Evian: 2. Prozess gegen Aubonne-Aktivisten

Aubonne-Unterstützungsgruppe 01.06.2004 00:43 Themen: G8 Repression
Der G8-Gipfel 2003, auf dem Vertreter der acht grössten Industrienationen an ihren Strategien feilten, wurde, wie schon sämtliche Gipfel in den Jahren davor, von massiven Protesten und Gegenaktionen begleitet [mehr: ch | de].

Am 1. Juni blockierte eine internationale Gruppe die Autobahn nach Evian, um die Delegierten auf ihrem Weg zum Tagungsort aufzuhalten. Sie spannte ein Seil quer über die eine Hälfte der Brücke über die Aubonne, an dem sich 2 Leute abseilten. Andere errichteten 100 m vor dem Seil eine Sicherheitsbarrikade und informierten Autofahrer und Polizisten. Doch ein Beamte durchschnitt das Seil und stürzte Martin 25 Meter in einen flachen, steinigen Bach, während Gesine von den schnellen Reflexen ihrer Unterstützer gerettet wurde, denen es gelang, ihr Seil festzuhalten [Fotos: 1 | 2 | 3 | 4 | Video].

Die Schweizer Behörden drohen nun den Aktivisten der Aubonnebrücke, die sie vor einem Jahr fast getötet hätten, mit Haftstrafen. Am 28. Juni wird 3 von ihnen in Nyon (CH) der Prozess gemacht werden, während die polizei-interne "Untersuchung" gegen die beteiligten Beamten im Sande verläuft ...
Aus diesem Anlaß lädt die Aubonne-Support-Gruppe fuer das Wochenende vor dem Prozess (26./27.6.) nach Genf zu einem Anti-Repressions-Treffen, bei dem Vertreter verschiedener europäischer Unterstützungsgruppen ihre Erfahrungen austauschen werden.

Die Anklagepunkte

Ein Jahr nachdem das aggressive Verhalten der Polizei beinahe das Leben der beiden KletterInnen gekostet hat, werden drei der 17 Anti-G8-Aktivisten von den Schweizer Behörden nicht nur wegen gefährlichen Eingriffs in den Strassenverkehr angeklagt, sondern ironischerweise auch wegen "Gefährdung des Lebens Dritter".

Martin erlitt schwere Verletzungen an Wirbelsäule, Becken und dem linken Fuß. Es ist fraglich, ob er sich jemals wieder normal bewegen können wird. Gesine wird wegen posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) behandelt, an deren vielfältigen lähmenden Auswirkungen noch mindestend 3 weitere Aktivisten leiden. KeineR von ihnen hat es seit dem Vor"fall" geschafft, ihr normales Leben wieder aufzunehmen. Nach einem Jahr psychischer und physischer Leiden sollen sich die beiden Kletterer und ein weiterer Aktivist in Nyon (CH) vor Gericht verantworten, wobei die Mehrheit der AktivistInnen auf der Bruecke schon in ihrer Abwesenheit zu 15 Tagen Gefaengnis auf 2 Jahre Bewährung und der Übernahme der Gerichtskosten von 420 CHF ( ca. 300 euro) verurteilt wurde.

Für den Verhandlungstag lädt die Aubonne-Support-Gruppe alle dazu ein, vor und in dem Gerichtsgebäude Präsenz zu zeigen (oder halt vor und in der nächsten Schweizer Vertretung). Sie wollen diesen klar und deutlich auf Video dokumentierten Fall von Polizeigewalt mit folgender Imunität der Beamten dazu nutzen, diesen und ähnliche vom Mantel des Schweigens bedechte Fälle staatlicher Gewalt ins Scheinwerferlicht zu rücken und ihre Verbindungen aufzeigen, z.B. zu dem Fall in Genua um den unentschuldbaren Angriff der Polizei auf das IMC und den Schlafplatz in der Diaz-Schule.
Desweiteren finden sich hier Faxnummer und Adresse des Kantons Vaud sowie die Vorlage eines Unterstützungsbriefes.

