weiter aus den entscheidenden Dienstleistungen der Reproduktion und Distribution, den Industrien des Wissens, der Kultur und der Medien besteht, welche die Primärmaterie dafür liefern, dass dieses System funtkioniert: die Information. Wir nennen uns PRECOC, denn wir verkörpern das PREKARIAT, das für sich, in den Dienstleistungsbetrieben und als Geistesarbeiter in den Industrien der Kommunikation und Information arbeitet. Wir sind die Produzenten des neoliberalen Reichtums. Wir sind die Schöpfer des Wissens, der Stile und der Kulturen, eingesperrt und verspeist von den gierigen Monopolen.
(Aus dem Aufruf zur MayDay-Parade 2004 in Mailand)
Im Aufruf zur MayDay Parade in Mailand überzeugt die deutliche Sprache. Er benennt die grundsätzlichen Tendenzen des Kapitalismus neoliberaler Prägung: das Präkarisieren der Lohnarbeit und Lebensverhältnisse sowie die Forcierung der ökonomischen Grundlagen auf Kriegsökonomie. Ganz anders die Sprache in Düsseldorf, Hamburg, Berlin, wo sozialdemokratisches Rüstzeug der Klassenversöhnung, der Vernebelung der wirklichen Verhältnisse, der Sehnsucht nach den verloren gegangenen Zeiten des Kalten Krieges die Semantik der Reden darstellt. Diese Nachkriegsgewerkschaften haben mittlerweile jegliches Profil verloren, das auch nur annähernd an die dringlichen Aufgaben des gewerkschaftlichen Kampfes von heute anknüpft. Der Maiaufruf des DGB 2004 drischt die alten nichtssagenden Schlagworte aus alten Zeiten im Klang klassischer Musik. "Freude schöner Götterfunken": "Gemeinsam wollen wir ein soziales Europa der Freiheit, Gleichheit und Toleranz gestalten!" Abgesehen davon, dass die politischen Strategen des Wirtschaftsraums Europa den ersten Mai zum Festtag neoliberaler schräger Zukunftsmusik eines "erweiterten Europa" erkoren und es folglich die Aufgabe von Organisationen wäre, die vorgeben, die sozialen Belange der zur Lohnarbeit verpflichteten Menschen zu vertreten, deren Absichten bloszustellen und zu bekämpfen, geben ebengenau die letzteren bekannt, dass sie gewillt sind bei der Intonation mitzuwirken :
"Europa, so wie wir es wollen, bietet allen Menschen gleiche Chancen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ohne die Lebensperspektiven der Menschen in anderen Teilen der Welt zu beschneiden. Das setzt eine Politik für Arbeit und soziale Gerechtigkeit voraus. Nur sie kann dafür sorgen, dass Freiheit und Gleichheit in Europa wachsen. Nur ein gemeinsames Europa ist die Garantie dafür, dass unser Kontinent von weiteren Kriegen verschont bleibt. Auf dem Fundament einer stabilen Demokratie und einer sozialen Wirtschaftsordnung lässt sich Globalisierung mit menschlichem Antlitz gestalten."
(Aus dem Maiaufruf 2004 des DGB)
Diesem Maiaufruf wäre ein ganzes Buch zu widmen, von den geistigen Wirren einer "aufgeklärten" europäischen Linken, die in den Kämpfen der bürgerlichen Revolutionen wuchs und sich zur korporativen staatserhaltenden Kraft der Neuzeit mauserte, die sich selbst über ein Geflecht des Konformismus mit den Existenznöten der eigenen nationalen Bourgeoisien identifizierte und organisatorisch verband. "Gleiche Chancen für alle Menschen in Europa" ist eine Chimäre, die niemanden erschreckt und in ihrem Aussagegehalt widerspiegelt die Parole aus "Reform"-Zeiten der Sozialdemokratie in den siebziger Jahren lediglich das sozialpolitische Versagen von einem halben Jahrhundert Gewerkschaftspolitik. Wer ein anderes Europa will, muss um glaubwürdig zu sein, zumindest die sozioökonomischen und politischen Grundlagen des jetzigen Europa attackieren. Sie beruhen auf Konzernmacht und Kriegsökonomie nach innen wie auch außen. Die Eu-Verfassung Giscard schreibt für Europa Militarisierung fest (Verfassungsentwurf, S.38ff, S.198ff). Ein gemeinsames Europa wird - so wie es ist - den Krieg im Interesse der Konzerne schüren. Es ist keine Garantie, dass der Kontinent von Krieg verschont bleibt. Überall in der Welt stehen nationale militärische Kontingente der EU-Staaten, um die strategischen und ökonomischen Interessen des Großkapitals durchzusetzen.
Die das Zitat abschließende Feststellung, dass sich auf dem Fundament einer stabilen Demokratie und einer sozialen Wirtschaftsordnung die Globalisierung mit menschlichem Antlitz gestalten lässt, ist nicht nur eine der gewohnten, schnell formulierten Phrasen einer saturierten Arbeiterbürokratie, sie ist auch hohle Programmatik dessen, was von Seiten deutscher Gewerkschaftsverbände angesichts der neoliberalen Offensive weiterhin zu erwarten ist. Noch nie war der Spagat für die Krawatten unter den Werktätigen so breit wie heute. Sie brauchen ihre Mäzene in den neoliberalen Parteien, um ihr Existenzrecht zu behaupten und müssen sich zudem mit dem ?gewerkschaftlichen? Desinteresse und der Unzufriedenheit innerhalb der eigenen Klientel auseinandersetzen.
Es war im Vorsommer 2000, dass der Strategiegipfel von 14 Mittelinksregierungen aus Europa, Afrika, Amerika und Ozeanien in Berlin die Stichworte für den Maiaufruf des DGB 2004 antizipierte. Globalisierung mit menschlichem Antlitz befand der mittlerweile privatisierte sozialistische Premier aus Frankreich, Jospin, sei die Antwort des "modernen Regierens im 21. Jahrhundert" auf den "Siegeszug der Informationstechnologien". In solchen Runden spricht die Elite der sozialen Befreiung frei heraus. Selbst Schröder, den die ?Sachzwänge? hinten und vorne zwicken darf sich hier wieder jungsozialistisch fühlen und mit so mancher organisatorischer Ente der sozialen Bewegungen feststellen: "Wir wollen nicht die Dominanz des Marktes über die Politik." Die Globalisierung befindet er, ist zu kontrollieren, ihr darf "kein freier Lauf gelassen werden" und so setzt Schröder auf die Zauberformel modernen Regierens: "Wachstum und gerechte Verteilung". Aber wo wenig wächst, wirkt auch die gerechteste Verteilung ungerecht. Ein Mann mit integren Absichten hat es in diesen Zeiten schwer, glaubwürdig zu scheinen. Sein Charisma besteht eben genau darin, die Ungerechtigkeit dort zuschlagen zu lassen, wo man sie eh schon gewohnt ist.
Les Chomeurs
Dort unten, wo aller ökonomischer Reichtum einer Gesellschaft geschaffen wird, herrschen nicht erst seit Jahrzehnten die Gesetze der sozialen Ungerechtigkeit. Eine überreiche Palette sozialistischer Literatur beschäftigte sich von Beginn der kapitalistischen Gesellschaften an mit der sozialen Frage. Eine ihrer gesicherten Erkenntnisse lag in der gegenseitigen Bedingtheit von gesellschaftlicher und ökonomischer Arbeitsteilung und sozialer Ungerechtigkeit. Arbeitslohn, Arbeitsbedingungen und gesellschaftspolitische Einflußnahme waren folglich die Aufgabengebiete der Arbeiterbewegungen mit dem Ziel, die kapitalistischen Grundstrukturen der Gesellschaft zu beseitigen. Siege und Niederlagen wie auch die ideologische und politische Aufspaltung der Arbeiterbewegungen sowie die Weiterentwicklung der kapitalistischen Gesellschaft über zwei Weltkriege hinweg, führte zu dem heute so komplizierten ideologischen Geflecht, das die soziale Frage umrankt. Doch heute scheint ihr (in den Metropolen) die Sprengkraft zu fehlen, die sie im 19. und 20. Jahrhundert noch hatte. Die letzten großen sozialen Bewegungen der Werkätigen Europas führten zur Liquidierung eines verkrusteten realsozialistischen Systems. Seine einzige Daseinsberechtigung in der Geschichte schien die gewesen zu sein, die rückständigen ökonomischen Verhältnisse an die kapitalistische Gesamtentwicklung heranzuführen.
