Kein Freispruch für Köpenick

ghg-crew 30.05.2004 23:21 Themen: Antifa Antirassismus
Flugblattaktion in Köpenick zur bundesweiten Demo am 6.6.04 gegen NPD-Zentrale, Abschiebeknäste und den deutsch-rassistischen Normalzustand.
Heute wurde in der Friedrichshagener Strasse in Berlin-Köpenick unten stehendes Flugblatt in die Briefkästen verteilt. Dort wurde vor knapp einem Jahr der Sprüher Maxim von einem deutschen Rassisten ermordet.
Kommt alle zur bundesweiten Demonstration gegen die NPD-Zentrale, Abschiebeknäste und den deutsch-rassistischen Normalzustand am 06.06.2004 13:00, S-Bahnhof Köpenick.

Flugblatt:

Kein Freispruch für Köpenick
Der Mord an „Maxim“ und der deutsch-rassistische Normalzustand

Attila Aydin alias „Maxim“ war eine Sprüherlegende, man kann seine Bilder und Tags noch an vielen Wänden in Berlin bewundern. Auch musikalisch hatte er sich in der Hip-Hop-Szene einen Namen gemacht.
Am 13. Juni 2003, seinem Geburtstag, wurde er in Köpenick von Werner P., einem 76 jährigen deutschen Rentner ermordet.
Was war geschehen? Werner P. hatte Maxims Freundin in einem Supermarkt angepöbelt und bei einer Verkäuferin denunziert, weil sie keinen Einkaufswagen benutzte, sondern die Waren einfach in eine Tasche steckte. Als Maxim ihn daraufhin kurze Zeit später vor dem Supermarkt zur Rede stellen wollte, zog dieser ein Springmesser und stach ihm gezielt ins Herz.
Am 26. Februar dann, wird Maxims Mörder Werner P. vom Amtsgericht Moabit freigesprochen. Begründet wurde das Urteil mit der mentalen Verfassung Werner P.s, der im Zweiten Weltkrieg und der DDR schon so viel mitgemacht und auch die Wende nicht verkraftet habe. Er gehe nachts nicht mehr aus dem Haus und ziehe sich immer häufiger in seine Laube auf einer Spreeinsel zurück, um der bösen und entrückten Welt zu entfliehen, die scheinbar so gar nichts mehr mit der Ruhe-Ordnung-Sauberkeit von früher zu tun habe. Ja, selbst im hinterdeutschen Köpenick sind jetzt schon MigrantInnen angekommen – für Werner P. kriminelle Jugendbanden. Da braucht man eben ein Springmesser, nicht, wie Werner P. angibt, um Kohlrabi zu schneiden, nein, man muss sich ja schützen, angesichts der sich verändernden Situation in Ostdeutschland nach 1990.
Solcherlei Ansichten sind in Köpenick vielleicht nicht so ungewöhnlich, wo hier doch rechte Übergriffe, die NPD-Zentrale und der grünauer Abschiebeknast die Realität prägen, aber das ungeheuerliche Verständnis, das die Justiz dem Täter hier entgegen gebracht hat, zeigt in besonderem Maße die gesellschaftliche Akzeptanz von mörderischem Rassismus und Ordnungsfanatismus in diesem Land. Selten einfühlsam zeigten sich Richterin und Staatsanwalt, als sie die Tat als „aus Werner P.s Sicht“ nachvollziehbar werteten. Denn, ist man erst mal antiwestlich eingestellt und sieht überall die alten Werte gefährdet, kann man sich auch schon schnell durch allein – wie es hieß – „südländisches Aussehen“ bedroht fühlen. Ein rassistisches Motiv wurde von der Justiz jedoch ausgeschlossen.
Rassismus ist in dieser Gesellschaft so fest integriert, dass er ganz unspektakulär zur deutschen Normalität gehört. Angesichts der Alltäglichkeit rassistischen Handelns, stellt dieses für den Staat auch keinen ernsthaft zu sanktionierenden Akt mehr dar. Rassismus ist lediglich die Überforderung armer Wendeopfer, die mit der neuen, fremden Welt nicht klar kommen. Und die Justiz holt Werner P. jetzt mit diesem Urteilsspruch von der Bild-Titelseite, die ihn als „ältesten Mörder Deutschlands“ herausbrachte, wieder zurück in die heimatliche Mitte der Gemeinschaft, die voll ist von Ressentiments gegen Menschen, die nicht tun, was sie sollen – nämlich lohnarbeiten gehen, den Einkaufswagen benutzen und sich auch an alle anderen Regeln halten – sondern einfach in ihren begrenzten Möglichkeiten hier tun, was sie wollen (z.B. sprühen gehen), oder zudem noch nicht so aussehen, wie es den Deutschen passt.
Eigentlich hat Werner P. hier auch zunächst nur das getan, was diese Gesellschaft als gemeinschaftsverantwortlich und bürgerpflicht-bewusst postuliert. Er hat offenen Auges den ordentlichen Zustand in seinem Kiez bewacht, gekonnt potentielle Kriminelle ausgemacht und sich in Sachen eingemischt, die ihn nichts angehen.
Offen bleibt die Frage, wie wohl der Urteilsspruch ausgefallen wäre, wenn Maxims Freundin den Rentner mit einem Geburtstagstortenmesser abgestochen hätte, weil er sie beim Einkaufen aggressiv angemacht hat.

Gegen Disziplinierungswahn und Rassismus! - Deutschland wegbuffen!

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Ergänzungen