What Next! Public Radio Debate bei reboot.fm

Jens Steiner 27.04.2004 03:10 Themen: Indymedia Medien
Wie soll es weitergehen mit reboot.fm und einem freien Radio in Berlin? Software, Frequenz, Lizenz, Geld und Sendemodelle - alles ungekärte Probleme, die aber darüber entscheiden, was nach dem 30. April mit Berlins freiem Radioprojekt reboot.fm geschieht. Am Sonntag trafen sich in Berliner Bootlab Organisatoren, DJ's, Moderatoren und nur wenige Hörer, um über die Zukunft, des Senders zu reden, der während der letzten Monate die Berliner Radiolandschaft bereichert hat. Klarheit herrschte darüber, dass vorerst aus dem Archiv im Netz weitergestreamt werden soll, man sich weiter treffen und Workshops durchführen will.
Am 30. April sendet reboot.fm in Berlin und Umland letztmalig auf seiner terrestrischen Frequenz 104.1 MHz. Ziel des dreimonatigen Projektes war unter anderem, möglichst viele Leute vom Radio machen und hören zu begeistern, um ihnen einen Impuls zu geben, sich auch nach dem zwölfwöchigen Sendebetrieb über Antenne und Webstream für ein freies Radio stark zu machen.

Was mit Projekten wie Radio P, Pi-Radio, Twen FM, Juniradio und Radio Riff auf Reisen angestossen wurde, fand mit reboot.fm seine Fortsetzung in grösserem Rahmen.

Diana Mc Carty, eine der Editorinnen bei reboot.fm, die sich in erster Linie um den Magazin-Slot kümmert und Sendungen wie Radio Stadt moderiert, rief die junge, aber grosse reboot-Community zusammen, um gemeinsam in einer "Public Radio Debate" über die Zukunft des freien Radios reboot.fm zu sprechen.

Nur dreissig bis vierzig Menschen fanden sich am Sonntag im Bootlab in der Ziegelstrasse in Berlin Mitte ein. Ein kleines Grüppchen, gemessen an der Zahl der Hörer und Nutzer des Senders. Einen repräsentativen Querschnitt der reboot-community spiegelte es trotzdem wider.

So verschieden die Gruppen sind, die reboot.fm mit ins Leben riefen und nun drei Monate pflegten, so verschieden sind auch die Motivationen und Vorstellungen der Leute, die ein freies Radio betreiben wollen.

Sowohl Editoren, Techniker und Programmierer, als auch Nutzer und Hörer trafen zusammen, um zu besprechen, wie man beispielsweise die freie Contributions- und Archivierungssoftware weiternutzt, welche Finanzierungsmodelle es gibt, wie man wieder an eine terrestrische Frequenz gelangt, welche Sendemodelle denkbar sind und wie es nach dem 30. April 2004 weitergehen soll.

Die Diskussion erwies sich als wenig ergiebig und wurde anfänglich von einigen wenigen Anwesenden dominiert. Natürlich hatten Macher von DJ-Programmen aus der TwenFM-Sparte einen ganz anderen Ansatz und Hintergrund, als beispielsweise die Initiatorin der Magazin-Sendung Restlichtverstärker.

Über zwei Dinge herrschte Einigkeit. Nach dem 30. April wird mindestens bis 9. Mai im Netz weiter gestreamt. Dabei soll per Zufallsprinzip auf Archivmaterial zugegriffen werden. Die Contribute-Funktion, die den dezentralen Charakter von reboot.fm ausmacht, da alle von zu Hause aus Radio machen können, soll erhalten bleiben.
Die Idee, regelmässige Workshops und Radioschulungen zu verschiedenen radioverwandten Themengebieten durchzuführen, fand bei allen grossen Anklang.

Enorme Differenzen gab es bei konkreteren organisatorischen Themen.
Dass ein Radio nicht durch regelmässige Partys finanziert werden kann und ein reines Volunteer-Programm in dieser Grösse nicht realisierbar ist, mussten vor allem Vertreter aus der TwenFM Sendeschiene schnell einsehen.

Einige Leute können sich in Zukunft eine engere Kooperation mit dem offenen Kanal vorstellen.
Für andere kommt dies aufgrund dessen hierarchischer Struktur und Konzeptes nicht in Frage.

Von den meisten Menschen, die zu Wort gekommen waren, scheint jedoch eine nicht kommerzielle Sendelizenz und eine terrestrische Frequenz angestrebt zu werden.
Unklar ist jedoch die Art der Finanzierung.
Ersatzradio, Radio Riff und reboot.fm wurden durch die Kulturstiftung des Bundes gefördert. In Berlin ansässige Stiftungen, Hörer-Abonnements, die MABB oder gar das Land Berlin scheinen als Geldquellen langfristig aussichtslos. EU-Fördergelder benötigen von der Beantragung bis zur Zusicherung eine mehrjährige Anlaufzeit.
Für die Zuteilung einer Sendelizenz muss man einen soliden Finanzplan für fünf Jahre abliefern.
Wer einen solchen erstellen kann, ist bislang unklar.
Die Lobbyarbeit für ein freies Radio auf UKW beschränkt sich nach wie vor auf das vergleichsweise geringe Engagement der Radiokampagne.

Im Grunde hat der Abend reflekitert, was die letzten drei Monate geschah. Sobald man in Berlin eine funktionierende Radio-Infrastruktur bereitstellt und ein Team von Leuten dahinter stellt, die sich um den organisatorischen und technischen Ablauf bemühen und dafür auch bezahlt werden müssen, wird dieses Medium auch genutzt werden. Nachhaltiges und breites Engagement der Nutzer und Hörer ist jedoch nicht zu erwarten.

Reboot.fm hat in den vergangenen Wochen offengelegt, welches kulturelle Potential in Berlin steckt.
Mit Magazinsendungen, die Themen bearbeiteten, die weder im öffentlich-rechtlichen noch im privaten Hörfunk Platz finden. Mit Experimenten, charmanten Pannen, Interaktivität und mit der innovativsten Musik im gesamten Berliner Äther.
Reboot.fm ist die grösste Bereicherung der Berliner Radiolandschaft. Dies steht nicht in Frage.
Woran es mangelt, ist die Bereitschaft der Nutzer und Hörer des Senders, sich miteinander zu vernetzen und sich gemeinsam für eine dauerhafte Lösung für ein freies Radio in Berlin einzusetzen.

Ein weiterer Schwachpunkt, der während der Radiodebatte nicht angesprochen wurde, war zum Beispiel, dass weltpolitisch wichtige Themen, wie zum Beispiel live-Berichterstattung vom europaweiten Aktionstag gegen Sozialabbau im Tagesprogramm von reboot.fm arg vernachlässigt wurden.

Auch wenn die kleine Radio-Debatte am Sonntag nicht besonders viele Menschen angezogen hat, so vermochte sie zumindest, Leute zusammenzubringen, die einen annährend gleichen Grundgedanken haben, sich aber sonst nie in dieser Form zusammengefunden hätten, um miteinander zu reden.
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Ergänzungen

Große Abschlussparty am Mittwoch abend

Ergänzung 27.04.2004 - 13:26
*** radio ends april 30 - what will you do may 1st? ***

Mittwoch, 28.4. ab 21.00 im WEF (Cafe Moskau in der Karl-Marx-Allee gegenüber Kino International)
Alle halbe Stunde wechselnde DJ's aus dem Umfeld des Radios legen auf.

*** riot for your right to radio! ***