Die erfolgte in den westlichen Metropolen im Aufwind der Restaurationsphase mit leergefegten Märkten und entgegen allen Unkenrufen des realen Sozialismus mit innovativen Konzepten, die in den konsumierenden Werktätigen einen stabilisierenden ökonomischen Faktor entdeckten. Er veränderte auch grundlegend die menschlichen Beziehungen in den werktätigen Schichten der Gesellschaft. Sie drehten sich bald nicht mehr um den Angelpunkt, die eigene kollektive Misere zu überwinden, sondern sich als Individuum innerhalb des Marktsystems gut zu plazieren. In diesem System haben fast alle europäischen Gewerkschaften, seien sie traditionell reformistisch oder kommunistisch, ihren festen Platz eingenommen. Ihre Hauptsorge gilt der Integration ihrer Mitglieder in eine kapitalistische Welfaregesellschaft mit den sprudelnden Quellen überflüssiger und sinnloser Waren. Heute besteht unter ihnen Konsens, dass die fundamentalen Regeln des Kapitalismus, die das ökonomische wie soziale Leben bestimmen, unantastbar sind. Das Grundvertrauen in die "Zivilisierung" der kapitalistischen Ökonomie, wurde auch nicht durch die Strukturkrise erschüttert, welche mit den Entwicklungen der Informations- und Gentechnologien einherging. Die hohen Arbeitlosenquoten - in Europa und weltweit - sind keineswegs Anlass zu radikalem Umdenken, sie begreifen sie nicht als Indiz der "Senilität" des kapitalistischen Systems (Samir Amin), sondern als zu behebendes Phänomen seiner eternen zyklischen Phasen, die trotz aller Ungleichgewichtigkeit und Ungleichheit, die sie transportieren, steuerbar und modifizierbar sind. Sie setzen auf die heilsamen Kräfte des Marktes, die nur richtig verstanden und gelenkt weitere Prosperität und Arbeit für alle versprechen.
Massenarbeitslosigkeit und Prekarisierung in den Metropolen sind demnach für sie keine grundsätzlichen Phänomene, sondern zeitlich begrenzte, die wirtschaftspolitisch behebbar sind. Insofern war auch das nicht eingelöste Versprechen Schröders, die Arbeitslosenzahlen halbieren zu wollen, nicht nur reines Wunschdenken und billige Wahlkampfseife. Es spricht zusätzlich von der maßlosen Arroganz der Sozialdemokratie, die sich als moderner und kompetenter Sachwalter kapitalistischer Gesetzmäßigkeiten begreift. Die derzeitigen Differenzen zur sozialen Demontage zwischen deutschen Gewerkschaften und der rotgrünen Regierung sind daher auch nicht grundsätzlicher Art, sondern liegen, wie das der 3. April und 1. Mai mit seinen Sonntagsreden eindeutig zeigte, auf der Ebene des Konsenses zur kapitalistischen Ökonomie.
Szene 4... Geschichte streut Unbehagen
Edwin Hörnle, Oculi-Fabeln: Der Herr und sein Knecht
Einen reichen Kaufmann führten seine Geschäfte einst in unwirtliche Gegenden. Sein treuer Sklave begleitete ihn. Eines Tages gerieten sie in einen wilden Wald, der von Räubern wimmelte. ?Lieber Sklave?, sagte der Kaufmann freundlich, "halten wir jetzt treu zusammen! Du sollst es später gewiß nicht zu bereuen haben." Der Sklave war einverstanden, denn er hoffte im stillen, der Herr werde ihm aus Dankbarkeit die Freiheit schenken.
Es dauerte gar nicht lange, da wurden die beiden Wanderer von Räubern überfallen. "Nun schlag tüchtig zu!" rief der Kaufmann, zog vom Leder und reichte auch dem Sklaven eine Waffe. Man wehrte sich, so gut es ging. Die Räuber hatten es auf den Kaufmann abgesehen, aber der Sklave sprang dazwischen und fing die Streiche auf. "Brav, brav!" rief der Kaufman, und beide zusammen schlugen denn auch die Räuber in die Flucht. Einträchtig zog man weiter.
Bald aber begann der Sklave vor Blutverlust und Schmerzen zu hinken. Der Kaufmann betrachtete ihn mitleidig. "Es ist meine Ehrenpflicht, etwas für dich zu tun." Mit diesen Worten trat er an eine Esche heran, die am Weg stand, und schnitt einen derben Stock ab. ?Hier mein Sohn?, sprach er , "stütze dich auf dieses Holz, damit du nicht allein im Walde zurückbleibst und elend zugrunde gehst. Weil du mein Leben gerettet hast, rette ich nun das deine." Der Sklave nahm etwas enttäuscht den Stab, dankte, und die beiden schritten weiter.
Als die Wanderer aus dem Wald heraustraten, empfing sie eine weite und unfruchtbare Steppe. Umsonst spähten sie nach einer menschlichen Wohnung oder einem Brunnen, wo sie sich hätten laben können. Heiß brannte die Sonne auf das schattenlose Land. "Habe keine Furcht", sagte der Kaufmann zu seinem Sklaven, "ich werde mein letztes Stück Brot und meinen letzten Schluck Wasser mit dir teilen." - Der Sklave nahm seine schwindenden Kräfte zusammen und folgte dem Herrn.
Nach einiger Zeit fanden die Wanderer einen einsamen Baum, unter dem sie sich lagerten. "Hier wollen wir unsere Vorräte verzehren", sagte der Kaufmann, "und nachher unseren Weg fortsetzen." Der Sklave nahm Brot und Wasser aus seinem Sack und reichte sie dem Herrn. "Danke", sagte der Herr höflich und fing an zu essen. Der Sklave schaute ihm zu. Als der Herr noch einen winzigen Brotrest hatte, schnitt er den sorgfältig in zwei Teile, gab dem Sklaven die Hälfte und aß die andere. Auch vom Wasser ließ er ihm genau die Hälfte des letzten Bechers. "Nun haben wir unser letztes redlich geteilt", sagte er leutselig. Der Sklave war dem Verdursten nahe. Einen Augenblick besann er sich. Dann sprang er auf und verprügelte den Herrn aus Leibeskräften.
"Was tust du, Undankbarer?" rief der Herr. "Hab ich mein Wort nicht ehrlich gehalten?? Lohnst du so meine Güte?"
Der Sklave ließ ihn schreien. Zum erstenmal reckte er den Kopf aufrecht in die Höhe. Und nun entdeckten seine Augen die Türme einer fernen Stadt, die über das wogende Steppengras gastlich herüberwinkten. Er entdeckte auch eine Straße, die dahin führte. Ohne sich nach dem stöhnenden Herrn noch einmal umzusehen, schritt er rüstig davon.
Teil II
Nicole Thé: Zwischen Forderungen und Subversion - Die Arbeitslosenbewegung in Frankreich
wird fortgesetzt
Günter Melle 01.05.04
Teil I
Szene 1... Von der Kunst zu arbeiten: Maroni ist ein Künstler und wie sie alle, die Talent besitzen, ist seine Kleidung schlecht und ärmlich, seine körperliche Statur trägt die Narben des Achststundentages und die Physiognomie der Auszehrung. L'Art pour l'art ziert als Leitmotiv seiner Werkstätte im digitalen Maxidisplay die obere Etage des oval hochgezogenen Stahlbetonglasgemischs. Letzteres ein absolutes Muss für alle Kenner postmoderner Architektur, den Besuchern ans Herz gelegt als innovatives Modell des Einklangs zwischen Architektur und Technik. Am Eingang referiert das TV-Double eines jungen dynamischen Managers über den Bildschirm zur Funktionalität des Gebäudes. "Der Eindruck von Zerbrechlichkeit, Sensibilität und Leichtigkeit schwingt in jedem Pfeiler, jeder Glasfront dieses Gebäudes, die den Blick freigibt auf die inneren dynamischen Prozesse unserer Arbeit. Nichts, was dem Besucher verborgen bleiben könnte."
Gute Künstler arbeiten diszipliniert an sich selbst und an ihrem Material. Sie sind ständig bemüht, Defizite in der veranlagten Genialität aufzuspüren, sie zu beheben und auszugleichen. Bei Maroni ist das System der Selbstdisziplin zur Perfektion ausgereift. Die Werkstätte des New Stile of Economy and Production stellte alle Technologien zur selbsbewussten Weiterentwicklung. Meßtechniker zur perfekten Abstimmung der Körperbewegungen auf Material und Werkzeug. Biorhythmische Funktionaltests, welche auf eine Energie sparende, psychosomatisch ausbalancierte Funtionsweise trainieren. Verhaltenstraining im Umgang mit Konfliktsituationen und schließlich rhetorische Übungen zur Überbrückung linguistischer Codes.