Die "Int. Commission for Globalisation and Human Rights"

Das Verfahren wird von der "International Commission for Globalisation and Human Rights" überwacht werden, einer Vereinigung von Anwälten, die die Menschenrechtverletzungen bei den Anti-G8-Protesten in Genua 2001 untersucht hat. Diese Untersuchungen führten dazu, das sich italienische Polizisten zum ersten Mal derartigen Anklagen vor Gericht stellen müssen - dieses Verfahren in Italien beginnt zufälligerweise genau 2 Tage vor dem in Nyon.

Die Untersuchung gegen die Polizei

Gesine und Martin haben Beschwerde gegen die Polizei eingelegt - wegen Lebensgefährdung, Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung. Dem ersten Untersuchungsrichter wurde der Fall entzogen, nachdem er sich weigerte, die Aussagen der Aktivisten zuzulassen, und das Videomaterial erst nach einem Monat anforderte. Doch der Prozess ist immer noch sehr undurchsichtig, und es erscheint wenig wahrscheinlich, dass es zu Strafmassnahmen gegen die Verantwortlichen kommt.

Anti-Repressions Treffen

Das Wochenende (26./27. Juni) vor der Verhandlung soll genutzt werden, Menschen und Gruppen in Genf zusammenzubringen, um Möglichkeiten und Ideen für den Aufbau eines effektiven Antirepressionsnetzwerks in Europa zu diskutieren, mit einem starkem Fokus auf dem Umgang mit den psychischen Folgen von Repression. Wir rechnen mit der Teilnahme einer Vielzahl von Leuten aus verschiedenen Teilen Europas. Die Einladung wurde an viele Gruppen und Organisationen geschickt, welche bereits aktiv Antirepressionsarbeit in verschiedenen Bereichen leisten oder leisten wollen - Soli- Netzwerke, Menschenrechtsorganisationen, Knast- Solidarität, FlüchtlingsunterstützerInnen- Gruppen etc. Das Ziel der Organisation ist ein offenes, vielfältiges und integratives Treffen. Die Organisatoren bitten um Anmeldungen unter aubonne(at)nolog. [Aubonne-Support-Gruppe |Homepage über das Wochenende]

Trauma

Eine der Lehren aus dem Jahr seit dem Vor"fall" ist, dass mensch sich leicht auf die physischen und legalen Konsequenzen der Repression konzentriert, und der psychischen Seite zu wenig Aufmerksamkeit schenkt. Die Palette der möglichen Auswirkungen reicht von mildem Trauma bis hin zu extremeren Formen wie der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) mit zerstörerischem Einfluß auf den Alltag der Betroffenen - vom Einfluss auf die Fähigkeit, als Aktivist zu handeln, gar nicht zu sprechen.
So ist es ein Anliegen der Aubonne Support Gruppe, unter Aktivisten das Wissen über Trauma und seine Auswirkungen zu verbreiten, wie mensch es erkennen kann, bei sich und bei anderen, wie damit umgegangen werden kann und wie Aktivisten sich unter solchen Umständen besser emotionell unterstützen können. Ein Einstieg in das Thema findet sich auf www.trauma-informations-zentrum.de.

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Ergänzungen

keine inhaltl. Ergänzung

jemand von hier 01.06.2004 - 01:42
Gibts schon Planungen, evtl. auch in D-Land was vor ner Schweizer Botschaft zu machen? Wenn ausländichse Medien berichten, ist das evtl. auch ganz sinnvoll, außerdem können/wollen nicht alle gleich in die Schweiz fahren...

wenn, dann im doppelpack

dieter 01.06.2004 - 14:43
am 26. wegen genua bei italienischen vertretungen und am 28. bei schwezerischen wegen aubonne.

oder aber ganz anders. einfach unter die leute gehen und gut vermittelbare infozettel verteilen - die medien schweigen ja.

aktion in berlin

am 23. juni 01.06.2004 - 15:20
am 23. juni gibt es in berlin eine kundgebung zu genua und genf, um 16.00 uhr am hackeschen markt.
nöheres dazu und ein aufruf demnächst auf indymedia.

Name

Der interessierte Junge 01.07.2004 - 00:28
Gibts Fotos von den Cops auf dennen man die Gesichter erkennen kann?
Oder sind die Namen von dennen irgendwie zu haben?