Das brachte Maroni zwar keinen Centesimo mehr in Tasche, dafür aber die untrügliche Gewissheit, dass seine Kunst an höherer Stelle geschätzt wurde. Er war wie ein Hund, dem über Jahre hinweg Duftportionen eines penetrant riechenden Parfums verabreicht wurden, so dass er den eigenen Geruch auch bei bestem Gespür nicht mehr ertragen könnte. Maroni sang das Lob der Arbeit aus voller Kehle mit Überzeugung und am liebsten dann, wenn um ihn herum die Arbeitswelt wegbrach. Er sang das Hohelied vom Fleiß der Reichen und der Faulheit der Armen und brachte es so zu einem biegsamen Weltbild, das ihm das Auf und Ab des Lebens interpretieren half.
Dann aber kam die Zeit als es den Künstlern an den Kragen ging. Die ehernen Gesetze der Kunst trennten das Zeitlose vom Vergänglichen und dem Mittelmaß. Fleiß allein genügt nicht, erfuhr Maroni und es wurden bei ihm erhebliche Defizite in seiner Bildung aufgespürt. Ob er noch nichts von spartanischer Lebensweise gehört habe, vom Opfer für das große Anliegen der Kunst, von den Genies, die trotz aller Unbill des Lebens zur wahren Größe finden. Und als er zusätzlich erfuhr, dass auch dieses Jahr wieder etliche tausende dieser Genies zum wahren Reichtum gefunden haben, zweifelte er an seinen Fähigkeiten. Schließlich wurde Maroni seine Arbeit los und in der Folge noch so manch andere Dinge, die er als Früchte seines Schaffens begriff.
"Es ist sinnlos, die eigenen Dinge in die Hand zu nehmen." sagte Maroni zu Herrn K. "Ich habe keine mehr."
Szene 2 als Focus...
FIAT Melfi: Ein Mann tritt vor die Fernsehkameras, er gibt sich von Kopf bis Fuß als Römer. Die Toga hat er eingetauscht mit einem maßgeschneiderten englischen Zweireiher, sein Auftritt, seine Gebärden und Gesten sollen den Ernst der Lage unterstreichen. Das Rampenlicht der Scheinwerfer ist er gewohnt: keine Unsicherheit, kein Stocken in der Rede, abgestimmte Regie. Er ist ein Patrizier, der eine gründliche politische Ausbildung erhielt und sich Jahrzehnte auf die Rückkehr der Fasci vorbereitete. Sein Platz ist an der Seite des neuen Duce, dessen Machtantritt er in den geschlossenen Salons des Imperiums und seinen Geheimlogen vorbereitete. An seiner Seite nun widmet er sich der größten Aufgabe: die Umgestaltung der Res Pubblica zum Wohle der Rückkehr von Größe und Macht eines vom Pöbel geschändeten Italiens. Ihnen, den "Gaglioffi", galten kurz vor Antritt des hohen Amtes die klaren Worte, die zugleich Drohung und Programm des neuen Ministers für innere Angelegenheiten ausdrückten: "Ihnen allen hat die Regierung nichs zu sagen. Sie müssen auf gebührendem Abstand gehalten werden und dies wenn nötig mit der ganzen Gewalt des Staates."
Den ?Gaglioffi? gilt auch jetzt, vor der Ansammlung der schreibenden und medialen Hausmacht zur Erweiterung des bürgerlichen Bewusstseins, alle Aufmerksamkeit, denn es hat eher den Anschein, dass es nicht gelingt, den Pöbel auf Abstand zu halten. Die Arbeiter in Italien sind bereit, die Herausforderung des Innenministers anzunehmen. Von Süd bis Nord nimmt ihre Unzufriedenheit beunruhigende Ausmaße an. Streiks, Straßenblokaden, Demonstrationen sind deutliche Signale einer anwachsenden Welle der Bereitschaft, die Dinge in die eigene Hand zu nehmen. Genua, Melfi, Terni, Mailand, Neapel, Rom stehen für Orte des Widerstandes der Arbeiter gegen die Umgestaltung zu einer anderen Republik. Millionen Plebejer auf der Straße gegen die Beteiligung an imperialen Raubzügen, Millionen gegen den Versuch der Patrizier, sich an den Kornspeichern der Massen gütlich zu halten.
Doch auch die Qualität des Widerstandes bedarf der Erläuterung. Besser als das Presseorgan des italienischen Ministerrats dies tut, können die Veränderungen innerhalb der Arbeiterschaft kaum beschrieben werden:
"(AGI) FIAT, Melfi - Die diffizile Geographie der Gewerkschaft
Rom, 3. Mai. Melfi repräsentiert völlig die diffizile Geographie einer Gewerkschaft, die oft vom Widerspruch der Arbeiter bedrängt wird. Immer mehr gewinnt dieser Einfluss auf ihre Entscheidungen und wird zu einem 'Laboratorium', in dem sich die inneren und äußeren Schübe (von den No Global bis zu Personen völlig außerhalb der Gewerkschaften) bemerkbar machen. Nach fünfzehn Tagen Belagerung der Eingänge, der Streiks und von Appellen der Gewerkschaftssekretäre, wird ganz deutlich, dass alles unter Schwierigkeiten voranschreitet und es gibt viele Hürden: Streiks, die fortgeführt werden; Widersprüche zwischen den unterschiedlichen Gewerkschaften und ihren Dirigenten."
Notiz: 26.04.04, Blockaden in Melfi - Polizeieinsätze gegen FIAT-Arbeiter. Seit einer Woche halten die FIAT-Arbeiter von Melfi aus Protest den Eingang ihrer Fabrik besetzt. Die Metallarbeiter kämpfen gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in der Fabrik. 5000 Disziplinarmaßnahmen in einem einzigen Jahr. Kündigungen von Gewerkschaftsvertretern. Ruinierende Schichten, die zu lang sind. Als Fiat in Melfi 1993 sein Debut gab, wurde das neue Werk als ein Wunder der Technologie gepriesen. Gesprochen wurde von einer Avantguarde der Arbeitsorganisation, dem Toyotismus, der verbesserte Beziehungen zwischen Unternehmen, Arbeitern und Umland schaffen sollte. Heute glaubt niemand mehr diesen Lobgesängen. Die Arbeiter verlangen, dass die Doppelschicht abgeschafft wird. Die zwingt sie zwei Wochen hintereinander nachts zu arbeiten. Sie verlangen weiter volle gewerkschaftliche Rechte und eine Bezahlung, die den Gehältern ihrer Kollegen in anderen Unternehmen der Fiat-Gruppe gleichgestellt ist.
Die Sichtweise des Ministers, der vor der Abgeordnetenkammer zu den Ereignissen Stellung bezieht, reflekiert die zunehmende Stärke der sozialen Bewegungen Italiens, die in der Folge vergangener Jahre zu einer kraftvollen Einheit gefunden haben. Er reflektiert sie als einer, dessen politische Karriere Verschwörung und Intrige zur Handlungsmaxime erhoben hat. Die "kleinen radikalen Minderheiten", die "trojanischen Pferde" in den Gewerkschaften, sind für ihn die eigentlichen Urheber der sozialen Auseinandersetzungen. Es ist nicht die neoliberale Wirtschaftspolitik, die ihm zu denken gibt, sondern die politische und soziale Aktion der Arbeiterklasse.
Und gerade die kommt von weit her. Nach einem Jahrzehnt harter und schwieriger gewerkschaftlicher Kämpfe greift nun unter den Metallarbeitern von Melfi der Mechanismus, der in der kollektiven Einsicht seinen Ausdruck findet: "Adesso Basta!" - "Es reicht!" In diesen Tagen sind die Fiat-Arbeiter dabei, die Lohnschere, den Mangel an gewerkschaftlichen Rechten, den Brotverdienst zu einem Hungerlohn, der den Süden Italiens so attraktiv für Ausbeuter jeder heruntergekommenen Sorte machte, mit einer frischen und jungen Arbeiterbewegung zu bekämpfen. Der Mezzogiorno hat sich aus seiner leidenden, stimmlosen Situation befreit, zuerst die Krupp-Arbeiter aus Terni, nun die Fiat-Arbeiter (nicht nur) aus Melfi.
Vielleicht ist es das, was den eiligst nach Melfi gesandten Staatssekretär so wütend machte und seine Hasstiraden auf den Metallarbeiterverband FIOM begründete. Aus den Aktionen einer bewusstlosen Masse entsteht das Bewusstsein der eigenen kollektiven verzweifelten Lage und der Versuch, das sich regende ökonomische Bewusstsein der Arbeiterklasse zu unterdrücken, ist gescheitert. Aber damit nicht genug. Wie zu Beginn des Kapitalismus, als hätte es nie den Versuch des sozialdemokratischen Leugnens struktureller Abhängigkeiten zwischen Kapital und Staat gegeben, zeigt sich peinlichst genau die Parteilichkeit des Staates zu Gunsten des dominierenden Kapitals. Die Neutralität des Staates gegenüber den sozialen Prozessen und Konflikten in der Gesellschaft stellte sich als eine Chimäre heraus, die in die Welt der Fabeln verweist. Gleichzeitig blieben alle Versuche von Seiten der so genannten gemäßigten Gewerkschaften, die Radikalisierung der Arbeiter zu verhindern, erfolglos und selbst ihre Mitglieder sprachen sich gegen eine moderate und kollaborierende Linie der führenden Funktionäre aus.
Notiz: 20.04.04 - Bei Fiat in Melfi explodiert die Unzufriedenheit - Alle fünf Eingänge zur Fabrik in Melfi sind besetzt von dichten Gruppen streikender Arbeiter. Die Straßen wurden blockiert mit einer über einen Kilometer langen Reihe von Lastwagen. Die befindet sich zwischen den Autotransportern, die schon entladen haben, aber das Fabrikgelände nicht verlassen können und den ankommenden TIR, die es nicht erreichen können. Dieses Szenario kündigt einen der ersten "wirklichen" Proteste in diesem Werk, gegen das Vorzeigeunternehmen von Fiat an. Es ist auch Zeichen dafür, dass die Krise des Konzerns nun die Erde Lukaniens und das Werk erreicht hat, das als Symbol für die Effizienz des Produktionsmodells "Just in Time" bei Fiat stand. Wenn jetzt die Arbeiter von Melfi streiken, wird offensichtlich, dass das Erdbeben aus den Vorstandsetagen weit davon entfernt ist, abzuklingen. Das Konsortium, das 21 Firmen des Konzerns vereinigt, tappt im Dunkeln und verweist seine Mitarbeiter in die Arbeitslosenkasse. Im Einzelnen handelt es sich hiebei um die Gesellschaften IMAM, Recoflex, den französischen Multi Valeo, Avril, Lear, Magneti Marelli sowie den amerikanischen Multi Johnson Control. Eine Welle des "Stop" soll den Einbruch in den Kosten und die Delokalisierung der Produktion übertünchen und sie betrifft in etwa 600 Arbeiter.
Der Metallarbeiterverband FIOM und die Arbeiter bei FIAT sind mit den Symptomen des Auftragsrückgangs vertraut: es beginnt bei dem Konsortium, um dann automatisch das ganze Unternehmen mitzureißen. So haben gestern vor den Werkstoren in Melfi die Arbeiter einmütig den unbefristeten Streik beschlossen, der bessere Arbeitsbedingungen schaffen soll.
FIAT hatte seit jeher den Ruf, gewerkschaftliche Organisierung in seinen Produktionsstätten zu verhindern und zu unterdrücken. Die fast hundertjährige Tradition des Familienunternehmens Agnelli ist schon historisches Lehrstück über die engen Beziehungen von Kapitalismus, Politik und Staat. Der in der Vorstandsetage von Turin residierende Senator des Faschismus rettete das Unternehmen aus den Tagen der Totenkopfembleme faschistischer Schwarzhemden unbeschadet in die neue antifaschistische Nachkriegsrepublik hinüber. Wie im Bonner Rheinstaat gab es auch in Italien nie eine grundsätzliche Ablösung und Entmachtung der ökonomisch und politisch potenten Schichten, die in Faschismus und Krieg einen Ausweg ihrer angeschlagenen Positionen sahen. Vom Senator des Faschismus zum Senator auf Lebenszeit in der Nachkriegsrepublik, wäre die knappe biographische Formel zweier Generationen des Fiat-Clans. Eingebettet bleibt sie in einer Tradition des antigewerkschaftlichen Kampfes, bei dem bis zu kriminellen Aktionen gegen die sozialen Kämpfe der Fiat-Belegschaften, alle Register gezogen wurden. Nicht nur erst seit Melfi setzte Fiat die brutalsten Repressionsinstrumente ein: Bespitzelung, Erpressung, Drohungen und Kündigungen sollte den aufrechten Gang der Belegschaft verhindern.
Und in der Woche vor dem ersten Mai, dem Tag der international um ihre Rechte kämpfenden Arbeiterklasse, geschieht das, was sich oft genug in der Geschichte der Arbeiterbewegung ereignete: Die Staatsmacht stellt sich im Konflikt auf die Seite des Unternehmens und versucht die Blockaden durch Carabinieri beseitigen zu lassen.
Notiz, 26.04.04 ? Polizei greift Straßenblockaden an ? Der Metallarbeiterverband FIOM ruft zum Generalstreik am 28. April auf ? Hochspannung bei Fiat in Melfi. Die Polizei prügelt auf die Arbeiter ein, die den Haupteingang zu dem Industriekomplex blockierten. Sinn der Aktion war es, Streikbrechern, die in zwei Bussen herangekarrt wurden, den Weg in die Produktionshallen zu öffnen. Die Antwort der FIOM erfolgte prompt:
"Das nationale Sekretariat der FIOM ist empört und verurteilt den brutalen Polizeieinsatz gegen die Besetzungen der im Arbeitskampf stehenden Arbeiter in Melfi. Der Einsatz der Polizei war völlig ungerechtfertigt, da die Besetzung immer unter Einhaltung des vollen Respekts gegenüber Allem und Allen durchgeführt wurde. Auch in diesen Stunden des Einsatzes reagierten die Arbeiter mit ihren Möglichkeiten des passiven Widerstandes. Erschwerend ist die Tatsache, dass die Einmischung der Ordnungskräfte zu einem Zeitpunkt geschieht, in dem einheitlicher Konsens der Arbeiter zum Streik besteht. In diesen Tagen des Schichtwechsels geschah nicht eine Episode, die ein Eingreifen der Ordnungskräfte rechtfertigen könnte."
Die Aktionen der Repression verfolgte in Wirklichkeit ein konträres Ziel zu der proklamierten Garantie eines Phantoms von Freiheit der Arbeit. Sie hatten zum Ziel die kämpfenden Arbeiter einzuschüchtern und das konstitutionell zugesicherte Streikrecht zu beschädigen. Diese Option ist Frucht der schwerwiegenden Entscheidung von Fiat und der Regierung auf die berechtigten Forderungen der Arbeiter von Melfi mit Repression zu antworten. Diese Arbeiter fordern die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen, die in Europa bezüglich ihrer Härte ihresgleichen suchen. Sie verlangen eine Angleichung der Löhne an die der anderen Arbeiter der Fiat-Gruppe und sie verlangen, dass das Regime der Lohnschere beendet wird. Sie fordern die Beendigung eines brutalen Systems der Arbeitsorganisation, das in diesen Jahren zu 9000 Disziplinarmaßnahmen bei 5000 Abhängigen in der Firma führte. Auf diese berechtigten Forderungen antwortete Fiat mit totaler Verweigerung und verlangte seinerseits die Beendigung und die Verurteilung der Kämpfe, drohte und schüchterte ein.
Angesichts der unversöhnlichen Haltung der Firma, hat sich die Regierung entschlossen, anstatt eine moderate und vermittelnde Haltung einzunehmen, die Schläge gegen die Arbeiter noch weiter zu verschärfen. Was sich in Melfi abspielt, ist also nichts anderes als ein gravierender Angriff auf die Rechte der Arbeiter und auf das konstitutionelle Prinzip der gewerkschaftlichen Freiheiten.
Der Metallarbeiterverband FIOM verlangt die unverzügliche Einstellung der repressiven Interventionen und die Einleitung von Verhandlungen der involvierten Parteien unter Einbeziehung der Protagonisten und Repräsentanten der streikenden Arbeiter von Melfi. Nur wirkliche Verhandlungen, welche die Bereitschaft des Unternehmens voraussetzen, über die Forderungen der Arbeiter zu sprechen, erlauben die positive Auseinandersetzung mit dem bestehenden Konflikt.
Aus Solidarität und um diese Prinzipien und den Kampf der Arbeiter von Melfi zu unterstützen, um die fundamentalen Rechte der Arbeiter zu bekräftigen, ruft das nationale Sekretariat der FIOM für Mittwoch, den 28. April, für alle Metallarbeiter des nationalen Territoriums einen vierstündigen Generalstreik aus...?
Szene 3... Sand im Getriebe, mal zwischendurch:
Wo anders als an den geographischen Schnittpunkten zu Europa könnte in Deutschland frischer Wind wehen. Doch Windstille herrscht da, wo ansonsten die Windturbinen von den thermischen Gewalten zwischen Rhein und Vogesen profitieren. Hier im badischen Teil des Rheintals heißt es: Die Gewitter kommen aus den Vogesen. Es ist eine Weisheit so alt wie es hier Menschen gibt. Die historischen Gewitter waren hier zumeist verheerend, ihre Ausläufer immer noch präsent: 11% für den Front National im Elsaß, Schändung des jüdischen Friedhofs bei Colmar. Was drüben im Elsaß stark daherweht, kommt hier an den Rändern des Schwarzwalds nur noch geschwächt an. Geschichte stimmt hier noch so wie sie stimmen muss: keine Zweifel und eine Liberalität, die unterschwellig austeilt und versteckt zuschlägt, philanthrop gestimmte Kleinbürger, welche die Welt verändern wollen. Proletarier, die geduldig auf dem Kirchplatz das Ende der ökumenischen Messe abwarten, um dann, unter Führung einer schmucken Dorfkapelle in burgunderfarbenen Uniformen, am ersten Mai zur Ökumene mit den ?etwas kommunistisch angehauchten französischen Gewerkschaftern? zu schreiten. Das Idyll deutsch-französischer Gemeinsamkeit hätte nicht perfekter funktionieren können, wäre da nicht dieser kleine Eklat gewesen, dass die badisch-burgunderfarbene Dorfkapelle sich neudeutsch preußischer Tugenden erinnerte und Ig-Metaller, Bau-Steine-Erden, Verdi, VVN und etliche Grüppchen mehr, einschließlich der versammelten "Polizeigewerkschaft", fast im Gleichschritt unter den Marschklängen für wilhelminische Pickelhauben zur Rheinbrücke geleitete.
Notiz, 1. Mai, Straßburg - Wir trafen kurz vor Mittag auf der so genannten Europabrücke mit den französischen Gewerkschaftern zusammen. Der Zug der Franzosen war doppelt so stark wie der des DGB aus dem Ortenaukreis. Die Kapelle, die auch von der Kleidung her gut zu dem Trauerspiel deutscher Arbeiterbewegung passte, spielte das dritte Mal hintereinander mit dem Radetzkymarsch auf. Parteifahnen der Spd komplettierten das Bild und die Ankündigung einer Sprecherin aus der Sozialen Demontage Partei ließ uns in die Reihen der Franzosen flüchten. Dort wehte etwas von dem Wind, der den Geruch europäischer Arbeiterbewegungen mit sich führen könnte. Vorbei an den Reihen der Ligue Communiste Revolutionaire und der kommunistischen Gewerkschaft CGT, reihten wir uns schließlich im Block maghrebinischer Immigranten ein, deren Losungen ebenso laut vernehmbar waren, wie ihre rhythmische Musik. "Bush Assasin!", "Sharon Assasin!", "Chirac e Raffarin en prison!". Hinter uns intonierte eine Gruppe das italienische Lied der Resistenza "Bella Ciaò". Mit unserer roten Fahne der italienischen "Federazione delle Rappresentanze Sindacali di Base" passen wir hier ins Bild.
Hier an diesem europäischen Ort, wo zumindest metaphorisch entschieden wird, ob das reiche Europa auf dem Weg des Militarismus und des Sozialabbaus voranschreiten wird, gab aber die europäische Arbeiterbewegung insgesamt ein jämmerliches Bild ab: Die ohnehin schwache Ansammlung an Demonstranten verkrümelte sich in die Nähe des linken Rheinufers, fernab von den Banlieus, denen die Botschaft des 1. Mai hätte gelten können. Sicherlich wissen auch die lokalen deutschen Gewerkschaftsfunkionäre sehr gut, dass dort in den französischen Vorstädten über ihre Lösungsvorschläge sozialer Konflikte nur müde gelächelt wird. Am Schluss blieben die "Allemands" ohnehin unter sich, von denen sich aber ebenfalls nur eine eng begrenzte Anzahl, den maigerechten, etwas radikaler ausfallenden reformistischen Sonntagsreden widmete. Alles redet von der Agenda 2010, die Gewerkschaften auch. Aber sie erklären nicht wie halbherzig sie dagegen im Vorfeld gekämpft haben und wie halbherzig sie weiterhin kämpfen werden. Soll die Agenda weg oder "sozial modifiziert" werden? Sollen die Miglieder in der Enfaltung sozialer Kämpfe zu einem neuen politischen Bewusstsein finden oder in einem durch die Bürokratie kontrollierten Prozess zur Stärkung deren gesellschaftspolitischen Gewichts beitragen (Die alte Taktik des Dampfablassens und Entpolitisierens der Massen)? Welche Aktionsformen schließlich in Betrieb und Gesellschaft - Kennen die Gewerkschaften, die in den Nachkriegsjahrzehnten immer eifrig bemüht waren, dem Kapital seine Arbeitsstunden zu erhalten, kennen sie den Begriff Generalstreik überhaupt noch? Und wenn, wären sie überhaupt zu seiner Realisierung in der Lage, da der breiten Mitgliedermasse schlichtweg das Bewusstsein von den Machtmitteln der Arbeiterklasse fehlt.
Der DGB war als Kaltekriegsgewerkschaft gegründet und personell an der kapitalbejahenden Position der westdeutschen Sozialdemokratie ausgerichtet. Nach '90 ist ihm die grundlegende Aufgabenstellung der Bindung breiter Arbeiterschichten an die Bedürfnisse des Frontstaates abhanden gekommen (B.B. hat sie sehr gut in seinem Drama Caligula beschrieben: Öffnung der Kornspeicher, um die Plebejer Roms an der Teilnahme des Kriegs gegen die Volsker zu gewinnen). Die Zuwendung, die er von Seiten der Bourgeoisie und ihrer politischen Parteien erhielt, sind nunmehr obsolet. Insofern nur oberflächlich der gleiche Prozess, der ab Mitte der achtziger Jahre mit dem Zurückdrängen von Gewerkschaftsmacht in allen westeuropäischen Ländern einsetzte. Das spezifisch deutsche ist die Einheitsgewerkschaft unter sozialdemokratischer Hegemonie und der jahrzehntelang hysterisch praktizierten Haltung radikale und kämpferische Positionen zu isolieren und an den Rand zu drängen. Den Bann der Gewerkschaftsfeindlichkeit traf somit auch jede und jeden, die nur den Versuch machten, Positionen links von der SPD durchzusetzen. Die deutsche Sozialdemokratie war seit Weimar jeher der Garant zur Durchsetzung der raffgierigen Bedürfnisse des Großkapitals gegenüber den unteren Schichten der Gesellschaft. Die Gewerkschaften einer ihrer Transmissionsriemen.
Der Mai hier in der Provinz hat schon bessere Zeiten gesehen. Die Gewerkschaften haben sich zielgenau auf diese Agenda eingeschossen. Sie warnen heute schon vor dem schwarzen Peter. Doch die Geschosse sind Blindgänger und schlagen weitab vom Ziel ein. Oder weniger marzialisch gesprochen: wer kann Kritik am Sozialabbau besser formulieren, als diejenigen, die über tausend Fäden mit seinen Urhebern verbunden sind. So ergibt es sich dann, dass bei wehenden Fahnen der Sozialen Demontage Partei, über "ein Europa im Dienste der Menschen" sinniert wird, wobei Mensch und Menschin nicht erfährt, welche Menschen gemeint sind. Von denen ganz unten wird wenig gesprochen. Fünf Millionen Arbeitslose, zweieinhalb Millionen "Sozialhilfeempfänger" und ein weiteres wachsendes Millionenheer prekärer Arbeitsverhältnisse, sind Sans Voix, die keine Stimme haben. Mit ihnen beschäftigen sich Politik, Statistik, Wissenschaft, Sozialverbände, private und öffentliche Institutionen vom Standpunkt der Macht und den daraus folgenden regulierenden Konsequenzen der Desorganisation ihres kollektiven radikalen Potentials.
Notiz: MayDay, Milano - Barcelona
Außer dem großen Tag der traditionellen Arbeiterorganisationen, war der erste Mai auch der Festtag der neu entstehenden sozialen Bewegungen und ihrer Organisationen. In Milano, der modernen lombardischen Metropole, war MayDay angesagt:
EURO MAYDAY 004
Flexworkers of Europe let's unite!
There's a world of rights to fight for:
Steady income and paid vacation,
access to housing, loving, hacking.
Precari e cognitarie d'Europa uniamoci!
C'è un mondo di diritti per cui lottare:
continuità di reddito,
madernità e vacanze pagate,
accesso a casa, amore e conoscenza.
La cultura è libera condivisione,
cooperiamo alla nuova scienza!
Precaires d'europe unissons-nous!
Il y a un monde de droits a conquérir:
securité de revenu, congés payés,
accès alla connaissance et à l'amour
(en ligne, aussi!)
MayDay, MayDay!!! Warum Prekäre, Intermittents und Geistesarbeiter/innen in ganz Europa zu rebellieren beginnen...
Erinnert ihr euch des ersten Mai, dem globalen Fest der Arbeiter? Er ist den Anarchisten und Sozialisten in der ganzen Welt heilig. Er wurde in Amerika geboren und in Russland wie China mumifiziert. In Europa ist er mit dem Anwachsen des Neoliberalismus und dem Ausverkauf vieler Gewerkschaften in Ungnade gefallen.
Seit 2001 existiert in Mailand ein Netzwerk, das die allährliche MayDay Parade organisiert. In ihm arbeiten italienische, katalanische und französische Medienaktivisten mit, des weiteren Basisgewerkschaften, Kollekive der Prekären, selbstverwaltete Sozialzentren der Hausbesetzerszene, kritische Mitglieder der Fahrradsportvereine, Studentenkollektive, Arbeitergruppen, Migrantenorganisationen und die ganze Palette von Kommunisten, Anarchisten, Grünen sowie Gay und Femministinnen. Sie alle organisieren die Parade der Umzugswagen am Nachmittag des ersten Mai, die nun innerhalb dreier Jahre von 5000 auf 50000 Teilnehmer angestiegen ist. Sie bezieht sich auf die städtischen Aktionen und sozialen Konflikte, die in den lohnabhängigen Schichten immer mehr zunehmen: bei Prekären, Freelancer, Geistesarbeitern, Wissenschaftlern, Lehrern, Arbeitern und Arbeiterinnen des Kulturservices in Italien, Frankreich, Spanien und anderen Orten Europas.
Mayday ist nicht nur eine Veranstaltung, sondern auch eine Methode, ein Projekt und ein Prozess: er ist die horizontale Methode, welche die Netzwerke der Bewegungen von Genua kreuzt, mit ihren radikalen Sektionen des gewerkschaftlichen Kampfes. MayDay ist eine Methode, basierend auf Subvertising, Streikposten und Organisationen von unten. Er basiert auf der Teilnahme vieler, unterschiedlicher Identitäten und Modalitäten der Aktion und erlaubt somit auch die Allianz zweier Konfliktgenerationen. MayDay ist ein Prozess dank dessen transeuropäische Arbeiter und Arbeiterinnen der Informationsdienste, die sich radikalisieren, eine Identität der Rebellion entwickeln können. Er schafft somit einen neuen politischen, sozialen, europäischen RAUM, anstelle dessen, der im Dezember in Brüssel anklang und vorgeschlagen wurde.
Dieses Jahr beabsichtigen wir mit der MAYDAY-Parade 2004, das pathetische Konzert, das die Konföderalen (gemeint sind die traditionellen, reformistischen Gewerkschaften; d.Ü.) den jungen Italyani in Rom seit einigen Jahren anbieten, unbeachtet an uns vorbeiziehen lassen. Der erste Mai der Pizza Sangiovanni ist beispielhaft dafür wie die CGIL/CISL/UIL-Leute uns Under40iger betrachten. Für sie sind wir unpolitische Konsumateure, die abzulenken sind, anstatt Arbeiter und Arbeiterinnen, die es zu verteidigen gilt (und wir sind zu 75% Prekäre!). Wir vergessen nicht, dass unsere zurechtgestutzten Tarifverträge über das Gesetzespaket Treu eingeführt wurden (akzeptiert von der CGIL). Dass sie mit dem Gesetz Biagi verschlechtert wurden (gegegezeichnet von der CISL und UIL!). So erinnern wir alle daran, dass es am ersten Mai kein besseres Fest gibt als die selbstorganisierte Parade der prekären Arbeiterinnen und Arbeiter von Mailand.
Prekarität ist die Bedingung in der wir leben. Flexicurity ist die Bedingung, die wir einatmen und das in ganz Euroland. Und auf die Schnelle! Deshalb verlangen wir Sicherheit und Universalität unseres Einkommens, Sozialbeiträge und bezahlter Urlaub. Wir verlangen eine Verbesserung der Pausen, Überstundenzuschläge bei gleichzeitiger Beschränkung der Nacht- und Feiertagsarbeit. Wir verlangen Bildung, Wohnung, öffentliche Gesundheitsvorsorge, freier und subventionierter Zugriff auf die Mittel der Kommunikation und der Bildung. Wir verlangen einen europäischen Mindestlohn, das Recht auf eigenständige gewerkschaftliche Organisierung für Zeit- sowie flexible Arbeitskräfte. Wir verlangen das Ende der Diskriminierung, welche die Firmen in der Unterscheidung von eigenen und Zeitarbeitern machen. Beispielsweise dadurch, dass eine Stunde Part-Time schlechter bezahlt wird als eine Arbeitsstunde Full-Time. Wir verlangen die Beseitigung der fremdenfeindlichen Gesetze und das Ende der Deportationen, welche die freie Zirkulation von Menschen anderer Hautfarbe, Religion und Kultur überall in NEUROPA behindern.
Nach dem, was in Atocha und anderen Punkten Madrids geschah, ist offensichtlich, dass wir in einem Zustand des Krieges leben. All diejenigen, die lieben und leben, die denken und kämpfen, die verzweifeln oder sich begeistern, sind sowohl zum Schlachtvieh für die Franchise des Terrors wie auch für den Unilateralismus der Neoliberalen geworden. Wir leben beständig in Gefahr, unter der andauernden Bedrohung gewaltiger Zerstörung. Nicht nur die soziale Grundversorgung, unsere Einkommen und Arbeitsbedingungen stehen überall unter Beschuss, sondern auch unsere physische Existenz, kann von einem Augenblick zum anderen ausgelöscht werden. In einem Zug, einem Palazzo, einer Metro, einem Einkaufszenttrum. Der zynische Versuch von Aznar, den Schmerz der Spanier, Katalanen Basken und Europäer zu manipulieren, schlug fehl und ließ einen der drei neoliberalen Säulen, auf denen der Eurobushismus wächst, zusammenbrechen. Es wird Zeit, dass Blair und Berlusconi ebenfalls den Weg ihres militärischen Verbündeten gehen. Das haben die flexiblen und Zeitarbeiter in ganz Europa am 20. März bei machtvollen und friedlichen Demonstrationen in den europäischen Metropolen gefordert. Der 20. März könnte die Umkehr der apokalyptischen Dynamik bedeuten, die seit dem 11. September und dem globalen Krieg, der ihm folgte, die ganze Welt ergriff. M-20 zeigt, dass radikale Demokratie den Neoliberalismus bezwingen und die Welt in einen sicheren und besseren Ort für alle Menschen verwandeln kann.
Wir leben in einer KRIEGSÖKONOMIE, die durch imperiale Aggression in Gang gesetzt wurde, um die Welthegemonie des Modells Neoliberalismus zu rechtfertigen. Es hat sich unfähig gezeigt, Reichtümer zu verteilen oder Krisen zu verhindern. Im Namen des Neoliberalismus haben die politischen Eliten Europas Seelen und öffentliche Güter an die Finanzmärkte und transnationalen Konzerne verkauft. Sie privatisierten Dienstleisungen, Wohnungen, Gesundheit, Bildung, natürliche Ressourcen und sie stärkten die neoliberale Tendenz zur Erhöhung der Ungleichheit. Diese politischen Eliten haben sich durch restriktive soziale Normen, durch Proibitionismus und Vetternwirtschaft gestärkt. Sie kontrollieren konstant aus der Distanz und unterdrücken jede Rebellion oder Unruhe.
Der flexible Krieg von Rumsfeld hatte WAL-MART als logistisches Modell kopiert. Es zeichnet sich aus durch seine effizienten Waren- und Dienstleistungsströme, durch seine hohe Informationsstruktur und seine intensive Ausbeutung der Arbeitskraft. Wal-Mart ist die größte Firma und Handelskette der Welt. Im Durchschnittt bezahlt sie Löhne unterhalb der Armutsgrenze. Sie importiert Textilien und andere Waren von chinesischen Fabriken, die keine gewerkschaftliche Organisierung haben und Semisklaverei betreiben. Globale Ketten wie Wal-Mart, Ikea, Carrefour, Adecco, Auchan/Alcampo, Manpower, Metro, Yum!, McDonald's, Esselunga, Autogrill sind Essenz dessen, welche Eigenschaften neoliberale Korporationen bei Menschen schätzen: passiv, unterwürfig, gehorsam, manipulierbar, jederzeit und auf Abruf verfügbar, beliebig ausbeutbar, jederzeit kündbar.
Wir sind überzeugt, dass der Kern der neoliberalen Akkumulation die flexible und prekäre Arbeit von Jugendlichen Frauen und Migranten sowie prekarisierter Lohnabhängiger darstellt. Dass er weiter aus den entscheidenden Dienstleistungen der Reproduktion und Distribution, den Industrien des Wissens, der Kultur und der Medien besteht, welche die Primärmaterie dafür liefern, dass dieses System funtkioniert: die Information. Wir nennen uns PRECOC, denn wir verkörpern das PREKARIAT, das für sich, in den Dienstleistungsbetrieben und als Geistesarbeiter in den Industrien der Kommunikation und Information arbeitet. Wir sind die Produzenten des neoliberalen Reichtums. Wir sind die Schöpfer des Wissens, der Stile und der Kulturen, eingesperrt und verspeist von den gierigen Monopolen.
(Aus dem Aufruf zur MayDay-Parade 2004 in Mailand)
Im Aufruf zur MayDay Parade in Mailand überzeugt die deutliche Sprache. Er benennt die grundsätzlichen Tendenzen des Kapitalismus neoliberaler Prägung: das Präkarisieren der Lohnarbeit und Lebensverhältnisse sowie die Forcierung der ökonomischen Grundlagen auf Kriegsökonomie. Ganz anders die Sprache in Düsseldorf, Hamburg, Berlin, wo sozialdemokratisches Rüstzeug der Klassenversöhnung, der Vernebelung der wirklichen Verhältnisse, der Sehnsucht nach den verloren gegangenen Zeiten des Kalten Krieges die Semantik der Reden darstellt. Diese Nachkriegsgewerkschaften haben mittlerweile jegliches Profil verloren, das auch nur annähernd an die dringlichen Aufgaben des gewerkschaftlichen Kampfes von heute anknüpft. Der Maiaufruf des DGB 2004 drischt die alten nichtssagenden Schlagworte aus alten Zeiten im Klang klassischer Musik. "Freude schöner Götterfunken": "Gemeinsam wollen wir ein soziales Europa der Freiheit, Gleichheit und Toleranz gestalten!" Abgesehen davon, dass die politischen Strategen des Wirtschaftsraums Europa den ersten Mai zum Festtag neoliberaler schräger Zukunftsmusik eines "erweiterten Europa" erkoren und es folglich die Aufgabe von Organisationen wäre, die vorgeben, die sozialen Belange der zur Lohnarbeit verpflichteten Menschen zu vertreten, deren Absichten bloszustellen und zu bekämpfen, geben ebengenau die letzteren bekannt, dass sie gewillt sind bei der Intonation mitzuwirken :
"Europa, so wie wir es wollen, bietet allen Menschen gleiche Chancen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ohne die Lebensperspektiven der Menschen in anderen Teilen der Welt zu beschneiden. Das setzt eine Politik für Arbeit und soziale Gerechtigkeit voraus. Nur sie kann dafür sorgen, dass Freiheit und Gleichheit in Europa wachsen. Nur ein gemeinsames Europa ist die Garantie dafür, dass unser Kontinent von weiteren Kriegen verschont bleibt. Auf dem Fundament einer stabilen Demokratie und einer sozialen Wirtschaftsordnung lässt sich Globalisierung mit menschlichem Antlitz gestalten."
(Aus dem Maiaufruf 2004 des DGB)
Diesem Maiaufruf wäre ein ganzes Buch zu widmen, von den geistigen Wirren einer "aufgeklärten" europäischen Linken, die in den Kämpfen der bürgerlichen Revolutionen wuchs und sich zur korporativen staatserhaltenden Kraft der Neuzeit mauserte, die sich selbst über ein Geflecht des Konformismus mit den Existenznöten der eigenen nationalen Bourgeoisien identifizierte und organisatorisch verband. "Gleiche Chancen für alle Menschen in Europa" ist eine Chimäre, die niemanden erschreckt und in ihrem Aussagegehalt widerspiegelt die Parole aus "Reform"-Zeiten der Sozialdemokratie in den siebziger Jahren lediglich das sozialpolitische Versagen von einem halben Jahrhundert Gewerkschaftspolitik. Wer ein anderes Europa will, muss um glaubwürdig zu sein, zumindest die sozioökonomischen und politischen Grundlagen des jetzigen Europa attackieren. Sie beruhen auf Konzernmacht und Kriegsökonomie nach innen wie auch außen. Die Eu-Verfassung Giscard schreibt für Europa Militarisierung fest (Verfassungsentwurf, S.38ff, S.198ff). Ein gemeinsames Europa wird - so wie es ist - den Krieg im Interesse der Konzerne schüren. Es ist keine Garantie, dass der Kontinent von Krieg verschont bleibt. Überall in der Welt stehen nationale militärische Kontingente der EU-Staaten, um die strategischen und ökonomischen Interessen des Großkapitals durchzusetzen.
Die das Zitat abschließende Feststellung, dass sich auf dem Fundament einer stabilen Demokratie und einer sozialen Wirtschaftsordnung die Globalisierung mit menschlichem Antlitz gestalten lässt, ist nicht nur eine der gewohnten, schnell formulierten Phrasen einer saturierten Arbeiterbürokratie, sie ist auch hohle Programmatik dessen, was von Seiten deutscher Gewerkschaftsverbände angesichts der neoliberalen Offensive weiterhin zu erwarten ist. Noch nie war der Spagat für die Krawatten unter den Werktätigen so breit wie heute. Sie brauchen ihre Mäzene in den neoliberalen Parteien, um ihr Existenzrecht zu behaupten und müssen sich zudem mit dem ?gewerkschaftlichen? Desinteresse und der Unzufriedenheit innerhalb der eigenen Klientel auseinandersetzen.
Es war im Vorsommer 2000, dass der Strategiegipfel von 14 Mittelinksregierungen aus Europa, Afrika, Amerika und Ozeanien in Berlin die Stichworte für den Maiaufruf des DGB 2004 antizipierte. Globalisierung mit menschlichem Antlitz befand der mittlerweile privatisierte sozialistische Premier aus Frankreich, Jospin, sei die Antwort des "modernen Regierens im 21. Jahrhundert" auf den "Siegeszug der Informationstechnologien". In solchen Runden spricht die Elite der sozialen Befreiung frei heraus. Selbst Schröder, den die ?Sachzwänge? hinten und vorne zwicken darf sich hier wieder jungsozialistisch fühlen und mit so mancher organisatorischer Ente der sozialen Bewegungen feststellen: "Wir wollen nicht die Dominanz des Marktes über die Politik." Die Globalisierung befindet er, ist zu kontrollieren, ihr darf "kein freier Lauf gelassen werden" und so setzt Schröder auf die Zauberformel modernen Regierens: "Wachstum und gerechte Verteilung". Aber wo wenig wächst, wirkt auch die gerechteste Verteilung ungerecht. Ein Mann mit integren Absichten hat es in diesen Zeiten schwer, glaubwürdig zu scheinen. Sein Charisma besteht eben genau darin, die Ungerechtigkeit dort zuschlagen zu lassen, wo man sie eh schon gewohnt ist.
Les Chomeurs
Dort unten, wo aller ökonomischer Reichtum einer Gesellschaft geschaffen wird, herrschen nicht erst seit Jahrzehnten die Gesetze der sozialen Ungerechtigkeit. Eine überreiche Palette sozialistischer Literatur beschäftigte sich von Beginn der kapitalistischen Gesellschaften an mit der sozialen Frage. Eine ihrer gesicherten Erkenntnisse lag in der gegenseitigen Bedingtheit von gesellschaftlicher und ökonomischer Arbeitsteilung und sozialer Ungerechtigkeit. Arbeitslohn, Arbeitsbedingungen und gesellschaftspolitische Einflußnahme waren folglich die Aufgabengebiete der Arbeiterbewegungen mit dem Ziel, die kapitalistischen Grundstrukturen der Gesellschaft zu beseitigen. Siege und Niederlagen wie auch die ideologische und politische Aufspaltung der Arbeiterbewegungen sowie die Weiterentwicklung der kapitalistischen Gesellschaft über zwei Weltkriege hinweg, führte zu dem heute so komplizierten ideologischen Geflecht, das die soziale Frage umrankt. Doch heute scheint ihr (in den Metropolen) die Sprengkraft zu fehlen, die sie im 19. und 20. Jahrhundert noch hatte. Die letzten großen sozialen Bewegungen der Werkätigen Europas führten zur Liquidierung eines verkrusteten realsozialistischen Systems. Seine einzige Daseinsberechtigung in der Geschichte schien die gewesen zu sein, die rückständigen ökonomischen Verhältnisse an die kapitalistische Gesamtentwicklung heranzuführen.
Die erfolgte in den westlichen Metropolen im Aufwind der Restaurationsphase mit leergefegten Märkten und entgegen allen Unkenrufen des realen Sozialismus mit innovativen Konzepten, die in den konsumierenden Werktätigen einen stabilisierenden ökonomischen Faktor entdeckten. Er veränderte auch grundlegend die menschlichen Beziehungen in den werktätigen Schichten der Gesellschaft. Sie drehten sich bald nicht mehr um den Angelpunkt, die eigene kollektive Misere zu überwinden, sondern sich als Individuum innerhalb des Marktsystems gut zu plazieren. In diesem System haben fast alle europäischen Gewerkschaften, seien sie traditionell reformistisch oder kommunistisch, ihren festen Platz eingenommen. Ihre Hauptsorge gilt der Integration ihrer Mitglieder in eine kapitalistische Welfaregesellschaft mit den sprudelnden Quellen überflüssiger und sinnloser Waren. Heute besteht unter ihnen Konsens, dass die fundamentalen Regeln des Kapitalismus, die das ökonomische wie soziale Leben bestimmen, unantastbar sind. Das Grundvertrauen in die "Zivilisierung" der kapitalistischen Ökonomie, wurde auch nicht durch die Strukturkrise erschüttert, welche mit den Entwicklungen der Informations- und Gentechnologien einherging. Die hohen Arbeitlosenquoten - in Europa und weltweit - sind keineswegs Anlass zu radikalem Umdenken, sie begreifen sie nicht als Indiz der "Senilität" des kapitalistischen Systems (Samir Amin), sondern als zu behebendes Phänomen seiner eternen zyklischen Phasen, die trotz aller Ungleichgewichtigkeit und Ungleichheit, die sie transportieren, steuerbar und modifizierbar sind. Sie setzen auf die heilsamen Kräfte des Marktes, die nur richtig verstanden und gelenkt weitere Prosperität und Arbeit für alle versprechen.
Massenarbeitslosigkeit und Prekarisierung in den Metropolen sind demnach für sie keine grundsätzlichen Phänomene, sondern zeitlich begrenzte, die wirtschaftspolitisch behebbar sind. Insofern war auch das nicht eingelöste Versprechen Schröders, die Arbeitslosenzahlen halbieren zu wollen, nicht nur reines Wunschdenken und billige Wahlkampfseife. Es spricht zusätzlich von der maßlosen Arroganz der Sozialdemokratie, die sich als moderner und kompetenter Sachwalter kapitalistischer Gesetzmäßigkeiten begreift. Die derzeitigen Differenzen zur sozialen Demontage zwischen deutschen Gewerkschaften und der rotgrünen Regierung sind daher auch nicht grundsätzlicher Art, sondern liegen, wie das der 3. April und 1. Mai mit seinen Sonntagsreden eindeutig zeigte, auf der Ebene des Konsenses zur kapitalistischen Ökonomie.
Szene 4... Geschichte streut Unbehagen
Edwin Hörnle, Oculi-Fabeln: Der Herr und sein Knecht
Einen reichen Kaufmann führten seine Geschäfte einst in unwirtliche Gegenden. Sein treuer Sklave begleitete ihn. Eines Tages gerieten sie in einen wilden Wald, der von Räubern wimmelte. ?Lieber Sklave?, sagte der Kaufmann freundlich, "halten wir jetzt treu zusammen! Du sollst es später gewiß nicht zu bereuen haben." Der Sklave war einverstanden, denn er hoffte im stillen, der Herr werde ihm aus Dankbarkeit die Freiheit schenken.
Es dauerte gar nicht lange, da wurden die beiden Wanderer von Räubern überfallen. "Nun schlag tüchtig zu!" rief der Kaufmann, zog vom Leder und reichte auch dem Sklaven eine Waffe. Man wehrte sich, so gut es ging. Die Räuber hatten es auf den Kaufmann abgesehen, aber der Sklave sprang dazwischen und fing die Streiche auf. "Brav, brav!" rief der Kaufman, und beide zusammen schlugen denn auch die Räuber in die Flucht. Einträchtig zog man weiter.
Bald aber begann der Sklave vor Blutverlust und Schmerzen zu hinken. Der Kaufmann betrachtete ihn mitleidig. "Es ist meine Ehrenpflicht, etwas für dich zu tun." Mit diesen Worten trat er an eine Esche heran, die am Weg stand, und schnitt einen derben Stock ab. ?Hier mein Sohn?, sprach er , "stütze dich auf dieses Holz, damit du nicht allein im Walde zurückbleibst und elend zugrunde gehst. Weil du mein Leben gerettet hast, rette ich nun das deine." Der Sklave nahm etwas enttäuscht den Stab, dankte, und die beiden schritten weiter.
Als die Wanderer aus dem Wald heraustraten, empfing sie eine weite und unfruchtbare Steppe. Umsonst spähten sie nach einer menschlichen Wohnung oder einem Brunnen, wo sie sich hätten laben können. Heiß brannte die Sonne auf das schattenlose Land. "Habe keine Furcht", sagte der Kaufmann zu seinem Sklaven, "ich werde mein letztes Stück Brot und meinen letzten Schluck Wasser mit dir teilen." - Der Sklave nahm seine schwindenden Kräfte zusammen und folgte dem Herrn.
Nach einiger Zeit fanden die Wanderer einen einsamen Baum, unter dem sie sich lagerten. "Hier wollen wir unsere Vorräte verzehren", sagte der Kaufmann, "und nachher unseren Weg fortsetzen." Der Sklave nahm Brot und Wasser aus seinem Sack und reichte sie dem Herrn. "Danke", sagte der Herr höflich und fing an zu essen. Der Sklave schaute ihm zu. Als der Herr noch einen winzigen Brotrest hatte, schnitt er den sorgfältig in zwei Teile, gab dem Sklaven die Hälfte und aß die andere. Auch vom Wasser ließ er ihm genau die Hälfte des letzten Bechers. "Nun haben wir unser letztes redlich geteilt", sagte er leutselig. Der Sklave war dem Verdursten nahe. Einen Augenblick besann er sich. Dann sprang er auf und verprügelte den Herrn aus Leibeskräften.
"Was tust du, Undankbarer?" rief der Herr. "Hab ich mein Wort nicht ehrlich gehalten?? Lohnst du so meine Güte?"
Der Sklave ließ ihn schreien. Zum erstenmal reckte er den Kopf aufrecht in die Höhe. Und nun entdeckten seine Augen die Türme einer fernen Stadt, die über das wogende Steppengras gastlich herüberwinkten. Er entdeckte auch eine Straße, die dahin führte. Ohne sich nach dem stöhnenden Herrn noch einmal umzusehen, schritt er rüstig davon.
Teil II
Nicole Thé: Zwischen Forderungen und Subversion - Die Arbeitslosenbewegung in Frankreich
wird fortgesetzt
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Ergänzungen